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Jahrgang 2012 Nummer 34

Leben in Augsburgs Sozialsiedlung

Mit der Fuggerei hat sich Finanzgenie Jakob Fugger im 16. Jahrhundert ein Denkmal gesetzt

Die Fuggerei in Augsburg. Mit der Fuggerei hat sich Finanzgenie Jakob Fugger im 16. Jahrhundert ein Denkmal gesetzt.
Ein Brunnen vor den alten Wohnhäusern der Fuggerei in Augsburg.
Der Haupteingang zur Fuggerei in Augsburg

»Das ist der Jakob«, sagt Margit Raschl und zeigt auf ein kleines gerahmtes Porträt an ihrer Flurwand. Dem Finanzgenie Jakob Fugger (1459-1525) hat die 48-Jährige einiges zu verdanken. Seit Ende 2008 lebt sie in der Augsburger Fuggerei, nach Angaben der Verwaltung die älteste Sozialsiedlung der Welt. Jakob Fugger stiftete sie 1521 für unverschuldet verarmte Bürger. An den Aufnahmebedingungen hat sich seit damals nichts geändert. Wer in der Siedlung im Herzen von Bayerns drittgrößter Stadt wohnen möchte, muss bedürftig, katholisch und Augsburger sein.

Raschl lebte früher schon einmal in der Fuggerei, vor mehr als 30 Jahren – mit ihrer Großmutter. »Ich war schon immer sehr gern hier«, sagt sie. Ihre Wohnung mit drei Zimmern, Bad und Küche sei »romantisch und kuschelig«.

In einer touristischen Hochburg zu leben, kann allerdings auch anstrengend sein. Bis zu 4000 Besucher strömen täglich durch die Siedlung. »Touristen können sich oft nicht vorstellen, dass hier ganz normale Leute wohnen – sie betrachten uns eher als Ausstellungsstücke oder Statisten«, erzählt Raschl.

Einige starrten durch die Fenster ihrer Erdgeschoßwohnung oder klingelten gar an der Tür und fragten, ob sie sich umschauen dürften – zum Teil mehrmals täglich. »Ich muss schon ab und zu was sagen – manchmal sind die Leute sehr grenzüberschreitend und distanzlos«, sagt Raschl. Sie versuche, die Störungen einfach wegzulachen. »Ich kann mich schon wehren.«

Auf Tafeln lesen die Touristen Daten und Fakten zur Fuggerei: Die Jahreskaltmiete legte Stifter Jakob Fugger auf einen Rheinischen Gulden fest – im 16. Jahrhundert der Wochenlohn eines Handwerkers. Ein günstiger Preis gilt noch heute: Bewohner zahlen kalt jährlich 88 Cent. Der gleiche Betrag geht an die Fuggerei-Seelsorge. Fällig wird außerdem eine Nebenkosten-Pauschale von monatlich 75 Euro, erhoben von der Stiftungs-Verwaltung. Die Kosten für Telefon, Strom und Heizung richten sich nach dem Verbrauch. Ganz kostenlos soll hier niemand wohnen, das war schon zu Beginn die Idee. Die Fugger wollten die Bewohner nicht zu Almosenempfängern degradieren.

Noch eine weitere Gegenleistung für das günstige Wohnen verlangte Jakob Fugger – und auch sie gilt noch heute. Jeder Bewohner muss täglich drei Gebete für die Stifterfamilie sprechen: Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Ave Maria. Überprüft wird das zwar nicht, aber vorausgesetzt – und die Bewohner unterschreiben die Bedingungen. »Am Stifterwillen ist nicht zu rütteln«, sagt Fuggerei-Mitarbeiterin Sabine Darius. Margit Raschl hält sich nach eigenen Worten daran. »Ich bin sehr gläubig.«

Ebenfalls außergewöhnlich: Nachts sind die Tore der Fuggerei geschlossen. Wer zwischen 22 Uhr und Mitternacht hinein möchte, muss 50 Cent als Obolus an den Nachtwächter zahlen, wenn es später wird, sogar einen Euro.

Wer durch die idyllischen Gässchen schlendert, wähnt sich eher in einer Ferienanlage als in einer Sozialsiedlung. Die knapp 70 ockerfarbenen Häuschen mit ihren grünen Fensterläden wirken gemütlich und einladend. Die rund 140 Wohnungen sind jeweils etwa 60 Quadratmeter groß. Wer im Erdgeschoß lebt, hat einen kleinen Garten mit Schuppen und Geräten. Bei weitem nicht alle Bewohner bekämen Sozialhilfe, betont Darius. »Eine Friseurin zum Beispiel ist keine Sozialhilfeempfängerin und kann trotzdem nicht von ihrem Geld leben.« Oft führe die Kombination von Arbeitslosigkeit und Krankheit in die Bedürftigkeit.

So war es auch bei Margit Raschl. Sie sei schwer erkrankt und von heute auf morgen aus dem Beruf gerissen worden. Die große Wohnung war plötzlich zu teuer für sie und ihre beiden Kinder. Die Lösung war die Fuggerei. Nach anderthalb Jahren Wartezeit konnte sie einziehen. Sohn und Tochter sind inzwischen flügge geworden.

Die Fuggerei war als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht. Anfangs waren die meisten Bewohner Handwerker. Sie sollten möglichst schnell wieder außerhalb der Sozialsiedlung leben können. Lange wohnten in der Fuggerei Menschen aller Altersklassen. Erst seit dem 20. Jahrhundert sind es vor allem Ältere. Der Durchschnittsbewohner ist Darius zufolge heute 68 Jahre alt. Prinzipiell könnten hier aber auch junge Paare, Studenten oder Lehrlinge leben.

Da die Nachfrage die Zahl freier Plätze übersteigt, gibt es eine Warteliste. Bis zu fünf Jahren könne es dauern, aufgenommen zu werden. »Die Liste wird nicht zeitlich abgearbeitet, sondern danach, wer es am dringendsten braucht«, erläutert Darius. Die Verwaltung dürfe in manchen Fällen keine Zeit verlieren. »Gerade heute ist man ja ganz schnell auf dem absteigenden Ast, mit Kindern und ohne Job.«


Christine Cornelius

 

 


Hintergrund – Chronologie: Der steile Aufstieg der Fugger

Das schwäbische Kaufmannsgeschlecht der Fugger war sehr reich und besaß großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Die wichtigsten Daten im Überblick:
❍ 1367: Weber Hans Fugger wandert in die Freie Reichsstadt Augsburg ein
❍ 1398: Geburt Jakob Fugger der Ältere
❍ 1459: Geburt Jakob Fugger, später genannt »Der Reiche«
❍ 1463: Übertritt der Fugger von der Weber- zur Kaufleute-Zunft
❍ 1469: Jakobs Bruder Ulrich leitet Firma nach Tod des Vaters
❍ 1473: Kaiser Friedrich III. verleiht den Fuggern ihr Lilienwappen
❍ 1478: Jakob tritt in die Firma ein; Finanz-Ausbildung in Italien
❍ 1488: Die Fugger beginnen mit dem Silberbergbau-Geschäft
❍ 1493: Geburt von Jakobs Neffe Anton Fugger
❍ 1494: Fugger beginnen mit Abbau ungarischer Kupfer- und Silbererze
❍ 1500: Als Bankiers der Päpste Beteiligung an Ablassverwaltung
❍ 1503: Übernahme römischer Münzstätte; Fugger prägen Papst-Münzen
❍ 1503: Beteiligung am lukrativen orientalischen Gewürzhandel
❍ 1510: Jakob übernimmt Firmen-Führung nach Tod Ulrich Fuggers
❍ Um 1520: Albrecht Dürer fertigt bekanntes Porträt Jakob Fuggers
❍ 1521: Jakob Fugger stiftet die Fuggerei
❍ 1525: Jakob stirbt kinderlos; Nachfolger ist Neffe Anton Fugger
❍ 1527: Anton Fugger finanziert Erhebung Ferdinands I. von Habsburg zum König von Ungarn und Böhmen
❍ 1557-1607: Spanische Staatsbankrotte treffen Konzern schwer
❍ 1546: Fugger-Firma erreicht ihr höchstes Gesellschaftsvermögen
❍ 1560: Tod Anton Fugger
❍ 1658: Fugger-Firma gilt als erloschen

 

 

34/2012