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Jahrgang 2008 Nummer 15

Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern (1662 bis 1726)

Er brachte unendliches Leid über sein Land und gab ihm die Schönheit der Kunst – Teil I

Kurfürst Maximilian II. Emanuel – Bildnis von Josef Vivien.

Kurfürst Maximilian II. Emanuel – Bildnis von Josef Vivien.
In der Herz-Grablege zu Altötting, dem alljährlichen Wallfahrsort der Wittelsbacher, liegen die Herzen von 27 Herzögen, Kurfürst

In der Herz-Grablege zu Altötting, dem alljährlichen Wallfahrsort der Wittelsbacher, liegen die Herzen von 27 Herzögen, Kurfürsten und Königen dieses Geschlechtes, nur nicht das des Kurfürsten Max Emanuel. Unser Bild zeigt eines der letzten, das des Königs Ludwig II. (1886) Verlag Pattloch Aschaffenburg 1983.
Die Freude der noch jungen Eltern war groß, als ihr Sohn Maximilian Emanuel am 11. Juli 1662 in München geboren wurde. Der 26-jährige Kurfürst Ferdinand Maria und seine Ehefrau, die gleichaltrige savoyische Prinzessin Henriette Adelheid erbauten zum Dank die Theatinerkirche und gaben den Auftrag für den Bau des Schlosses Nymphenburg. So groß war die Freude über die Geburt des Thronfolgers. Dieser wuchs heran und gedieh prächtig am absolutistischen Hof seiner Eltern, die nach dem Vorbild des französischen Hofes Ludwig XIV., eines Verwandten der bayerischen Kurfürstin, in München rauschende Fest feierten und einen ungeheueren Prunk entfalteten. Max Emanuel, ein schöner Knabe, war ganz das Produkt der Erziehung seiner Mutter sowie des französischen Marquis de Beauvoir und eines deutschen Lehrers, des späteren Geheimen Rates Korbinian Prielmayer. Auch ein Geistlicher war an der Erziehung beteiligt. Der Hauptakzent lag aber auf dem Französischen, Max Emanuel schrieb seine Korrespondenz in dieser Sprache. Auch die religiöse Erziehung wurde nicht vergessen. So wird uns berichtet, dass der junge Kurprinz zu Fuß nach Altötting pilgerte. Der heranwachsende Jüngling schwärmte für schöne Frauen und behielt diese Leidenschaft auch später bei. Als Sohn seiner sehr künstlerisch begabten, ebenso leidenschaftlichen wie schönen Mutter war er sehr kunstsinnig veranlagt und liebte die am bayerischen Hofe gepflegten Feiern und musikalischen wie sonstigen künstlerischen Aufführungen. Der dritte Kurfürst hatte aber auch die militärische Begabung und den kriegerischen Sinn seines Großvaters, des ersten bayerischen Kurfürsten Maximilian geerbt, der den ganzen 30-jährigen Krieg als Führer der katholischen Liga mitmachte und nach drei Friedensjahren 1651 starb. Die Leidenschaft des »Battaglierens« lebte in Max Emanuel, wie er selbst sagte. Und er brachte es auf diesem Gebiete durch seine persönliche Tapferkeit – er war immer an der Spitze seiner Truppe – und sein zweifellos vorhandenes Feldherrntalent zu höchstem militärischen Ruhm und Ansehen, besonders nach den Türkenkriegen und der Eroberung Belgrads. Der »Blaue Kurfürst«, wie er wegen seiner blauen Uniform überall genannt wurde, war schon mit 26 Jahren der in ganz Europa bewunderte Kriegsheld.

Der siegreiche Türkenbezwinger an der Seite der Habsburger

Seine Vorliebe für das Militärische zeigte der junge Kurfürst Maximilian II. Emanuel schon, als er 1680 mit 18 Jahren seinem mit 43 Jahren plötzlich verstorbenen Vater auf dem Throne folgte. Da war seine erste amtliche Handlung eine gründliche Erneuerung und Erweiterung des bayerischen Heeres. Als erster Fürst hatte er auch ein Sanitätswesen mit dem Bau von Invalidenhäusern eingeführt. Hatte sein Vater dank seiner Neutralitätspolitik zuletzt jährlich 440 000 Gulden für seine Friedensarmee ausgegeben, so reformierte der neue Herr seine Armee so gründlich innerhalb von drei Jahren, dass sich die Ausgaben dafür vervierfachten und 1683 bereits 1 848 567 Gulden ausmachten. Kein Wunder, dass sowohl der Habsburger Kaiser Leopold als auch der französische König Ludwig XIV. begehrlich auf diese moderne Armee schielten und um die Gunst des bayerischen Kurfürsten warben. Aber noch blieb der junge Bayernherrscher bei der Neutralitätspolitik seines Vaters, obwohl ringsum Kriege geführt wurden. So vor allem ab 1681 die Raubkriege des Franzosenkönigs auf deutschem Boden mit der Wegnahme Straßburgs und der Zerstörung weiterer Städte wie u. a. Mainz und Heidelberg. Die deutschen Fürsten waren sehr empört, rafften sich aber doch erst zum Ende des Jahrzehnts dazu auf, einen »Reichskrieg« zu beschließen. Auch Max Emanuel war 1689 noch auf ihrer Seite und eroberte Mainz in diesem Jahr wieder zurück. Er trat sogar schon 6 Jahre früher der gegen Frankreich gerichteten Haager Garantieallianz bei. Aber greifen wir nicht vor. Zunächst hatte der Kurfürst schon 1683 seine vom Vater übernommene Neutralitätspolitik aufgegeben und war eine »Defensiv«-Allianz mit den Österreichern eingegangen, in der sich die Bayern verpflichteten, gegen die Türken zu kämpfen. Denn dieser Krieg war inzwischen unvermeidlich geworden. Von Belgrad aus schickte der türkische Herrscher, der Großwesir Kara Mustapha im Mai 1683 ein Heer von 250000 Mann gegen die Habsburger, dessen Tataren sengend und brennend schon im Juli vor Wien auftauchten. Die österreichische Regierung war bereits nach
Passau und von dort nach Prag geflohen. Das Land schien eine sichere Beute der Türken zu werden. Da kamen die 8000 Bayern mit ihrem Herrscher an der Spitze der Truppen als erste im September und schlugen zusammen mit den Polen, Badenern und Franken die Türken in die Flucht. Wien war gerettet. Der bayerische Kurfürst hätte – wie der von Baden – jetzt nach Hause zurückkehren können. Doch militärischer Ehrgeiz und persönliche Tapferkeit hielten ihn auf dem Kriegsschauplatz zurück. Er verfolgte und jagte die Türken durch Ungarn. Noch im Oktober eroberte er in fünf Tagen die Festung Gran. Die Belagerung Ofens missglückte allerdings wegen der späten Jahreszeit. Nun kehrte er nach Bayern zurück. Im Herbst 1684 brachen 13 000 Bayern aufgrund einer neuen Militärkonvention mit den Habsburgern nach Ungarn auf, um die Belagerung Ofens fortzusetzen, was allerdings wiederum abgebrochen werden musste, weil die Türken ein Entsatzheer geschickt hatten. Im nächsten Jahr feierte der Kurfürst in Wien Hochzeit mit der 16-jährigen österreichischen Kaisertochter Marie Antonie. Gleich danach brach er wieder auf, um die Türken aus Ungarn zu vertreiben. Nun wurde die wichtige Grenzfestung Neuhäusel genommen und die Festung Gran wieder zurückerobert, wobei reiche Beute gemacht wurde und die Türken 1500 Mann verloren. Im Jahre 1686 wurde wiederum unter starker Beteiligung bayerischer Bataillone die befestigte Hauptstadt Ofen eingenommen. »Nach 145 Jahren – schreibt Doeberl (in Band II, S. 115) – musste der Halbmond wieder dem Kreuze weichen«. Das Jahr 1687 bringt bei Mohacs am Berge Harsan durch den Todesmut und die persönliche Tapferkeit des »Blauen Kurfürsten« zusammen mit dem Kurfürsten von Baden einen gewaltigen Sieg, der die Türken 20 000 Tote und 68 Kanonen kostete. Gefangene Türken kamen damals auch nach München und mussten hier am Kanal mitbauen. Wegen Zwistigkeiten und Reibereien mit Wien – u. a. wegen des Oberkommandos für Max Emanuel – verließen die beiden Kurfürsten Ungarn und fuhren in ihre Heimatländer. Erst als der Kaiser den Wunsch des Kurfürsten von Bayern nach dem Oberkommando erfüllte, kehrte dieser nach Abschluss einer neuerlichen Militärkonvention auf den Kriegsschauplatz zurück und übernahm in Peterwardein den Oberbefehl. Bereits wenige Tage danach, im August 1688 setzte er im Angesicht des Feindes über die Save und begann mit der Belagerung Belgrads, obwohl noch das Belagerungsgeschütz fehlte. Als dieses Geschütz eingetroffen war, befahl der Kurfürst am 6. September den Sturm auf die Festung, die er nach vierstündigem, heißen Kampf, unter zweimaliger Verwundung im Gesicht und am Nacken durch Pfeile, einnahm. Fast die gesamte Bevölkerung und die Besatzung war gefangen. Nur 250 Janitscharen hatten sich in das Schloss retten können und hissten dort am nächsten Tag die weiße Fahne. »So hatte Max Emanuel die Herrschaft des Kaiseradlers vom nordwestlichen Winkel Ungarns über die gesamten Gebiete der Stephanskrone ausdehnen helfen. Er hatte darüber das Leben von Tausenden seiner Bayern geopfert, gegen 20 Millionen hingegeben, sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt.« (Doeberl, Bd. II, S. 119). Der Name des »Blauen Kurfürsten« war nun in aller Mund und wurde in den zurückeroberten Ländern in Liedern besungen.

Auf der Seite der Franzosen auf dem Tiefpunkt seiner Laufbahn

Im Jahre 1708 musste sich der bayerische Kurfürst, nun auch schon aus den spanischen Niederlanden, seit 1704 als Statthalter vertrieben, mit dem Oberbefehl über die Rheinarmee begnügen. Auch dieses Kommando legte er nach einer neuerlichen Niederlage der Franzosen bei Audenarde im Juli 1708 nieder und versuchte, auf eigene Faust in einem aus den benachbarten Festungen zusammengezogenen Armeekorps Brüssel zurückzuerobern, was ihm aber mit diesem bunt gewürfelten Haufen ebenfalls misslang. Im nächsten Jahr sah er sich bei der Verteilung der Kommandos durch Ludwig XIV., völlig übergangen. Aber inzwischen war so viel geschehen. Vor allem saß der Kurfürst fern der Heimat ohne sein Land, Volk und Familie auf dem kleinen Schloss Compiegne in Frankreich. Wie kam es dazu?

Generalstatthalter der Niederlande von 1692 bis 1701

Für Maximilian II. Emanuel begann auf der Höhe seiner Laufbahn mit dem Dekret des Königs Karl II. von Spanien, das ihm im Dezember 1691 ein Bote überbrachte, das ganze Verhängnis. Dieses Dekret enthielt seine Ernennung zum Statthalter der spanischen Niederlande. Der Kurfürst erhielt es, während er sich in diesem Winter in Turin und Venedig vergnügte. Im Mai 1692 trat er sein Amt in Brüssel an und hielt gleich einen üppigen Hof. Seine Bayern aber waren über dieses Amt wenig erfreut, waren doch diese Ländereien wirtschaftlich reichlich daniederliegend und die Landschaftsverordnung bat ihn flehentlich, er möge die Statthalterschaft zurückgeben; »Der Kurfürst broke den Niederlande sein Bayern ein«, schrieben sie ihm und nannten auch gleich Zahlen. Aber die Hoffnungen – auch auf ein Königtum im spanischen Weltreich wuchsen bei Max Emanuel, besonders seit 1696 in Spanien ein Testament zugunsten des 1692 geborenen bayerischen Kurprinzen Josef Ferdinand abgefasst worden war. Ein ganzes Weltreich wartete also auf ihn. Aber am spanischen Königshofe hatte der Kurfürst so mächtige Feinde, dass dieses Testament wieder aufgehoben wurde. Doch 1698 drehte sich dort der Wind so sehr, dass der kinderlose König Karl II., ein Habsburger, jetzt den Sohn des bayerischen Kurfürsten, Josef Ferdinand, zwei Jahre vor seinem Tode, in einem neuerlichen Testament zum Universalerben des spanischen Weltreiches einsetzte. Max Emanuel sollte nach diesem Testament auf Lebenszeit Statthalter der Niederlande bleiben. Der kranke König Karl II. wollte sein Weltreich ungeteilt weitergeben und er wusste, dass alle ringsum schon auf sein Ableben warteten. Max Emanuel war mit dieser spanischen Entscheidung auf dem Höhepunkt seines Machtstrebens. Er sah auf die Wittelsbacher das spanische Weltreich zukommen.

Ein Kind stirbt und löst einen 14-jährigen Krieg aus

Doch auf diese eitle Freude folgte schon einige Monate später ein tiefer Fall. Am 6. Februar 1699 bot der Brüsseler Hof Max Emanuels ein erschütterndes Bild. Gerade als der 6-jährige Universalerbe der spanischen Königskrone, der Kurprinz Joseph Ferdinand, kurz vorher von Wien gekommen, nach Madrid eingeschifft werden sollte, starb er plötzlich an einer fiebrigen Magenentzündung. Der mit viel Familiensinn und -stolz begabte Vater stand vor Schmerz und Verzweiflung weinend an seinem Sterbebett. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Seemächte – England und die Niederlande – mit Frankreich einen Haager Vertrag geschlossen hatten, worin er selber nach dem Ableben seines Sohnes der Erbe sein sollte. Aber das Spiel der europäischen Mächte ging weiter. Der spanische König, als er davon erfuhr, änderte in letzter Minute sein Testament und setzte den zweiten Enkel des französischen Königs Ludwig XIV., Philippe, zum Universalerben ein. Gleich darauf starb er am 1. November 1700. Nun brach der Waffengang zwischen Österreich und Frankreich um das Erbe aus. Und Max Emanuel, der hin und her verhandelte, stellte sich auf die Seite des französischen Königs Ludwig XIV. Das war am 21. August 1702 und der österreichische Unterhändler war acht Tage vorher noch in München beim Kurfürsten und bat um acht Tage Bedenkzeit. »Zu spät«, sagte ihm dieser. Man muss hinzufügen: Dies geschah nach vielen Versprechungen des französischen Königs – darunter auch wieder die Aussicht auf das König- oder gar Kaisertum und die Garantie seiner Erblande zusammen mit 400 000 Talern Subsidien für die Aufstellung einer Armee von 15 000 Mann. Der Kurfürst, ehrgeizig und ruhmsüchtig wie er war, fiel darauf herein. Die Österreicher hatten ihm zu wenig geboten. So schloss er am 9. März 1701 einen angeblichen Neutralitätsvertrag und nach weiteren vergeblichen Verhandlungen mit Österreich 1702 einen endgültigen Vertrag mit Frankreich ab. Das Schicksal nahm seinen Lauf, denn der spanische Erbfolgekrieg zwischen Österreich mit den Seemächten Niederlande und England gegen Frankreich und jetzt auch Bayern war bereits seit 1701 im Gange und er dauerte bis 1714. Dieser Krieg brachte zwei Feldherrn, den Prinzen Eugen von Savoyen und den englischen Herzog Marlborough, die zu echten und gefährlichen Gegnern des Kurfürsten wurden.

Dieses erste Jahrzehnt des neuen 18. Jahrhunderts wird für das Land schrecklich. Der Kurfürst, der nur von 1701 bis 1704 in Bayern und dann wieder bis 1715 in der Fremde war, erlebte nach anfänglichen militärischen Erfolgen bittere Niederlagen in diesem Krieg. Ein Wendepunkt war die Schlacht bei Höchstädt im August 1704. Sie musste an der Seite der Franzosen keinesfalls verloren gehen. Immerhin standen 50 000 Bayern und Franzosen einem Heer von 52 000 verbündeten Österreichern mit den Seemächten gegenüber. Der französische Marschall war falsch aufgestellt und wurde von dem englischen Marschall Marlborough geschlagen. Der Kurfürst rettete ihn aus höchster Not und bewahrte seine Armee vor der völligen Zerstörung. Er wehrte gleichzeitig die Angriffe des zweiten Feldherrn der Verbündeten, des Prinzen Eugen, ab und zog sich geordnet auf Ulm zurück. Der savoyische Prinz Eugen äußerte sich äußerst anerkennend über die Feldherrnkunst des bayerischen Kurfürsten. Durch den Rückzug der Franzosen über den Rhein erhielt diese Schlacht erst seine weltgeschichtliche Bedeutung. Die Franzosen gaben natürlich eine andere Beschreibung vom Verlauf der Schlacht. Die Aussage des Prinzen Eugen ist jedoch glaubwürdiger. Eine weitere Schlacht – eine der vielen, die noch geschlagen wurden in diesen Jahren bis 1708 – die Schlacht von Ramillies im Mai 1706 – ging ebenfalls wegen der Fehler der Franzosen verloren, die sie natürlich wieder beschönigten und sich rein wuschen. Doch der Kurfürst schrieb an seine Gemahlin darüber in einem Brief: »Im Zentrum und auf dem linken Flügel war der Sieg errungen und wir standen schon vor den feindlichen Batterien, die uns nicht mehr entgehen konnten, da wurde mir die Meldung gebracht, dass unser rechter Flügel geschlagen sei und sich in voller Flucht aufgelöst habe. Von der Wahrheit dieser Nachricht konnte ich mich auch alsbald überzeugen, denn der linke Flügel richtete sich jetzt gegen uns, fasste uns an der Flanke und im Rücken, so dass der Rückzug unvermeidlich wurde.« (Doeberl, Band II, S. 162).
Diese Schlacht war der Ausgangspunkt des Kurfürsten Wanderleben. Von Brüssel verjagt und in mehreren Gefechten zurückgedrängt, zuerst nach Lille, Mons und schließlich nach Schloss Compiegne, wo er, der Prunkliebende, eine mehr als ärmliche Hofhaltung erleben musste. Noch schlimmer aber, alle Blütenträume von einer Königswürde waren für den jetzt auch ohne Land und Volk, ohne Familie dastehenden bayerischen Wittelsbacher verflogen.

Dr. Ludwig Plank


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 16/2008



15/2008