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Jahrgang 2008 Nummer 45

Künstliche Stille durch Ohrstöpsel

Vor 100 Jahren wurden Ohropax erstmalig in Sanitätsgeschäften und Kaufhäusern zum Verkauf angeboten

»Stadtluft macht frei!« hieß es schon im Mittelalter. Das dürften auch viele der Menschen gedacht haben, die im 19. Jahrhundert auf der Suche nach Arbeit in die Städte aufbrachen.

Dass sie das ländliche Idyll mit einer Welt voll ungewohntem Lärm eintauschen würden, dürfte ihnen kaum bewusst gewesen sein. In den Fabriken, auf den Straßen und in den engen, einfachen Wohnquartieren waren sie durch Maschinen, Automobile, Dampflokomotiven und andere Störquellen der damaligen Zeit jedenfalls einem enormen Lärmpegel ausgesetzt.

Dass hier dringend Handlungsbedarf bestand, hatte der aus Schlesien stammende Apotheker und Drogist Maximilian Negwer erkannt, der 1907 in Berlin die »Fabrik pharmazeutischer und kosmetischer Spezialitäten« gründete. Nachdem die bis dahin üblichen Ohrenschützer aus Holz, Metall, Zelluloid oder Hartgummi eher Folterinstrumenten glichen, bekam Negwer eine Anregung aus der griechischen Mythologie: In der antiken Sage ließ Odysseus seinen Gefährten die Ohren mit Kugeln aus Bienenwachs verschließen, damit sie sich nicht von dem wunderschönen Gesang der Sirenen betören ließen.

Wachs in den Ohren, das muss auch in der modernen Welt funktionieren, dürfte Maximilian Negwer gedacht haben. Nach Versuchen mit Bienenwachs, das sich als zu bröckelig erwies, experimentierte er weiter und fand die richtige Zusammensetzung in einer mit Paraffinwachs und Vaseline getränkten Baumwollwatte. Mit dieser Mischung hatte er nun die Voraussetzung für weiche, knetbare Kügelchen geschaffen, die sich ohne Rückstände wieder aus dem Gehörgang entfernen ließen.

Im Herbst 1908, also vor 100 Jahren, wurden sechs Paar rosa Kügelchen zum Preis von einer Mark in Sanitätsgeschäften und Kaufhäusern erstmalig zum Verkauf angeboten.

Auf den ersten Blechdosen stand »Ohropax Geräuschschützer«, wobei das Lateinische Pax »Frieden« heißt und der Name so viel wie »Ohr-Frieden« bedeutet. Inzwischen ist das Wort so bekannt, dass es längst zum Gattungsbegriff geworden ist – so wie Tempo für Papiertaschentücher und Tesa für Klebestreifen. Sogar das Computer-Rechtschreibprogramm erkennt das Wort und markiert es, wenn es falsch geschrieben ist.

Dabei war es am Anfang gar nicht einfach, das Produkt zu verkaufen. Der Durchbruch kam erst im Ersten Weltkrieg, als die Militärführung kistenweise OHROPAX bestellte, um das Gehör der Soldaten, besonders natürlich das der Artilleristen, vor dem Kanonendonner zu schützen. Auch in den überfüllten Kriegslazaretten wurden die Ohrstöpsel gebraucht. Im Laufe der Zeit setzten sie sich mehr und mehr durch. Zu den prominentesten Benutzern gehörte der Schriftsteller Franz Kafka, der sich in seinen Briefen über sein ausgeprägtes Ruhebedürfnis äußerte und deshalb regelmäßig OHROPAX verwendete. Bald kauften viele die kleinen Wachskugeln, die die Menschen vor Schlafstörungen, Unruhe, Kopfschmerzen, Schwerhörigkeit und anderen Hörstörungen bewahren konnten. Nach und nach wurden im Hause Negwer noch andere Ohrenschutzprodukte hergestellt. Das Unternehmen hatte Erfolg und verlegte den Firmensitz in den 20er Jahren nach Potsdam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion in Potsdam wieder aufgenommen, doch siedelte die Firma 1950 in den Westen über, zunächst für kurze Zeit nach Frankfurt/Main, dann nach Bad Homburg. Seit 1991 befindet sich der Firmensitz in Wehrheim, einem kleinen Ort in der Nähe von Bad Homburg, wo unter modernen Bedingungen jährlich etwa 25 Millionen Lärmstopper hergestellt werden. Neben den bewährten Ohrstöpseln, Ohropax classic, werden von den Firma auch wiederverwendbare Schaumstoffstöpsel angeboten, die andere Eigenschaften aufweisen und recht beliebt sind. Neuerdings gibt es auch Schallschützer aus medizinischem Silikon. Auch wenn der größte Teil der Produktion in Deutschland verkauft wird, so spielt der Export ebenfalls eine Rolle, vor allem nach Österreich, in die Schweiz und in die Niederlande. Der Chef des Unternehmens, Michael Negwer, Enkel des Firmengründers, ist bei allen Schwierigkeiten, die es heutzutage grundsätzlich gibt, optimistisch. Er weiß, dass Ohrstöpsel durch die zunehmende Lärmbelastung auch in Zukunft gebraucht werden.


Hans Feist



45/2008