Jahrgang 2010 Nummer 53

Kropfkette, Kranl und Miedergeschnür

Auch Rosenkränze waren früher »Schmuck zum Gwand« – im Nationalmuseum zu bewundern

Ein »Frauenzimmer« trug früher ein »kurtzes von allerhand seidnen und wollnen Zeugen verfertigtes und mit Fischbein ausgesteifftes Bruststück«. Durch »daran gehefftete silberne Häcklein« wurde es »mit einer silbernen Kette vornher über die Brust zugeschnüret«. Das von G. S. Corvinus in seinem »Nutzbaren, galanten und curiosen Frauenzimmer-Lexicon« von 1715 beschriebene Teil ist nichts anderes als ein geschnürtes Mieder. Aber wie es geschnürt war! Nicht nur möglichst eng um die Taille und »offenherzig«, dabei die weiblichen Rundungen sittsam betonend, sondern auch kostbar. Der männliche Blick sollte mit einem Mal erfassen: Ein sauberes Weib steht vor mir, aber auch kein armes. Das Silbergeschnür, die angehängten Medaillen und Münzen, die immer raffinierter gewordenen, erst ganz schlichten, dann aber zum glassteinbestückten Prunkstück gearbeiteten »Geschnürstifte«, repräsentierten mehr Reichtum als Geschmacksbeweis ihrer Trägerin.

Das Bayerische Nationalmuseum (BNM) in München bietet derzeit eine kleine, für volkskundlich Interessierte und für Liebhaber traditioneller Tracht und dazugehörigen Zierrats jedoch aufschlussreiche, fachkundig liebevoll bestückte Sonderschau.

Das Thema »Schmuck zum Gwand« ist wörtlich zu nehmen. Zum einen liegt das Augenmerk auf dem Kleider-, nicht also dem Körper-Schmuck. Zum anderen deutet das im »Gwand« verschluckte »e« auf die Landschaft, um die es geht: den süddeutschen Raum. »Gwand« war freilich – vor zweihundert Jahren schon – das »Besserne«, was man trug. Also Festtagskleidung. Zur Hochzeit, gar zu Fronleichnam hat man sich »gwandt« (gewandet), auch zur Leonhardifahrt. Am Werktag hat man halt was »oglegt« (angezogen). Ab Ende des 19. Jahrhunderts haben sich nicht nur in Edelleute, auch die Großbauern, Wirtsleut, betuchte Handwerker oder Hoflieferanten »gwandt«. Die durften sich lange Zeit überhaupt nicht fein herausputzen, mussten »grau in grau« bleiben, sich zu schmücken, also zusätzliche Beweisstücke ihrer Wohlsituiertheit zu tragen, war ihnen untersagt: Ringe, Ketten und Gehänge.

Um diese Zutaten – und rund um sie herum – dreht sich die von Nina Gockerell mitbetreute Schau, die zunächst für Pforzheim konzipiert war, jetzt aber – mit einem Auge der Generaldirektorin Renate Eikelmann, das auf die einbrechende Winterszeit gerichtet ist, wo es viele Kulturfreunde gibt, die »was Volkskundliches« genießen wollen – ins 2. Obergeschoß des BNM genommen wurde. Dazu gibt es, um es gleich zu sagen, einen handlichen Katalog mit zahlreichen Abbildungen der Exponate, kompetent und gar nicht langweilig getextet von Silke Reiter, glanzvoll fotografiert von Bastian Krack.

In diesem Buch sind sie alle noch einmal nachzubetrachten, die Herrlichkeiten, die man früher zur eigenen Aufwertung und Abrundung vom »Gwand« trug: Kropfketten und Haarnadeln, Kranln und Riegelhauben, Silberknöpfe und Broschen, Ohrklipps und Uhrketten, Florschließen und Anhänger, auch Amulette. Es blitzt und glitzert nur so in den hell ausgeleuchteten, taubenblau ausgelegten und informativ beschrifteten Schaukästen. Nicht zu übersehen: Vitrinen mit bemalten, unterschiedlich großen Miniatur-Truhen und -Kommoden aus dem Fichtelgebirge, in deren Schubfächern sich der »Schmuck zum Gwand« aufhielt, wenn er »Pause« hatte, will heißen: nicht getragen wurde. Das war gewiss die längste Zeit im Jahr. Daher ist ja all dieser luxuriöse Plunder so tadellos erhalten: Er wurde geschont und stets sorgsam aufbewahrt. Spanschachteln und Riegelhaubendosen, mit bedrucktem Papier überzogen, sind vielfach – nach dem Tod der Bäuerin oder der Handwerkersfrau – noch gefüllt gewesen mit filigranem Gepränge fürs Haar, für Hand und Hals, Brust und Arm.

Nicht zu übersehen: der Bezug der sich fein Herausputzenden zu Brauchtum und Kirchenjahr. An hohen Festtagen sorgten sich begüterte Bauersfrau und vornehme Bürgersgattin gleichermaßen ums optimale Outfit. Ihre Männer und heiratsfähigen Söhne (denen die Ausstellung beinahe unterstellt, sich entweder nur ungern und wenn, dann eben nur sporadisch geschmückt zu haben; fehlen doch beispielsweise die vor dem »Latz« prangenden »Charivari-Ketten« der reichen Bauern ganz!) schlüpften in silberknopf- und münzbesetzte Joppen, die schon anzeigten, mit welchen »Kerlen« man es da zu tun hatte. In den Großbauernhänden und Gutsbesitzerspratzen sieht man auf Stichen, Gemälden, Epitaphen, Votivtafeln reich behängte Rosenkränze. Auch wenn in der Ausstellung nur marginal darauf verwiesen wird: die Gebetsschnur mit dem dicken Kreuz (filigran eingefasstes Email) als Abschluss gehörte, freilich vornehmlich in den katholischen Gegenden Süddeutschlands und der Alpenländer, ohne Abstriche zur Festtags- und Prozessionsgangs-Ausstattung. An derben Fingern klobiger Hände funkelten fein ziselierte Ringe. »Bauernringe« sind begehrte Sammlerstücke.

In der Ausstellung sind einige seltene Exemplare solcher »Bauernringe« zu sehen. Eine Lupe wäre recht, um die Schau-Platte der Reife, oft mit Perlen und Glassteinen besetzt, genau zu besehen. Da sind nicht nur das Christusmonogramm IHS oder das Schweißtuch der Veronika mit dem Antlitz des leidenden Christus eingearbeitet, sondern gelegentlich ganze Heiligenfiguren, die Bogenberger Mutter in der guten Hoffnung oder der heilige Antonius von Padua, zuständig fürs Verlieren und Verlegen von dringend Nötigem. Auch Gebetbücher waren durch kostbar gefertigte Schließen, wertsteigernde Einbandstoffe und kunstvolle Beschläge besitzerstandesgerecht gemacht. Im »Musterbuch« von Egidius Weickmann, Goldschmied zu Schwäbisch-Gmünd aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, werden alle Einzelelemente aus Silberfiligran, deren es zur Herstellung einer Gebetbuchschließe bedurfte, aufgeführt.

Dass Schwäbisch-Gmünd im 18./19. Jahrhundert ein Hauptort der (Filigran-)Schmuckproduktion war, durfte bei dieser Ausstellung nicht unbetont bleiben. Viele Gerätschaften der Filigranhersteller liegen vor dem Betrachter. Die Handwerkskunst von Schwäbisch-Gmünd war weltweit führend, bis auch sie sich durch – allerdings nicht weniger meisterhaft verfertigte – Massenware beinahe erübrigte. Welche Mühen und wie viele einzelne Arbeitsgänge zur Herstellung allein eines Haubennadelkopfes verwendet werden mussten (und noch heute nötig sind), zeigt der nur sechs Minuten dauernde Film. Ihn ganz anzuschauen, bietet Gelegenheit, sich kurz auszuruhen. Denn viele der gezeigten Exponate erschließen sich erst beim zweiten Augenschein.

Bevor man die Ausstellung verlässt, ist es geraten, sich in die Porträts von ländlichen Schönen und Schicken vertiefen. Sie hängen auf Augenhöhe und verraten eigentlich alles über die Funktion des »Gwand-Schmucks« im 19. Jahrhundert. Er ließ ein so liebenswürdig zartes junges Dingerl wie es Joseph Anton Rhomberg mit seinem »Bildnis eines Mädchens«, München 1828, gelang, noch anmutiger, noch edler erscheinen. Hebt das Mäderl über alle Erdverbundenheit ein Stück über den Boden, auf dem es vermutlich dem Maler Modell stand: Reif, Ohrringe, Kropfkette – und ein geschnürtes Mieder, »von allerhand seidnen und wollenen Zeugen verfertigt…«

Dr. Hans Gärtner


Die Sonderausstellung im Bayerischen Nationalmuseum München, Prinzregentenstraße 3 »Schmuck zum Gwand. Ländliche Bijouteriewaren aus dem 19. Jahrhundert« ist bis 27. Februar 2011 täglich (außer Montag sowie Heiligabend und Silvester) von 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet. Katalog (21 Euro) im Museumsladen



53/2010