Jahrgang 2009 Nummer 46

Kommandosache »Taube« in Herbsdorf und Rettenbach

Es handelte sich um streng geheime Stützpunkte der Luftnachrichtentruppe

Ältere Mitbürger aus Traunstein und der Umgebung werden sich vielleicht noch an folgendes Bild erinnern: Wenn man in der Zeit zwischen Sommer 1943 und Kriegsende mit der Bahn von Traunstein Richtung Trostberg fuhr, dann waren auf der Höhe von Herbsdorf zwei riesige Parabolspiegel zu sehen. Ein drittes Gerät ähnlicher Art stand auf der Buchleite bei Rettenbach. Die Anlagen wurden weitläufig streng bewacht und zahlreiche Hinweisschilder verwiesen auf militärisches Sperrgebiet.

Die Bevölkerung war der Meinung, die rätselhaften Ungetüme seien Horchgeräte, um damit Feindflugzeuge zu orten und in gewissem Sinne war diese Ansicht zumindest bedingt richtig. Es ist uns nun gelungen, die Vorgeschichte, die technischen Zusammenhänge und den Ausklang bei Kriegsende zu ermitteln.

Obwohl Hermann Göring, der spätere Reichsmarschall, dem deutschen Volk schon bald nach Kriegsbeginn versprochen hatte, dass kein Feindflugzeug die Reichsgrenzen je überfliegen werde, begann schon ab Mai 1940 der Bombenkrieg gegen deutsche Städte. Am 10. Mai 1940 wurde Winston Churchill zum britischen Premierminister und gleichzeitig auch zum Verteidigungsminister ernannt, und fünf Tage später beschloss das britische Kriegskabinett verstärkte Bombenangriffe auf Ziele ostwärts des Rheins. Damit war der Bombenkrieg auf das deutsche Hinterland freigegeben. Schon in der Nacht zum 11. Mai 1940 kam es zu Bombenabwürfen durch das »Royal Bomber Command« im Raum Dortmund, Geldern, Goch, Aldekerk, Rees und Wesel.(1)

Diese Tatsache zwang die Reichsregierung zu militärischen Gegenmaßnahmen. Die deutsche Flugabwehr war zwar hochgerüstet, es fehlten aber optimal wirksame Flakzielgeräte und vor allen Dingen Frühwarngeräte mit der Folge, dass die deutsche Rüstungsindustrie sich schwerpunktmäßig für die Entwicklung und Herstellung dieser Geräte einsetzte.

Zu dieser Zeit verfügte die britische Luftabwehr bereits über einen gut funktionierenden Radarwarndienst, »Radarzaun« genannt. Dieser Warndienst war in der Lage, deutsche Verbände schon lange vor dem Ziel zu erfassen und die britischen Jäger durch Bodenleitstellen rasch an den Feind zu leiten. Zu Kriegsbeginn befanden sich 20 solcher Stationen vom Typ Chain Home im Einsatz.

Deutschland hatte für den Frühwarndienst zu Beginn des Krieges nur acht Radargeräte der Bauart Freya zur Verfügung. Das änderte sich aber schnell zu Gunsten der deutschen Luftverteidigung, denn die deutsche Rüstungsindustrie entwickelte in kurzer Zeit eine Reihe von ortsfesten Flugmelde- und Flugzielradargeräten und produzierte diese Geräte in großer Stückzahl. Je nach technischer Beschaffenheit waren die Geräte zum Beispiel typisiert als »Jagdschloss«, »Wassermann«, »Mammut«, »Freya« oder »Würzburg-Riese«. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Hinzu kamen dann noch die Bordradargeräte. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden nur das ortsfeste Flugmeldegerät »Freya«, das ebenfalls ortsfeste Flugzielgerät »Würzburg-Riese« und das Bordradargerät »Lichtenstein« behandelt.

1944 waren mehr als 200 Funkmessstellungen flächendeckend über das Reichsgebiet verteilt. Diese Gerätestellungen waren klassifiziert in Stellungen 1. Ordnung, 2. Ordnung und 3. Ordnung.

Betrachten wir nun die damalige Situation in Herbsdorf und Rettenbach. Im Frühjahr 1943 kamen militärische Messtrupps und ermittelten durch wochenlange Vermessungen die günstigsten Gerätestandorte (2) mit dem Ergebnis, dass zwei Flugzielgeräte vom Typ »Würzburg-Riese« zum Bau auf einer großen Freifläche in nächster Nähe von Herbsdorf und ein Flugmeldegerät vom Typ »Freya« zum Bau auf der Buchleite bei Rettenbach vorgesehen werden konnten. Schon kurze Zeit danach errichteten Baufirmen die Betonsockel für die schweren Funkmessgeräte. Die begehbaren Sockel waren sechseckig und hatten bei einem Gewicht von sieben Tonnen die ungefähren Ausmaße von 2,50 mal 2,50 mal 1,50 Metern. Sie waren etwa bis zur Hälfte im Erdreich eingegraben. Der Sockel in Rettenbach war außerdem noch mit einem Erdwall gesichert. Auf diese Sockel wurden dann die riesigen Funkmessgeräte montiert. Bei Herbsdorf war es je ein Funkmessgerät des Typs »Würzburg-Riese« (FuMG65). Diese Geräte hatten eine Parabolantenne und zwar einen mächtigen Spiegel mit 7,40 Meter Durchmesser. Das Gewicht der Anlage betrug 15 Tonnen. Allein der drehbare Teil wog 11 Tonnen. In Rettenbach war es ein Funkmessgerät des Typs »Freya« (FuMG80). Dieses Gerät hatte statt einer Parabolantenne flächig angeordnete Dipole, die zu einem Rechteck zusammengefügt waren. Die Antenne war 7,50 Meter hoch, 6,20 Meter breit und hatte einen Schwenkbereich von 360 Grad. Sichtbar war nur der Mast mit der drehbaren Antenne (3). Unmittelbar neben dem großen Messgerät war ein kleiner Stand mit einem optischen Beobachtungsglas. Vermutlich war dies ein so genannter Flugrichtungsweiser DF 10/80, ein Doppelfernglas mit zehnfacher Vergrößerung (4). Nicht weit vom Funkmessgerät entfernt standen zwei kleinere Holzbaracken. Diese waren für das Betriebspersonal, die Wachsoldaten und als Magazin vorgesehen und der Wachhund »Cäsar« beschützte die Anlage. Das Betriebspersonal bestand in der Regel aus acht Soldaten und einer nicht näher bekannten Anzahl von Luftnachrichtenhelferinnen (5). Ebenfalls in der Nähe des Funkmessgerätes war ein kleiner Schützengraben ausgehoben, der als Maschinengewehrstellung zur Verteidigung gegen Tieffliegerangriffe gedacht war. Gelegentlich schossen die Soldaten auch ohne Erfolg und wohl mehr zum eigenen Vergnügen auf Feindflugzeuge (6). Bei Kriegsende wurde der Schützengraben mit Infanteriewaffen aufgefüllt (7).

Das Personal von Rettenbach gehörte zum Stammpersonal Herbsdorf. Von dort aus erfolgten auch der Transport und die Versorgung. Zur Verbindung zwischen den Funkmessstationen Rettenbach und Herbsdorf diente ein unterirdisch verlegtes vieladriges Fernmeldekabel.

Soviel zu Rettenbach und nun zu Herbsdorf: Noch im Jahr 1943 wurden auf den beiden gegossenen Betonsockeln Funkmessgeräte des Typs »Würzburg-Riese« (FuMG65) als Flugzielgeräte installiert. In der Nähe, beim jetzigen Betonwerk Unterholzner, entstand eine Barackenanlage. Es handelte sich um vier Holzbaracken. Drei davon hatten eine Rechteckform und nur eine, der so genannte »Negerkral«, war rund. Diese Baracken dienten als Unterkünfte und Wirtschaftsräume für die Mannschaften und Offiziere und außerdem war dort die Auswertungszentrale für die Messergebnisse der drei Funkmessgeräte eingerichtet. Die Mannschaft bestand aus 120 Nachrichtenhelferinnen und 45 Soldaten, dazu kamen noch die drei Offiziere und zwar Hauptmann Hansl, Leutnant Herzog und Leutnant Heilmeier (8). Das gesamte Personal bestand aus Angehörigen der Luftnachrichtentruppe und gehörte zur 21. Flugmeldeleitkompanie des Luftnachrichten-Regiments 215 (9). Es handelte sich um eine Funkmessstellung 3. Ordnung (10). Die Luftnachrichtentruppe bestand 1944 aus 160 000 Personen, darunter 110 000 Frauen und hatte die Aufgabe, Funk-, Draht- und Richtfunkverbindungen sowie Flugmelde-, Jägerleitdienste, Flugsicherungs- und Funknavigationsaufgaben durchzuführen.

Alle Funkmessstellungen der Luftnachrichtentruppe hatten Tarnnamen. Die Stellung in Herbsdorf hieß »Taube«. Unter diesem Tarnnamen liefen alle Nachrichten und so ist diese Stellung auch in der Literatur bezeichnet.

Wenn wir zusammenfassen, dann ergibt sich eine Funkmessstellung, bestehend aus den Hauptkomponenten »Freya« in Rettenbach und zweimal »Würzburg-Riese« in Herbsdorf. Das Funkmessgerät »Freya« (FuMG80) war ein Flugmeldegerät und die beiden Funkmessgeräte »Würzburg-Riese« (FuMG65) waren Flugzielgeräte, die über die Auswertungszentrale in Herbsdorf ununterbrochen Drahtverbindung und wohl auch Funkkontakt zur Jägerleitzentrale der 7. Jagddivision in München-Schleissheim hatten. Dort war für die Gefechtseinheit »Taube« Oberleutnant Leeb als Kompanieführer und Jägerleitoffizier eingesetzt (11).

Das Funkmessgerät »Freya« in Rettenbach war rund um die Uhr im Einsatz. Es war ein Rundsichtradargerät mit einem Schwenkbereich von 360 Grad und hatte eine Reichweite von 160 Kilometer. Wurden in diesem Bereich Flugzeuge erkannt, meldete Rettenbach sofort nach Herbsdorf die ungefähre Flughöhe, die Anzahl, und die Flugrichtung der Flugzeuge. Die beiden Flugzielgeräte in Herbsdorf konnten dann innerhalb einer Entfernung von 50 bis 60 Kilometer die Flugzeuge peilen und Anzahl, Höhe, Flugrichtung und Fluggeschwindigkeit sehr genau ermitteln. Die Ermittlungsergebnisse wurden laufend an die Jägerleitzentrale nach München-Schleissheim gemeldet. Dort erfolgte die Auswertung aller Daten und der Jägerleitoffizier gab dann einem Jagdflugzeugpiloten über Funk den Einsatzbefehl. Das Jagdflugzeug startete und wurde über Sprechfunk an das Feindflugzeug bis auf etwa drei Kilometer herangeführt. Dann war der Pilot in der Lage, mit seinem Bordradargerät, in der Regel ein »Lichtenstein-Gerät«, das Feindflugzeug auf seinem Bildschirm zu erkennen und zu bekämpfen. Bei den Jagdflugzeugen handelte es sich überwiegend um ME 110 und JU 88. Das Bordradargerät benötigte eine verhältnismäßig große Antenne, das so genannte »Hirschgeweih«, und deshalb waren kleinere Jagdflugzeuge für die Nachtjagd nicht so gut geeignet.

Soviel zum Aufbau und zur Wirkungsweise der Funkmessstation »Taube« in Rettenbach und Herbsdorf.

Funkmessstationen der beschriebenen Art waren natürlich von den Alliierten gefürchtet, denn sie waren wirkungsvoll und aus der Luft schwer auszumachen. Es gab zwar gute Luftaufnahmen der Amerikaner von der Anlage in Rettenbach, aber trotz mehrerer Versuche gelang es nicht, die Anlagen in Herbsdorf und Rettenbach durch Bomben zu zerstören oder auch nur zu beschädigen. Ein Bombenangriff hatte jedoch schreckliche Auswirkungen auf Zivilpersonen. Am 22. September 1944 gab es bei uns um 12.21 Uhr Fliegeralarm. Etwa 450 Bomber und 150 Jagdflugzeuge der 15. USAF waren über Salzburg eingeflogen mit dem Ziel München, München-Riem und die BMW-Werke anzugreifen (12). Ein Bomber hatte offensichtlich einen Sonderauftrag. Er überflog den Weiler Arleting und bombardierte den sehr abgelegenen Einödhof. Ein am Kellerberg stationierter Luftbeobachter meldete den Abwurf einer einzigen Bombe. Tatsächlich ergaben sich aber über 200 Einschläge. Man muss davon ausgehen, dass der Bomber einen so genannten Abwurfbehälter mit einem Fassungsvermögen von rund 200 Splitterbomben ausgeklinkt hatte. Die Folgen waren entsetzlich. Die damals 13 Jahre alte Zeitzeugin Rosa Seilinger erinnert sich: »(…) Ich war zu jenem Zeitpunkt auf dem Weg von der Schule nach Hause, da sah ich schon die mit Splitter übersäten Äcker, das ganze Obst lag am Boden. An meinem Elternhaus waren sämtliche Fenster zerborsten, die Dachziegel zum Großteil abgedeckt und überall außen am Haus waren Bombensplitter in der Verschalung. Das vermeintliche Ziel dieses Angriffs waren die Horchgeräte in Herbsdorf. Als ich die Stube betrat, bot sich mir ein grausamer Anblick. Ich sah meine 13-jährige Zwillingsschwester Anna, die genau an diesem Tag wegen Übelkeit nicht in der Schule war, auf dem Boden liegen. Ein Bombensplitter hatte sie an der Schläfe getroffen. Der Druck des Einschlags hatte sie vom Kanapee gerissen. Mein 15 Jahre alter Bruder wurde ebenso am Oberschenkel und an der Lunge von einem Splitter getroffen. In einer Notoperation wurde versucht, sein Leben zu retten. Meine beiden Geschwister verstarben noch am gleichen Tag. Ebenso verstarb ein Gast aus München, der sich zu diesem Zeitpunkt in unserem Hause aufgehalten hatte. Darüber hinaus wurden neun Rinder notgeschlachtet, da sie ebenfalls Splitter abbekommen haben (…)«. Dass Arleting nicht das Ziel dieses Bombenangriffes war, sondern die Funkmessanlage in Herbsdorf, ist eindeutig.

Ein Bombenabwurf ohne Personen- oder Sachschäden erfolgte im November 1944 zwischen Reichsberg und Truppenübungsplatz. Ein Bomber überflog zuerst das Gebiet, kehrte dann wieder zurück, flog aus Richtung Kaltenbach in Richtung Rettenbach und warf schwere Bomben in der Nähe des Anwesens Reischl ab. Man kann davon ausgehen, dass diese Bomben zur Zerstörung der Funkmessstation auf der Buchleite gedacht waren (13). Zu einem nicht mehr bekannten Zeitpunkt fielen auch Bomben auf Rettenbach. Dabei wurden zwei Häuser schwer beschädigt, Personen wurden nicht verletzt (14). Einige Bomben fielen dann noch in der Nähe von Herbsdorf, Ruhpoint und auf freies Feld (15). Hier kann man Notabwürfe nicht ausschließen, wahrscheinlich waren aber auch diese Bomben für die Funkmessanlagen in Herbsdorf bestimmt. Am 22. Februar 1944 wurde über Tettelham ein B-24 Bomber abgeschossen (16). Es ist denkbar, dass auch dieser Bomber den Auftrag hatte, die Funkmessgeräte in Herbsdorf anzugreifen.

Soviel zur geheimen Kommandosache »Taube« in Herbsdorf und Kammer. Bei Kriegsende wurden die technischen Anlagen von den Amerikanern demontiert und abtransportiert. Was mit dem Rest geschah ist nicht bekannt. Nur von Rettenbach weiß man, dass die Baracken für eine Hühnerfarm auf dem Truppenübungsplatz verwendet wurden (17). Das Gelände der Funkmessstation wird seit Kriegsende wieder landwirtschaftlich genützt. Ebenso war es in Herbsdorf, jedenfalls soweit es die landwirtschaftlichen Flächen betrifft. Anderes ergab sich aber mit der großen Barackenanlage. Zuerst wurden für einige Monate verschleppte Personen untergebracht und nachdem diese die gesamten Räume geplündert hatten, diente die Anlage der Stadt Traunstein für etwa ein Jahr als Ausweichkrankenhaus.

Hinweis: Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die Hilfe einer Reihe von Zeitzeugen. Stellvertretend danken wir hier den Herren Günter Perktold, Mathias Pleli, Josef Reischl und Sebastian Schuhbeck.

Es handelt sich hier um eine gekürzte Fassung. Der gesamte Text mit allen Anlagen wird im Jahrbuch 2009 des Historischen Vereins zu Traunstein erscheinen


Alfred und Walter Staller

Quellen:
(1) Kurowski Franz, Der Luftkrieg über Deutschland, Verlag Kaiser, 1977
(2) Zeitzeuge Schuhbeck Sebastian, Kammer
(3) Zeitzeuge Ober Alfons, Alterfing 1
(4) Zeitzeuge Ober Alfons, Alterfing 1
(5) Zeitzeuge Ober Alfons, Alterfing 1
(6) Zeitzeuge Hans Wimmer, Rettenbach
(7) Zeitzeuge Pleli Mathias, Kammer,
(8) Zeitzeuge Sebastian Schuhbeck, Kammer
(9) eigene Kenntnis Alfred Staller
(10) Internet:www.atlantikwall.info
(11) Hoffmann, Karl Otto, Die Geschichte der Luftnachrichtentruppe, Verlag Vowinckel, Niedergmünd, 1965
(12) Müller-Romminger, Luftarchiv, Bad Reichenhall
(13) Zeitzeuge Reischl Josef, Traunstein
(14) Expositus Franz Back, Bericht vom 1. August 1945
(15) Pfarrkurat Josef Esterlechner, Bericht vom 15. Juli 1945
(16) Staller Walter, Flugunfälle im Chiemgau, Historischer Verein für den Chiemgau
(17) zu Traunstein, Jahrbuch 1998



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