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Jahrgang 2020 Nummer 34

Königliche Klebeempfehlung

Bayern führt 1849 als erstes deutsches Land Briefmarken ein – 1840 in England erfunden

Der bayerische »Schwarze Einser« – im einzig bekannten Sechserset auf dem sogenannten »Eichstätt-Brief«, der am 14. November 1849 in Straubing mit dem Ziel Eichstätt abgeschickt wurde. Repros: Mittermaier
Ab 1849 durfte Post in Bayern nur noch mit frankierten Marken in den Briefkasten geworfen werden. Hier ein schmuckes Modell, das um 1876 in München aushing.
Karl Valentin im Film »Der Sonderling« mit einem »Schwarzen Einser« in der Hand.

Auch Monarchen mussten sich hin und wieder mit den Niederungen des Alltags beschäftigen: Am 14. November 1849 erließ König Max II. eine Anweisung über das sachgerechte Aufkleben von Briefmarken: Seit der Einführung der FrankoMarken – zwei Wochen zuvor – sei es zu Fällen gekommen, »in denen diese sich wegen ungenügender Befestigung abgelöst und verloren gegangen« seien. Um die Marken dauerhaft zu fixieren, sei es notwendig, »den auf der Rückseite befindlichen Klebstoff nicht bloß in der Mitte, sondern auch vorzüglich rings am Rande durch mäßiges Befeuchten gehörig zu erweichen und die Marken sodann insbesondere an den Ecken fest an den Brief anzudrücken«, so die Empfehlung in der von Max II. unterzeichneten Anweisung. Der Monarch hat sich damals zwar sicher nicht selbst den Kopf zerbrochen, wie man diesem Problem Herr werden könnte, doch als erster Mann im Staat musste er auch scheinbar banalste Verordnungen mit seiner Signatur legitimieren. Dass die hiesige Bevölkerung Nachhilfe wegen schlampig angepappter Postwertzeichen brauchte, kam damals nicht von ungefähr: Bayern hatte nämlich als erstes deutsches Land Ende 1849 Briefmarken eingeführt, weshalb sich Kunden wie auch die Mitarbeiter der königlichen Post mangels praktischer Erfahrung erst mit dem noch ungewohnten Sujet vertraut machen mussten. Parallel zum Einsatz von Marken war auch das Portosystem vereinfacht worden, das zuvor über Jahrhunderte hinweg aus einem wahren Dschungel unterschiedlichster Vorschriften und Tarife bestand. Die Geschichte der organisierten Post hat Ende des 15. Jahrhunderts in Italien begonnen. Die Bergamo beheimatete Familie Tasso gründete damals im Auftrag von Kaiser Maximilian I. einen länderübergreifenden Kurierdienst, dessen Netz sich bald über ganz Europa zog. Dass der Kaiser die lombardische Unternehmerfamilie mit diesem Auftrag betraut hatte, kam nicht von ungefähr: Bereits im 14. Jahrhundert hatten die Tassos einen Postdienst für die Republik Venedig aufgebaut und es nahm auch der Heilige Stuhl in Rom die Kurierdienste in Anspruch. Dank der Gunst Maximilians I. gelang es den Tassos, die sich später aus Prestigegründen eine adelige Herkunft und einen neuen Namen verpassten und seitdem unter dem Namen Thurn und Taxis bekannt sind, ein europaweites Postmonopol aufzubauen. Anfangs nur als Privatdienst für den Kaiser gedacht, beförderten taxische Kuriere bald auch Briefe und Pakete von Privatleuten. Allerdings waren die verlangten Transportkosten lange so hoch, dass nur wohlhabende Kreise sich entsprechende Sendungen leisten konnten. Die Gebührenordnung, wer wann wofür bezahlen musste, war dabei denkbar unübersichtlich: Mal hatte der Absender die eine und der Empfänger die andere Hälfte zu bezahlen, dann wieder musste entweder der Absender oder der Empfänger den ganzen Tarif übernehmen. Darüber hinaus war es auch lange üblich, das Briefporto aus der Anzahl der geschriebenen Seiten und den Umschlag noch extra dazu zu berechnen, was raffinierte Zeitgenossen, um Kosten zu sparen, dazu brachte, auf Kuverts zu verzichten und stattdessen den Brief selbst so geschickt zu falten, dass er adressiert, aber ohne Hülle verschickt werden konnte. Bereits im 17. Jahrhundert hatte es erste Versuche gegeben, die Kosten für Postsendungen übersichtlicher zu gestalten, zum Beispiel mit Stempeln oder vorgefertigten Briefumschlägen, die unter anderem in Frankreich und Großbritannien in Gebrauch kamen, sich langfristig aber nicht durchsetzen konnten.

Die Idee, Marken mit bestimmten Werten zu drucken, die dann, je nach Ziel oder Gewicht, auf Briefe oder Pakete aufgeklebt wurden, hatten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts helle Köpfe unterschiedlicher Nationalitäten, doch die zuständigen Behörden lehnten die Vorschläge alle ab mit der Begründung, so etwas sei »undurchführbar«. Dem Engländer Roland Hill, der in den 1830er Jahren bereits vorhandene Abhandlungen über die Verwendung von Briefmarken gelesen und die ihm geeignetsten Vorschläge zusammengefasst hatte, gelang es schließlich, das britische Parlament zu einer entsprechenden Reform zu bewegen: 1840 schlug in Großbritannien die Geburtsstunde der ersten Briefmarke der Welt: Eine schwarze Ein-Penny-Marke mit dem Profilbild der Britischen Königin Victoria, im Volksmund »PennyBlack« genannt. Mit nur einem Penny Porto konnten es sich nun auch wirtschaftlich schwächer gestellte Menschen leisten, Briefe oder Karten an die Familie oder Freunde zu schreiben, ohne sich dabei finanziell zu verausgaben, selbst wenn die Tante oder der Kumpel im entlegensten Teil des Landes lebte, denn der Tarif galt für die gesamten britischen Inseln.

Im Ausland hatte man diese Entwicklung indes eifrig mitverfolgt: 1843 führte der schweizerische Kanton Zürich als erstes Land auf dem europäischen Kontinent ebenfalls Postwertzeichen ein und sechs Jahre später zog auch das Königreich Bayern nach, als erstes deutsches Land. Am ersten November 1849 trat die Verordnung zur »Einführung von Franko-Marken« in Kraft – ein Schritt, den eifrige Reformer schon Jahre zuvor propagiert hatten: »Meine, dem Interesse der königlichen Postanstalten sowie der Bequemlichkeit des Publikums gewiss zusagenden Anträge, das Frankieren der Briefe möglich zu machen, ohne die Aufgeber zu nötigen, solche zum königlichen Postamte hinzutragen, haben noch immer kein geneigtes Gehör gefunden«, hatte ein namentlich nicht genannter Kritiker noch im November 1848 im »Münchner Tagblatt« geklagt und darauf gedrängt, schnellstmöglich das britische System zu übernehmen: »Warum sollte denn das, was in der größten Stadt von Europa, nämlich in London möglich ist, bei uns in München unmöglich sein? Man könnte hier wohl ebensogut die dort üblichen Briefmarken einführen, wodurch die Möglichkeit dargeboten wäre, frankierte Brief der Boite (=Briefkasten) zu übergeben. Das würde dem Schalterbeamten in den Postämtern eine Menge Arbeit ersparen, denn sie hätten nichts weiter zu tun, als zu sehen, ob die Briefe aus den Kästen richtig taxiert seien und dann die weißen Stempel zur Verhütung des doppelten Gebrauchs, wie es in London praktiziert würde, zu schwärzen«, so der visionäre Vorschlag. Ein halbes Jahr später, im Juni 1849, hatte König Max II. dann Nägel mit Köpfen gemacht und die entsprechende Verordnung auf den Weg gebracht, die am 1. November desselben Jahres in Kraft trat: ab dann wurden nur noch Briefe mit gestempelten Franko-Marken befördert werden, die vom Absender selbst anzubringen waren und zwar – im Unterschied zu heute – in der linken oberen Ecke der Vorderseite. Die Briefe sollten anschließend wie bisher zum Transport in die Briefkästen der Post geworfen werden. Was wieviel Porto kostete, konnte Plakaten entnommen werden, die in allen Postfilialen aushingen, entnommen einer für zwölf Kreuzer erhältlichen Broschüre mit dem Titel »Generaltarif«, worin auch die Namen aller bayerischen Postämter nachzuschlagen waren mit entsprechenden Hinweisen zu den jeweiligen Entfernungen. Anders als in Großbritannien galt in Bayern kein landesweiter Einheitstarif. Ein Brief mit innerörtlichem Ziel kostete, ebenso wie Drucksachen einen Kreuzer, ein einfacher Brief mit einem Gewicht bis zu einem Loth (= 17,6 Gramm) im Umkreis von zwölf Meilen (= 90 Kilometer) drei Kreuzer, alle anderen einfachen Briefe mit Ziel im Inland sechs Kreuzer.

Als Hilfsmittel, um festzustellen, ob ein Brief noch unter die Kategorie »einfach« fiel, wurde empfohlen, diesen abzuwiegen mit einem Gegengewicht zweier bestimmter Geldstücke, nämlich einer bayerischen Ein-Gulden- und einer HalbGulden-Münze. Sendungen ins Ausland, egal ob Briefe oder Pakete, konnten weiter nur durch direkte Aufgabe in einer Postfiliale verschickt werden. Bei den ersten 1849 in Bayern ausgegebenen Briefmarken handelte es sich um eine als »Schwarzer Einser« bekannt gewordene Marke im Wert von einem Kreuzer, sowie Marken zu drei und sechs Kreuzern. Der für das Design verantwortliche Kupferstecher, Johann Peter Haseney, der zuvor im Auftrag der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank bereits Druckplatten für Geldscheine fertigte, hatte als Motiv den jeweiligen Zahlenwert, also einen Einser, Dreier und Sechser gewählt, die von den Worten Ein – Kreuzer – Franco – Bayern umrahmt waren. Gedruckt wurden die offiziell als »FrancoMarken« bezeichneten Briefmarken auf handgeschöpftem Papier, wobei die Beschriftung in Weiß und der Hintergrund der Ein-KreuzerMarke Schwarz, der Drei-KreuzerMarke Blau und der Sechs-KreuzerAusgabe Braun war. Die schwarze Farbe des »Einsers« sollte sich allerdings schnell als ziemlich unpraktisch erweisen – eine Erfahrung, die man schon in Großbritannien mit der Einführung der »Penny Black«, gemacht hatte. Die britische Post stempelte die Marken zunächst in Rot ab, doch die dafür verwendete Farbe konnte relativ leicht von gebrauchten Marken entfernt und die Marken dann erneut verwendet werden. Um Betrug vorzubeugen, wurde auf schwerer entfernbare schwarze Stempelfarbe umgestellt: die war allerdings auf der schwarzen EinPence-Marke so schlecht zu erkennen, dass auch damit entsprechend Missbrauch getrieben wurde. Bei der bayerischen Post waren diese Probleme offenbar nicht bekannt, denn sonst wäre die Wahl wohl kaum auf den »Schwarzen Einser« gefallen, dem dann tatsächlich auch nur eine kurze Lebensdauer beschert sein sollte: zwei Jahre nach seiner Einführung wurde er aus dem Verkehr gezogen und durch eine rosa Version ersetzt, auf der die schwarzen Stempel dann tatsächlich sichtbar waren. Unter heutigen Sammlern ist der »Schwarzer Einser«, von dem damals 832000 Stück hergestellt wurden, die begehrteste bayerische Marke, wobei ungestempelte Exemplare in der Regel höher gehandelt werden, als gestempelte.

Die ersten bayerischen Postwertzeichen hatten auch noch keine Zahnung, weshalb sie nicht von den Bögen abgerissen, sondern Stück für Stück feinsäuberlich ausgeschnitten werden mussten. Dank der fortschreitenden Technik war ab 1870 aber der Druck mit Zahnung möglich, was den Schalterbeamten die Arbeit entsprechend erleichterte. Die Einführung von Briefmarken trug zwar zu rationaleren Arbeitsabläufen und damit auch einer gestiegenen Wirtschaftlichkeit der königlich-bayerischen Post bei, doch ein Problem bestand weiter, nämlich die Hürden, die sich bei Sendungen ins Ausland ergaben, und darunter fielen Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur entfernte Gefilde wie Amerika, sondern schon Nachbarländer wie Sachsen, Württemberg oder Österreich. Bislang hatte Bayern, wie jedes andere Land auch, auf außerstaatlichem Territorium eigenes Personal zum Transport von Postverkehr stationiert bzw. mit anderen Staaten Transitvereinbarungen zur gegenseitigen Beförderung geschlossen, was entsprechend kostspielig und logistisch umständlich war, denn der Anteil am Porto, der an die jeweilige ausländische Verwaltung abzuführen war, musste für jeden einzelnen Brief verrechnet werden, was einen Wust an Bürokratie mit sich brachte. Um diese Praktiken zu vereinfachen, gründeten Bayern, Sachsen, Preußen, Österreich und weitere deutsche Fürstentümer 1850 den »deutsch-österreichischen Postverein«. Damit war es möglich, Sendungen mit Marken eines Landes auch über dessen Grenzen hinweg zu verschicken mit vereinfachten Abrechnungsmodalitäten der Postverwaltungen untereinander. Da in der Folge immer mehr Länder, nicht nur in Europa, sondern weltweit auf Briefmarken umstellten und der Informations- und Warenaustausch dank der industriellen Revolution immer internationaler wurde, gründeten das Deutsche Reich und 21 weitere Staaten 1874 im schweizerischen Bern den Weltpostverein, der bis heute existiert und die Rahmenbedingungen des weltweiten Postverkehrs festlegt. Die Erfindung der Briefmarke war aber nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der Post, sondern sorgte, ganz nebenbei, auch für eine neue Art der Freizeitbeschäftigung: »Das Sammeln von Briefmarken, welches erst seit wenigen Jahren, in Deutschland, hauptsächlich von der Jugend, mit vielem Eifer betrieben wird, beginnt hier in neuerer Zeit auch in den Kreisen der Erwachsenen mehr und mehr Interesse und Aufnahme zu finden«, ist im 1863 erschienenen »Handbuch für Briefmarken-Sammler zu lesen«, das damals bereits seine zweite Auflage erlebte. Die Begeisterung für Briefmarken – gebraucht wie ungebraucht – rief schnell auch geschäftstüchtige Zeitgenossen auf den Plan, die das damals immer populärere Medium Tageszeitung nutzten, um per Anzeige Kundschaft zu locken oder für sich zu werben. 1877 zum Beispiel bot ein im »Bayerischen Kurier« unter Chiffre inserierender Händler 40 Pfennig für 1000 gebrauchte Briefmarken und 1868 pries ein Münchner Kunsthändler in der »Allgemeinen Zeitung« Briefmarkensammlern sein »großes Lager in- und ausländischer Briefmarken« an und versprach Käufern »zuverlässige Garantie auf die Echtheit« seiner Ware. Selbst der bayerische Staat beteiligte sich, über den Verkauf der regulären Briefmarken hinaus, am lukrativen Geschäft mit der Sammelleidenschaft: Als 1876 die bisherige Gulden- und Kreuzerwährung durch Mark und Pfennig abgelöst wurde, befanden sich in den Depots der Post noch zentnerweise durch die Umstellung wertlos gewordene Marken, die normalerweise als Altpapier in der Stampfmühle gelandet wären. Wie das »Wochenblatt für das Katholische Volk« im April 1877 berichtet, kaufte jedoch ein Nürnberger Buchhändler den gesamten Restbestand der alten Marken auf – satte vier Millionen Stück, die zusammen ein Gewicht von 3500 Kilo auf die Waage brachten. Als Altpapier hätte dies der Post 300 Mark eingebraucht, besagter Buchhändler habe indes »tausende von Mark« hingeblättert, womit ein großer Teil der Herstellungskosten der Marken wieder aufgewogen werden könne, rechnete das Blatt vor und lieferte dazu auch weitere Details über die florierenden Geschäfte des Nürnberger Aufkäufers: 1875 habe er 33000 Mark mit dem Verkauf von Marken umgesetzt und dabei 14 Personen beschäftigt, wobei der Versand der Marken wiederum der bayerischen Post einen Umsatz von 2000 Mark beschert hätte. Eine vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Pandemie erschreckend aktuelle Geschichte sticht 1853 im Zusammenhang mit dem Sammeln von Briefmarken in der Illustrierten »Die Gartenlaube« ins Auge: Das Blatt empfahl besondere Vorsicht bei der Verwendung gebrauchter Briefmarken, »die bei Händlern und Sammlern ja vielfach von Hand zu Hand gehen und von Kindern und Erwachsenen in das Album eingeklebt werden. Kürzlich brachte ein

englisches Blatt die Mitteilung, dass in einer Familie in Birmingham plötzlich die Diphteritis ausgebrochen sei, obgleich in der Stadt seit langer Zeit kein Krankheitsfall dieser Art beobachtet worden war.« Sorgfältige Nachforschungen hätten ergeben, dass der Ansteckungsstoff nur durch gebrauchte Briefmarken eingeschleppt worden sein konnte, die ein auswärtiger Verwandter der Familie dem Sohn derselben für seine Sammlung eingesandt hatte. »Der Knabe hatte die Marken beleckt, seinem Album einverleibt und auf diese Weise den Krankheitsstoff in sich aufgenommen.« Ein ganz ähnlicher Fall sei einige Jahre zuvor auch im sächsischen Freiberg beobachtet worden, auch hier sei die Krankheit ganz plötzlich aufgetreten und festgestellt worden, dass die Ansteckung auf dieselbe Weise erfolgt sein musste, wie im aktuellen Fall in England.

Karl Valentin und der »Schwarze Einser«

Auch Karl Valentin hatte eine ganz spezielle Affinität zur ersten bayerischen Briefmarke, wie er in seinen Jugenderinnerungen schreibt. Demnach hätte ihn ein »Schwarzer Einser« in der Auslage eines Münchner Geschäfts beinahe zum Gesetzesbrecher gemacht: »Am Isartor waren in einem Zeitungskiosk Briefmarken ausgestellt, da-runter auch die berühmte seltene Marke, die wir alle so gern gehabt hätten. Auf dem Schulweg blieben wir jedes Mal vor der Rarität hinter dem Fester stehen, und nichts entging unserem Scharfblick. Unter jeder Marke stand, mit Bleistift, klein geschrieben der Preis, unter der Einser eine 18 und dahinter Punkt und Strich. Manchmal war statt des Zeitungshändlers eine ganz alte Frau, wahrscheinlich seine Mutter, anwesend. Das brachte mich auf einen Gedanken. Da der Preis unter den Marken so klein geschrieben, die Frau aber schon sehr alt war, würde sie wahrscheinlich schlechte Augen haben, und vielleicht könnte ich ihr darum die schwarze Einser abluchsen. An einem Nachmittag ging ich nach der Schule allein zu ihrem Stand, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass der Händler nicht da war. Wie ein gelernter Unschuldsengel sagte ich: »Bittschön, ich kriag de Briefmarken um achtzehn Pfennig« und legte achtzehn Pfennige hin. Die Frau nahm den ganzen Bogen mit den vielen Marken vom Fenster, und schon hatte ich meinen Finger auf der Preisauszeichnung. Sie konnte nur die Achtzehn lesen, Strich und Punkt deckte ich zu. Aber ich hatte nicht bedacht, dass die alte Frau eine Riesenlupe nahm und sofort sagte: »Naa, Kloaner, de kost net achtzehn Pfennig, sondern achtzehn Mark.« Mein erster Betrugsversuch war schmählich gescheitert.« In seiner späteren Karriere als Schauspieler greift Karl Valentin die älteste bayerische Briefmarke dann noch einmal als Motiv auf: Im Film »Der Sonderling« aus dem Jahr 1929 spielt der damals 47-Jährige einen einschichtigen Schneidergesellen, der Briefmarken sammelt und vom Besitz eines »Schwarzen Einsers« träumt. Seine Meisterin – dargestellt von Liesl Karlstadt – die in ihn verliebt ist, kauft ihm eines der begehrten Exemplare und steckt es heimlich in sein Album. Unglücklicherweise verschwindet zur gleichen Zeit ein 100-Mark-Schein aus der Tasche eines Kunden. Als sich bei einer Durchsuchung die kostbare Marke beim Schneidergesellen findet, wird dieser von der Polizei kurzerhand zum Dieb des Geldscheins erklärt und ins Gefängnis geworfen. Der Irrtum klärt sich zwar auf, doch der Sonderling verwindet die Schande, hinter Gittern gelandet zu sein, nicht und unternimmt mehrere Selbstmordversuche, die allerdings, in typischer Valentin-Manier auf tragisch-komische Weise misslingen.

 

Susanne Mittermaier

 

34/2020