Jahrgang 2001 Nummer 51

Kleines Kindl – großer Gott

Zu Weihnachten lebt das Bild vom »schönen Jesulein« auf

Alles hat sein Gutes. Wüßten wir genau, wie es war, als Jesus vor etwa 2000 Jahren in Bethlehem zur Welt gekommen ist, wäre unser Weihnachten wohl weniger glanzvoll. Auf jeden Fall nüchterner. Heißt es doch beim Evangelisten: »Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.«

Das von daher überlieferte Bild vom kleinen, in ärmlichen Verhältnissen geborenen Krippenkind, behütet von Maria, seiner Mutter, beschützt von Josef, dem Nährvater, bewacht und gewärmt von Ochs und Esel erzeugte seit alters Mitleid, weckte Hilfsbereitschaft und rührte die Herzen: das kleine Kind eines obdachlosen Paares, dem auf der Reise die Niederkunft ihres ersten Babys zum Alptraum zu werden drohte – bis sich Hirten der an vielen Türen Abgewiesenen annahmen und ihnen ihren Viehstall überließen. War es denn wirklich so? Vielleicht, wer weiß.

Auf Stroh gebettet

Der Gott der Christen kommt als Geheimnis in diese Welt. Er gibt Rätsel auf. Er entzündet die Phantasie der Menschen, um deretwillen er sich auf die bucklige, zerrüttete, elende Erde herabließ. Welche Güte! Nicht als Lichtgestalt, als strahlender Held, als purpurgewandeter König zeigt er sich, sondern als nacktes Häuflein erbarmenswürdiger Kreatur, als pflegebedürftiges Wesen. Auf Stroh gelegt, nicht auf Daunen, in eine Futterkrippe, nicht in ein Himmelbett.
Diese geheimnisumwitterte Herabkunft des Höchsten in die schiere Armut und Niedrigkeit, in den Kreis von Schäfern und Bauern, in ein zerfallenes Gemäuer am Ortsrand – ob Stall oder Scheune, ob Felsgrotte oder Bretterbude ist so ungewiß wie u nwesentlich – brachte im Lauf der Jahrhunderte die gläubigen Menschen auf den schönen Gedanken: Jesus, das Gotteskind, soll – gerade weil es als unbedarftes Menschlein zu uns gekommen ist – leuchten und in Licht und Glanz erstrahlen. Gerade weil es in einer Stallkrippe liegen und eisiger Kälte und Zugluft ausgesetzt war, spärlich gewickelt, sollte es fortan prunkvoll und prächtig wohnen dürfen: in Kirchen und Kapellen, in Häusern und Hütten.

Gnadenreiche Fatschnkindl

Bis auf den heutigen Tag haben sich Jesuskindfiguren erhalten – und fromme Frauen schaffen mit geschickten Händen nach altem Vorbild solche Figuren neu – die das Christkind so kleiden, lagern und ausstatten, wie es seiner königlichen Würde entspricht. Im Grunde haben sich zwei Haupttypen von Jesuskinddarstellungen herausgebildet: das liegende und das stehende Jesuskind. Das liegende Kindchen erinnert an die Stallszene mit der Krippe und dem Stroh, dürftig in Windeln geschlagen. Der stehende Jesusknabe, schon nicht mehr das dickliche, rosige Baby, sondern bald fähig, selbständig zu gehen und zu handeln, trägt dann schon Zeichen königlicher Würde oder weist auf sein künftiges Leiden durch ein Kreuz, das er, gleichsam als Wanderstab, mit sich führt.

Viele der bekannten, vor allem im süddeutsch-österreichischen Raum noch heute verehrten Gnaden-Kindln lassen sich auf diese beiden Grundtypen zurückführen. Das in der Münchner Bürgersaalkirche allweihnachtlich ausgestellte sogenannte Augustinerkindl – eine Kopie davon besitzen viele Kirchen in der Alpenregion, etwa das Kloster Andechs – ist ein sogenanntes Fatschnkindl. Es ruht, das Köpflein dem Betrachter zugewandt, auf einem Doppelkissen-Prunkbett, die Ärmchen eng an den Leib gelegt, der von einem reich verzierten, mit Talern behängten Seidensteckkissen zusammengehalten wird. An Spitzen, Perlenstickerei und Seide wurde nicht gespart. Auf vielen Darstellungen – Gemälden, Stichen, Andachtsbildchen – erhält sogar das Stroh die Gestalt goldener Glorienstrahlen.

Kein Wunder, daß die Bevölkerung, die keine Gelegenheit hatte, dem Augustinerkindl einen Besuch abzustatten, sich ein solches Fatschnkindl in die eigenen vier Wände, unter den Christbaum oder in den Herrgottswinkel, auf Bauernschrank oder Fenstersims stellen wollte. Die Heimindustrie des Bayerischen Waldes, Berchtesgadens oder des Grödner Tals kam solchen Wünschen entgegen. So entstanden zahllose Kopien des Münchner Augustinerkindls, die in Bürgerhäuser und Bauernstuben Einzug hielten, um dort besonders um Weihnachten ins Zentrum von Andacht und Besinnung gerückt zu werden. Entweder unter Glasstürze gelegt oder fest eingebaut in Kästchen aus Sperrholz oder bunt beklebter Pappe, liegen die Fatschnkindl mit ihren bemalten Köpfchen aus Wachs, oft mit echtem Menschen- oder doch meist mit imitiertem Watte- oder Flachshaar, der spitzenverzierten Wickelung, Gloria-Engeln und Blumenbuketts, Glaubenssymbolen und nicht selten grottenähnlicher Auszier. Auch wenn die armen Leute sich echtes Gold versagen mußten – glitzerndes Goldpapier, Bordüren und Litzen aus falschem künstlich gesprühtem Gold durften nicht fehlen.

Palastartiger Glanz

»Kleines Kindl - großer Gott, was muaßt leiden große Not« sangen die Frauen und Kinder in einem alten Krippenlied. Was konnten sie dem »großen Gott« in Kindesgestalt schon Großes schenken als ein reich ausgestattetes Bettchen, das ihm Ruhe bot, das ihn aber auch als das auswies, das es ist: als verehrenswerte Gestalt, Träger von Hoffnung und Heil. Vergessen alle bethlehemitische Schroffheit und Armut. Aus dem Stall von Bethlehem ist ein Palästchen geworden, ein Tempelchen des Glanzes, des Lichtes, der farbenprächtigen Schönheit.

»Schönstes, allerliebstes Kindl« sang man dem Sohn Gottes, sich dadurch und durch die herrlichen »Kindlhäusl« gleichsam entschuldigend für die »niedrige Geburt«, die Gott bereits als Kleinkind auf sich nahm, um auf seine vollkommene Erniedrigung im Tod zu verweisen. Ein Typus des liegenden Kindls hat sich besonders im (nieder)bayerischen Raum erhalten: das auf dem Kreuz schlafende, nur mit einem Lendentuch bedeckte, allerdings auf einem Prunksamtpolster mit Goldquaste unter dem harten Kreuzesholz geradezu lässig-versonnen ruhende Jesuskind: »Hier lieg ich als Kind, bis ich als Richter komm und straf die Sünd« – so oder so ähnlich steht es unter der (oft hinter Glas gemalten) Darstellung.

Himmlische Trösterlein

Das meist prunkvoll oder zumindest kostbar gewandet stehende Jesuskind hat im Lauf der Zeit so manchen treffenden Namen erhalten: Seelenfürst, himmlisches Trösterlein, göttlicher Haushalter, himmlischer Bräutigam. Die überschwänglichen Bezeichnungen beruhen auf den reich gekleideten und geschmückten Darstellungen von Jesuskindchen, die wieder in Gnadenbildern ihren Ursprung haben: im Loreto-Kindl von Salzburg, im Bambino von Ara Coeli in Rom und besonders im Prager Jesulein. Krone und Szepter, Weltkugel und Kreuzstab – das sind die Grundausstattungen dieser stehenden Jesuskindfiguren. Gemeinsam haben sie ein überaus kostbares langes Kleid. Vielfach gibt es eine ganze Ausstattungsserie von Kleidern zum Wechseln. Kaiserinnen und Königinnen gaben Stoffe, Borten, Perlen und Edelsteine her, um sich selbst ein ewiges Andenken zu sichern.

Dieser Typus von Jesuskind- »Bild« ist im Bürger- und Bauernhaus weniger als der liegende vorfindbar. Die starke emotionale Beziehung der Gläubigen zur armseligen Kindheit Jesu im Stall zu Bethlehem gab dem liegenden Kind in der Krippe beziehungsweise im reich ausgestatteten »Kästchen« den Vorzug. Die stehenden Kindl holte man sich in der Regel als Abbildungen auf Andachtszetteln und Wallfahrtsbildchen ins Haus, hängte sie gerahmt an die Wand, nagelte sie an Schranktüren und Truhendeckel oder legte sie, als Gebetszettel und Pilgerandenken, in Betrachtungsbücher ein. Noch das frühe 20. Jahrhundert stanzte Oblatenbildchen, überzog sie mit künstlicher Seide und klebte diese Jesuskinddarstellungen auf barock verbrämte, blumenbestückte Prunkwachsstöcke. Seltener sind Abwandlungen des stehenden Jesusknaben als Träger königlicher Insignien zum verspielten Prinzen, wie beispielsweise ein Stanzspitzenklappaltärchen aus Frankreich (gegen 1880) zeigt: Jesus läßt Seifenblasen steigen, umgeben von Blumen, Vögeln und sprudelnden Wasserfällen.

Eine Sonderstellung unter den aufrechten Jesuskindfiguren nimmt das »Himmlische Trösterlein« ein. Das berühmteste, zugleich das kleinste, nämlich nur neun Zentimeter groß: das sogenannte Columba-Kindl aus dem Dominikanerinnenkloster Altenhohenau bei Wasserburg am Inn. Hier starb 1783 die selige Schwester Columba Weigl, deren ganze Liebe dem winzigen Holzfigürchen mit beweglichen Armen, hoher Krone, kostbarem Gewand, in den Händen Szepter und langes Kreuz, galt. Columba Weigl war Mystikerin. Ihre Erscheinungen des Kindes und ihre Gespräche mit ihm drangen bald über die Klostermauern in die umtriebige Welt, die dann mit Schluckbildchen, Andachtszetteln und Nachbildungen die Werbetrommel für das Altenhohenauer Kindl rührte und es weitum bekannt machte.

So wie die Nonne Columba Weigl, wie alle Klosterfrauen durch Gelübde kinderlos, sich ein Ersatzkind schuf, sozusagen zum Trost für die verwehrte Mutterschaft, stellten sich die Bewohnerinnen der Frauenklöster ihr »Trösterlein« in die Zelle. Oft erhielten sie es – in reicher Auszier – neben dem »Nonnenspiegel«, einem mit religiösen Motiven versehenen Hinterglasbild, als Aussteuer vom Elternhaus mit ins Kloster als Geschenk. Im Kloster Reutberg im oberbayerischen Voralpenland ist, neben vielen anderen Jesuskindfiguren, ein Trösterlein zu sehen, das mit hochroten Wangen und einem siegessicheren Lachen auf einem Stühlchen Platz genommen hat. Es hält dem Betrachter ein farbblasses Stoffblumensträußchen entgegen.

Ein »Trösterlein« wurde gelegentlich in den Mittelpunkt eines mit Trauringen, Namensinsignien, Spiegelchen und Blumen reich ausgelegten Hochzeitsgeschenkes montiert, das sich die Brautleute ins Schlafzimmer hängten: Das Jesuskind, mit segnender Rechter, in der Linken die Weltkugel mit dem Kreuz, auf dem Haupt ein grünes Kränzchen, ist umgeben von einem Hain sprießender Blüten, Ranken und Knospen aus gefärbtem Stoff und gewachstem Papier, mit prallen Trauben, Früchten sowie Perlen, die in Phantasieblumen aus Menschenhaar eingeflochten sind. Hier hat das stehende Jesuskind, zusammen mit allem Zierat, als Zeichen der erfüllenden Fruchtbarkeit die Rolle als Andachtsgegenstand oder Gedenk-Ikone an das weihnachtliche Geschehen weit hinter sich gelassen: Das in Schönheit prangende Kindl soll Garant sein für reiche Nachkommenschaft in dem Haus, in dem es Wohnung bezogen hat.

Hans Gärtner



51/2001