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Jahrgang 2012 Nummer 49

Kinderlandverschickung führte ihn 1940 nach Ruhpolding

Zum Schutz vor Fliegerangriffen wurde Fred Eiden und sein Bruder Helmut in den Chiemgau evakuiert

Barfuß durch die Fuchsau: die Brüder Fred (rechts) und Helmut
Aufrechnungsbescheinigung: Dokument mit Ruhpoldinger Eintrag
Mit Mama Else beim Fuxwagner
1953: Bergtour mit dem Guglberger-Sepp

Wie sehr Kindheitserinnerungen einen Menschen prägen und zugleich ein ganzes Leben lang begleiten, dafür ist Alfred (Fred) Eiden aus dem westfälischen Bottrop ein typisches Beispiel. Als kleiner Bub kam der pensionierte Brandamtmann der Berufsfeuerwehr Bottrop erstmals mit seinem jüngeren Bruder mittels Kinderlandverschickung nach Ruhpolding, um den massiven Fliegerangriffen der alliierten Streitkräfte zu entgehen. Die unverfälschte Herzlichkeit innerhalb der Gastfamilien und des weiteren Umfeldes, die den Buben trotz schwerer Kriegszeiten einen halbwegs unbeschwerten und behüteten Aufenthalt ermöglichte, bildeten den Grundstock für die bis heute bestehende Verbindung zwischen Westfalen und Oberbayern. An seinem 80. Geburtstag, den er in seiner zweiten Heimat am Rauschberg feierte, erzählte der rüstige Pensionist von den Erlebnissen und damaligen Lebensumständen. Unser freier Mitarbeiter Ludwig Schick hat seine Erinnerungen zusammengetragen und für unsere Leser in Auszügen aufgeschrieben.

Nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs rückte das Ruhrgebiet als wichtige Waffenschmiede und damit auch meine Heimatstadt Bottrop immer mehr in den Fokus der feindlichen Fliegerangriffe. Wir wohnten in einer Parterre-Werkswohnung der Zeche Rheinbaben, bei der mein Vater beschäftigt war.

Aus Propagandagründen und gleichzeitiger Beschwichtigung gegenüber den Soldatenvätern an der Front wurden ihre Kinder im großen Stil in sichere Gegenden des Reiches »verschickt« (Kinderlandverschickung, auch Evakuierung genannt).

Im April 1940 war es für meinen zwei Jahre jüngeren Bruder Helmut und mich soweit: mit etwa 50 anderen Kindern ging es, begleitet von BDMMädchen und HJ-Jungen, mit dem Sonderzug Richtung Süden in den Chiemgau, wo alle in verschiedene Orte verteilt wurden. Wir beiden »Steppkes« landeten in Ruhpolding. Es war kurz vor Ostern, und es lag noch Schnee. Beinahe wäre Helmut einer anderen Gastfamilie zugeteilt worden, aber die Guglberger-Bäuerin, die schon mit dem Leiterwagerl zur Abholung bereit stand, hatte die Situation schnell erkannt und beherzt geregelt, dass wir Brüder nicht getrennt wurden. Mit Herzklopfen bis zum Hals und voller Erwartung kamen wir nach dem langen Fußmarsch oben auf dem Guglberger-Hof an. Obwohl uns alle in der Familie Hallweger wie ihre eigenen Kinder und Geschwister aufnahmen, mussten wir uns übergeben und versauten den großen Fleckerlteppich in der Stube. Zu groß waren Aufregung und fremde Eindrücke für uns 6- und 8-jährige Buben gewesen…! Überhaupt: wir Stadtkinder kamen uns anfangs vor wie in einer anderen Welt. Doch gewöhnten wir uns schnell an den Tagesablauf auf dem behäbigen, abgelegenen Bauernhof. Wir halfen mit, die Kühe auf die Weide zu treiben und durften die kleinen Kälbchen im Stall füttern. War das eine Gaudi, wenn sie an unseren Fingern »zuzelten« und es so schön kitzelte. Im Sommer wurde Helmut eingeschult, ich kam in die 2. Klasse zum Hauptschullehrer Voitenleiter. Natürlich wurden wir zuerst etwas misstrauisch beäugt und ich verstand immer Bahnhof, wenn mich die anderen Buben hänselten und aufforderten: »Gäh weida, doa ma rankein!« Nachdem mich der Werner Fassbender (er stammte aus Düsseldorf und war schon länger in Ruhpolding) aufklärte, dass es sich dabei um Gebalge um die Rangfolge handelt, kaufte ich so manchem Schulkameraden die Schneid ab und war von da an auch akzeptiert. Und bald war ich auch sprachlich ein »boarischer Bua«.

Im Spätherbst sollte es wieder zurück in die Heimat gehen, denn die Verschickung war nur für ein halbes Jahr vorgesehen. Ausgerechnet jetzt, wo wir uns so gut eingelebt hatten…

Während mein kleiner Bruder die organisierte Heimreise antrat, durfte ich auf Betreiben des Guglberger-Bauern und mit Einverständnis meiner Eltern bis zum nächsten Jahr bleiben. Die Abende wurden nun immer länger und ich vermisste meinen Bruder schon sehr. Zerstreuung fand ich beim beidseitig beinamputierten Bruder unseres Bauern, dem Guglberger-Max. Er verarbeitete sein persönliches Schicksal mit der Schaffung ausdrucksvoller Kunstwerke. In seiner Werkstatt durfte ich unter Anleitung sogar ein Holzpferdchen zum Draufsitzen anfertigen.

Es folgte ein strenger Winter mit so viel Schnee, wie ich noch nie gesehen hatte. Der Schulweg war dementsprechend beschwerlich und wir bekamen in der Schule warmes Essen. Es war seit alters her so üblich und wurde von den Ruhpoldingern selbst organisiert. Man muss bedenken, dass die Lebensmittel rationiert waren und nur mit Bezugsmarken erhältlich waren. Doch die Bauern als Selbstversorger spendeten das Essen für die Kinder in der sogenannten »Suppenküche«, dem heutigen »Haus des Gastes« am Rathausplatz.

Der geklaute Christbaum vom Unternberg

Als es auf Weihnachten zuging, durfte im Guglbergerhof natürlich auch ein Christbaum nicht fehlen. Doch wie verwundert war ich, als der 18-jährige Jungbauer Josef (er wurde wie sein Papa Sepp gerufen) seinen Weg nicht in den eigenen Wald, sondern in den Staatswald lenkte. »Unsan Christbaam hamma oiwei no beim Forst gstoihn…« eröffnete mir der Seppi die alte Familientradition, der ich in meinem Alter noch nicht ganz folgen konnte. Wir zogen den Ziehschlitten den Unternberg hinauf in Richtung Raffner-Alm und schon hatte er ein passendes Objekt erblickt: himmelhoch und voller Schnee. »Der is bärig, den pack ma…« bekräftigte er sein Vorhaben, spuckte in die Hände, nahm die Säge und kletterte Ast um Ast hinauf, um die Spitze zu köpfen. Sie hatte gut und gern die doppelte Zimmerhöhe. Beim Runterklettern blieb er an einem Ast hängen, und ich musste an ihm ziehen bis die Joppe riss und er runter fiel.

»Wia da Deifi« (Originalton Sepp) ging es gleich darauf den steilen Ziachweg hinunter. Ich musste das Riesentrumm von Baum halten und konnte vor lauter Äste im Gesicht fast nichts sehen. Vielleicht war es auch besser so bei dieser Höllenfahrt…

Am Heiligen Abend fuhren wir mit dem Pferdeschlitten zur Mette in die Pfarrkirche. Von allen Seiten kamen die Bauern mit Gefolge auf ihren Schlitten heran. Sie hatten Lampen und Fackeln dabei, und es sah aus, als hätten sich Glühwürmchen in der Jahreszeit verirrt. Auf der Heimfahrt stieg die Spannung ins Unermessliche, ob das Christkind auch an ein »Evakuierungskind« wie mich denken würde? Vor der Bescherung musste ich aber noch helfen, das Pferd zu versorgen. Es bekam eine extra Portion Heu und Hafer in den Futtertrog, »weil heid s’ Christkindl kimmt«, wie der Seppi fürsorglich betonte. Nachher musste ich mich noch waschen und umziehen, bevor ich in die »guade Stubn« durfte. Nachdem wir das »Stille-Nacht-Lied« angestimmt hatten, richteten sich alle Blicke auf mich. Denn in dem Augenblick hatte ich die kleinen Skier entdeckt, die ich mir so sehnlichst gewünscht hatte. Auch ein bunter Teller mit Naschsachen, gestrickte Handschuhe und lange Gamaschen aus Schafwolle lagen da: ich war sprachlos vor Glück! Erst als ich alleine im Bett lag, an meine Eltern und an meinen kleinen Bruder dachte, quetschte ich ein paar Tränen ins Kopfkissen…

Verunglückter Skifahrversuch im Tiefschnee

Am nächsten Morgen montierte der Sepp die Bindung auf meine Ski. Über Nacht war viel Schnee gefallen. Ich bahnte mir einen Weg zur nächsten steileren Stelle, um die ersten Rutschversuche zu unternehmen. Doch im Tiefschnee gruben die Bretter nach unten und ich versank in einer Schneewehe, die mir fast den Atem nahm. Noch dazu verlor ich einen Skistock und mich überkam richtige Panik. Als ich weiß wie ein Schneemann und etwas weinend am Hof ankam, lachte der junge Sepp nur: »Dös wern ma gleich hom«, wühlte sich durch die Schneemassen und hielt mir triumphierend den Haselnussstock entgegen. Ich war um eine Erfahrung reicher und nach einiger Zeit klappte es schon ganz gut mit dem Skifahren.

Im Frühjahr musste ich wegen einer schweren Diphterie drei Wochen lang ins Ruhpoldinger Krankenhaus.

Hl. Kommunion mit geliehenem Anzug

Im Mai stand das Fest der Hl. Kommunion an, zu dem meine Mutter aus Bottrop angereist kam. Aber nicht nur deswegen, sondern um mich danach nach Hause zu holen.

Da meine Mutter eine geschickte Schneiderin war, änderte sie einen Anzug zurecht, den wir von der Staler- Bäuerin droben vom Gnaig bekommen hatten. Es war beispielgebend für diese Zeit, wie hilfsbereit man untereinander war, obwohl wahrlich kein Überfluss bestand.

Im Sommer 1942 kamen mein Bruder und ich erneut nach Ruhpolding, da die feindlichen Luftangriffe im Kohlenpott immer heftiger wurden. Diesmal reiste unsere Mutter mit uns, und wir kamen im Fuxwagner-Hof in der Fuchsau unter. Auch diese Unterkunft war für uns Stadtkinder ein Paradies. Obwohl wir je nach Jahreszeit eingespannt wurden zur Heuernte, zum Daxen hacken, Vieh hüten, Bremsen abwehren oder Schnee schaufeln, blieb uns viel Zeit für unsere Streifzüge und alle möglichen Spiele mit den Kindern aus der Nachbarschaft. 1943: Im Ruhrgebiet hatte sich die bedrohliche Situation inzwischen noch verschärft, trotzdem mussten wir schweren Herzens Ruhpolding verlassen und die Heimreise antreten. Während der letzten Kriegsjahre und in der Folgezeit brachte ich Ruhpolding und die vielen Erinnerungen nicht mehr aus dem Kopf und ich schwor mir, zurückzukehren an meinen Zufluchtsort aus Kindertagen.

Mit dem Radl in die zweite Heimat

1950, 18-jährig und mitten in der Schreinerlehre bekam ich 12 Tage Urlaub. Zusammen mit vier Kumpels, die ebenfalls Richtung Süden wollten, starteten wir per Fahrrad unsere Mammuttour, die allein schon acht Tage kraftraubende Pedalarbeit mit Hin- und Rückfahrt beanspruchte. Die restlichen vier Tage in Ruhpolding nutzte ich, um ehemalige Mitschüler und Freunde zu treffen. Im Mai 1953 (mittlerweile war ich Schreinergeselle) wiederholte ich den Trip wieder, diesmal ganz allein und die gesamte Strecke von 800 Kilometern in drei Tagen und einer Nacht! Und das alles ohne Gangschaltung und E-Bike…!

Am geliebten Guglberger- Hof verdingte ich mich bis in den Spätherbst hinein als Knecht, wie es halt damals der Brauch war und im November fing ich beim Schreiner Kaltenbacher in Zell als Geselle an. Wir fertigten die komplette Einrichtung für die Rauschbergbahn und die Gipfelgaststätte und ich war mächtig stolz, beim Bau der damals kühnsten Bergbahn Deutschlands mitgearbeitet zu haben. Von dem verdienten Geld ließ ich mir vom Schneidermeister Schorsch Kaidisch einen Steirer-Anzug anpassen, so wie er zur damaligen Zeit von vielen Männern getragen wurde. Anlässlich meines 80. Geburtstags brachte ich ihn an seinen »Ursprungsort« zurück in der Hoffnung, dass er der örtlichen Heimatbühne noch als Requisite dienen kann.

1954 zog es mich dann doch wieder nach Bottrop zurück. Mit meiner Frau Maria und den mittlerweile erwachsenen drei Kindern verbrachten wir immer herrliche Urlaube mit ausgiebigen Bergtouren und zünftigen Familienfeiern.

Das kam auch daher, weil mein Bruder Helmut das »Ruhpolding-Gen« offenbar noch stärker eingesogen hatte als ich, denn er heiratete 1962 die Schützinger-Paula (Paula Fellner) und gründete eine kleine Dachdeckerfirma. Sie besteht heute noch und wird von seinem Sohn Andreas geführt. Mein Bruder verstarb leider viel zu früh im Alter von 56 Jahren.

Ungeachtet dessen und trotz meines Alters werde ich Ruhpolding immer in meinem Herzen tragen. Den Ort und seine Menschen, die mir in meiner Kindheit so viel Geborgenheit geschenkt haben.

 

49/2012