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Jahrgang 2008 Nummer 5

Kerzenweihe und Wechsel der Dienstboten

Brauchtum zum Lichtmesstag im kirchlichen und bäuerlichen Jahr







Mit der Lichtmess-Kerze ist die dunkle Jahreszeit überwunden. Maria Lichtmess am 2. Februar eines jeden Jahres hat im bäuerlichen Brauchtum im Jahreskreis seinen festen Platz. Seinen Namen verdankt der kirchliche Feiertag der Kerzenweihe in der Kirche, wobei die Gläubigen ihre Kerzen der Kirche stifteten oder sie als Schutz gegen die Gefahren im bäuerlichen Alltag mit nach Hause nahmen. Die Kerze begleitete die Menschen durch das ganze Jahr und wurde zu den kirchlichen Feiertagen angezündet. Zur Taufe, Kommunion und am Sterbebett leuchteten die zu Lichtmess geweihten Kerzen. Sie zierten den Christbaum und brannten zu Allerseelen auf den Gräbern.

Die geweihte schwarze Wetterkerze wurde bei einem heraufziehenden, schweren Gewitter angezündet. Neben der geweihten Sterbekerze hatte der kunstvoll verzierte Wachsstock als Geschenk für viele Gelegenheiten große Bedeutung. Für’s »Aufbetten« schenkte der Knecht der Magd einen Stock, weil sie ihm das Jahr über das Zimmer sauber gehalten hatte. Ein Wachsstock ist ein etwa acht Millimeter starker Strang aus Bienenwachs mit Talgzusatz, der schraubenartig aufgewickelt und mit Wachsblumen oder mit Heiligenbildern verziert wurde. Zum Aufstellen der Wachsstöcke diente ein ebenso zierlicher Ständer aus Messing.

Vor Maria Lichtmess gab es in Traunstein, Trostberg und Wasserburg Märkte, auf denen die Wachszieher ausschließlich Kerzen, Wachsstöcke und Votivgaben aus Wachs angeboten haben. Die zum Teil mit Heiligenbildern verzierten Wachsstöcke waren kleine Kunstwerke. Noch Ende des 19. Jahrhunderts gab es auf diesen Märkten einen Tauschhandel, wobei die Bauern statt mit Geld mit eigenem, mitgebrachten Bienenwachs bezahlen konnten. (Rattelmüller – Ra S. 79)

Das Fest Marias Lichtmess hat eine lange Tradition. »Kerzenprozessionen sind bereits im 7. Jahrhundert belegbar und im 8. Jahrhundert allgemein gebräuchlich.« In einer Schrift des Bischofs Ildefons von Toledo lesen wir: »Die Christen vereinigen sich am Fest Mariae Reinigung mit Kerzen in der Hand unter Lobgesang und Psalmen, um die Kirche und um heilige Orte einen Umgang zu machen« (Rattelmüller. S. 72). Die Kerze, die im Mittelpunkt der Lichtmessbräuche steht, hat eine vorchristliche Tradition. Kerzen waren schon den Römern bekannt; Sie wurden neben den Öllampen zur Verehrung der Götter und im repräsentativen Leben des Staates verwendet. Der Gebrauch der Kerzen wurde mit der römischen Besatzung auch in unserem Bereich eingeführt und nach anfänglicher Ablehnung durch die Kirche schließlich von dieser akzeptiert.

Der Lichtmesstag als Zeit des Wechsels und der Änderungen hat seither in der christlichen Tradition seinen festen Platz. Lichtmess erinnert auch an die Darstellung Jesu im Tempel 40 Tage nach seiner Geburt. Dabei soll der greise Simeon das Jesuskind als »das Licht zur Erleuchtung der Kirche« genannt haben. Die Kerze gilt als Symbol für das nun im Jahreskreis wachsende Licht, das göttlichen Ursprungs ist. Gott wendet sich wieder den Menschen zu und befreit sie von den Mächten der Finsternis, die nunmehr keine Macht mehr über ihn haben. »Ich bin das Licht der Welt«, sagt Jesus von sich.

Aus heutiger Sicht, wo künstliches Licht jede Nacht zum Tag macht, ist das Leben unserer Vorfahren in den langen Winternächten nur schwer vorstellbar. Kienspan oder Kerzen waren die einzigen Lichtquellen in der bäuerlichen Stube. Die im Winter früh hereinbrechende Dunkelheit zwang die Menschen zur Untätigkeit und ließ dunkle Gedanken und Ängste aufkommen. So ist die Sehnsucht nach dem neuen Licht nur allzu verständlich. Die Zeit der Dunkelheit schließt die Gewissheit mit ein, dass das lebensspendende Licht bald wieder die Oberhand gewinnen wird. »Neujahr einen Hahnenschrei, Dreikönig einen Hirschensprung und Lichtmess eine ganze Stund’«. In dieser Volksweisheit kommt die Sehnsucht nach dem neuen Licht des Jahres deutlich zum Ausdruck. Mit dem Anzünden der Lichtmess-Kerze war endlich das frühe Jahr angebrochen.

Die Kerzen als Schutz gegen die bösen Geister

Die Kerzen, die zu Lichtmess geweiht wurden, waren besonders groß und ansehnlich. Sie sollten das ganze Jahr über Licht bringen und ihre der Weihe entsprechende Segenskraft entfalten. Das geweihte Licht bot Schutz vor Krankheit und plötzlichen Tod. Blitz und Hagelschlag sollten die Kerzen ebenso vom Haus fernhalten wie die bösen Geister. Paul Ernst Rattelmüller berichtet von einem seltsamen Brauch aus dem Chiemgau. Danach wurde ein fünfzackiger Trudenstern aus geweihtem Wachs an die Stalltür gehängt und ein zweiter unter den Strohsack gelegt, »auf dass einen der Trud im Schlaf nicht drucken könnt’.« Hier scheinen archaische Vorstellungen durch, die später mit christlichem Inhalt ausgefüllt wurden.

Auch mit dem Wachs der Lichtmesskerzen sind bemerkenswerte Bräuche verbunden. Dem Buch Rudolf Kriß »Sitt und Brauch im Berchtesgadener Land« ist folgendes zu entnehmen: »Drei Tropfen Lichtmesswachs auf einem Stück Brot galten als Hausmittel gegen Hals- und Kopfweh und gegen jegliches Fieber. Die von den Kerzen übrig gebliebenen Dochttaschen wurden ebenfalls verzehrt und dem Vieh mit dem Futter eingegeben.« Hier darf an die im Barock übliche Vorstellung erinnert werden, dass die körperliche Vereinigung mit dem Geweihten und dem damit Geheiligten Mensch und Tier Segen bringen sollte. Wenn sich die bäuerliche Familie am Lichtmesstag zum Gebet versammelt hatte, hatte jeder seine Kerze, die auf einem Span am Tisch aufgesteckt war. Der Glaube, dass derjenige als erster sterben werde, dessen Kerze als erste verlöschen würde, verglich die brennende Kerze mit dem Lebenslicht.

Aus dem Inntal wird der Brauch überliefert, dass am Abend vor Lichtmess für die ungetauften Kinder und die armen Seelen im Fegefeuer drei Kerzen angezündet wurden und mit einem Krug Weihwasser auf den Tisch gestellt wurden. Darin kommt die Hoffnung der Gläubigen zum Ausdruck, dass die noch in Gottesferne geglaubten Angehörigen auch dem heilsbringenden Licht der Erlösung teilhaftig werden. Die Dreizahl der Kerzen gilt als Symbol für den dreifaltigen Gott, in dessen Macht die Erlösung liegt.

Dass gerade dem Kerzenlicht am Lichtmesstag eine magische Bedeutung zugesprochen wurde, ist einer Sage zu entnehmen, die aus dem dem Autor vertrauten Landshuter Bereich stammt. In der Sage vom »Lichtlein vom Soldatenhölzl« (LZ vom

28.02.03) ist von einem Knecht die Rede, der am Lichtmesstag bei einem Friedhof ein Lichtlein auffliegen sah, das vor ihm herging und ihm den Heimweg wies. Der Knecht kümmerte sich nicht darum. Er schlug den Weg nach Oberdorf ein, wo er in einem Gasthaus eine Feier zum Lichtmesstag wusste. Dort kam es zu einer Rauferei, bei der der Knecht erstochen wurde. Die Sage deutet das den Knecht begleitende Lichtlein als Metapher für das im Jahreslauf auflebende Licht, das den Knecht auf den rechten Weg leiten und ihn so vor dem Tod im Wirtshaus bewahren wollte. Der Sage ist auch noch zu entnehmen, dass die Feiern zum Lichtmesstag auch noch am folgenden Tag fortgesetzt wurden. Mit dem Jahreslohn im Säckel machte man sich einen guten Tag, der feuchtfröhlich im Wirtshaus seinen Ausklang fand.

Beginn und Ende des Dienstbotenjahres

Der Lichtmesstag, der 2. Februar, ist im bäuerlichen Jahreskreis auch Beginn und Ende des Dienstbotenjahres. Zu Anfang Februar ist die Winterarbeit getan. Vor dem Frühjahr, das noch eine Zeit lang auf sich warten lässt, ist Zeit zum Innehalten, Bilanz zu ziehen und für die Dienstboten über Fortsetzung oder einen Wechsel des Arbeitsverhältnisses nachzudenken. Der Knecht und die Magd erhielten nun ihren Lohn für das abgelaufene Jahr. Eine monatliche oder wöchentliche Gehaltszahlung gab es nicht. »100 bis 120 Mark hatte sich ein guter Knecht oder eine fleißige Magd in den Jahren nach der Inflation schon verdient.« Der Lohn richtete sich nach dem Alter, der zeitlichen Zugehörigkeit zum Haushalt und der Rangstellung des Dienstboten. Baumann, Rossknecht, Mitterknecht und Stallbursch lassen schon ihrer Bezeichnung nach die unterschiedliche soziale Rangstellung erkennen, die übrigens auch zu Lichtmess geändert werden konnte.

Der ausscheidende Knecht oder die Magd wurden in allen Ehren zum neuen Dienstherrn begleitet. Der Bauer ließ einspannen, die Sach der Magd aufladen und los ging die Fahrt ins nächste Dorf, wo man unterwegs am »Änderungstag« einer Vielzahl von Fuhrwerken mit umziehenden Dienstboten begegnete. Ein häufiger Wechsel des Arbeitsplatzes war keine Empfehlung für den »Ehehalten«, wie einst Knecht und Magd genannt wurden. »Die Vierzehntag-Nanni braucht Radln an ihrem Kasten«, war ein geläufiges bäuerliches Sprichwort. Weniger fleißige und nicht so beliebte Ehehalten mussten also selbst für ihren Umzug sorgen. Sie trugen ihr Bündel über der Schulter oder zogen den Wagen mit ihren Habseligkeiten hinter sich her. Der Empfang beim neuen Dienstherrn war zeremoniell geprägt. Die neue Magd oder der Knecht wurde zu einem ausgiebigen Mahl geladen. In einem »Bschoadtüchl« gab es Fleisch, Küchel und Krapfen zum Einstand. Das gemeinsame Mahl, an dem auch das übrige Gesinde am Hof teilnahm, galt auch als Ausdruck familiärer Zusammengehörigkeit. Für manche Ehehalten konnte dies aber auch eine harte Zeit sein, in der der Bauer das alleinige Sagen hatte und auch willkürliche Entscheidungen treffen konnte. Nicht jeder Knecht, der mit seinem Bündel über das Land zog, war wegen Unfähigkeit entlassen worden.

Dieter Dörfler


Benutzte Literatur: Paul Ernst Rattelmüller »Bayerisches Brauchtum im Jahreslauf« Süddeutscher Verlag 1985.



5/2008