Jahrgang 2020 Nummer 24

Keine Unterstützung für die Verschwörer in Berlin

Kapp-Putsch vor 100 Jahren blieb ohne Echo in Traunstein – Teil II

Auf den Plätzen und Straßen der Stadt – wie etwa auf dem Maxplatz – blieb alles ruhig: Kein Echo in Traunstein fand der Berliner Kapp-Putsch im März 1920. (Fotos: Stadtarchiv)
Idyllisch präsentierte sich die Stadt Traunstein vor 100 Jahren.
Mit der Eisenbahn war Traunstein in der Zeit um 1920 mit der großen weiten Welt verbunden. Um den Bahnhof bildete sich ein eigenes Stadtviertel.

Die erste Seite des Traunsteiner Wochenblatts vom 16. März 1920 stand ganz unter dem Thema Kapp-Putsch. Es findet sich eine Erklärung der legitimen Reichsregierung, die zwischenzeitlich in Stuttgart Aufnahme gefunden hatte, aber auch ein Statement des sich selbst so titulierenden »Reichskanzlers « Kapp. Des Weiteren fanden die Leserinnen und Leser Reaktionen der Parteien und erfuhren dabei, dass die DeutschnationaleVolkspartei (DNVP) und die Deutsche Volkspartei (DVP) zu einer »Unterstützung der neuen Regierung« bereit waren, die Deutsche Demokratische Partei aber »die Berliner Putschisten als Landesverräter « einstufte, durch deren Staatsstreich »unermeßliches Unglück, neue Zerrüttung unserer Wirtschaft, Bürgerkrieg, Vernichtung der nationalen Einheitsfront drohe«.(1)

Die Rubrik »Nachrichtenübermittlung der Leitung des Grenzgaues derEinwohnerwehren« brachte eine Reihe unterschiedlicher Meldungen und bezüglich der Situation in Oberbayern heißt es dort: »Die E.-W. [Einwohnerwehr] Oberbayerns ist sich mit dem vernünftigen Teil der Bevölkerung einig, daß nur durch ordnungsgemäße Fortführung der Arbeit, die nicht durch Putsche und Streiks beschwert wird, die Lebensbedingungen gegeben sind, die uns über die wirtschaftlich und politisch kritische Zeit hinweghelfen.«

In den Meldungen »Aus Stadt und Land« spielt der Putsch dann wieder keine Rolle, was natürlich auch zeigt, dass dieser in der hiesigen Gegend kaum einen Unterstützer hatte. Stattdessen erfahren die Leserinnen und Leser der Zeitung, dass laut dem endgültigen Ergebnis der Volkszählung vom 8. Oktober 1919 die Stadt Traunstein 8544 Einwohner hatte, 3881 männliche und 4663 weibliche – auch an diesen Zahlen sieht man noch die Auswirkungen des Krieges. Grabenstätt kündigte für Josefi »ein paar Feierstunden« an »wie in der guten, alten Zeit« und in Ruhpolding sollte durch eine Versammlung am kommenden Tag »die Frage der Versorgung mit elektrischer Energie durch ein Großwerk endgiltig (sic!) entschieden werden«.

Was in der Traunsteiner Presse nicht erschien,war natürlich das,was sich hinter den politischen Kulissen tat: Zwar wollte die Führung der Einwohnerwehren grundsätzlich Ruhe bewahren, aber zugleich drängte sie darauf, durch die Verkündung des Ausnahmezustandes die vollziehende Gewalt in die Hände des Militärs zu übertragen und insbesondere der Infanterieführer Franz von Epp (1868-1947) führte Gespräche mit der Einwohnerwehr-Führung, um eine härtere Linie durchzusetzen. Auch die Führung der Landespolizei, der Münchner Polizei und Regierungspräsident von Oberbayern, Gustav Ritter von Kahr (Bayerische Volkspartei, 1862-1934), schlossen sich diesem Kurs an. General von Möhl, Divisionskommandeur der Einwohnerwehren, hatte sich lange gegen den Ausnahmezustand gesträubt, gab seinen Widerstand aber auf, als die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) und die Kommunistische Partei (KPD) eine Protestversammlung gegen den Putsch im Zirkus Krone veranstalten wollten, gegen die eine Gegendemonstrationen auf die Beine gestellt wurde.(2)

Was dann geschah, liest sich im Traunsteiner Wochenblatt so:

»Der Rücktritt der Münchner Regierung ist das Werk von Offizieren, die sich in einer Versammlung am Samstag gegen die Regierung aussprachen und am Sonntag früh dem Minister Endres erklärten, daß sie die Regierung nicht mehr unterstützten und die Sicherheit der Minister nicht mehr gewährleisten würden. Abordnungen eintreffender Truppenteile verlangten die Übertragung der vollziehenden Gewalt an General Möhl. Der Ministerrat stimmte gegen die Stimmen des Ministerpräsidenten Hoffmann dem Vorschlage zu. Dieser ist aus dem Kabinett ausgeschieden. Die weitere Folge war die Erklärung des Generalstreikes in München durch die Gewerkschaften, Betriebsräte und sozialistischen Parteien.«(3)

Die Offiziere, die den Rücktritt der Regierung, welcher bereits am 14. März erfolgte, ins Werk setzten, waren General von Möhl, Ritter von Kahr und die Führer der Einwohnerwehren. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Johannes Hoffmann hatte sich zunächst dagegen gewehrt, die Exekutive an Möhl zu geben und wollte, dass diese in der Hand des politisch verantwortlichen Innenministers, Fritz Endres (SPD, 1877-1963), bleibe, aber letztlich gab er auf, da der Druck zu groß geworden war und der Rückhalt im Ministerrat fehlte.

Das Traunsteiner Wochenblatt informierte seine Leserinnen und Leser natürlich auch darüber, wie es dann in München weiterging: »München, 16. März abends: Der bayerische Landtag hat in seiner Sondersitzung heute nachmittag (sic!) den bisherigen Regierungspräsidenten von Oberbayern, von Kahr, mit 92 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. – 42 Zettel waren unbeschrieben.«

Unter »Neueste Meldungen« findet man dann auch noch die Nachricht: »Aufgrund der im Reichstage geführten Verhandlungen sind Kapp und Lüttwitz, letzterer nach längerem Schwanken bedingungslos zurückgetreten.« Eine Kurzmeldung über das unspektakuläre Ende des Putsches, welcher auf Reichsebene gescheitert war, in Bayern aber einen Regierungswechsel herbeigeführt hatte, welcher ein deutlicher Ruck nach rechts war. Die »Ordnungszelle Bayern« wurde von nun an das Sammelbecken für reaktionäre Politiker, die die Monarchie wiederherstellen wollten.

Der Putsch und die Streiks, auch der bei der Eisenbahn hatten Traunstein letztlich kaum tangiert und unter der Rubrik »Aus Land und Stadt« findet sich am 17. März 1920 dann auch nur eineMeldung, die das Thema aufgreift:

»Mehr wie in ruhigen Zeiten ist eine täglich erscheinende Zeitung zum allgemeinen Bedürfnis geworden. Das ,Traunst. Wochenbl' hat sich auch diesesmal (sic!) wieder als ein Blatt der Ordnung erwiesen, das unbeirrt von Putschströmungen für einen besonnenen Fortschritt und Aufbau eintritt. Wer sich eine zuverlässige Berichterstattung sichern will, bestelle das Trst. W. Es kostet nicht einmal 10 Pfg. im (sic!) Tag.«

Jedoch mussten die Traunsteiner dann am Freitag und Samstag ohne ihre Zeitung auskommen, erst am Montag, 22. März 1920 gab es wieder eine Ausgabe, denn ein Buchdruckerstreik hatte das Erscheinen verhindert. Die Redaktion schrieb diesbezüglich:

»Wir wissen, wie sehr gerade in diesen unruhevollen Zeiten unsere Leser die Zeitung vermißt haben, wir können deshalb auch begreiflich finden, daß die Leser wegen der Störung ungehalten waren. Sie dürfen jedoch überzeugt sein, daß wir diesen unverschuldeten Ausfall unter Einsetzung aller Kräfte nachholen und die Zeitung so reichhaltig wie möglich gestalten werden. An dieses Versprechen schließen wir den Wunsch, daß unserem Vaterlande so schwere wirtschaftliche Schädigungen, wie sie die jüngste Zeit brachte, in Zukunft erspart blieben.«(4)

Schwere Zeiten also auch vor 100 Jahren und die blieben nicht nur auf das Jahr 1920 beschränkt.

 

Stefan Schuch

 

Anmerkungen:

1) Traunsteiner Wochenblatt, Dienstag 16. März 1920, 66. Jahrgang, Nr. 63, S. 1

2) Bruno Thoß, Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920, publiziert am 11.09.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikonbayerns.de/Lexikon/Kapp-Lüttwitz-Putsch,_1920> (07.04.2020)

3) Traunsteiner Wochenblatt, Mittwoch 17. März 1920, 66. Jahrgang, Nr. 64, S. 1

4) Traunsteiner Wochenblatt, Mittwoch 17. März 1920, 66. Jahrgang, Nr. 66, S. 2

24/2020

Einstellungen