Jahrgang 2020 Nummer 23

Keine Unterstützung für die Verschwörer in Berlin

Kapp-Putsch vor 100 Jahren blieb ohne Echo in Traunstein – Teil I

Berlin war weit weg – und damit auch der Kapp-Putsch: In Traunstein blieb alles ruhig. (Fotos: Stadtarchiv)
Traunstein stand an den Tagen des Kapp-Putsches nicht im Brennpunkt der Einwohnerwehren, die sich die Aufrechterhaltung der Ruhe und die Ordnung der Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten. In der Stadt gab es keinen Versuch, den Lauf der Dinge zu stören.
In überschaubaren Grenzen hielt sich die Stadt Traunstein im Jahr 1920.

Berlin war fünf Tage lang in Aufruhr. Vom 13. bis 17. März 1920 lag die Stadt in der Hand von Putschisten, hohe Militärs waren mit ihren Truppen einmarschiert. Das Ziel der Verschwörer war die Beseitigung der Weimarer Republik. Der noch jungen Demokratie drohte Gefahr – und zwar von rechts. Die meuternden Truppen proklamierten Wolfgang Kapp am 13. März zum Reichskanzler. Doch lange konnte er sich nicht halten, am 17. März floh er nach Schweden. Vor 100 Jahren war Berlin in Aufruhr – in Traunstein blieb alles ruhig. Der Kapp-Putsch fand kaum einen Unterstützer.

Schon seit Sommer 1919 hatten sich reaktionäre rechte Militärs zusammengefunden, welche bereit waren, gegen die Republik vorzugehen. Federführend waren hierbei der ehemalige Generallandschaftsdirektor von Ostpreußen Wolfgang Kapp (1858 bis 1922) und General Erich Ludendorff (1865 bis 1937). Unter Kapps Führung wurde die »Nationale Vereinigung« gegründet, welche rechte Politiker und Verbandsführer, politisierende Offiziere und Rechtspublizisten über die Parteien hinweg versammelte mit dem Ziel, eine »Einheitsfront aller Nationalgesinnten« von den Deutschnationalen bis zu den Freikorps zu schaffen.(1)

Die Vorgabe des Versailler Vertrags, das Heer auf 100 000 Mann zu verkleinern, bedeutete für die meisten Offiziere und Freikorpssoldaten den Verlust ihres Berufes, Arbeitslosigkeit und gar die Minderung des sozialen Ansehens. Seit der Revolution im November war im Deutschen Reich immer wieder einmal der Ausnahmezustand verhängt worden, wodurch das Militär innenpolitisch stark an Bedeutung gewonnen hatte, diente es doch der inneren Sicherheit. 400 000 Mann gehörten im Sommer 1919 noch der Reichswehr an, im April sollten es laut den Friedensvertragsbestimmungen nur mehr 200 000 und im Juli 100 000 sein, eine Schrumpfung, die nicht nur bei den Betroffenen zu Widerstand führte, sondern auch von der Reichsregierung kritisch gesehen wurde.(2)

Einen militärischen Rückhalt bekam die »Nationale Vereinigung«, als das baltische Freikorps, die ursprünglich bayerische »Eiserne Schar«, welche eine Auflösung ablehnte und deswegen ins Baltikum ausgewichen war, Ende 1919 auf Druck der Regierung in das Reich zurückkam. Die »Baltikumer« hatten einen »besonderen Haß auf die Republik und die Regierung, von der sie sich um den Lohn für ihren Einsatz betrogen glaubten«. Und »waren daher leicht für einen Umsturzversuch zu mißbrauchen«.(3) Über Hauptmann Rudolf Berthold (1891 bis 1920), den Führer der »Eisernen Schar«, und seine Offiziere hatte die »Nationale Vereinigung« nun auch eine gute Verbindung zur bayerischen Rechten. Zudem konnte man auch auf die Unterstützung von General Walther Freiherr von Lüttwitz (1859 bis 1942) zählen, dem Kommandeur des Gruppenkommandos 1 der Reichswehr, der sich dem alliierten Abrüstungsverlangen ganz offen widersetzte.

Dieser war es dann auch, der – als von der Führung der Reichswehr die Auflösung der Marinebrigade 2 befohlen wurde – den Gehorsam verweigerte und in Absprache mit Kapp und dem Brigadekapitän Ehrhardt mit seiner Truppe in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 nach Berlin marschierte.(4) Reichswehrminister Noske wollte ein militärisches Vorgehen gegen die Aufständischen, jedoch lehnte der Chef der Truppen General Hans von Seeckt ein solches ab, da Reichswehr nicht auf Reichswehr schieße. Das führte dazu, dass dieRegierung zuerst nach Dresden, dann nach Stuttgart floh, um sich dem Zugriff der Putschisten zu entziehen.

Da der 13. März, der Tag des Putsches, ein Samstag war, erfuhren die Leser des Traunsteiner-Wochenblatts erstamMontag, dem15. März, dass ein »Putsch von rechts« in Berlin stattgefunden hatte. In der Berichterstattung auf Seite eins heißt es:

»Am Freitag, 12. März wurde eine amtliche Mitteilung in Umlauf gesetzt, daß rechtsradikale Kreise den Umsturz der Regierung betreiben […].

Die reaktionären Umtriebe gingen von den Heeresabwicklungsstellen der alten Armeekorps aus, von Leuten, besonders Offizieren, die infolge der Revolution materielle Einbußen erlitten haben. […] Die Wortführer haben den von ihnen aufgereizten Leuten vorgeredet, es handle sich um keine Gegenrevolution und keinen monarchischen Putsch, sondern ›nur‹ um die Erzwingung der Besetzung der Ministerien mit ›Fachleuten‹, ein Schlagwort, mit dem in letzter Zeit […] viel gearbeitet worden ist.

Am Samstag, den 13. März, halb 5 Uhr früh rückten die aufständischen Truppen in Berlin ein […].

Im Gegensatz zu der spartakistischen Bewegung im Vorjahre, die militärisch wenig organisiert war, steht man hier einer erstklassigen militärischen Vorbereitung gegenüber.

Die Marinebrigade Ehrhardt, von der die Bewegung jedenfalls ausgeht, setzt sich zum größten Teil aus Baltikumtruppen zusammen. Sie hat wiederholt unlieb von sich reden gemacht; sie sollte aufgelöst und teilweise in die Reichswehr überführt werden.

Der Einzug der Marinebrigade Ehrhardt erfolgte ohne Zwischenfall mit schwarz-weiß-roten Fahnen.Die Regierung Bauer hatte die Truppen zurückgezogen, nachdem es Reichswehr und Sicherheitspolizei abgelehnt hatten, den gegenrevolutionären Truppen mit der Waffe entgegenzutreten.

Gerüchteweise verlautet, dass sich die verfassungsmäßige Regierung nach Weimar begibt, um von dort aus die Geschäfte weiter zuleiten. Die Regierung Bauer glaubt, an den dem General Merker unterstellten Truppen einen Rückhalt zu haben.«

Gleich an diesen Bericht anschließend folgt ein Aufruf der bayerischen Regierung:

»An das bayerische Volk! In Berlin versuchen einzelne Truppenkörper die durch den freien Willen des deutschen Volkes eingesetzte Reichsregierung und gewählte Nationalversammlung mit Waffengewalt zu beseitigen.

Ein solches Treiben muss in einem Augenblick, in dem unser deutsches Vaterland durch Arbeit und wiedergewonnenes Vertrauen sich wirtschaftlich zu erholen beginnt, zum Kampf aller gegen alle und schließlich zum Untergang Deutschlands führen.

Nur ein Wahnsinniger kann glauben, daß neuerliche Putsche von irgendeiner Seite den Wiederaufstieg und die Gesundung unseres schwerleidenden Volkes herbeiführen könnten.

Wir in Bayern halten fest an der vom Volk selbst beschlossenen Verfassung. Auf ihrem Boden allein können die politischen Kämpfe ohne neuerliche schwerste Erschütterung unseres Landes zum Austrag gebracht werden. Wir rufen in diesem Augenblick unser gesamtes bayrisches Volk unter Zurückstellung alles Trennenden auf, sich mit aller Entschiedenheit geschlossen gegen ein Übergreifen der in Berlin unternommenen Versuche auf Bayern zuwenden und einmütig sich auf den Boden der Reichs- und Landesverfassung zustellen.

Regierung, Landtag und bayerisches Reichswehrgruppenkommando sind mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entschlossen, unserem bayerischen Volke Ruhe und Ordnung zu halten. Zur Arbeitsniederlegung besteht in Bayern kein Anlass!«

Und auch eine gemeinsame Erklärung der süddeutschen Regierungen, die sich zur verfassungsmäßigen Reichsregierung bekennen, findet sich auf der ersten Seite der Zeitung, ebenso wie das Statement der Regierung Bauer, die zunächst nach Dresden ausgewichen war. In diesem heißt es:

»Durch einen wahnwitzigen Handstreich sind die Regierungsgebäude in Berlin in die Hand von Aufrühren gelangt. Keine politische Partei, kein Mann von besonnener Denkungsart steht hinter diesen Vorgängen. Nachdem sich die in Döberitz Einquartierten zur Entlassung bestimmten Truppen namentlich die aus dem Baltikum hinter diesen Akt der Tollheit gestellt haben, hat die Regierung, um ein Blutbad zu vermeiden, und das Leben der an Zahl geringeren in Berlin befindlichen regulären Truppen zu schonen, Berlin verlassen. Blut ist seit 1914 genug geflossen und das Abenteuer wird in einigen Tagen seiner inneren Unmöglichkeit wegen zusammenfallen. Die Regierung hat ihren Sitz nach Dresden verlegt. […]

Die Auflösung der Nationalversammlung ist verfassungswidrig. Der Präsident der Nationalversammlung wird ersucht, die Nationalversammlung alsbald wieder einzuberufen. Nur eine auf die Verfassung begründete Regierung vermag Deutschland davor zu bewahren, dass es in Nacht und Blut versinkt. Wenn Deutschland von einem Putsche zum anderen geführt wird, so ist es verloren. Eine auf einem Gewaltakt beruhende Regierung entbehrt jeder Autorität im In- und Ausland. Das Volk wird verhungern, wenn neue Wirren die Wirtschaft und den Verkehr unterbinden, Das Vertrauen des Auslandes, daß sich nur eine verfassungsmäßige Regierung erwirbt, wird untergraben. Ungeheure Gefahren nach innen und nach außen stehen bevor, wenn das Volk die Besonnenheit verliert. Deutsches Volk! Schare dich um deine verfassungsgemäße Regierung!«(5)

Das war ein Appell an das, was wir heute Verfassungspatriotismus nennen, damals noch etwas völlig Neues und dem Begriff nach unbekannt, jedoch stieß dieser Aufruf auf Widerhall, denn die Putschisten bekamen aus der Bevölkerung kaum Unterstützung, wie der Ausgang des Staatsstreiches dann auch zeigt.

Bleiben wir aber zunächst noch etwas bei den Meldungen aus dem Traunsteiner Wochenblatt. Unmittelbar im Anschluss an die Verlautbarung der Regierung finden wir einen »Aufruf an die Einwohnerwehren Oberbayerns« – die ja auch von der Auflösungsanordnung des Versailler Vertrags betroffen waren:

»Die Lage in Oberbayern hat zum Aufruf der Einwohnerwehren noch keine Veranlassung gegeben. Ihr Programm ist: Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung der Arbeit. Wo derVersuch unternommen wird, den ruhigen Fortgang der Arbeit zu stören, wird die Einwohnerwehr zum Schutze der Arbeit aufgeboten. Wenn die Streikbewegung in München an Ausdehnung zunimmt, werden sich die Einwohnerwehren Oberbayern zusammenschließen, um ein Übergreifen der Bewegung mit Nachdruck zu bekämpfen.«

Unter der Rubrik »Zur Lage« fanden die Leser Kurzmeldungen aus dem ganzen Reich, in denen es vor allem umReaktionen auf den Putsch ging. Aber in den Regionalmeldungen unter der Überschrift »Aus Stadt und Land« spielten die Berliner Putschisten keine Rolle. Hier wurde hingegen vermeldet, dass die Maulund Klauenseuche in Erlstätt erloschen ist und ein Bauerssohn aus Hart aus 43-monatiger französischer Kriegsgefangenschaft »glücklich und gesund« heimgekehrt ist.

 

Stefan Schuch

 

Anmerkungen:

1) Bruno Thoß, Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920, publiziert am 11.9.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikonbayerns.de/Lexikon/Kapp-Lüttwitz-Putsch,_1920> (7.3.2020)

2) Büttner, Ursula: Weimar, S.137f.

3) Büttner, Ursula: Weimar, S.138

4) Bruno Thoß, Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920, publiziert am 11.9.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikonbayerns.de/Lexikon/Kapp-Lüttwitz-Putsch,_1920> (7.3.2020)

5) Traunsteiner Wochenblatt, Montag, 15. März 1920, 66. Jahrgang, Nr. 62, S. 1-2.

(Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 24 vom 13. 6. 2020)

 

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