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Jahrgang 2004 Nummer 50

Kein Weihrauch, aber Wunderkerzen

Weihnachten im Wandel: Ausstellung im Münchner Stadtmuseum

Der rechtschaffene Münchner Franz Sales Utz war Beamter. Geboren noch im Biedermeier, starb er 1909. Er soll ein »eifriger Krippenschauer« gewesen sein. Als älterer Herr, wohl bereits Pensionist, stellte er die Münchner Kirchen- und Hauskrippen zusammen. »Einige Engel standen da neben der Krippe«, notierte Utz. »Und oberhalb des Stalles befand sich das sogenannte Gloria, ein Wolkenkranz, in welchem sich kleine Engel oder geflügelte Engelköpfchen befanden, in der Mitte meist ein größerer Engel mit einer Girlande. Das Ganze stellte die Freude der Engel dar, welche sie über die Geburt Christi hatten, indes sie das Gloria in excelsis Deo sangen ...«

Die Weihnachts-Ausstellung des Münchner Stadtmuseums (Abteilung: Modemuseum, Direktor: Andreas Ley) ist alles andere als eine »Kripperlschau«. Eine einzige von insgesamt acht Wand-Vitrinen weist auf das Aufstellen einer Weihnachtskrippe in Münchner Bürgerhäusern hin. Bei einer duftigen Engelgruppe mit Gottvater und dem Heiligen Geist als Taube in himmlischem Gewölk, einem früher so bezeichneten Krippengloria des 18. Jahrhunderts beließ man es auch schon und grub dazu die kleine Geschichte von Franz Sales Utz aus. Doch konnte man wohl nicht umhin, ein paar Krippenfiguren aus dem Haus des Münchner Professors Carl Dietl (1855-1939) zu stellen, die, wie ihr Schnitzer angibt, von dessen Gattin Johanna in den Jahren zwischen 1906 und 1917 gefertigt worden sind. Kaum vorstellbar: 483 Figuren umfasste die Dietl’sche Weihnachtskrippe ...! In eben dieser Vitrine: ein stehendes hölzernes Jesuskind im Prunkgewand, dem Prager Kindl ähnlich, aus einem Münchner Bürgerhaus. Dazu etwas ganz Seltenes: das handgemalte und -geschriebene Gebetbuch der Familie Ebenböck mit Hinweisen auf »Krippenschauen und Christkindl«. Das Buch ist aufgeschlagen und zeigt eine Seite mit einer Farbskizze der in Volkskunde-Kreisen hoch gerühmten »Wachsschwester« M. Donatilla von Eckhard aus dem Jahr 1950. Als Beistellfiguren eines in Gold getauchten stehenden Jesuskindleins vor einem brennenden Christbaum wählte die Malerin zwei Bustelli-Figuren – als ob sie es geahnt hätte, dass dem Porzellanbildhauer Franz Anton Bustelli die diesjährige Weihnachtsausstellung des Bayerischen Nationalmuseums gewidmet würde.

Ulrike Zischka (Volkskunde-Abteilung) und Andreas Ley betonen, dass man bewusst auf Weihrauch und Zuckerguss in dieser kleinen Präsentation adventlicher und weihnachtlicher Objekte des städtischen Alltags aus etwa 200 Jahren verzichtet habe. Die bescheidene Auswahl aus den eigenen Museumsbeständen will zwar an die ursprüngliche Bedeutung, altes Brauchtum und die historischen Anfänge der weihnachtlichen Feierlichkeiten nicht ganz verzichten. Doch rückte man eher die Gegenstände in den Mittelpunkt, die den Wandel des Weihnachtsfestes innerhalb einer Zeit, die durch Industrialisierung, Ende der Monarchien, Rückgang des ausschließlich religiösen Bezugs, zweier Weltkriege und deren Notzeiten bis hin zu Wiederaufbau und Wohlstandsgewinnung in den 1950er und -60er Jahren gekennzeichnet ist. Daher der Titel »Fast wie Weihnachten ...« Daher auch das zunächst befremdende Plakat, das so ganz und gar nicht auf süße Glockenklänge und duftende Lebkuchen erinnert, sondern die Ziffer 24 in aufgelöster Form zeigt (wenn diese überhaupt als solche erkennbar ist).

Man lasse sich davon nicht abbringen, die Ausstellung zu besuchen! Vieles findet man hier in bewusst strenger, sparsamer Auswahl. Die Christbäume sind zwar grün, aber kantig und stilisiert. Nikolaus schreitet gesichtslos daher, als bereits amerikanisierter Weihnachtsmann, von ihm ist nur ein rotes Ornat zu sehen, das zur Weihnachtsfeier in einem Münchner Architekturbüro nach einem Entwurf von Jutta Kriewitz aus dem Jahre 2003 benutzt wurde. Armut- und Notsituationen sind nicht ausgeklammert. Auch nicht die Weihnacht im Feld. Das Modemuseum kann hier mit seinen Beständen glänzen: Anhand von Kleidung für Kinder und Erwachsene kann der Wandel der Weihnacht deutlich gemacht werden. »Man denke nur an die 1940er Jahre«, heißt es bei den Kuratoren. »Auch diese weihnachtlichen Erinnerungsstücke an dürftige Zeiten, vertreten etwa mit einem Bagger, aus amerikanischen Blechdosen gefertigt, oder mit dem Hasenfellmantel, dem heißesten Wunsch der 1940er Kriegs- und Nachkriegskinder, liegen auf dem Gabentisch der Ausstellung.«

Dennoch fehlt nicht, was für viele Menschen Weihnachten und das Warten auf das Christkind auch heute noch, in einer durchwegs profanierten und den kirchlich-religiösen Bezügen abgewandten Epoche ausmacht: Wunderkerzen und Christbaumschmuck, Adventskalender und Leuchterengel, Nussknacker und Puppenstube, Kakelorum und Märchenbuch, Wachskerzen und Gabenbringer. Wenig ausgesuchtes Kinderspielzeug aus den begüterten wie aus den minderbemittelten Münchner Haushalten lässt die Gedanken zurückwandern an manche selbst erlebte Kindheit, als noch nicht kurz nach Allerheiligen der Weihnachtsrummel mit elektrischen Lichterketten und zu Nikoläusen »umfunktionierten« Schoko-Osterhäschen begann. Gewiss, auch in kargen Zeiten – das zeigt die kleine Ausstellung an vielen Beispielen – ließ man es sich, gerade an Weihnachten, etwas kosten, dekorierte man die Wohnung festlich, schmücke man die Schaufenster aufwändig, ließ man, was allein etwa die Weihnachtspost oder den Tannenbaum als Zentrum des Familienfestes und der Bescherung betraf, Phantasie und Geldbeutel »sprießen«.

Und wer es sich leisten konnte, der holte das (in einer eigenen Vitrine prangende) hauseigene Augustinerkindl im prachtvollen Rokokoschrein, dem echten Gnadenbild aus der Münchner Bürgersaalkirche, hervor und stellte es im wohlig geheizten Salon oder ewig kalten guten Zimmer auf eine Kommode aus Kirschholz, umgab es mit Tannengrün, das mit Lametta und künstlichen Eiszapfen behängt war, um davor Weihnachtslieder anzustimmen und – bis Mariä Lichtmess am 2. Februar – aus der Bibel zu lesen. Wie einst in »guten alten Tagen«, als die Welt noch in Ordnung zu sein schien. Auf alten Grafiken kann man sich den von Kindern bevölkerten Zauber der Biedermeier-Weihnacht, schon mit den beginnenden Profanisierungen etwa des Sankt Nikolaus aus »Winter« bei Moritz von Schwindt, ins Gedächtnis holen. Ein Eisenklotz, wer da nicht feuchte Augen kriegt und nicht gleich auf den Viktualienmarkt geht, um frische Mistelzweige, rote Bänder und, für das Enkelkind, einen bunten Kreisel zu erstehen.

Die Ausstellung des Münchner Stadtmuseums (St.-Jakobs-Platz 1, U-/S-Bahn Marienplatz Telefon 089/233-22370) »Fast wie Weihnachten – Kleider, Spielzeug, Christbaumschmuck« ist bis 30. Januar 2005 täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr zu besichtigen. An Heiligabend und Silvester geschlossen.

HG



50/2004