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Jahrgang 2012 Nummer 33

Kaiserin »Sissi« und Königin Marie in Traunstein

Grund war die heimliche Schwangerschaft der jüngeren Schwester

>Marie von Neapel, geborene Herzogin in Bayern
Kaiserin Sissi in einer Aufnahme aus dem »Krisenjahr« 1862.
Im Oktober 1862 logierten Sissi und Marie für einige Tage im Hotel Wispauer (Gebäude mit den weißen Jalousien) am Stadtplatz in Traunstein.
Marie-Louise Larisch war als gute Reiterin oft mit ihrer Tante, Kaiserin Sissi unterwegs. Sie plaudert in ihren Memoiren das Geheimnis um Maries uneheliches Kind aus.

So hochherrschaftliche Gäste hat Traunstein nicht oft beherbergt: Als sich die österreichische Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als »Sissi« und ihre Schwester Marie, Königin von Neapel, im Oktober 1862 überraschend im Hotel Wispauer am Stadtplatz einquartierten, fand das in der bayerischen Presse entsprechend große Aufmerksamkeit: »Im Augenblicke befinden sich I.M. die Kaiserin Elisabeth von Österreich und I.M. die Königin Marie von Neapel in hiesiger Stadt. Während I.M. die Königin von Neapel bereits am Mittwoch den 1. d. M. Nachmittags 3 Uhr begleitet von Ihrem Durchl. Bruder dem Herzog Ludwig von Bayern hier eingetroffen – und von der am 2. d. M. in der Mittagsstunde unternommenen Reise nach Altötting heute früh gegen 5 Uhr hierher zurückgekehrt war – trafen I.M. die Kaiserin von Österreich heute gegen halb 5 Uhr Abends mit einem Extrazuge, von Ischl kommend, dahier ein. Beide Majestäten bewohnen den seit Jahren rühmlichst bekannten Wispaur’schen Gasthof. Bei der Ankunft der Königin von Neapel hatte sich fast die gesamte Bevölkerung unseres Städtchens auf dem Bahnhofe eingefunden und die Heldin von Gaeta mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Auch heute war der Bahnhof, ungeachtet die Ankunft Ihrer Maj. der Kaiserin erst später bekannt wurde, sehr zahlreich besucht und war Jedermann über das blühende Aussehen der hohen Frau innigst erfreut. Wie lange der Aufenthalt Ihrer Majestäten währen wird, ist bis jetzt nicht bekannt, doch dürfte die Abreise vor übermorgen kaum erfolgen.«

So interessiert die Herren Reporter den Besuch der zwei Schwestern auch beobachteten und in den Gazetten vermeldeten, eines sollte ihnen und der Leserschaft aber verwehrt bleiben: Die Hintergründe für die Zusammenkunft in Traunstein. Sissi und Marie haben sich hier nicht etwa getroffen, um ein bisschen auszuspannen und den neuesten Hofklatsch durchzukauen; ganz im Gegenteil: Die beiden Frauen sahen sich genötigt, ein Ereignis zu besprechen, das bei Bekanntwerden zu einem unvergleichlichen Skandal geführt hätte. Marie von Neapel war zu dem Zeitpunkt hochschwanger. Allerdings nicht von ihrem Gatten, König Franz II. Der litt nämlich unter Impotenz, weshalb die drei Jahre zuvor geschlossene Ehe der bayerischen Herzogin mit dem Bourbonen-Sprössling nie vollzogen worden war. Marie hätte also keine Chance gehabt, ihr Kind als ehelich unterzujubeln.

Was bei königlichen Herren allenfalls als »Betriebsunfall« gewertet wurde, war für deren Ehefrauen ein absolutes Tabu: Eine verheiratete Frau von Stand, die zweifelsfrei ein Kind von einem anderen Mann bekam, hätte das Ansehen einer noblen Familie regelrecht verschmutzt. Noch dazu in einer Zeit, in der die Throne europäischer Herrscher von Haus aus gehörig wackelten: Marie und Franz von Neapel hatten ja vor kurzem erst selbst ihre kurze Herrschaft aufgeben und im Frühjahr 1861 ins Exil nach Rom fliehen müssen. Wenn jetzt herauskäme, dass die Königin einen Bastard zur Welt bringen würde, wäre die Chance, den Thron wiederzuerobern, gleich Null gewesen. Als einzig mögliche Lösung blieb damit nur noch eine Vertuschung des Skandals. Damit war die Verwandtschaft Maries nun seit Juni 1862 beschäftigt; das Treffen in Traunstein setzte dabei den Schlusspunkt einer ungeheuren Reisewelle, bei der etliche Mitglieder des bayerischen Königs- wie auch des österreichischen Kaiserhauses wie heutige Topmanager von einem »Meeting« zum nächsten hetzten.

Ob man sich in der Öffentlichkeit über die ungewöhnlichen Reiseaktivitäten innerhalb weniger Wochen gewundert hat, ist aus heutiger Sicht schwer abzuschätzen. Dank der mitteilungsfreudigen Presse lassen sich die Wege der hohen Herrschaften in den damaligen Monaten gut verfolgen.

Anfang Juli 1862 meldeten italienische Zeitungen, dass die Königin von Neapel mit ihrer Schwester, der Gräfin Trani, unter strengstem Inkognito Rom verlassen habe, um mit einer spanischen Kriegsfregatte nach Marseille zu segeln. Als Ziel der Reise wurde der Kurort Bad Ems genannt. Am 7. Juli trafen die beiden Frauen in München ein. Fünf Tage später meldete die Neue Augsburger Zeitung, dass die Kaiserin Elisabeth ebenfalls hier angekommen sei, um sich mit ihrer Schwester nach Possenhofen zu begeben. Die Abreise nach Bad Ems sei vorerst verschoben. In den folgenden Tagen glich der Stammsitz der herzoglichen Familie einem Taubenschlag: Neben König Max, dem Bruder Maries Carl Theodor, Schwester Helene von Thurn und Taxis und Schwager Graf Trani aus Neapel traf auch der österreichische Kaiser Franz Josef ein. Grund für dieses spontane Treffen war ein Besuch Maries beim Arzt der herzoglichen Familie während ihres Aufenthalts in München. Doktor Heinrich Fischer hatte dabei festgestellt, dass die Königin ein Kind erwartet. Die verkündete ihrer Familie gleichzeitig, dass sie unter keinen Umständen zu ihrem Mann zurückkehren werde. Marie, so wurde beschlossen, sollte vorerst in Schloss Biederstein am Englischen Garten unterkommen. Anfang August dann die Entscheidung, dass sie, zusammen mit ihrem Bruder Herzog Ludwig, zu einem Kuraufenthalt nach Bad Soden reisen soll. Fünf Wochen später verließ Marie Bad Soden wieder und fuhr nach Augsburg. Von dort, so die Meldungen, werde sie sich nach Passau begeben, um Kaiserin Elisabeth zu treffen. »Die beiden erlauchten Schwestern wollen sich in Passau verabschieden, weil die Königin noch vor Ende dieser Woche von hier nach Rom zurückkehren will.«

Doch Marie dachte gar nicht daran, Bayern zu verlassen. Ob die wittelsbach’sche Verwandtschaft von dieser Kehrtwende überrascht wurde oder tatsächlich geglaubt hat, Marie werde nach der Zusammenkunft mit Sissi Richtung Italien aufbrechen? Die Autorin Brigitte Sokop, die in ihrem Buch »Jene Gräfin Larisch« – von der später noch die Rede sein wird – die Umstände um Maries Schwangerschaft als erste akribisch aufgerollt hat, berichtet, dass im Anschluss an das Treffen der beiden Schwestern in Passau erneut der familiäre »Krisenstab« tagte. Vater Herzog Max und Schwester Helene reisten nach Wien, um noch einmal mit Sissi zu beratschlagen. Das Ergebnis: die Kaiserin soll noch einmal unter vier Augen mit Marie sprechen. Als Treffpunkt wurde Traunstein vereinbart.

Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, hat in Wirklichkeit einen guten Grund, denn seit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke München - Salzburg 1861 war Traunstein sowohl von Österreich wie auch von München aus ein gut zu erreichender Ort. Um misstrauische Seelen zu beruhigen – und vielleicht auf ein kleines Wunder zur Lösung ihrer Probleme zu hoffen, begab sich Marie vorher in Begleitung ihres Bruders Ludwig auf Wallfahrt nach Altötting: Bis Traunstein wurde dazu die Eisenbahn benutzt, dort stiegen die beiden – für hohe Herrschaften sehr ungewöhnlich – in eine Postkutsche um. Begleitet wurde die Königin dabei von einem Graf Antimo aus ihrem Hofstaat sowie der Kammerzofe Marietta, die ein Leben lang treu bei ihrer Herrin bleiben sollte. Sie hat von der Schwangerschaft ganz sicher gewusst, denn ihre Hauptaufgabe bestand ja darin, ihre Herrin an- und auszukleiden. Die Zofe scheint aber »dicht« gehalten zu haben, denn eine Schwangerschaft ist in keiner der vielen Zeitungen ein Thema. Für Marie war dies nicht die erste Situation, in der sie einen Skandal fürchten muss. In der Zeit ihres Exils in Rom war die junge Königin schon mehrmals zur Zielscheibe unangenehmer Gerüchte geworden. Den Höhepunkt bildete dabei die Veröffentlichung von vermeintlichen Nacktaufnahmen Maries. Ein Fotograf hatte dazu seine eigene Frau vollkommen hüllenlos fotografiert, um anschließend den Kopf der Königin auf die Aufnahmen zu montieren. Die gefälschten Fotos sind zwar aus heutiger Sicht äußerst dilettantisch gemacht und schnell als Fälschung zu erkennen, sie sorgten aber trotzdem für den ersten Fotoskandal in der Geschichte, denn die Urheber verschickten anonym Abzüge an etliche Herrscherhäuser in Europa und sorgten so für eine rasche Verbreitung der anzüglichen Aufnahmen. Als Auftraggeber wurden revolutionäre Kreise vermutet, die Drahtzieher der Affäre konnten jedoch nie ermittelt werden.

An anderen Gerüchten war die junge Monarchin dann allerdings selbst schuld, denn sie nahm sich während ihres Exils in Rom Freiheiten heraus, die gegen jede Form der damaligen Etikette verstießen: Sie rauchte in aller Öffentlichkeit Zigarillos und kutschierte ungeniert in Begleitung eines schmucken Leibwächters aus der päpstlichen Garde durch Rom. Dabei soll es sich um einen gewissen Armand de Lavayss gehandelt haben, einen attraktiven belgischen Adeligen. Dass der sich offenbar nicht darauf beschränkte, die Majestät vor Unheil zu beschützen, sondern ein Verhältnis mit ihr anfing, wurde unter vorgehaltener Hand in Rom schon vor Maries Flucht kolportiert. Von einer möglichen Schwangerschaft wurde aber nichts gemunkelt.

Als sich Elisabeth am 4. Oktober 1862 in Traunstein mit Marie traf, war sie mittlerweile im 8. Monat. Es gilt also zu handeln. Doch wie sollte es nach der Entbindung weitergehen? Das Kind heimlich zur Welt zu bringen, war das eine. Die Königin dazu zu bewegen, sich anschließend wieder ihrer »Pflichten« zu erinnern, dagegen ein weit größerer Brocken, an dem sich bisher alle eingeschalteten Verwandten die Zähne ausgebissen hatten. Wahrscheinlich hatte man in diesem Punkt besonders auf die Überredungskunst der österreichischen Kaiserin gesetzt, denn die »verabschiedete« sich selbst in zunehmenden Maße vom Wiener Hof, um auf ausgedehnte Reisen zu gehen – allerdings nie mit der Absicht, den Kaiser auf immer zu verlassen.

Das hätte für Sissi nämlich nicht nur den gesellschaftlichen Ruin zur Folge gehabt; auch ihre kostspieligen Reisen wären dann sicher nicht mehr möglich gewesen. Wie Brigitte Sokop berichtet, hätten sich allein die Kosten für die außertourlichen Reisen Sissis im Zusammenhang mit Maries Aufenthalt in Bayern im Sommer und Herbst 1862 auf über eine halbe Million Gulden belaufen.

Zum Aufenthalt in Traunstein wurde berichtet, dass Marie dort ihren Hofstaat entlassen und nur die Zofe Mariette bei sich behalten habe. Außerdem hätten die beiden Frauen das Hotel Wispauer nur einmal verlassen, um in die nahegelegene Kirche zu gehen. Drei Nächte blieben Sissi und Marie dort, dann begab sich die Hochschwangere direkt nach Augsburg ins Kloster St. Ursula. Diverse Zeitungen wollten wissen, dass der Grund ein »Brustleiden« sei, das sich auch durch den Kuraufenthalt in Bad Soden nicht entscheidend gebessert hätte. Die Königin habe in den letzten Wochen einen sehr leidenden Eindruck gemacht und wolle jetzt in aller Stille wieder zu Kräften kommen, heißt es.

Diese Stille bezog sich offenbar aber nicht auf die bayerische Verwandtschaft, denn regelmäßig wird berichtet, das Königspaar sowie Eltern und Geschwister der hohen Frau hätten die Kranke im Kloster besucht. Auch ein Arzt hielt sich – mit einer kirchlichen Sondererlaubnis – fortwährend in Maries Nähe auf.

Am 24. November soll die Königin dann von einem Mädchen entbunden worden sein. Dieses sei sofort getauft und zu Pflegeeltern gegeben worden. In der Öffentlichkeit wurde zu der Zeit kolportiert, Marie habe sich entschlossen, für immer im Kloster zu bleiben. Anfang Januar dann der »plötzliche« Umschwung: Nach einem Besuch des bayerischen Herrscherpaares Max und Marie war die junge Frau aber plötzlich bereit, die Klostermauern gegen Schloss Biederstein zu vertauschen. Sokop sieht hier einen Zusammenhang mit der Schwangerschaft: Nach sechs Wochen sei damals die Erholungsphase einer Frau der Gesellschaft offiziell beendet gewesen. Wieder vier Wochen später wurde bekannt gegeben, dass die Königin von Neapel Anfang April nach Rom zu ihrem Mann, König Franz II., zurückkehren werde. Am 14. April 1863 war die mehr als ein dreiviertel Jahr dauernde »Flucht« Maries damit offiziell beendet. In der folgenden Zeit versöhnten sich die Eheleute zumindest nach außen hin und mit einer Verspätung von mehreren Jahren wurde auch ihre Ehe vollzogen, nachdem Franz sich einer Operation unterzogen hatte. Sieben Jahre nach der ersten, heimlichen Geburt brachte Marie Ende 1869 erneut ein Mädchen zur Welt, Maria Christina Pia. Die Kleine sollte jedoch nur drei Monate leben. Vielleicht wäre die heimliche Geburt in Augsburg für immer in den Tiefen der Geschichte verschwunden; hätte nicht ausgerechnet eine Verwandte Sissis und Maries – jene Gräfin Larisch – Anfang des 19. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass der Klatsch um die Königin von Neapel wieder auflebte. Marie-Louise Larisch hieß mit ihrem Mädchennamen Wallersee und war die 1858 unehelich geborene Tochter von Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern – einem Bruder von Sissi und Marie. Filmfreunde werden sich sicher an das kleine blonde Mädchen in der Sissi-Trilogie erinnern, das eines Tages im Garten von Schloss Possenhofen auftaucht. Obwohl deren Mutter Henriette Mendel Schauspielerin ist, heiratete Ludwig sie in morganatischer Ehe. Marie-Louise wurde von Jugendjahren an sehr von ihrer Tante Elisabeth protegiert; sie begleitete die Kaiserin dank ihrer Reitkünste oft bei deren Reisen. Die enge Verbindung sollte jedoch ein jähes Ende finden, als sich herausstellte, dass Marie- Louise eine entscheidende Rolle im sogenannten »Mayerling-Drama« spielte, bei dem Elisabeths Sohn, Erzherzog Rudolf, 1889 erst seine jugendliche Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst erschoss. Marie-Louise, die mit dem Grafen Georg Larisch-Moennich verheiratet war, hatte einige Jahre zuvor eine längere Affäre mit dem Onkel Marys, Heinrich Baltazzi, der auch der Vater ihrer Kinder Heinrich und Henriette war.

Marie-Louise befand sich schon damals immer in Geldnöten und pumpte, wenn nötig, auch ihren Cousin Kronprinz Rudolf an. Als dieser die junge Mary Vetsera kennenlernte, musste Marie-Louise als Gegenleistung für seine finanziellen Hilfen Stelldicheins mit dem jungen Mädchen decken. Als nach dem Selbstmord des Kronprinzen nach und nach bekannt wurde, welche Rolle Marie-Louise in der Affäre gespielt hatte, wurde sie vom Hofe verbannt, ohne je Gelegenheit zu haben, die Hintergründe ihrer Rolle erklären zu können. Was folgte, war ein kontinuierlicher gesellschaftlicher Abstieg mit gleichzeitig immer größeren Geldsorgen. Marie-Louise beabsichtigte deshalb, ihr Wissen um königliche Ereignisse und vor allem Geheimnisse zu Geld zu machen. Die erste Veröffentlichung konnte noch von Kaiser Franz Joseph gestoppt werden, der seiner angeheirateten Nichte dafür ein einmaliges Schweigegeld sowie eine monatliche Rente bezahlte; doch kurz vor dem Ersten Weltkrieg war Marie-Louise, nach ihrer Scheidung von Graf Larisch 1894 seit 1897 mit dem Theaterdirektor Georg Brucks verheiratet, trotzdem finanziell am Ende. Dazu gesellten sich noch familiäre Dramen: 1907 starb Tochter Henriette an einer Infektionskrankheit, 1909 erschoss sich der zweitgeborene Sohn Heinrich, als er von Graf Larisch erfuhr, dass nicht er sein Vater sei, sondern Heinrich Baltazzi. Marie-Louise hatte ihre »Memoiren« fatalerweise nicht selbst, sondern mit Hilfe sogenannter »Ghostwriter« verfasst. Als sie sich aufgrund ihrer Vereinbarungen mit dem Kaiserhaus weigerte, die eigentlich vereinbarten Verträge zu erfüllen, nahm ein englischer Verlag ihr im wahrsten Sinn des Wortes das Heft aus der Hand. 1913 erschien ein erstes Buch auf Englisch mit dem Titel »My Past« – meine Vergangenheit«. Dort bleibt das Kapitel um ihre Tante Marie von Neapel allerdings noch unerwähnt. Diese Geschichte kam erst 1934 ans Licht der Öffentlichkeit. In »Ihre Majestät« schilderte Larisch die Vorgänge um die heimliche Geburt im Großen und Ganzen so, wie sie Brigitte Sokop mit Hilfe anderer Quellen für ihr Buch rekonstruieren konnte: Das Kind kam demnach heimlich im Kloster zur Welt und wurde gleich nach der Geburt in Pflege gegeben. Eine Klosterschwester von St. Ursula bestätigte Sokop, dass ganz sicher eine Geburt stattgefunden habe, das sei von Generation zu Generation weitergegeben worden, allerdings ohne schriftliche Aufzeichnungen.

Sehr mysteriös gestaltete sich allerdings die Suche nach Armand Lavayss, dem Kindsvater. Die Recherchen von Sokop, die sowohl in Rom wie auch in Belgien intensiv nach Spuren von Armand Lavayss suchte, liefen alle ins Leere: Nirgendwo ließ sich auch nur der kleinste Hinweis finden, dass ein junger Mann dieses Namens zur betreffenden Zeit in Rom in Diensten des Vatikans gestanden hatte, noch gibt oder gab es eine Adelsfamilie in Belgien mit diesem oder einem ähnlich lautenden Namen. Die Spur des kleinen Mädchens verlor sich damit ins Leere.

Marie Larisch veröffentlichte zwei Jahre nach »Ihre Majestät« ein weiteres Buch, in dem sie eine abgeänderte Geschichte im Zusammenhang mit dieser Geburt verbreitet, die ihre Glaubwürdigkeit als Chronistin insgesamt erheblich erschütterten: Der neuen Version zufolge hatte Marie im Kloster Zwillinge bekommen, ein Kind namens Daisy sei zum Vater nach Belgien gekommen, das andere Kind hätten Maries Bruder Ludwig Wilhelm und seine morganatische Ehefrau Henriette Mendel »adoptiert« – und dieses Kind sei niemand anderer als sie selbst gewesen. Die vier Jahre, die sie laut Geburtsurkunde älter war, seien nur ein Trick gewesen, um die Sache zu verschleiern. Sie habe auch nicht Marie-Louise, sondern »Viola« geheißen. Sokop findet auch für diese abstruse Geschichte keinerlei relevante Hinweise; Marie Larisch setzte bei diesen späten Veröffentlichungen offensichtlich das Sprichwort: »Not macht erfinderisch« in die Tat um, denn ihr ging es allein darum, noch ein paar Mark Verdienst aus ihrem früheren Leben herauszuholen. Aus der einstmals verwöhnten Nichte der österreichischen Kaiserin war inzwischen eine alte und vermögenslose Frau geworden, die im Alter von 66 Jahren per Zeitungsannonce ankündigte, dass sie den erstbesten Mann heiraten würde, der ihr und ihrem Sohn eine Schiffspassage nach Amerika bezahle. Wie ihre vorherige Ehe mit Georg Brucks, der 1914 an den Folgen seiner Alkoholsucht starb, wurde auch ihre dritte Ehe mit einem gewissen William Henry Meyers, einem Farmer aus Florida zu einem Desaster. Dieser hatte ihr die Überfahrt bezahlt und ihr den Besitz eines ansehnlichen Vermögens vorgespielt. 1924, gleich nach ihrer Ankunft in Amerika heiraten die beiden, zwei Jahre später verlässt Marie ihren Mann, der sich als gewalttätiger Betrüger herausstellte. Mit 68 Jahren musste sich die Kaisernichte als Putzfrau und Zimmermädchen verdingen.

1929 kehrt sie – wieder mittellos – nach Bayern zurück und lebt die letzten Jahre in einem Altenheim in Augsburg, wo sie, von ihrer ehemaligen Welt vergessen, 1940 starb. Ihre »Memoiren« leben jedoch auch 100 Jahre nach Veröffentlichung des ersten Buches weiter und das als königliche Klatschbörse wie Fundgrube für den Historiker gleichermaßen. Wer sich für die Lebensumstände der Wittelsbacher und Habsburger zu Zeiten von Kaiserin Sissi interessiert, erfährt im Buch von Brigitte Sokop jede Menge Details und erhält zudem anhand des Lebenslaufs der Marie-Louise Wallersee eine spannende Schilderung über den Untergang der Monarchien in Bayern und Österreich.


Susanne Mittermaier


Quellen: Brigitte Sokop: Jene Gräfin Larisch. Wien, Köln, Weimar 1985. Böhlau-Verlag. Arrigo Petacco: O Roma o morte. Mailand 2010. Mondadori Editore Tageszeitungen des Jahres 1862 auf www.books.google.de, u.a.: Augsburger Tagblatt, Augsburger Allgemeine Zeitung, Augsburger Postzeitung, Bayerischer Landbote, Bayerische Zeitung, Landshuter Zeitung (Suchbegriffe: Kaiserin Elisabeth, Königin Marie von Neapel, Traunstein, Altötting u.a.)


33/2012