Jahrgang 2009 Nummer 2

Johannes Adlzreiter kurbayerischer Kanzler und Rechtsgelehrter

Vom armen Nestlersohn zu höchsten Staatsämtern



Das Geburtshaus von Johannes Adlzreiter steht in der ehemaligen Botengasse in Rosenheim, die noch heute den Namen des großen Sohnes der Stadt trägt. An seinem Geburtshaus ist eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:
»Der bekannte bayerische Kanzler, Johannes Adlzreiter auf Tettenweis, Sohn eines bürgerlichen Nestlers von hier, wurde am 2. Februar 1596 in diesem Hause geboren.«

Der Vater – Ein armer Nestler in Rosenheim

Die Biographie des »Nestlersohnes«, der es zum bayerischen Kanzler gebracht hatte und damit eines der höchsten Ämter der kurfürstlichen Verwaltung in Bayern begleitete, ist sicher einer Betrachtung wert. Es ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der aus der untersten gesellschaftlichen Schicht, wie durch den Zauber einer guten Fee, nach ganz oben an die Spitze kam. – Die Märchen erzäh-len uns vom Schweinehirten, der zum Prinzen wird und die Königstochter heiratet. Mag es Glück sein oder göttliche Fügung, allemal sind auch das Talent und der entschlossene Einsatz des Betroffenen mit entscheidend. So war das auch bei dem jungen Hans, dem im Hause seines Vaters kein Reichtum mitgegeben war. Christoph Adlzreiter, der Großvater des späteren Kanzlers, war von Landshut nach Rosenheim gezogen und wurde in der Stadtchronik als Weißgerber und Bürger von Landshut bezeichnet.

Der Vater betrieb das Nestlergewerbe. Damit ist die Herstellung von Textilien gemeint, die man nesteln, d.h. raffen und binden konnte, also Damenmieder sowie Schnür- und Schuhsenkel. Reich konnte die Familie damit nicht werden. Obwohl man frühzeitig das Talent des jungen Hans erkannte; zum Studium fehlte dem Vater das notwendige Geld.

Der Landrichter lässt den jungen Hans studieren

Da trat die erste gute Fee in das Leben des jungen Hans in Gestalt von Sebastian Ernst aus Rottenegg in der Hallertau, ein Vetter des Vaters. Er hatte die Begabung des Jungen erkannt und ihm 1610 den Besuch des Jesuitengymnasiums in München ermöglicht. Mag sein, dass der Schüler, der ein persönlich enges Verhältnis zu seinem Mentor unterhielt, schon hier ein wenig vom Geist seines späteren juristischen Berufes mitbekommen hatte. Am Gymnasium machte er schnell erkennbare Lernfortschritte und schrieb sich schon nach 5 Jahren an der Universität in Ingolstadt ein, wo er Rhetorik, Logik und Jurisprudenz belegte. Der Landrichter aus der Hallertau hielt weiterhin seine schützende Hand über den jungen Studiosus; Und alles hätte ein glückliches Ende genommen, wenn der Landrichter nicht gestorben wäre, als sein Schützling noch nicht einmal das 2. Semester vollendet hatte.

Zwischenzeitlich hatte der junge Adlzreiter schon so viel Selbstsicherheit gewonnen, dass er sein Leben selbst meistern konnte. Und wiederum fand sich eine gute Fee, die ihm hilfreich die Hand bot, um ihn ein Stück auf seinem Lebensweg zu begleiten. Es war dies der Landrichter von Pfaffenhofen, bei dem der Student eingestellt wurde und als Schreiber wenigstens so viel verdiente, dass er damit seinen Lebensunterhalt bestreiten und damit sein Studium fortsetzen konnte.

Eine dritte gute Fee war dann Professor Dr. Denich, der in Vorlesungen und Seminaren auf das Talent des Studenten aufmerksam geworden war. Dr. Denich nahm den jungen Adlzreiter in sein Haus auf und bot ihm für das Abschreiben wissenschaftli-cher Arbeiten freie Kost und Logi. Heute hätte man ihn als Werkstudenten angesehen. Durch die Förderung des gutmütigen Professors gelang es Adlzreiter, schon mit 26 Jahren das Studium der Rechte mit einer preisgekrönten Arbeit zum Abschluss zu bringen.

Die Aufnahme in die Hofkammer

Jetzt stand ihm auch die Tür zum Schloss des »Königs« offen. Sein Selbstbewusstsein war gestiegen. Sein Ziel, am Hofe des Kurfürsten in München zu wirken, stand ihm klar vor Augen. Nach einer Übergangszeit von zweieinhalb Jahren als Rechtsberater eines geistlichen Stiftes in Straubing bewarb er sich beim Hofe in München. Kurfürst Maximilian, der sich die Reform der Beamtenschaft in seinem Reiche zum Ziel gesetzt hatte, hielt nichts von der sonst üblichen Günstlingswirtschaft. Nur der Tüchtigste sollte eine Chance erhalten. Weil dem Kurfürsten in den vorgelegten Schriftsätzen die scharfsinnige Beweisführung und die überzeugende Darstellung beeindruckten, ließ er den jungen Adlzreiter 1625 in seine Hofkammer aufnehmen. Nun war das Märchen wahr geworden. Johannes zog in die Münchner Residenz ein und erhielt dort ein Arbeitszimmer am kurfürstlichen Hof, dessen Pracht ihn bald ganz gefangen nahm.

Adlzreiter wusste, dass er hier nicht die Hände in den Schoß legen konnte. Er nahm die Herausforderung der ihm gestellten Aufgabe an und erfreute sich bald der Wertschätzung des Kurfürsten und seiner Berater. Die Hofkammer, der er nun angehörte, war sozusagen das »Wirtschaftsministerium« des kurfürstlichen Hofes. Obwohl Kurfürst Maximilian absolut, das heißt ohne Beschränkung durch ein vom Volk gewähltes Organ regierte, kam er doch nicht ohne einen Verwaltungsapparat aus. So gab es am kurfürstlichen Hof neben dem Geheimen Rat, den Hofrat und den Hofkammerrat, dem Adlzreiter angehörte.

Mit 16 Hofkammerräten war er die größte Behörde des Landes. Seine wesentliche Aufgabe, die er auf Grund der Hofkammerordnung zu erfüllen hatte, war die Förderung der Wirtschaft, wobei die Staatsausgaben in Grenzen zu halten und neue staatliche Einnahmequellen zu erschließen waren. Dazu gehörten der Salzhandel, das Monopol des Weißbierbrauens, Bergbau, Perlenfischerei, Goldwäscherei und das Münzwesen. Adlzreiter fand hier ein weites Betätigungsfeld, in dem er seine Talente entfalten konnte, wobei in den Wirrungen des Dreißigjährigen Krieges der Finanz-sparpolitik eine besondere Bedeutung zukam.

Das neue bayerische Landrecht und seine praktische Anwendung

Adlzreiter hatte das von ihm begleitete Amt nie eng gesehen. Er erkannte vielmehr die Zeichen der Zeit und stellte sich bei seiner Arbeit darauf ein. Sein Verdienst war es, dass er wesentlich dazu beitrug, das große Gesetzgebungswerk, das bayerische Landrecht von 1616, der Praxis der Verwaltung und der Justiz anzupassen. Die Einführung der neuen Rechtsordnung, die Gesetze für alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens enthielt, war eine der bedeutsamen historischen Hinterlassen-schaften des kurfürstlichen Hofes, ein Werk, das immerhin eineinhalb Jahr-hunderte lang, bis 1756 Rechtsgeltung hatte.

Die Bedeutung des neuen bayerischen Landrechts ist darin zu sehen, dass es auf der Grundlage einer absolutistisch, religiös beeinflussten Welt- und Gesellschaftsordnung ein Rechtssystem zum Inhalt hatte, das alle Lebensbereiche einschloss. Dass im Strafrecht nach der sogenannten Malefizordung von 1616 Straftäter durch exemplarische Strafen abgeschreckt, Zauberei und Hexerei streng bestraft wurden, mag aus heutiger Sicht suspekt erscheinen. Entscheidend war, dass diese Rechtsordnung seinerzeit funktionierte und die Gesellschaftsordnung maßgeblich mit gestaltete.

Ein Gesetz ist aber nur so gut, wie es sich im praktischen Vollzug bewährt. Durch Mandate und Einzelerlasse mussten die Entscheidungen vorbereitet und dem neuen Recht angepasst werden. 210 Mandate, zum Vollzug des Landesrechts für die Ver-waltungsbehörden, wurden unter Maximilian erlassen, von denen die meisten die Handschrift von Johannes Adlzreiter trugen. In der Zurückgezogenheit und Stille der Amtsstube konnte sich sein Talent entfalten. Keine in der Öffentlichkeit glänzenden Kommentare kamen aus seiner Feder, sondern wohlgefeilte und scharfsinnig begründete Gutachten, die natürlich auch dem Kurfürsten nicht verborgen blieben.

Als Geheimer Rat auf diplomatischer Mission in Regensburg

Kurfürst Maximilian wusste die Verdienste des unter seiner persönlichen Obhut stehenden Beraters zu schätzen. Im Jahre 1639 berief er ihn daher in den Geheimen Rat und übertrug ihm die Aufgabe des Vorstehers des Geheimen Staatsarchivs. Dies war für Adlzreiter ein fulminanter Aufstieg, denn der Geheime Rat war die zentrale Behörde, in der die wichtigsten Entscheidungen für den Kurfürsten vorbereitet und in diplomatischen Missionen umgesetzt wurden. Maximilian sah den Geheimen Rat als das ihm persönlich untergeordnete Gutachter- und Beratungsgremium. Seinem Regierungsstil entsprach es, den Geheimen Rat weniger als Kollegium zu bemühen, sondern einzelne Räte mit Gutachten, Entwürfen und politischen Missionen zu beauftragen. (Die Behördenreform Maximilians I. von Reinhard Heydenreuter).

Die Rolle diplomatischer Missionen war ihm auf den Leib geschrieben. Schon ein Jahr nach seiner Berufung in den Geheimen Rat hatte er auf dem Regensburger Reichstag Gelegenheit, sein diplomatisches Geschick unter Beweis zu stellen. Der Reichstag tagte in den Jahren 1640 und 1641 in Regensburg und befasste sich mit dem Dreißigjährigen Krieg und seinen Folgen. Zur Beendigung dieses Krieges wollten die deutschen Fürsten Verhandlungen mit Frankreich und Schweden aufnehmen. Ein weiterer Verhandlungsgegenstand war die Kurwürde, also das Recht der Fürs-ten, den König zu wählen. Die Kurwürde hatte bis 1620 der Pfälzer Friedrich V. innegehabt. Als dieser in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 von Maximilian besiegt worden war, verlor er auch die Kurwürde, die der Sieger nun für sich in Anspruch nahm. Um diese einflussreiche Stellung in der Reichspolitik gab es natürlich Machtkämpfe, die vom Reichstag zu bereinigen waren.

Wir sehen Adlzreiter 1641 beim Reichstag zu Regensburg, wie er mit wohlgesetzter Rede den Standpunkt seines Fürsten zu begründen weiß. Wenn es auch nicht zu einer Beendigung des Krieges ausreichte – der Friede ließ noch sieben Jahre auf sich warten – so gelang es Adlzreiter doch, den Streit um die Kurwürde für Bayern erfolgreich beizulegen. Maximilian wusste also, was er dem Geschick seines Gesandten zu verdanken hatte. Er ehrte ihn mit der Verleihung des Geheimratstitels und schenkte ihm in München ein Wohnhaus in der Straße, die noch heute seinen Namen trägt.

Vormundschaftsrat und kurbayerischer Kanzler

Maximilians Sorge galt nun der Vormundschaft für seinen 1636 geborenen Sohn Ferdinand Maria. Für den Fall, dass Maximilian noch vor der Volljährigkeit seines Sohnes sterben würde, musste für die Vormundschaft für den noch minderjährigen Nachfolger Vorsorge getroffen werden. 1644 setzte der Kurfürst einen Vormund-schaftsrat ein, als dessen Mitglied Adlzreiter berufen wurde. Um ihm sein besonderes Vertrauen zu beweisen, ernannte der Kurfürst Adlzreiter 1644 unter Aufbesserung seiner Bezüge zum Vizekanzler.

Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Adlzreiter, als ihn Maximilian 1650 zum Staatskanzler ernannte und ihn gleichzeitig in den einfachen Adelsstand erhob. Nach der Herrschaft Tettenweis bei Griesbach im Rottal, die ihm zusammen mit weiteren Ortschaften bei Eggenfelden und Pfarrkirchen zu Lehen gegeben wurden, nannte er sich Johannes Adlzreiter von und zu Tettenweis. Nun war das Märchen vollends wahr geworden. Hans im Glück hatte die ihm gebotenen Chancen genutzt und sein Glück ausgeschöpft. Als Kanzler nahm er die höchste Rangstellung in der Staatsverwaltung ein. Er war nun nur noch dem neuen Kurfürsten unterstellt, für den er zunächst nach dem frühzeitigen Tod Maximilians 1651 die Vormundschaft zu führen hatte. Nach dem Eintritt der Volljährigkeit hatte ihn auch Ferdinand Maria als Kanzler bestätigt und ihm als Zeichen seiner besonderen Gunst eine goldene Kette überreicht.

Adlzreiters wissenschaftliches Werk

Aus dieser Zeit stammt ein Ölbild von Johannes Adlzreiter, das in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München hängt. Das Bild verrät einiges über die Person des Dargestellten. Ein selbstbewusster und entschlusskräftiger Herr blickt uns da entgegen. Die vornehme Kleidung und die Perücke ordnen ihn einem höheren Stand zu. Das aufgeschlagene Buch in seiner Hand, in dem er gerade eine Seite umblättert, ist ein Zeichen seiner Gelehrsamkeit. Die spitze Feder deutet an, dass er selbst Verfasser wissenschaftlicher Werke ist. Auch der Hintergrund des Bildes ist nicht zufällig gewählt. Die Säule und der geraffte Vorhang lassen an eine festliche Umgebung, vielleicht an eine Bühne denken, auf der der zu Ruhm und Ansehen Gekommene sich darstellt. So präsentiert sich der bayerische Staatskanzler Johannes Adlzreiter der Geschichte im Zenit seines Lebens.

Zu den wissenschaftlichen Werken, die Adlzreiter der Nachwelt hinterlassen hat, rechnet die Chronik neben der Fortschreibung des allgemeinen bayerischen Landrechtes noch ein weiteres Werk, das die Persönlichkeit dieses Mannes und sein stilles Wirken im Verborgenen nachempfinden lässt. In seinem Todesjahr 1662 er-schienen die Jahrbücher des bayerischen Volkes, eine umfassende Darstellung der Geschichte Bayerns. Wilhelm von Leibnitz sorgte 1710 für eine Neuauflage und stellte in einem Vorwort dazu fest, dass Deutschland in keinem anderen Teil bessere Geschichtsschreiber gefunden habe als gerade in Bayern. Wenn auch Johannes Adlzreitrer als Verfasser dieses Werkes zeichnet, so ist doch anzumerken, dass der elsässische Jesuit Johannes Vervaux wesentlich daran mitgearbeitet hatte, der aber auf Grund der Ordensregeln nicht als Verfasser genannt werden durfte.

Bindung an seine Heimatstadt Rosenheim

Sein Vaterhaus in Rosenheim, in dem der Vater als armer Nestler sein Brot verdient hatte, liegt nun schon ein Leben lang hinter ihm. Auf seinem Weg zum Ruhm hatte Adlzreiter seine Heimat aber nie vergessen. Im Jahre 1632 brachte er seine Familie vor den auf München anrückenden Schweden hierher in Sicherheit. Seine Ehefrau, die er 1625 in Ingolstadt geheiratet hatte, hatte ihm im Laufe der Ehe 14 Kinder geschenkt. Noch einmal treffen wir Johannes Adlzreiter in Rosen-heim, als er im Pestjahr 1643 in der Pfarrkirche St. Nikola eine Quartalsmesse stiftet.

Das gehört also auch zum Lebensbild dieser großen Persönlichkeit: Auf der Höhe des Ruhmes ist ihm noch eine Verwurzelung in seiner Heimat erhalten geblieben. Zwölf Jahre lang konnte er in Bayern das erste Amt in der Staatsverwaltung, das Amt des Kanzlers, ausüben. Auch vom Nachfolger Maximilian, vom neuen Kurfürsten Ferdinand Maria, wurde er in seinem Amt bestätigt. Nachdem er so sein Leben erfüllt und voll ausgeschöpft hatte, neigte sich dieses im 66. Lebensjahr seinem Ende zu. Sein Tagebuch, das Adlzreiter Zeit seines Lebens gewissenhaft geführt hatte, enthält auf der letzten Seiten folgenden, nachträglich angebrachten Vermerk:

»Am 11. Mai A.D. 1662 zwischen 5 und 6 Uhr früh ist Herr Johannes Adlzreiter von und zu Tettenweis, der churfürstliche Durchlaucht in Bayern, wirklicher Geheimer Rat, Kanzler und Pfleger zu Moosburg, nach viertägiger Krankheit, versehen mit dem heiligen Sakrament, aus dieser vergänglichen Welt zur ewigen Freud und Seligkeit abgeschieden.«

Seine Büste fand einen Ehrenplatz in der bayerischen Ruhmeshalle der Bavaria in München. Begraben wurde Johannes Adlzreiter in der Karmelitenkirche in München, wo auf seinem Grabstein eine Inschrift von seinen Ämtern und seinen großen Verdiensten kündet.

Dieter Dörfler

Benutzte Literatur:
Karl Wieninger »Bayerische Gestalten« Hugendubel.



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