Jahrgang 2009 Nummer 35

Jagdsitz, Pilgerziel und Künstler-Inspiration

875 Jahre Kirche St. Bartholomä: Aus der reichhaltigen Historie der Halbinsel

Ein stattliches Bild ist die weltberühmte Wallfahrtskirche mit ihren markanten Kuppeln und Konchen unmittelbar neben dem ehemali

Ein stattliches Bild ist die weltberühmte Wallfahrtskirche mit ihren markanten Kuppeln und Konchen unmittelbar neben dem ehemaligen Jagdschloss.
Mit der umgebenden schroffen Bergwelt und dem Königssee bildet St. Bartholomä eine malerische Einheit, die auch viele Maler und

Mit der umgebenden schroffen Bergwelt und dem Königssee bildet St. Bartholomä eine malerische Einheit, die auch viele Maler und Dichter inspirierte.
»Motivwagen St. Bartholomä«: Anlässlich der 875-Jahr-Feier der Kirche St. Bartholomä fuhr der GTEV »D’Funtenseer« Schönau beim G

»Motivwagen St. Bartholomä«: Anlässlich der 875-Jahr-Feier der Kirche St. Bartholomä fuhr der GTEV »D’Funtenseer« Schönau beim Gaufest in Bad Reichenhall mit einem Modell der Kirche mit
Mit seinen markanten Kuppeln und Konchen hockt das gedrungene, weltberühmte Wallfahrts-Kirchlein gleichsam auf dem türkisblau schimmernden Königssee, die majestätische Watzmann-Ostwand im Rücken. Die »Basilica Chunigesse«, wie die Kirche St. Bartholomä in einer Stiftungsurkunde genannt wird, wurde am 25. August 1134, vor ziemlich genau 875 Jahren, von Bischof Roman I. von Gurk aus Kärnten geweiht. Sie gilt heute mit dem Königssee als Wahrzeichen des Berchtesgadener Landes. Auch zur Feier der 875. Kirchweih am morgigen Sonntag, 30. August, kommt ein Bischof: Die heilige Messe um 10 Uhr zelebriert der Salzburger Bischof Andreas Laun. Das anschließende Kirchweihfest beim Wirt wird wie die Messe von der Musikkapelle Maria Alm mitgestaltet, aber auch von einheimischen Musikanten und dem Trachtenverein »D‘ Funtenseer« Schönau.

Die Chiemgau-Blätter werfen einen Blick auf die Besonderheiten von St. Bartholomä. Nachgeblättert haben wir dazu in der Jubiläumsschrift zum 850-Jährigen von Dr. Walter Brugger und Ulrich Ziegltrum sowie im amtlichen Führer der Schlösserverwaltung, die die Kirche verwaltet und sie zum Jubelfest mit neuen Dachschindeln ausstattet. Pastoral betreut wird die Kirche von der Pfarrei Unterstein. Entstanden ist die Halbinsel St. Bartholomä, ein 1,7 Quadratkilometer großer halbkreisförmiger Landvorsprung, der den See auf rund 300 Meter einengt, durch Aufschüttung der vom Eisbach mitgeführten Geröllmassen. Nur wenige Gebäude umfasst die Ansiedlung, fast ebenso alt wie das ehemalige Stift Berchtesgaden: das Gasthaus, das bis 1918 als Jagdschloss diente und wohl noch im 15. Jahrhundert seine heutige zweistöckige Gestalt erhielt, das Fischerhaus, die Schiffshütte, den ehemaligen Meierhof, das Jägerhaus und das Gotteshaus. In dem Jagdschlösschen genossen die Fürstpröpste und Stiftskapitulare gern die Sommermonate, bei freier Unterkunft, Fischfang und Jagd.

Zu den berühmtesten Besuchern von St. Bartholomä zählen Napoleons Witwe, Kaiserin Marie-Luise, sowie die Kaiser Franz I., Wilhelm I., Friedrich III. (als Kronprinz), Wilhelm II. und Napoleon III. Als Berchtesgaden 1810 zu Bayern kam, wurde St. Bartholomä einer der Lieblingsaufenthalte der bayerischen Könige, die hier wie später Prinzregent Luitpold groß angelegte Jagden zelebrierten.

Auch Fürst Otto von Bismarck, Alexander und Wilhelm von Humboldt sowie Dichter, von Adalbert Stifter über Henrik Ibsen bis zu Ludwig Ganghofer, gaben der Halbinsel die Ehre. Maler wie Carl Friedrich Schinkel und Carl Rottmann verewigten den See in eindrucksvollen Landschaftsgemälden. Im ersten Gästebuch des ehemaligen Jagdschlosses – heute in Privatbesitz – trugen sich zahlreiche Maler, Dichter und Wissenschaftler der Romantik ein. Zum Ruhm der Berchtesgadener Gebirgslandschaft trug besonders Alexander von Humboldt bei, der sie mit Leopold von Buch wie die Salzburger Gebirgswelt 1797 wissenschaftlich erforschte. Er prägte den berühmten Satz: »Die Gegenden von Salzburg und Berchtesgaden, von Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde.« Durch sie wurde auch die »Eiskapelle« bekannt: Zur Zeit der Romantik war deren Besuch ein Höhepunkt jeder Königsseefahrt. 1862 wurde die kapellenartige Halle durch einen Einsturz zerstört.

Die vielen Fasten- und Abstinenztage – an 150 Tagen im Jahr gebot die Kirche die Enthaltung von Fleisch – machten den Fischfang, vor allem am Königssee, zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor des Stiftes Berchtesgaden. Jährlich hatte der Fischmeister zu St. Bartholomä 2000 See-Saiblinge abzuliefern; gefangen wurden jedes Jahr etwa 20 000.

Große Bedeutung hatte der Königssee auch für die Almwirtschaft, da die unzugängliche Gebirgswelt durch den Viehtransport auf dem Wasser erschlossen werden konnte. Die enge Bindung der Almbauern an den Königssee findet Ausdruck in der Feier des Kirchweihfestes am Sonntag nach St. Bartholomä (24. August). Außer den Almleuten um den See kamen – und kommen bis heute – die Pinzgauer in einer Wallfahrt über das Gebirge, einem fast 350-jährigen Gelübde treu: An der alljährlichen »Almer Wallfahrt« am Tag vor der Kirchweih beteiligen sich mittlerweile rund 2500 Wallfahrer aus ganz Deutschland und Österreich. Anlass zur ältesten Gebirgswallfahrt Europas soll die 1635 im benachbarten Salzburgischen wütende Pest gegeben haben. Wie durch ein Wunder blieb lediglich die Umgebung von Saalfelden verschont. Ursprünglich ging diese Wallfahrt nach dem Kirchweihfest weiter bis zur »Mutter auf dem Dürnberg«, dem ältesten Marienwallfahrtsort des Landes Salzburg. Am 23. August 1688 verunglückten über 70 »Almerer« an der Falkensteiner Wand.

Bereits im frühen 16. Jahrhundert und bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts pilgerten auch die Berchtesgadener und Schellenberger in regelmäßigen »Creuzgängen« am Jakobitag (25. Juli), am Bartholomäustag und am Kathreinstag (25. November) nach St. Bartholomä.

Treten wir nun wie die Wallfahrer in das Innere der Kirche ein. Nur der Teil, wo sich heute der Hauptaltar befindet, ist wirklich 875 Jahre alt. Die heutige Dreikonchenanlage und die Grundrissproportion ähnelt der des 1614 bis 1628 von Santino Solari erbauten Salzburger Doms. Aus der spätgotischen Phase der Kirche haben sich aus der Zeit nach 1520 noch Figuren der Heiligen Bartholomäus und Jakobus am linken Seitenaltar erhalten.

Am Hochaltar über dem Bild vom Martyrium des Kirchenpatrons Bartholomäus vom Jahr 1698, dem Münchner Hofmaler Johann Dengler zugeschrieben, befindet sich im Auszug die Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit. Die Seitenaltarbilder der Heiligen Jakobus und Katharina, deren Feste seit dem Mittelalter hier feierlich begangen wurden, malte 1746 Philipp Jacob Nickl. Der rosafarbene Stuck an der weißen Decke stammt vom Salzburger Meister Joseph Schmidt, der im selben Jahr – 1709 – auch in der Sakristei der Berchtesgadener Stiftskirche und ein Jahr später in Maria Gern arbeitete. Unter dem Fenster der Südseite erinnert eine Votivtafel an ein Unglück auf dem Königssee 1735. Eine Besonderheit ist auch ein Gemälde zwischen nördlicher und östlicher Konche: Es zeigt das Jesuskind mit einer Kette, an der Salzburger Münzen aus der Zeit von 1696 bis 1728 hängen. Der heilige Apostel Bartholomäus stammte aus Kana in Galiläa und wurde zum Zeugen der Lehren und Taten Jesu sowie der Ereignisse nach der Auferstehung. Der Überlieferung nach wählte er Indien, Mesopotamien und Armenien für seine Missionstätigkeit und zerstörte mutig Götzenbilder. Sein Martyrium war grausam: Nach Abziehen der Haut bei lebendigem Leib wurde er enthauptet. Daher wird er fast immer mit einem Messer dargestellt und wurde zum Patron aller Häute verarbeitenden Gewerbe sowie aller Berufe, die mit Tieren zu tun haben, vor allem der Hirten, Almbauern und Sennerinnen.

Veronika Mergenthal



35/2009