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Jahrgang 2007 Nummer 13

Irene Peetz und ihr »Sterndeandl«

Eine Alt-Traunsteiner Erzählung wird zum Volksstück

Aus der Klischeesammlung von Leopoldseder, Traunstein

Aus der Klischeesammlung von Leopoldseder, Traunstein
Manch eine oder einer der bedeutenden Schriftsteller die in der Stadt Traunstein geboren wurden, ihre Kindheit oder Jugend verbracht, dort zeitweilig gewohnt haben, die beruflich hierher verschlagen oder unter leidendem Zwang dort sein mussten, haben doch so einige literarische Bäumchen gepflanzt, dessen Früchte wir zu gerne genießen. Man denke dabei an einen Ludwig Thoma, eine Franziska Hager, an einen Thomas Bernhard oder an eine Luise Rinser. Der forschende Rentamtmann Hartwig Peetz gehört auch zu diesem Unvergesslichen, wohl aber auch dessen jüngere Tochter Irene, die zwar nicht ganz so produktiv wie ihr Vater in dessen Fußstapfen trat, immerhin aber so manche poetische oder prosaische Perle verstreute.

Von ihr finden sich gelegentlich einige zwar etwas romantisierende, aber durchaus gefällige Gedichte oder Kurzgeschichten. Zu erwähnen wäre das Lindlbrunnengedicht oder der Text des Schwertertanzliedes. In einer Sonderausgabe der »Deutschen Illustrierten Rundschau«, die 1926 anlässlich der 800 Jahrfeier der Stadt Traunstein erschien, wurde von Irene Peetz eine Novelle mit dem Titel »Wie das Sterndeandl das Fürchten lernte« abgedruckt. Darin beschreibt sie die hübsche aber eigenwillige und selbstgefällige Sternbräutochter Margarete Jochner, die glaubt, dass ihr auf Grund ihrer Herkunft als angesehene wohlhabende Wirtstochter, Gesetze und obrigkeitliche Anordnungen nichts angehen. Dies erwies sich aber in einer Zeit, in der ein Landesherr wie Kurfürst Maximilian I. sein Land mit einer noch nie dagewesenen Gesetzesflut überschwemmte, als ein fataler Trugschluß.

Das »Sterndeandl« geriet immer mehr in die Mühlen der Justiz. Auf anfängliche Verwarnungen folgten harte Ehrenstrafen, die die aufmüpfige Bürgerstochter letztlich ins soziale und gesellschaftliche Abseits geraten ließen. Der akribische Historiker sollte es aber gleich von Vornherein bleiben lassen, die Geschichte um das Sterndeandl nach dem Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Solang man auch in den Altakten blättern will, die resche Bürgerstochter Gretl Jochner wird man nicht finden. Sie ist und bleibt ein literarisches Geschöpf der Irene Peetz. Hätte es sie aber gegeben, so hätte sie zu ihrer Lebenszeit Dinge erlebt, die mehr als einen Theaterabend ausfüllen könnten. So fiel es dem Stückschreiber zu sie einfach im Kontext ihrer Zeit agieren zu lassen.

Und diese Zeit in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war dramatisch genug. Dreißigjähriger Krieg, Bauern-unruhen, in die der Stadtbürgermeister Tittmaninger verstrickt war, reichlich Pesttote innerhalb der Traunsteiner Bürgerschaft und bei den Salinern in der Au, Verfall von Sitte und Ordnung, signifikant vorgelebt von einem von Affären und Skandalen überzogenen Leben des Pfarrers. Ratsherren und Bürgermeister, die die unübersichtlichen politische Situation nutzten, ihre eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen. Sogenannte Pestgewinner also. Unregistriertes Bettelvolk und Kriegsflüchtlinge aus dem schwäbischen Raum verschärften den Kampf um das tägliche Brot.

Wer in diesen Schmelztigel hineingeriet, mutwillig oder unfreiwillig, der war darin hoffnungslos gefangen.

Nicht ohne Grund klagt das Sterndeandl einmal: »Wenn’s bergab geht, na schiabm fünf Teifln no mito. Soits bergauf geh, huift da kaum a Heiliga.« Wer von der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr gestützt wurde, weil er von amtswegen gebrandmarkt war, der fuhr ungebremst nach unten.

Die Ansprüche von Frömmigkeit und Moral die der Landesherr an seine Untergebenen stellte gingen über eine hohe Meßlatte. In der Zeit der Pest, die man als Strafe eines zürnenden Gottes ansah, war diese besonders hoch aufgelegt. Individuen wie der sog. »schöne Johannes«, eine Art frühneuzeitlicher Casanova-Verschnitt der mit der Behauptung prahlte, er hätte »die halben Jungmentscher in der Stadt beschlafen« oder der Roßknecht Wolf Lipp, der sich um die Gunst einer Kuchldirn mit dem Herrn Pfarrer baderreif geprügelt hatte, wie die Quellen zu berichten wissen, hatten keine lange Verweildauer. Solchen wurde kürzester Prozess gemacht. Genauso wie einem städtischen Beamten, den man wegen Begünstigung einer Straftat in Folge mit Urkundenfälschung überführen konnte. Solch einer hatte »Glück«, wenn ihm als Gnadenerlass das Gottesurteil eines Strafsoldaten an vorderster Front zuteil wurde, ehe ihm, wie es Landrecht war, der Henker die Schreibhand abtrennen sollte.

Im Umgang mit Macht und Einflussnahme ging man auch im »ehrsamen Rat« nicht gerade zimperlich mit einander um. Im sog. Ratsherrenstreit von 1636 krempelten sich der Amtsbürgermeister Tittmaninger und sein Widersacher Schizinger schon einmal die Ärmel hoch, wenn das verbale Gefecht nicht mehr ausreichte. Dies alles hätte das »Sterndeandl« erlebt, wäre sie nicht nur eine von Irene Peetz frei erfundene Romanfigur. In dem gleichnamigen Theaterstück erzählt sie von diesen Ereignissen, von denen sie selbst schicksalhaft geprägt wurde.
Das Theaterstück ist vom 13. bis 28. April in der Traunsteiner Kulturfabrik Nuts zu sehen.

Albert Rosenegger



13/2007