Jahrgang 2010 Nummer 24

In memoriam Ernst von Dombrowski

Zum 25. Todestag des Siegsdorfer Künstlers Ernst von Dombrowski

Ernst von Dombrowski starb am 14. Juni 1985 in Siegsdorf.

Ernst von Dombrowski starb am 14. Juni 1985 in Siegsdorf.
Ernst Karl Rudolf Dombrowski wurde am 12. September 1896 in Emmersdorf an der Donau, in Niederösterreich, als Sohn eines Schriftstellers geboren.

Seinen Weg als Künstler fand Dombrowski außerhalb der üblichen »Wege zur Kunst«. Er ging seinen eigenen Weg.
Bereits mit 18 Jahren wurde Dombrowski – nach freiwilliger Meldung – zum österreichischen Heer eingezogen und nahm am ersten Weltkrieg als Soldat und Offizier teil. Wir finden einiges davon in seinem Buch »Das Lamm im verlorenen Haufen«, eines der stillsten Kriegsbücher; eines der menschlichsten wohl auch.

Im Jahre 1924 heiratete Dombrowski die Österreicherin Rosa von Stähling, das »Roserl«, von ihm liebevoll ein Leben lang so genannt. Sie ordnete langsam seinen Lebensweg. Zuerst fertigte er freie Kompositionen, Portraits, Landschaften, Ölbilder und Aquarelle, Radierungen, und über allerlei Gebrauchsgraphiken fand Dombrowski Mitte der dreißiger Jahre zur Buchillustration und dann schließlich auch zum Holzschnitt. Den »Holzstecher« (d.h. schneiden bzw. stechen von Bildern stirnseitig ins Holz) Dombrowski kannten bald viele Menschen seines Vaterlandes Österreich.

Im Jahre 1938 wurde »Dom« (diese Bezeichnung hat sich langsam als Künstlername eingeführt) zum Leiter einer Graphikklasse an die Akademie für angewandte Kunst nach München berufen. Im zweiten Weltkrieg wurde er wieder Soldat und Offizier und so wurde durch Fronteinsätze seine Lehrtätigkeit immer wieder unterbrochen. Im Jahre 1944 hat der Hauptmann Ernst von Dombrowski im Auftrag des Stellvertretenden Generalkommandos des VII AK den »Herzhaften Soldatenkalender« geschaffen.

Obwohl kriegsbeschädigt, wurde ihm nach dem Zusammenbruch 1945 die Professur entzogen und er fand sich zunächst wieder im Kreise seiner alten Freunde hinter den hohen Drahtzäunen des Lagers Glasenbach, wohin er von den Alliierten für zwei Jahre verbannt worden ist. Es waren zwei Jahre ohne Freiheit und auch Jahre ohne Zukunft. Gesundheitlich hat er schwer daran gelitten. Aber es waren nach seiner Formulierung die fruchtbaren Jahre menschlicher Begegnungen, Jahre des Nachdenkens, auch Jahre der Klärung und der gewonnenen Erkenntnis von der Zerstörbarkeit des Menschen. »Dom« hat in dieser Zeit vielen geholfen und ihnen den Weg verraten, dem Leben wieder Sinn und Zukunft zu geben.

Er schrieb dazu: »… mir haben die zwei Jahre des Nachdenkens sehr gut getan«.

Und rückschauend hielt er 1964 in seinem Buch »Leben und Werk eines Holzschneiders« fest: »Für mich kann ich nur sagen, dass ich zeit meines Lebens schwer an dem zu tragen habe, was damals geschehen ist; aber, und das sage ich für mich und meine Freunde, wir haben nur das Gute gewollt …«.

Er selbst empfand sich »als Opfer einer Täuschung«.

Spätestens hier zeigte sich seine Begabung nicht nur als »Holzschneider und Maler« sondern auch als Philosoph mit tiefreligiöser Einstellung.

Nach seiner Entlassung 1947 begann er mit seiner Frau Roserl im oberbayerischen Siegsdorf einen Neuanfang; viele Jahre ärmliches Künstlerleben folgten, bevor er dann doch in der Fachwelt, in seiner »alten Heimat« Österreich und auch in seiner »neuen Heimat« anerkannt Ehre und Ruhm erntete. Nach einem sehr schaffensreichen Leben verstarb Dombrowski am 14. 6. 1985 in Siegsdorf, wo er an der Seite seiner Frau, die ihm nur 6 Monate später in die Ewigkeit folgte, auch zur letzten Ruhe gebettet ist.

Dombrowski hat ungezählte Bücher illustriert. Die Kalender mit seinen Bildern »Unsere Kinder« und »Freundesgabe« erreichten viele Verehrer seiner Kunst und wohl alle seine Freunde. Der »Herzhafte Hauskalender« des »Sozialen Friedenswerks« wurde durch die Beiträge Dombrowskis zu einem Werk, das ungewöhnlich viele Freunde fand. Seit dem Jahr 1944 erschienen über E. v. Dombrowski über fünfzig eigene Bücher, meist kleineren Formats, aber auch die großen Bildbände wie »Dombrowski, Leben und Werk eines Holzschneiders« (überarbeitet 1973), dann »Adalbert Stifter« mit 68 Zeichnungen zu dem Werk des Dichters, und das wohl schönste seiner Bücher »Kinder-Zeichnungen, Geschichten und Gedanken«.

Man darf hier wirklich von einem Lebenswerk aus der schöpferischen Fülle sprechen, die einem Menschen geschenkt wurde, und die wohl auch eine Gnade war.

Bedeutsam waren die Ehrungen, die Dombrowski zuteil wurden:

Zwischen 1925 und 1938 zweimal der österreichische Staatspreis für die Steiermark, die goldene Staatsmedaille, die silberne Medaille und die Jubiläumsmedaille der Stadt Graz, 1959 die Erzherzog-Johann-Medaille, Wappennadel der Stadt Krems, 1971 Rosegger-Ehrenpreis, 1971 Ehrenkreuz für Verdienste um Kunst und Wissenschaft der Republik Österreich 1. Klasse, 1978 Großes Goldenes Ehrenzeichen des Landes Steiermark, 1983 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, Ehrenbecher der Landesregierung Salzburg, Mitglied des akademischen Rates der Humboldt-Gesellschaft sowie zahlreiche Preise bei Wettbewerben.

Am 5. 3. 1965 verlieh ihm seine Wahl-Heimatgemeinde Siegsdorf/Bayern »in Anerkennung seiner künstlerischen Tätigkeit und seiner Verdienste als Leiter des Kulturkreises Siegsdorf« das Ehrenbürgerrecht.

Dombrowski hatte seine Kunst den strengen Forderungen des Handwerklichen unterworfen und darin eine hohe Meisterschaft erreicht. Der Handwerker hat seine künstlerische Vollendung im Holzstich erfahren, darüber wird die kommende Zeit sicher gleicher Meinung sein. Jedoch auch in der Zeichnung, und hier wieder in seinen Kinderbildern, wird er unsterblich werden. War der »Holzschneider und Holzstecher« (wie er sich bescheiden selbst nannte) noch den großen Themen der Geschichte verpflichtet, dem deutschen Bauernkrieg etwa oder dem Leid und dem Schicksal des flämischen Freiheitshelden Uylenspiegel, so fand der Zeichner und Maler den Zugang zum Antlitz des Menschen in seinen ungezählten Kinderzeichnungen, und er fand im Malerischen seinen eigenen Weg zu Adalbert Stifter. Aber auch Illustrationen beispielsweise zu Karl-Heinrich Waggerls Büchern wurden legendär wie unzählig weitere auch noch.

Seine damalige innige Verbundenheit zur Heimatgemeinde und ihrer Pfarrei zeigte sich mit den Werken am Kirchenportal der Pfarrkirche Siegsdorf und einem großartigen Altarbild, das er unentgeltlich 1973 schuf. Leider kam es wegen der neuen Stilrichtung in der ansonsten barocken Kirche in die Kritik und wurde deshalb 1990 wieder entfernt. Aber es blieb erhalten und ging vorübergehend als Leihgabe in die Kunstherberge seines Mäzen Willibald Völsing nach Giesen/Hasede bei Hannover.

Doch wieder zum »Holzschneiden«: Dazu sagte der Künstler mal selbst: »Das ist eine alte Kunst, sie ist eigentlich immer so neben der hohen Kunst einhergelaufen. Früher hatten die Künstler dafür eigene Formschneider – heute haben sie Freude daran, es selbst zu machen. Es ist ein mühevolles Handwerk und geht nicht so schnell, wie ein Bild auf Papier zu malen. Darum ist es ein Handwerk für die Stillen; sie haben Ehrfurcht von dem, was sie darstellen«.

Dom’s Leben war, besonders aber nach 1945, vom Suchen nach dem rechten Maß bestimmt. Er suchte es für sich und für sein Volk als Ganzes. Zu den Zeichnungen zum Werk Adalbert Stifters hat Dombrowski einmal gesagt: »Da ich nun mal ein Zeichner und Maler bin, so habe ich versucht, das, was mir Stifter gegeben hat, in Bildern sichtbar zu machen. Ich habe das für mich und wohl auch für einige meiner Freunde gemacht.«.

Im Vorwort zu diesem schönen Stifter-Buch schrieb »Dom« auch etwas sehr Wichtiges über sich selbst, als er sagte: »Wenn ich zeichne, denke ich nicht daran, dass ein Kunstwerk entstehen soll.«

Auch schrieb er einmal: »Ich bin alt. Ich weiß mancherlei, das ich in meiner Jugendzeit nicht gewusst habe, das versteht sich. Und doch: Ich meine, dass der alte Mensch von seinem Alter nur dann etwas hat, wenn er seine Kindheit ernst nimmt. Wenn er zu all dem steht, stehen kann, was er damals geglaubt, gehofft und geliebt hat. Kann er das nicht, dann wird er erbärmlich arm sein. Ich kann Euch sagen, dass ich sehr reich bin.«

Erst bei einigem Nachdenken erinnern sich seine Freunde daran, dass er nicht nur Maler und Holzstecher, sondern auch Dichter war. Dann erinnern sie sich an die tiefe Stille, an die gewissermaßen letzte Wahrheit, die er seinen eigenen Worten eignete. »Eines Tages ist der Drang zum Schreiben über mich gekommen«, erinnert er sich. Diese einfachen schlichten Worte, sie gleichen eher einer Geburtsanzeige. Sie sprechen von der Geburt eines Schriftstellers, der aus der Stille kommt. Und er sagt es auch: »In der Stille, ich war schon sechzig Jahre alt, habe ich zu schreiben begonnen.« Und er sagt auch dies: »Es kann sein, dass in all meinem Tun und Denken etwas verborgen ist, das mir nicht bewusst wird und das ich erst kenne, wenn ich meine Augen nach innen richte.« So verfasste er auch einige Kinderbücher, welche er auch im Stile seiner Zeichnungen colorierte.

Einer der bedeutendsten Berliner Graphiker Georg FRITZ sagte einmal: »Sie haben in Siegsdorf den größten Meister des Holzschnitts aller Zeiten: Dombrowski!« Es gibt viele Kunstkritiker, die über Dombrowski und seine Werke ehrenvoll geurteilt und geschrieben haben.

Im Laufe der Zeit bekam man in Siegsdorf immer mehr Einblicke in die nahezu unerschöpfliche Sammlung von Arbeiten, die Dombrowski im Laufe seines langen Lebens geschaffen hatte (ganz abgesehen davon, dass sicher vieles nicht mehr bekannt oder auffindbar ist). Zusammenfassend sind sich alle einig, dass er sein Leben lang offensichtlich unentwegt fleißig gewesen sein muss, um ein derartiges Pensum zu schaffen. Einer persönlichen Verbindung zwischen Bürgermeister Franz Maier und Willibald Völsing, einem Mäzen zu Lebzeiten Dombrowskis, ist es zu verdanken, dass ein großer Teil der Sammlung des Künstlers im letzten Jahr wieder nach Siegsdorf zurückgekommen ist. In der Siegsdorfer Rathaus-Galerie werden seither regelmäßig circa 50 Werke von Dombrowski ausgestellt und drei bis viermal jährlich durch Ausstellungsleiterin Traudl Mayer ausgetauscht. Von Zeit zu Zeit gibt es dann auch spezielle Kinderlesungen an Nachmittagen. Ansonsten ist die Galerie jeden Sonntag von 13 bis 18 Uhr frei zugänglich.

Hans Steiner



24/2010