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Jahrgang 2008 Nummer 22

In Lederhose, Braunhemd und Gala-Uniform

In Feldafing am Starnberger See war die Eliteschule des Dritten Reichs

Zögling der Reichsschule Feldafing im Waffenrock.

Zögling der Reichsschule Feldafing im Waffenrock.
Wie jedes totalitäre Regime bemühte sich auch der Nationalsozialsmus, die Jugend konsequent in seinen Dienst zu nehmen und für seine Ziele zu begeistern nach dem Motto: »Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft.« So früh als möglich, am besten schon im Kindergarten, sollte den Kindern das nationalsozialistische Gedankengut eingeimpft werden. Sie lernten nicht nur nationalsozialistische Verse und Lieder, sondern wurden auch mit den Grundzügen der Rassenlehre vertraut gemacht, zumindest soweit, dass sie die Juden als »größte Schädlinge des deutschen Volkes« betrachteten.

Für die Erziehung ab dem 12. Lebensjahr waren die Elite- oder Ausleseschulen des Dritten Reiches gedacht, sie wurden bis zum Ende des Krieges von insgesamt rund 17 000 Jungen und Mädchen besucht. Hitlers Erziehungsideal bestand nach seinen eigenen Worten darin, dass die jungen Menschen »zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie die Windhunde« werden sollten. Statt eingetrichtertem Wissensstoff habe die körperliche Ertüchtigung den ersten Stellenwert einzunehmen, hatte Hitler in seinem Buch »Mein Kampf« gefordert. Nicht minder wichtig waren ein starkes Selbstvertrauen, absolutes Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen sowie die Ausbildung von kriegstauglichen Eigenschaften wie bedingungsloser Gehorsam, Opferbereitschaft und Treue zum Führer bis zum Tod. Dreh- und Angelpunkt dieser Pädagogik war die »rassische Qualität reinen arischen Menschenmaterials«, die von Hitler als wichtigste Voraussetzung für hohe körperliche und geistige Leistungen betrachtet wurde.

Man unterschied im Dritten Reich verschiedene Typen von Eliteschulen. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (»Napolas«) und die Adolf Hitler-Schulen hatten zum Ziel, Anwärter für wichtige Partei- und Offiziersämter heranzubilden. Die größte Napola war die sogenannte Ordensburg in Sonthofen, in der sich 1500 Schüler auf das Abitur vorbereiteten. Der dritte Typ, die Reichsschule der NSDAP in Feldafing am Starnberger See, nahm innerhalb der Eliteschulen eine Sonderstellung ein. Sie war als Privatschule der SA-Führung von Hitlers Duz-Freund Ernst Röhm gegründet worden und stand unter dem Patronat der Reichswehr und des NS-Lehrerbundes. Nach der Ermordung von Röhm im Jahre 1934 übernahm Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess das Patronat, nach dessen Flug nach England folgte ihm Martin Bormann.

Die Zöglinge der Feldafinger Schule sollten später einmal prominente akademische Stellungen als Juristen, Ärzte, Professoren und Wissenschaftler bekleiden, natürlich als ganz linientreue Nationalsozialisten und als die geistige Führungsschicht des Dritten Reiches. Sie wohnten gruppenweise in drei Dutzend Villen, die meist jüdischen Vorbesitzern gehört hatten und nach NS-Größen benannt waren. Sie mussten nach der Aufnahme als »Jungmannen« in die SA eintreten und trugen als Schulkleidung Lederhosen mit Braunhemd. Für festliche Anlässe war die von der Münchner Firma Lodenfrey entworfenen Gala-Uniform gedacht, eine lange schwarze Hose mit roter Biese und ein Waffenrock aus braunem Wollstoff mit Silberknöpfen. Dazu trug man ein doppeltes Lederkoppel, einen Schulterriemen, eine Armbinde mit Hakenkreuz und – als besonders begehrtes Attribut – ein Seitengewehr mit der Aufschrift »Ehre-Kraft-Freiheit«. Bei der Bewerbung, die entweder von den Eltern oder einem Lehrer eingereicht wurde, musste natürlich ein Zeugnis über die arische Abstammung vorgelegt werden. Das Schul- und Kostgeld betrug anfangs siebzig Reichsmark im Monat, wurde aber später, je nach der Finanzkraft der Eltern, auf einige hundert Reichsmark erhöht.

Der schulische Unterricht war von Disziplin und Strenge geprägt, der Lehrplan entsprach in etwa demjenigen der damaligen Oberschulen. Ein eigenes Fach war der Einführung in die national-sozialistische Weltanschauung vorbehalten. Die Wiederholung einer Klasse war nicht erlaubt, wer die Vorrückungserlaubnis nicht erhielt, musste die Schule verlassen, ebenso jeder, der gegen die Hausordnung verstieß. Es kam vor, dass der Lehrer bei Prüfungsarbeiten den Klassenraum verließ und die Schüler sich selbst überlassen waren – ohne dass jemand den Versuch unternahm, abzuschreiben oder verbotene Hilfsmittel zu benutzen, weil sich das nicht mit der angstrebten Ehrlichkeit vertrug. Die Schule war mit modernsten Lehrmitteln ausgestattet und verfügte über genügend Lehrer, sodass die Klassenstärken klein gehalten werden konnten. Bormann kam wiederholt unangemeldet in die Schule, um den Betrieb zu überprüfen, und Hitler empfing den Schulleiter sogar in einer Privataudienz zur Berichterstattung – ein Vorrecht, dass sonst keinem Leiter einer Eliteschule zuteil wurde.

»Wir lebten als ›Horde‹ von zwölf bis sechzehn Jungen ganz allein in jeweils einer Villa, ohne Erzieher und ohne Aufsicht«, erinnert sich der ehemalige Zögling Hans Fischach, der nach dem Krieg eine Karriere als Modezeichner machte. Es gab nur einen wechselnden ›Jungmann vom Dienst‹ der die Verantwortung dafür trug, dass alles geordnet ablief ... Die Schule besaß zwei große Segelschiffe und zehn Olympiajollen, sogar eine Segeljacht und ein Motorboot, aber auch einen Tennisplatz und einen Golfplatz. Jedes Jahr wurde eine Pfingstreise angeboten, für die vorletzte Klasse eine Deutschland- und die Abschlussklasse eine Auslandsreise. Die siebte Klasse machte einen Tanzkurs, die achte Klasse einen Fahrkurs mit dem Erwerb der Führerscheine drei und vier, jedes Jahr gab es einen Skiaufenthalt und im Sommer ein Zeltlager. Außerdem fuhr man regelmäßig nach München zu Konzerten sowie zu Theater- und Opernaufführungen.

Im Vergleich zu ihren Altersgenossen zuhause führten Hitlers Eliteschüler ein privilegiertes Luxusdasein und lebten wie in einem Glashaus, unberührt von wirtschaftlichen Sorgen und vom Bombenkrieg. Psychologisch gesehen war das nicht ungeschickt. Als Hitlers Elitenachwuchs sollten sie einen Vorgeschmack davon bekommen, dass es sich auch materiell durchaus lohnte, die vom Regime vorgegebenen Ziele bedingungslos zu erfüllen und ein hundertprozentiger Nationalsozialist zu sein. Das stärkte sie in der Überzeugung, dass sie nach Hitlers Endsieg, an den sie bis zuletzt unbeirrt glaubten, einen bevorzugten Platz in der Hierarchie des Tausendjährigen Reiches einzunehmen hätten.


Julius Bittmann



22/2008