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Jahrgang 2016 Nummer 18

In Kufstein war die Grenze endgültig überschritten

Raubmörder Michael Danzer Dauergast im Zuchthaus – 1903 in Traunstein aus U-Haft ausgebrochen

So gemütlich wie bei diesen beiden Wachtmeistern 1909 ging es bei der Begegnung Danzers mit den Gendarmen in Kufstein nicht zu. (Repros: Mittermaier)
Das Zuchthaus Kaisheim wurde 1916 zur Endstation für den gebürtigen Niederbayer.
In Kiefersfelden hatte Danzer den Wirt der Bahnhofsgaststätte erstochen.

Bei dieser Nachricht dürfte die Bevölkerung zwischen Berchtesgaden und München tief durchgeatmet haben: »Der Raubmörder von Kiefersfelden, Michael Danzer, ist nach einer Meldung aus Wasserburg verhaftet worden«, berichtet der Rosenheimer Anzeiger am 1. November 1916. Zehn Tage lang hatte die Gendarmerie fieberhaft nach dem 40-Jährigen gesucht, der auf dem Transport von der Männerstrafanstalt in Graz ins Zuchthaus Kaisheim auf dem Bahnhof in Bischofswiesen entkommen war. Als einen Tag später in der Nähe von Kitzbühel ein älteres Ehepaar ermordet aufgefunden wurde, deutete zunächst vieles darauf hin, dass Danzer der Täter sein könnte, denn die Umstände ähnelten verblüffend jener Tat, für die er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden war.

Zum Glück für die Behörden verhielt sich der ehemalige Hausdiener auf seiner Flucht dann nicht allzu geschickt, denn sein Weg führte ihn ausgerechnet nach Wasserburg, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte und die dortige Bevölkerung schon Bescheid wusste, dass Danzer seinen Bewachern abhandengekommen war. Fast zeitgleich gingen bei der Wasserburger Polizei dann zwei Meldungen ein, dass der Gesuchte sich auf dem Marienplatz befinde. Zwei wackere Gendarmen, die sofort losgeeilt waren, um Danzer festzusetzen, sorgten dafür, dass der Dauerdelinquent, der sich heftig gegen die Verhaftung wehrte, wieder hinter Schloss und Riegel kam. Der 40-Jährige behauptet anfangs zwar steif und fest, es müsse sich um eine Verwechslung handeln, denn er heiße Huber, doch nach einigen Stunden Verhör knickte er ein und gab zu, dass er der geflohene Häftling war. Für den in Grafling im heutigen Landkreis Deggendorf geborenen Niederbayern sollte dies die letzte Verhaftung in seiner ansehnlichen kriminellen Karriere sein, denn die Mauern des Zuchthauses Kaisheim, hinter denen er nun verschwand, waren dann auch für den mit allen Wassern gewaschenen Serientäter zu hoch, um sich noch einmal dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen. An sein zukünftiges Leben hinter Gittern dürfte sich Danzer schnell gewöhnt haben, denn seit der den Kinderschuhen entwachsen war, hatte er fast mehr Zeit in als außerhalb von Strafanstalten verbracht, wobei er allein in Kaisheim schon acht Jahre eingesessen hatte.

Wann genau Danzer auf die schiefe Bahn geriet, geht aus den zeitgenössischen Berichten nicht hervor, doch 1911 hatte er schon 33 Vorstrafen zu Buche stehen, wie bei einer Gerichtsverhandlung in Innsbruck bekannt wurde. Dass er auf seinen Abwegen scheinbar unbehelligt zwischen Bayern und Österreich hin- und herwandern konnte, hatte die Ahndung seiner Straftaten für die Behörden dies- und jenseits der Grenze dabei sicher nicht vereinfacht. Das erste größere »Highlight « in seiner Verbrecherlaufbahn dürfte für Danzer 1902 der Einbruch in den Pfarrhof von Großhelfendorf in der Gemeinde Aying südlich von München gewesen sein, wo er eine Beute im Wert von 1300 Mark mitgehen ließ und anschließend erst einmal von der Bildfläche verschwand, weshalb ihn die Behörden im Januar 1903 schließlich zur Fahndung im »Bayerischen Central-Polizei-Blatt« ausschrieben. Den dortigen Angaben zufolge war Danzer damals in Begleitung der Prostituierten Fanny Inzinger aus Rosenheim unterwegs. Drei Monate später folgt dann eine weitere Suchmeldung, allerdings nicht, weil die Behörden den Verdächtigen noch immer nicht geschnappt haben, sondern weil es Danzer gelungen ist, zusammen mit zwei Zellengenossen aus dem Gefängnis in Traunstein auszubrechen, wo er wegen des Einbruchs in den Pfarrhof in Untersuchungshaft saß. Seine beiden Fluchtkumpanen sind schnell wieder gefasst, doch Danzer gelingt es, seinen Häschern zu entkommen, worauf er dann erneut zur Fahndung ausgeschrieben werden muss, diesmal mit einer genauen Beschreibung, die übrigens bester Beweis dafür ist, dass das Bedürfnis, sich Bilder unter die Haut zu ritzen, auch damals, zumindest in gewissen Kreisen, schon sehr beliebt war: Der als 170 bis 176 cm große, schlanke, und mit dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren und aufgedrehtem Schnurrbärtchen beschriebene Danzer konnte demnach gleich mit einer ganzen Reihe von Tätowierungen aufwarten: »auf dem rechten Oberarm eine nackte Frauensperson, auf dem linken Oberarm ein Herz und eine Krone, darüber die Buchstaben T.M., auf jeder Hand einen Anker; nach früherer Angabe soll auf dem linken Oberarm auch der österreichische Doppeladler eintätowiert sein«, so die steckbriefliche Schilderung, die noch ergänzt wird durch die Hinweise, dass Danzer mit einem schwarzen Filzhut, schwarzer Joppe und grüner Trikothose bekleidet sei, sich gerne in Gesellschaft von Prostituierten herumtreibe und wahrscheinlich versuche, »mittels Diebstahls in den Besitz von Geldmitteln und falschen Legitimationen zu kommen.« Als möglicher Aufenthaltsort wurde die Gegend von Trostberg und Wasserburg vermutet, weil dort in letzter Zeit vermehrt Einbruchsdiebstähle begangen worden waren. Die Suche nach dem Flüchtigen muss dann auch tatsächlich erfolgreich verlaufen sein, denn ab 1903 befand sich Danzer im Zuchthaus in Kaisheim, wo er Ende 1910 oder Anfang 1911 wieder entlassen wird. Geläutert hat ihn diese Strafe aber keineswegs, denn postwendend gerät der gebürtige Graflinger wieder mit dem Gesetz in Konflikt, diesmal auf österreichischem Terrain: Am 7. Juni 1911 muss sich Danzer vor dem Innsbrucker Landgericht wegen Diebstahls verantworten und wird zu 18 Monaten schweren Kerkers verurteilt, die er in der Strafanstalt Graz absitzen muss. Anschließend, so die richterliche Weisung, habe er Österreich für immer zu verlassen. Am 7. Dezember 1912 öffnen sich für Danzer die Gefängnistore in Graz, doch auch diese erneute Zeit hinter Gittern hat nicht dazu beigetragen, dass der 36-Jährige vielleicht doch noch die Kurve kratzt: Kaum in Freiheit, baldowert er schon seinen nächsten Einbruch aus, und das auch noch in Österreich, wo er sich ja eigentlich nicht mehr blicken lassen dürfte. Opfer ist diesmal ein Juwelier in Kufstein, in dessen Laden Danzer, nur zehn Tage nach seiner Haftentlassung, am 17. Dezember 1912, durch eine eingeschlagene Scheibe eindringt. Alles, was er sich auf die Schnelle an Schmuck aus den Schaufenstern schnappen kann, steckt er in einen Sack und verschwindet vom Tatort, noch ehe jemand den Raub bemerkt. Die Beute verscherbelt er anschließend in Bayrischzell und München bei Hehlern, wobei er allerdings kräftig übers Ohr gehauen wird, weshalb er bald wieder blank ist.

Nur einen Monat nach dem Einbruch in Kufstein sieht Danzer dann wieder ein Gefängnis von innen, allerdings nicht wegen dieser Tat, sondern weil er wegen Hausfriedensbruch auffällt, wofür er in Erding zu drei Wochen Haft verurteilt wird. Dass ihnen da ein viel dickerer Fisch ins Netz gegangen war als nur ein lästiger Ruhestörer, ahnen die Behörden nicht, weshalb Danzer nach Verbüßung der Strafe am 15. Februar ohne Weiteres entlassen wird. Zunächst irrt er mehr oder minder planlos durch die Gegend, bis er dann den Entschluss fasst, sich erneut in Richtung Kufstein aufzumachen. Ob er so naiv oder ganz einfach so unverschämt ist, dass er ausgerechnet an den Ort zurückkehrt, wo er gerade erst straffällig geworden war – und wo allein sein Aufenthalt schon eine Straftat darstellt, lässt sich nur erahnen. Auf dem Weg nach Kufstein springt ihm dann allerdings noch auf bayerischem Boden ein neues Objekt ins Auge: In der Bahnhofsgaststätte in Kiefersfelden wittert seine Spürnase reichlich Beute. Mit einem Messer, das er extra für die Tat gekauft sowie einer Axt, die er unterwegs gestohlen hat, gelingt es Danzer am 25. Februar 1913 nach Einbruch der Dunkelheit, sich unbemerkt in den ersten Stock des von der Familie Kloo geführten Gasthofs zu schleichen, um in den dortigen Zimmern nach Wertgegenständen zu suchen. Tatsächlich wird er auch schnell fündig und macht sich ans Werk, was dann aber doch nicht so geräuschlos vor sich geht, wie er wohl geglaubt hatte: »Als er mit der Hacke zwei Kästen aufgebrochen und sich bereits eine Menge von Wertsachen, darunter ein Sparkassenbuch, Bargeld und einen Revolver angeeignet hatte, trat plötzlich der Sohn des Hauses, Max Kloo ins Zimmer, wollte den auf frischer Tat ertappten Einbrecher festhalten und wurde hierbei von diesem mittels eines Messerstiches in die Herzgegend getötet«, so die nüchterne Schilderung in den »Innsbrucker Nachrichten« über die Tat, die einen 28-jährigen, jungen Mann das Leben kosten und den Verursacher für den Rest seiner Tage in ein bayerisches Zuchthaus bringen sollte.

Dass Danzer zunächst aber noch einige Jahre in einer österreichischen Strafanstalt absitzen muss, liegt in seinem Fluchtweg begründet: Um den Nachforschungen der bayerischen Gendarmerie zu entgehen, flüchtet sich Danzer, nachdem er Kloo niedergestochen hatte, in Richtung Tirol. Die österreichische Polizei ist jedoch von den Kollegen aus Bayern, die inzwischen von der Tat erfahren haben, alarmiert, dass der Täter sich über die Grenze absetzen könnte. Kurz vor Kufstein läuft Michael Danzer dann tatsächlich einer zweiköpfigen Patrouille in die Arme, die ihn auffordert, sich auszuweisen. Danzer versucht zunächst mit einer List seine Identität zu verschleiern und behauptete frech, er sei Handlungsreisender, was sein Chef, der sich in Kiefersfelden aufhalte, bezeugen könne. Da er sich aber partout weigert, seinen Namen zu nennen oder Papiere vorzuzeigen, weisen ihn die Beamten an, sie auf die Wache zu begleiten. Als einer der Männer den Verdächtigen am Arm greift, um ihn zum Mitkommen zu bewegen, zieht der plötzlich einen Revolver aus der Joppe – eines der Beutestücke aus dem Gasthaus Kloo – und richtet die Waffe auf die Polizisten mit der Warnung, dass er sofort schießen werde, wenn die Beamten noch einen Schritt in seine Richtung machten. Die Gendarmen zücken daraufhin ihre Dienstsäbel – Schusswaffen haben sie keine dabei – und versuchen, Danzer zurückzudrängen und zum Aufgeben zu überreden. Doch der denkt gar nicht daran, sich zwei nur mit Klingen bewaffneten Kiberern zu beugen und feuert einen Schuss ab, über den die Gendarmen so verdutzt sind, dass Danzer den Schreckmoment nutzen kann, um unbehelligt in der Dunkelheit zu verschwinden. Lange kann er sich über seine geglückte Flucht allerdings nicht freuen: Nur einen Tag später gelingt es einem Wachtmeister und einem Probegendarm, wie Polizisten in Ausbildung in Österreich bezeichnet werden, den Gesuchten in St. Johann zu verhaften. Anstatt ihn jedoch an die bayerische Justiz auszuliefern, landet Danzer nun in Innsbruck vor Gericht – um sich für den Einbruch und Raub im Kufsteiner Juwelierladen zu verantworten. Die verhängte Strafe von fünf Jahren soll Danzer in Graz absitzen, anschließend würde er nach Bayern abgeschoben, wo er dann die vom Münchner Schwurgericht im Oktober 1913 für den Einbruch in den Gasthof und die Tötung des Wirtssohns verhängte lebenslange Zuchthausstrafe antreten muss. Die ursprünglich von der Anklage geforderte Verurteilung wegen Mordes wurde dabei nicht aufrecht erhalten, denn die Geschworenen folgten Danzers Aussage vor Gericht, dass er Kloo nicht töten, sondern nur am Arm stechen wollte, damit dieser ihn losließe und er dann abhauen konnte.

Als er dann statt der fünf schon nach dreieinhalb Jahren von der Männerstrafanstalt Graz ins Zuchthaus nach Kaisheim überstellt werden soll, gelingt dem 40-Jährigen auf dem Bahnhof von Bischofswiesen die Flucht. Dass er zehn Tage später ohne größere Zwischenfälle wieder verhaftet werden konnte, dürfte die Behörden dies- und jenseits der bayerischen Grenze angesichts der kriminellen Energie, die Danzer sicher bald wieder unter Beweis gestellt hätte, doch erleichtert haben. Im November 1916 landete der Dauerdelinquent damit wieder an jenem Ort, an dem er schon 13 Jahre zuvor genügend Zeit zum Nachdenken gehabt hätte, um seinem verpfuschten Leben noch eine andere Richtung zu geben. Mit dem Doppelmord an einem Rentnerehepaar in Jochberg einen Tag nach Danzers Flucht in Bischofswiesen, hatte der Niederbayer übrigens nichts zu tun: Als Täter wurde ein 41-jähriger, österreichischer Dienstknecht ermittelt, der dafür 1917 am Galgen endete.


Susanne Mittermaier

 

18/2016