Jahrgang 2010 Nummer 11

In Hinterthal war Bormanns Flucht zu Ende

Der Patensohn Hitlers fand bei einem Bergbauern eine zweite Heimat

Der Neupriester Martin Bormann erteilt seinen Geschwistern den Primizsegen.

Der Neupriester Martin Bormann erteilt seinen Geschwistern den Primizsegen.
Das Bormann-Haus am Obersalzberg

Das Bormann-Haus am Obersalzberg
Martin Bormann, der Sekretär Hitlers und Reichsleiter der NSDAP, mit seinen Kindern Martin, Gerhard und Ilse und Besuchern der R

Martin Bormann, der Sekretär Hitlers und Reichsleiter der NSDAP, mit seinen Kindern Martin, Gerhard und Ilse und Besuchern der Reichsschule der NSDAP Feldafing.
In den letzten Kriegswochen glich der Obersalzberg, Adolf Hitlers zweiter Regierungssitz, einer Gespensterstadt. Während der äußere Betrieb mit Hunderten von Bewachern, Verwaltungspersonal, Handwerkern und Arbeitern wie gewohnt weiterlief, herrschte in den Häusern der am Obersalzberg wohnenden Naziprominenz hektische Aufbruchstimmung. Allen Durchhalteparolen zum Trotz hatte inzwischen kein Mensch einen Zweifel daran, dass die Tage des Dritten Reiches gezählt waren und eine Götterdämmerung von unvorstellbarem Ausmaß bevorstand.

Spätestens nach dem verheerenden Luftangriff am 25. April 1945 verließen die Familien von Göring, Speer und von Hitlers Leibfotografen Hofmann ihre Häuser am Obersalzberg. Am längsten harrte Frau Bormann mit den Kindern aus. Ihr Mann befand sich an Hitlers Seite in der Reichskanzlei in Berlin, der älteste Sohn, der im Jahre 1930 geborene Martin Adolf, der Patensohn von Adolf Hitler, war in Feldafing am Starnberger See, wo er die NS-Eliteschule besuchte. Ursprünglich war Martin auf die Oberschule in Berchtesgaden gegangen. Weil er sich mit dem Geschichtslehrer nicht verstand, schwänzte er den Unterricht, der Schulleiter drohte ihm mit der Entlassung. Daraufhin verfügte der Vater seine Versetzung nach Feldafing.

Im April wurde der Schulbetrieb eingestellt, doch die Buben durften nicht heim, sondern erhielten eine Ausbildung für den Volkssturm, um an der italienischen Südfront gegen die Amerikaner zu kämpfen. Gerda Bormann konnte nicht länger warten. Mit den acht Kindern, den Kindermädchen und den Hausangestellten verließ sie den Obersalzberg in Richtung Südtirol. In Wolkenstein im Grödnertal war für die Familie ein Ausweichquartier reserviert.

Schon nach wenigen Wochen zeigten sich bei Gerda Bormann Zeichen einer scheren Erkrankung. Bei der Aufnahme in das Krankenhaus in Bozen musste sie ihre Identität angeben und wurde daraufhin in das Lazarett eines Lagers für Kriegsgefangene in Meran verlegt. Dort ist sie im Frühjahr 1946 im Alter von 37 Jahren gestorben. Die acht Kinder wurden auf Pflegeplätze bei verschiedenen Südtiroler Familien verteilt.

Dem fünfzehnjährigen Martin Bormann und seinen Mitschülern blieb der Einsatz beim Volkssturm erspart, weil die Südfront inzwischen kapituliert hatte. Er schlug sich bis zum Obersalzberg durch. Hier fand er alles in Auflösung, das Elternhaus war eine Ruine.

Martin wollte nach Südtirol, wo er seine Familie vermutete. Mitglieder einer ehemaligen Wachkolonne nahmen ihn mit bis in den Pongau. Hier traf er Onkel Albert, den Bruder seines Vaters, mit seiner Familie. Eine Weiterfahrt nach Südtirol war nicht möglich. Deshalb beschloss man, mit einem Trupp ehemaliger Soldaten nach Bayern zurückzukehren, und zwar von Weißbach bei Lofer auf der (heute für den Kfz-Verkehr gesperrten) Straße über Hinterthal und den Hirschbichl-Pass zum Hintersee und in die Ramsau. Aber in Hinterthal war die Fahrt zu Ende, zwei Straßenbrücken waren zerstört, man musste zu Fuß weiter und wäre beinahe einigen US-Soldaten in die Hände gefallen.

Kurzentschlossen gingen die Flüchtlinge in den nächsten Bauernhof und baten um Unterschlupf für ein paar Tage. Wie sich herausstellte, gehörte das Anwesen dem Querleitner. Er war allein zu Hause, die Tochter und ihre Kinder hatten sich beim Nachbarn versteckt. Der Jungbauer und die zwei Söhne waren noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt.

Onkel Albert zog mit seiner Familie nach wenigen Tagen weiter. Martin nahm das Angebot an, beim Querleitner zu bleiben. Natürlich ohne seine Identität zu verraten, aus Sorge, sonst als Sohn eines prominenten Nazi-Funktionärs sofort verhaftet zu werden. Den Querleitners sagte er, dass er Martin Bergmann heiße, aus München stamme und von dort wegen des Bombenkrieges evakuiert worden sei.

Die Strapazen der letzten Wochen hatten dem Fünfzehnjährigen schwer zugesetzt. Fieber und Brechdurchfall zwangen ihn zur Bettruhe. Die Querleitnerin tat alles, um ihm mit alten Hausmitteln wieder zu Kräften zu verhelfen. In der beruhigenden Atmosphäre des Querleitn-Hofes fand Martin Zeit, die Geschehnisse der letzten Zeit an sich vorüberziehen zu lassen und sein Leben zu überdenken. Sein bisher für unerschütterlich gehaltener Glaube an die nationalsozialistische Ideologie war ins Wanken geraten, vor allem als er in den vom Querleitner abonnierten »Salzburger Nachrichten« die Aufnahmen von den Leichenbergen in den Konzentrationslager gesehen und Berichte über die KZ-Gräuel gelesen hatte. War es möglich, dass sein Vater davon nichts gewusst hatte – und wie hatte er es mit seinem Gewissen vereinbaren können, einem solchen Regime zu dienen?

Zum ersten Mal in seinem Leben fielen auf der Kalprunalm dem religionslos erzogenen Martin eine Bibel und ein Schulkatechismus in die Hände, die er mit heißen Wangen verschlang. Manches blieb ihm unverständlich. Als er dem Querleitner Fragen stellte, meinte dieser in seiner trockenen Art: »Da gehst am besten rüber nach Maria Kirchenthal, da sind Patres, die können dir alles beantworten.« Also ging der Fünfzehnjährige ein halbes Jahr lang jeden Sonntag frühmorgens die drei Stunden nach Maria Kirchenthal und kehrte am späten Nachmittag wieder zurück. Der Glaube an einen gütigen und gerechten Gott, der jeden Menschen nicht nach den äußeren Taten, sondern nach seinem innersten Gewissen richtet, hatte für ihn gerade wegen seinem Vater große Bedeutung.

Im Mai 1947 wurde Martin getauft und in die katholische Kirche aufgenommen. Taufpate war der Querleitner. Jetzt erst brachte es Martin übers Herz, ihm seine wahre Identität offenzulegen. Der Kommentar des Querleitners: »Den Weiberleut’n sagn ma aber nix. Die können nit den Mund halten.«

In Maria Kirchenthal hatte Martin Bormann erstmals Patres der Herz-Jesu-Missionare kennen gelernt, die neben ihrem Mutterhaus in Salzburg-Liefering auch Niederlassungen in Federaun bei Villach und in Hallbergmoos bei Freising (heute Birkeneck) hatten. Sie boten ihm an, das Klostergymnasium in Liefering zu besuchen, dann sollte er weiter über seine Zukunft entscheiden. Doch bei der Busfahrt nach Salzburg wurde Bormann von einer ehemaligen Sekretärin der NSDAP erkannt und angezeigt. Nach einigen Tagen Gefängnis übergab man ihn der österreichischen Justiz. Ein Salzburger Gericht verurteilte ihn wegen »Irreführung der Behörden« zu einer Woche Jugendarrest.

Die Bekanntschaft mit den Herz-Jesu-Missionaren bedeutete für Martin Bormann den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Der verwaiste, in seinen Idealen bitter enttäuschte ehemalige NS-Eliteschüler fand bei den Brüdern und Patres der Missionsgemeinschaft seine neue Familie und im christlichen Glauben den Kompass für sein künftiges Leben. So war es nur folgerichtig, dass er sich entschloss, auch Herz-Jesu-Missionar und Priester zu werden. Seine Primiz feierte er 1958 in Maria Kirchenthal, anschließend bedankte er sich bei seinen Wohltätern in Berchtesgaden, Weißbach und Bruneck mit festlichen Gottesdiensten und der Erteilung des Primizsegens. Bormann besuchte auch die Pfarrei Siegsdorf. Dort wirkte damals der mit ihm persönlich befreundete Pfarrer Dr. Johann Baumann. Er hatte zusammen mit mehreren Siegsdorfer Familien den mittellosen Studenten während seines Studiums finanziell unterstützt.

Einen mehrjährigen Einsatz als Missionar im Kongo musste Bormann aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Nach einem schweren Verkehrsunfall verließ er die Herz-Jesu-Missionare, ließ sich laisieren, weil er der Gemeinschaft nicht als Krüppel zur Last fallen wollte, und heiratete eine im kirchlichen Dienst stehende Fotojournalistin. Sein Versuch, in Mühldorf eine Stelle als Religionslehrer zu erhalten, scheiterte am Widerstand des Mühldorfer Kreistags. Ein Lokalpolitiker soll gesagt haben, wenn man den Bormann anstelle, komme man nur ins Gerede… Der Spiegel, der den Fall aufgriff, sah in der Ablehnung Bormanns einen Fall von Sippenhaft. Bormann erhielt aus Nordrhein-Westfalen das Angebot, an der Berufsschule in Hagen als Lehrer für Religion und Deutsch zu unterrichten. Im Jahre 1992 trat er in den Ruhestand.

Julius Bittmann



11/2010