Jahrgang 2009 Nummer 34

In den Wirren der Napoleonischen Kriege

Geschichte zwischen Bayern und Tirol – Teil III: 1800 bis 1809 und die Nachkriegszeit

Kampf am Berg Isel (13.8.1809)

Kampf am Berg Isel (13.8.1809)
Andreas Hofer mit Landsturm

Andreas Hofer mit Landsturm
Reichenhaller Gebirgsschützen

Reichenhaller Gebirgsschützen
Seit 1792 führt Österreich mit verschiedenen Verbündeten Krieg gegen Frankreich. Tirol bereitet sich mit Verschanzungen und vorbereiteten Steinlawinen bereits ab 1796 auf die Verteidigung des Landes vor. Als Napoleon im selben Jahr zum Oberbefehlshaber der Italienarmee ernannt wird, wächst der Druck im Süden Tirols. 1797 fällt mit Mantua ein wichtiges Bollwerk an Napoleon. Damit ist der Weg nach Innerösterreich frei. 1800 verbünden sich Österreich und Pfalz/Bayern gegen Napoleon und verlieren.

1805 kämpft Bayern als Mitglied der Rheinarmee auf Seite der Franzosen. Die bayerische Division Deroy rückt von Salzburg über Reichenhall vor und drängt die gegnerischen Verbände unter dem österreichischen General Chasteler bei Schneizlreuth, am Bodenbühel und Steinpass bis zum Pass Strub bei Lofer zurück. Wegen der erwarteten Tiroler Angriffe und zum Schutz der Südgrenze ergeht am 17. Oktober 1805 von Kurfürst Max Josef der Aufruf zur Organisation eines »Corps Bayerischer Gebirgsschützen«. Dieses Corp wird aus Schützen der Landgerichte Miesbach, Fischbach, Aibling, Tölz, Weilheim, Schongau und Werdenfels rekrutiert und hat in erster Linie defensive Aufgaben. Oberbefehlshaber ist der jeweilige Forstinspektor der Inspektionen Miesbach und Werdenfels, Bewaffnung je 1 Stutzen und 1 Säbel. Als »Uniform« dient eine weißblaue Hutmasche. Am 6. November 1805 wird das Corps um eine 3. Division, zusammengestellt aus den Grenzdistrikten Schwarzbach, Reichenhall, Inzell, Traunstein bis Reit im Winkl beschlossen. Dieser Einheit steht der Salinenrat Kaspar von Rainer vor, der auch als Gründer der Reichenhaller Gebirgsschützenkompanie gilt. Es gibt keine eigenen Uniformen. Vielmehr kennzeichnen sich die Schützen mit einem Hoheitszeichen am Hut und am Arm.

Im Frieden von Pressburg, am 26. Dezember 1805, wird Tirol als Entlohnung an Bayern angegliedert. Ebenfalls im Dezember werden die Gebirgsschützencorps bereits wieder aufgelöst. Bayern wird am 1. Januar 1806 durch Napoleons Gnaden zum Königreich. Bayerns Administration unter Minister Maximilian Josef Freiherr von Montgelas beginnt die ehrgeizigen Reformpläne Bayerns auch auf Tirol anzuwenden. Unter Anderem werden die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, die Steuern erhöht und viele Formen der Glaubensausübung eingeschränkt oder ganz verboten. In Tirol rumort es. Bereits seit 1806 gibt es Geheimverhandlungen zwischen dem Österreichischen Kaiser und den Tiroler Landesverteidigern. Erzherzog Johann versorgt derweil die Tiroler auf geheimen Wegen mit Waffen und Ausrüstung.

Im Januar 1809 schließt der spätere Anführer des Tiroler Volksaufstandes, Andreas Hofer, in Wien einen Pakt für die gemeinsame Befreiung Tirols von den Besetzern. Am 7. April 1809 erklärt Österreich den Bayern und am 27. April den Franzosen den Krieg. Zeitgleich beginnt der Tiroler Volksaufstand. Die bayerischen Truppen werden massiv attackiert und treten überstürzt den Rückzug an. Bereits am 7. Mai 1809 werden die bayerischen Gebirgsschützencorps per Erlass unter Oberbefehlshaber Graf Max von Arco erneut ins Leben gerufen. Der 1. Abteilung aus Schützen der Landgerichte Reichenhall, Traunstein und Trostberg steht Forstinspektor Huber aus Traunstein vor. Die 2. Abteilung, rekrutiert aus den Landgerichten Rosenheim, Miesbach, Tölz und Wolfratshausen, leitet Forstinspektor Schmid aus Miesbach.

Die Bevölkerung der grenznahen Gegenden begegnet den freiheitsliebenden Tirolern mit Sympathien, bis Gewalt und Übergriffe zunehmen. Die Greueltaten auf beiden Seiten rufen allerdings schnell Entsetzen, sogar bei den Führern, hervor. Besonders betroffen sind das Inntal, das Priental, das Achental bei Wössen und Schleching und das Saalachtal bei Reichenhall sowie das linke Innufer bei Andorf. Im Mai 1809 gelingt es der Division von General Wrede, über Melleck nach Lofer vorzudringen. Am 11. Mai gelingt ihm in einer brutalen, verlustreichen Schlacht, den Pass Strub zu überwinden und nach Wörgl vorzudringen. In der Ebene dort fügt er den österreichischen Truppen unter Feldmaschallleutnant Chasteler eine katastrophale Niederlage zu. Die bayerische Division Deroj marschiert über Aschau und Sachrang gegen die Tiroler am Wildbichl und beendet am 12. Mai die Besetzung der Burg in Kufstein.

Wegen der Spannungen zwischen den bayerischen Gebirgsschützen und dem Militär will Graf Arco am 3. Juni 1809 die Gebirgsschützencorps wieder auflösen. Seiner Ansicht nach sind die Schützen zu undiszipliniert und zu teuer. Daraufhin wird das Kommando den Landrichtern übertragen. Größte Aufmerksamkeit gilt nun erneut den Verbindungen Schneizlreuth, Lofer Richtung Wörgl und Lofer –Saalfelden mit den zugehörigen Pässen. Im Mai haben die Salzburger Gebirgsbewohner die Waffen ergriffen. Unterstützt von frischen Schützenkompanien aus Ost- und Südtirol marschieren sie nun Richtung Pinzgau und ins Saalachtal. Gleichzeitig verlieren die Bayern zwei Berg-Isel-Schlachten in Innsbruck. Die Besetzer müssen an beiden Fronten den Rückzug antreten.

Nach dem Waffenstillstand von Znaim, geschlossen am 12. Juli, wird die 3. Gebirgsschützen-Abteilung (Melleck, Seehaus, Kössen, Schleching und Reit im Winkl) aufgelöst, das Kommando dem königlich-bayerischen Landrichter in Traunstein übertragen und die Stellungen mit völlig ungeeignetem königlichem Linien-Militär besetzt. Die Tiroler merken das und fallen über Reit im Winkl, Winklmoos und Gföll nach Unken ein. Das bayerische Militär muss fliehen. Am 27. Juli gelingt sächsischen und bayerischen Bataillonen erneut der Durchbruch beim Pass Strub. Bereits am 30. Juli steht Marschall Lefevbre wieder in Innsbruck, wird aber Mitte August in der dritten Berg-IselSchlacht erneut geschlagen. Die Kommandanten der Tiroler Freiheitskämpfer, Josef Speckbacher und Pater Joachim Haspinger, verfolgen die fliehenden Truppen bis kurz vor Salzburg. Nach Angriffen auf die Pässe im Saalachtal bei Lofer, Unken und am Hirschbichl fällt die gesamte Gebirgsfront von Jettenberg über Hintersee, Berchtesgaden bis kurz vor Salzburg in die Hand der Tiroler. Die Reichenhaller und Berchtesgadener behaupten zumindest ihre Orte.

Im Oktober 1809 beginnt die Entscheidungsschlacht. Marschall Lefevbre erhält den Oberbefehl über die bayerischen Divisionen und heckt mit dem königlichen Salinenrat Kaspar Rainer das Unternehmen »Mittlere Saalach« aus. Gebirgsschützen aus Gmain, Nonn, Weißbach bei Marzoll, Karlstein, Ristfeucht, Jettenberg, Jochberg, Marzoll, Türk und Inzell führen als Ortskundige vier Kolonnen Soldaten auf Steigen und Schleichwege über die Berge rund um Reichenhall bis Schneizlreuth und Melleck in den Rücken der vier Tiroler Verbände. Rainer dringt mit seiner 3. Kolonne bis Lofer vor. Angesichts des unerwarteten Angriffs bricht der Tiroler Widerstand in sich zusammen. Josef Speckbacher muss ohne Säbel, Schützenhut und Mantel fliehen. Sein Sohn Anderl wird am Steinpass gefangen genommen und an den Königshof nach München gebracht. Am 19. Oktober 1809 unterzeichnen Abgeordnete aus dem Pinzgau die Kapitulation.

Andreas Hofer, der Oberkommandierende des Tiroler Freiheitskampfes, verliert am 1. November 1809 die vierte und letzte Berg-IselSchlacht gegen die bayerischen Truppen des Generals Drouet. Hofer muss fliehen, wird aber am 28. Januar 1810 auf einer Berghütte verhaftet und nach Mantua gebracht. Dort wird er am 20. Februar 1810 erschossen.

Die militärische Lage in Bayern beschleunigt die Aufstellung von Reserveabteilungen für das Militär. Im Eiltempo wird die »natürliche Festung der Berge« von der Saalach bis zum Inn in den Pässen massiv ausgebaut. Am 14. August 1813 sollen 16 Gebirgsschützenkompanien entlang der Grenze wegen des ungeklärten Status von »Bayerisch-Tirol«, erneut aufgeboten werden. Dies ist allerdings nur im Miesbacher und Rosenheimer Bezirk möglich. General Wrede löst die Gebirgsschützencorps am 24. Oktober 1813 zwar auf, als aber im Dezember des gleichen Jahres Tiroler Schützen in Sterzing die bayerische Verwaltung verjagen, werden die Corps installiert. Rosenheim, Traunstein und Reichenhall tun sich hier besonders hervor.

Das endgültige Aus für die Gebirgsschützencorps verkündet König Max I. am 11. Februar 1814. Danach gibt es nur wenig Aufzeichnungen über diese Kompanien. Die meisten wurden offensichtlich in die »Königlich-privilegierten Schützengesellschaften« überführt. Im Vertrag von München, unterzeichnet am 14. April 1816, übernimmt das Königreich die Landgerichte Waging, Tittmoning, Teisendorf und Laufen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es zahlreiche Wiedergründungen dieser Traditionskompanien. Das Bataillon Inn-Chiemgau besteht heute aus 17 Kompanien unter dem Dach des Bundes der Bayerischen Gebirgsschützen-Kompanien. Schützenkompanien aus dem ganzen Alpenraum von Bayern über Österreich, Tirol und Südtirol sind seit 1975 zur Alpenregion der Schützen zusammen gewachsen.

Werner Bauregger

Teil 1 und 2 in den Chiemgau-Blättern Nr.32 und 33/2009



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