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Jahrgang 2015 Nummer 1

In Cölln angestrichen

Eine Dreikönigs-Geschichte

»Jetzt hab ich einen!« Ludmilla stürzt zur Tür herein. Sie schlägt sie hinter sich zu. »Hö!«, hält sie Kuno, ihr Mann, zurück, der am runden Holztisch sitzt und einen Apfel schält. »Was stürmst denn so wild daher? Schau dich an! Die Schuhe hast voll Schneematsch. Zeig dich einmal! Du bist ja ganz erhitzt – und das bei der Kälte!«

Ludmilla, den Kopf bis unter den Haaransatz gerötet, wirft die Wollhandschuhe auf den Tisch, schüttelt Schneereste vom langsam gelösten Kopftuch und lässt es zu Boden sinken. Sie knöpft, ohne ihre Umhängetasche abzunehmen, den Schaffellmantel auf, fährt aus einem Ärmel, sodass jetzt der Mantel noch halb an ihr hängt, lässt ihn sinken, hält die Umhängetasche aber fest in der einen Hand, während sie sich mit der andern das feuchte Haar aus dem Gesicht streicht.

»Da ist er drin!«, sagt sie tonlos, indem sie die Umhängetasche fest ins Visier nimmt. Mit ihr setzt sie sich zu Kuno an den Tisch. »Magst nicht …?«, will er ihr eine geschälte Apfelhälfte reichen, die sie mit Kopfschütteln ablehnt. »Oder ein Glas Wasser? Du musst doch Durst haben, Hunger … nach dem langen Weg …«.

Ludmilla war in die Stadt gegangen, fünf Viertelstunden Weges liegt sie von ihrem Einödhof entfernt. Heute brauchte Ludmilla fast doppelt so lange wie gewöhnlich. Es gab Neuschnee, schon auf dem Hinweg fegte der Nordwind Wächten auf Straße und Acker. Ludmilla hielt sich an das, was ihr Pater Gerhard vom Kloster des Heiligen Franziskus sagte: »Halt durch, Mädel«, sagte er, »halt durch.«

»Also, du hast einen?«, fragte Kuno und hörte auf zu kauen. »Von wem? War der alte Crispin am Stand oder seine kleine Rezia?«

»Weder – noch«, antwortete Ludmilla. Sie aß jetzt von einer der inzwischen auf dem Tisch aufgereihten Apfelhälften, griff zu dem Becher mit heißem Tee, den Kuno hingestellt hatte und berichtete. Langsam und bedächtig.

»Ich kam an den Stand, den du mir nanntest, direkt neben der Kirchentür. Der Crispin hat das Reißen, Rezia muss ihm Umschläge machen, hieß es. Ein junger Mensch mit wirrem rotem Haar vertrat sie beide. Was soll's denn sein?, fragte er. Als ich ihm mein Begehr nannte, lachte er hämisch auf, zog einen bräunlichen Umschlag aus einer Mappe, nannte den Preis, den Crispin ihm darauf notiert hatte und hielt mir den Umschlag unter die Nase. Den riss ich ihm aus der Hand. Er streckte mir den Arm entgegen. Ich wollte ihm das Geld hineinlegen, doch da …« Ludmilla sah über Kuno weg durchs Fenster und wischte sich einmal über den Mund. »Ja – und?«, drängte Kuno. Seine Frau verzog den Mund zu einem halben Lächeln und fuhr fort: »… ergriff er meine Hand, zog sie an sich und sagte: 'Wenn's für dich ist, Gottes Segen!' Ich riss mich los, bedankte mich, bestellte Grüße an Crispin und Rezia, während ich das Geld auf den Standtisch legte, das der Bursche sofort an sich nahm, und im Weggehen – ich lief schnell, stolperte und stieß einen Sack Walnüsse vom Nebenstand um, sodass etliche davon in den Schnee fielen – rief ich ihm noch zu: 'Nein, für Kuno, meinen Liebsten!'«

Kuno nahm sachte Ludmillas Kopf in beide Hände und küsste sie auf die Stirn. Er zog sie an sich, beinahe wäre sie vom Stuhl gerutscht, und flüsterte: »Du Allerliebste du. Jetzt probieren wir's mit –- dem!« Beim letzten Wort zeigte er auf die Umhängetasche. Ludmilla öffnete sie, zog den Umschlag hervor und entfaltete ihn auf dem Tisch. »Da ist er!«, sagte sie. »So ein kleines Ding?«, staunte Kuno. »Ich dachte, der ist so groß wie ein – Küchentuch.« Ludmilla lachte. »Er war handtuchgroß, der Bogen, den mir der Crispin letzthin zeigte, von oben bis unten mit einem ellenlangen Gebet bedruckt. An dem klebte rechts ein Agatha-Segen und links …« – » … der Dreikönigszettel«, hauchte Kuno.

Der Franziskaner war es, der Ludmilla, seinem treuen Beichtkind, riet, einen Dreikönigszettel zu besorgen. »Möglichst am Dreikönigstag«, ergänzte er, »da strotzt er nur so vor Heilkraft«. Letztes Jahr war der Schnee am Dreikönigsmorgen gefallen, so hoch, dass nicht einmal Kunos Pferdefuhrwerk aus dem Hoftor kam. War auch gut so; denn Kuno war schwach und klagte über alle möglichen Schmerzen vom Kopf bis in die Lenden. Ludmilla wollte unbedingt auf den Dreikönigsmarkt in die Stadt. Sie machte sich zu Fuß auf, mit einem Stecken in jeder Hand. Doch sie versank im Schnee schon bei der Wegkapelle hinter der Scheune.

Sie musste bis heuer warten. Für Kuno ein Leidensjahr. Die Fieberanfälle ließen erst nach Michaeli nach, doch schon zu Maria Namen fingen sie wieder an. Qualvolle Nächte. Stöhnen und Röcheln. Ludmilla verzweifelte schier. Kopfbrennen und Gliederreißen kamen hinzu, die alte Bisswunde an der rechten Wade, die ihm Pluto, seit einem Jahr auf dem Acker begraben, gerissen hatte, mochte sich nicht schließen. Ludmilla versuchte es mit Kräutern vom Buschen, den sie an Maria Himmelfahrt hatte im Kloster weihen lassen, mit in siedendes Bier gerührtem Sesam aus Aleppo, mit Mohnsalbe ihrer Schwägerin, die sie in die Wunde strich. Alles vergebens. Bis ihr der Pater den Dreikönigszettel zu besorgen auftrug. Der letzte, den er hatte, war schon der alten Cäcilia versprochen, die den Mönchen kochte und die Leibwäsche besorgte, für ihre arge Atemnot. Cäcilia legten sie, als sie der Tod von ihrem Leiden endlich befreit hatte, den Dreikönigszettel ins Grab. Pater Gerhard war damals gerade auf Missionsreise; zurückgekehrt, war Cäcilia schon unter der Erde.

Dort half ihr der Wunderzettel nicht mehr. Kuno aber war am Leben, wenn man das, was ihm davon blieb, noch so nennen durfte. An drei Medici, hunderte Kilometer im Umkreis ordinierend, wandte Ludmilla sich in ihrer Drangsal. Der eine war selber siech und hätte Kuno beinah mit dem Fleckfieber angesteckt, der andere zu hochmütig, um an einem Bauern seine Kunst zu verschwenden, und der dritte machte mit Stichen und heiß auf den Leib gesetzten Öltiegelchen die Sache nur noch schlimmer. Kuno musste der Zettel aufgelegt werden. Täglich. Und dauerhaft. Und immer an einer anderen Stelle des Körpers. Lose, nicht etwa durch ein Stück Leinen geschützt. Der Zettel musste die Haut unmittelbar berühren. Damit seine Heilkraft in die Poren dringen konnte. Wie Arnikasalbe, die Ludmilla unermüdlich auftrug und fest einrieb. Die aber nur immer wenige Stunden half und Kuno zeitweilig erlaubte, mit Ludmilla zu schlafen. Als sie vor zwölf Jahren einander die Ehe versprochen hatten, erfreuten sie sich am liebsten stündlich ihrer Fleischeslust. Die hatte sich in Fleischeslast verwandelt. Kuno verdüsterte zusehends und verlor nach und nach allen Lebensmut. Ludmilla widerstand Versuchungen in gläubigem Vertrauen auf Gottes Zuwendung.

Den Pater umarmte Ludmilla, als er den Dreikönigszettel ins Spiel brachte. Nun lag es nur mehr an der richtigen Anwendung des Mittels. »Ist er angerührt?«, wollte Ludmillas Schwägerin wissen, die ihren Bruder besuchte. »Was soll denn das jetzt?«, fragte Ludmilla. »Er muss angerührt sein, nur dann hilft er«, behauptete die Schwägerin. Sie betrachte mit Ludmilla ausgiebig den Kupferstich auf dem Dreikönigszettel: Maria und die Heiligen Drei Könige schweben, Maria mit dem Kind anbetend, auf einer Wolkenaureole über einer Ansicht der Stadt Köln am Rhein. Sie zog ihr dickes Augenglas aus der Rocktasche, setzte es an der Rückseite des Zettels an und las: »Heilige drey Könige Caspar, Melchior, Balthasar. Bittet für uns ietzt und in unser Sterbstund …« – »Also, soweit ist's noch nicht«, wandte Ludmilla ein. »Jetzt kommt's«, fuhr die Schwägerin dazwischen. »Diß an die Häupter und Reliquien in Cölln angestrichene Brieflein ist gut für alle Reißgefahren, Hauptwehe, fallende Kranckheit, Fieber, Zauberey und gähen Todt durch einen festen Glauben.« Ludmilla riss es vom Stuhl, als sie hörte: »in Cölln angestrichen«. Sie rannte in Kunos Zimmer, warf sich auf das Bett, umklammerte Kunos Schultern, hob den Oberkörper mit einem Ruck empor, küsste ihren Mann wie wild auf Lippen, Stirn und Wangen und rief, als ob Kuno die Erlösung schon gewiss wäre: »In Cölln angestrichen! In Cölln …!«

Ein Vierteljahr später, an Michaeli, saß Kuno mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen auf der Führerbank seines Pferdefuhrwerks, neben ihm Ludmilla, die Umhängetasche fest an sich gedrückt. Darin hütete sie drei Golddukaten. Die waren für das Kloster des heiligen Franziskus bestimmt.


Dr. Hans Gärtner

 

1/2015