Jahrgang 2010 Nummer 11

In Bayern galt die Fastenzeit als österliche Bußzeit

Schmalhans Küchenmeister herrschte in früheren Jahrhunderten in der Fastenzeit

Ein Viertel Laib Brot liegt neben einem Glas Starkbier. Jahrhundertelang galt die Fastenzeit im katholischen Bayern als »österli

Ein Viertel Laib Brot liegt neben einem Glas Starkbier. Jahrhundertelang galt die Fastenzeit im katholischen Bayern als »österliche Bußzeit«. In früheren Jahrhunderten war nur eine Mahlzeit täglich erlaubt. Fleisch, fetter Fisch, Eier, Butter und sogar Käse und Milch waren im Mittelalter verboten. Bier zu trinken war dagegen erlaubt. Heute erfreut sich das Fasten wieder großer Beliebtheit.
Jahrhunderte lang galt die Fastenzeit im katholischen Bayern als »österliche Bußzeit«. Daran hat sich aus der Sicht der Kirche nichts geändert, auch wenn das vorösterliche Fasten geradezu schick geworden ist. Heilfasten nach allerlei Rezepten hat derzeit Hochsaison, in den Wohlstandsgesellschaften werden Anlässe zum Gewichtverlust allzu gerne aufgenommen, um Winterspeck abzubauen, jugendlich anmutende Waschbrettbäuche wieder herzufasten oder einfach einem allgegenwärtigen Schlankheitsideal gerecht zu werden.

Dabei geht den Bayern das Fasten eigentlich gegen die Natur, wenn man dem Benefiziaten Joseph Schlicht (1832-1917) glauben darf. Der Geistliche aus Steinach bei Straubing vertrat zu seiner Zeit die Auffassung, der »Bayer besitzt eben von Mutterleib aus einen kerngesunden Magen, der eher zu weit als zu eng angelegt ist«. Das harte Fasten war deshalb nicht besonders beliebt. Vor allem dann, wenn man sich den Küchenplan mit den Fastenspeisen der damaligen Zeit anschaut: Brot- oder Brennsuppe, Erdäpfel und leidige Mehlspeisen wie Dampfnudeln oder Kartoffelnudeln mit Sauerkraut gab es tagein tagaus. In einem Regensburger Heimatbuch ist diese Monotonie treffend so beschrieben: »Erdäpfl in der Fröih (Früh)/ Mittags in der Bröih (Brüh)/ Abends in der Heit (Haut)/ Erdäpfel in alle Ewigkeit.«

Das strenge Fasten machte aber auch erfinderisch. Am pfiffigsten waren dabei die Mönche. In lateinischer Gelehrsamkeit verkündeten sie »Liquida non fragunt ieum«, zu deutsch: »Flüssiges bricht Fasten nicht« und ließen sich das speziell gebraute Starkbier kräftig schmecken. Aus dem Kloster Andechs wird überliefert, dass der dortige Frater Brauer in der Fastenzeit auf täglich 18 Maß Bier kam. Das Kirchenvolk variierte die mönchische Gelehrsamkeit zur Volksweisheit: »Das Wasser gibt dem Ochsen Kraft, dem Menschen Bier und Rebensaft. Drum danke Gott als guter Christ, dass du kein Ochs geworden bist.« Der Fastentrunk wurde zur Fastenkur.

In den strikten Fastenzeiten früherer Jahrhunderte war nur eine Mahlzeit täglich erlaubt. Fleisch, fetter Fisch, Eier, Butter und sogar Käse und Milch waren im Mittelalter streng verboten. Herzog Albrecht IV., der Bayern von 1467 bis 1508 regierte, zeigte sich milde. Er erreichte vom damaligen Papst die Erlaubnis, dass seine Untertanen in der Fastenzeit Milch und Butter zu sich nehmen durften. Bis ins 17. Jahundert hinein wurden die Fastengebote durch Beamte sowohl in privaten Haushalten als auch in den öffentlichen Gaststuben streng kontrolliert. Nach innerkirchlichen Reformen blieben dann nur noch der Aschermittwoch und Karfreitag als strenge Fasttage übrig.

Zu den zahlreichen religiösen Fastenbräuchen gehören bis heute Kreuzwegandachten, Fastenpredigten und Bußgottesdienste. Bei allen großen Weltreligionen gibt es feste Fastenzeiten. So wird im Islam im neunten Monat des mohammedanischen Mondjahres jeden Tag von Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Dunkelheit gefastet, dem Ramadan. Im Buddhismus, dem chinesischen Taoismus und im Christentum dient das Fasten der »Erweckung des Geistes«, der Körper wird durch Fasten ruhig gestellt. Früher war dieses Fasten auch mit sozialem Handeln verbunden. Wer in der Fastenzeit an die Türen der Klöster auf den bayerischen Chiemsee-Inseln klopfte, erhielt einen Laib Brot und einen Pfennig dazu.

Nikolaus Dominik



11/2010