weather-image
-1°
Jahrgang 2020 Nummer 20

Im Mai 1945 endete auch im Achental der II. Weltkrieg

Berichte aus verschiedenen Gemeinden zum Kriegsende – Teil II

Anfang Mai 1945: Die Amerikaner an der Säge beim Wimmer in Schleching-Mühlau. (Foto: Wehweck-Loidl)
Der – inzwischen nicht mehr existierende – Bahnhof Seegatterl mit der SS und Fahrzeugen. (Foto: Höflinger)
Gefallenengräber in Reit im Winkl. (Foto: Höflinger)

Die Vorgänge in Unterwössen berichtet Anton Greimel: Nachdem sieben Tage lang endlose Kolonnen der Wehrmacht durch unser Dorf gezogen waren(21), gehen am 1. Mai nördlich von Unterwössen Gebirgsjäger in Stellung. Baumsperren werden vom Volkssturm an der Altweger Wand angelegt und tags darauf die Wand durch SS zur Sprengung vorbereitet.(22) Die Heiligenfiguren aus der Felsnische werden vorsorglich nach Agg in Sicherheit gebracht.

Nach zwei Tagen angespannter Ruhe, in denen die Amerikaner zum Achental vordringen, gerät nicht nur Marquartstein, sondern auch der nördliche Teil von Unterwössen unter Granatenbeschuss. Zuerst schießen die Amerikaner hoch auf den Berg, dann immer tiefer. Der Agger Kaser im Neugraben wird schwer beschädigt; Marquartstein fällt.

Nachmittags um 4 Uhr werden die Bewohner vom Ortsteil Bräukeller aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Der Angriff der Amerikaner stünde bevor. Um 9 Uhr abends wird die Altweger Wand gesprengt.(23) Die Sprengwirkung ist allerdings gering.

In der Nacht zum Samstag, den 5. Mai um ½ 2 Uhr wird die Wagrainer Achenbrücke bei Schleching gesprengt.(24) Um 9 Uhr vormittags rücken die Amerikaner von Marquartstein nach Unterwössen vor. Von der Schlecht und vom Altweg erwartet sie ein heftiges Maschinengewehrfeuer. Die Amerikaner schießen von Geisenhausen und Hängthal mit Panzern auf die Verteidiger. Das Schlechteranwesen wird schwer beschädigt. Ein Oberleutnant der Wehrmacht fällt dort. Auch die Waltlsäge wird beschädigt. Daran erinnert lange ein Granatsplitter an der Nordfassade des Wohnhauses.

Um ½ 4 Uhr rattern alliierte Panzer und Fahrzeuge westlich der Achen Richtung Raiten. Von Unterwössen aus werden dort erste Kontakte mit den Amerikanern aufgenommen.

Ein amerikanisches Fahrzeug überquert die beengte hölzerne Achenbrücke. Vom Café »Achental« wird ein Unterhändler zwecks Übergabe des Ortes geschickt.

Bürgermeister Färbinger ist krank.(25) NSDAP-Ortsgruppenleiter »Brugger«, Hans Blösl wird abgelehnt. Für den Bürgermeister kommt Gemeindesekretär Wörndl mit Zimmerermeister Döllerer. Dieser hat vor der Weltwirtschaftskrise in Kanada gearbeitet und spricht Englisch. Nach Entgegennahme der Anordnungen, die bekanntzugeben sind, ist die amtliche Übergabe erfolgt!

Am Abend des 5. Mai 1945 rücken die Amerikaner in Unterwössen ein. Bewohner hängen weiße Fahnen als Zeichen der Übergabe heraus. Am übernächsten Tag räumt der Wössener Volkssturm, der die Baumsperren an der Altweger Wand errichtet hat, diese auf Anordnung der Amerikaner wieder weg.(26) Jetzt ist für schweres Gerät der Weg frei von Marquartstein über Unterwössen nach Oberwössen. 10 Jeeps und Panzer fahren langsam und vorsichtig nach Oberwössen.(27) Sie bleiben auf der Geraden zwischen Brem und Oberwössen stehen. Das ist bei uns der weiteste Vorstoß der amerikanischen Panzer, denn die Distriktstraße nach Reit im Winkl ist durch Baumsperren an der »E-Werk-Reiben« und durch Sprengungen der SS am Wasserfall blockiert.

Weiße Tücher werden in Oberwössen herausgehängt. Eine offizielle Übergabe findet nicht statt. Der Ort bleibt aber verschont.

Unterwössen ist vom Beschuss – fast – verschont geblieben. Daher haben die Wössener gelobt, eine Friedenskapelle zu bauen und alljährlich im Mai dorthin eine Dankwallfahrt zu begehen.

Hartmut Rihl berichtet über den Einmarsch in Schleching wie folgt: »Am 29. April 45 musste die Schule plötzlich geschlossen werden«, schreibt die Lehrerin, Fräulein. Emilie Hartlmaier, in der Schulchronik. »Es war nur mehr eine Lehrkraft, Frl. Emilie Hartlmaier, im Dienst, da Lehrer Hermann Weiß zum Volkssturm einberufen worden war. Am besagten Tage zogen Männer des Reichs-Arbeits-Dienstes (RAD) im Schulhaus ein. Sie wohnten und schliefen in den Schulzimmern und betreuten ein Sanitätsdepot, das sie am Schulhausspeicher untergebracht hatten. Kisten mit Verbandzeug und Medikamenten und Instrumenten (für die Hand des Arztes und des Sanitäters) füllten den Dachraum. Anfang Mai nahten die Amerikaner. Der RAD löste sich rasch auf. Einige ihrer Führer flüchteten unter Mitnahme von Lebensmitteln und Rauchwaren aus den Beständen für die Mannschaft auf die Almen. Einige Arbeitsdienstmänner verteilten noch rasch Verbandstücher und Filzstiefel, … Als aber die Verteiler das Schulhaus fluchtartig verließen, raubten die Menschen das Schulhaus aus. Schränke und Schubladen wurden aufgesprengt, Hefte, Bücher, Lehrund Lernmittel fortgeschleppt. Auch am Speicher wurden sinnlos Verbandzeug, Medikamente und ärztliche Instrumente geraubt. … Die Schule blieb geschlossen bis 15. Okt. 1945. ...«

Josef Loferer, Huberbauer von Ettenhausen, schreibt in seinem Tagebuch: »Am 1.5.1945 rückte das Militär an«. Es waren vor den Amerikanern flüchtende deutsche Soldaten. Am 2.5.1945 schreibt er: »Nichts mehr arbeiten. Das ganze Dorf mit Militär besetzt in Erwartung des Feindes, hoffentlich werden wir vor dem Schlimmsten bewahrt...« Am 3. 5.1945: »... das ganze Haus voll Soldaten. ...«, am 4. 5.1945: »Die Lage noch schwerst. Das ganze Dorf voll, wimmelt von Soldaten und Autos. Die Soldaten gehen teilweise in die Berge davon. Die deutsche Wehrmacht ist zerbrochen. ...« 5. 5.1945: »Kirchgang und sonst allerhand. Die Lage ganz schlimm. Die Achenbrücke abgerissen.« Übrigens: das Wetter war grob, kalt und es gab Schnee. Noch am 5. 5. 1945 schreibt Josef Loferer: »Gegen Abend wurde das Dorf beschossen. Der Amerikaner steht in Mettenham mit seinen Panzern.«(28) Bevor die Amerikaner ins Schlechinger Tal einrückten, hatten sie von Unterwössen, von oberhalb der Achenbrücke, alle Schlechinger Bergflanken mit ihrer Artillerie beschossen, z. B. in Raiten die Abhänge der Hochplatte, den Abhang des Achbergs und in Ettenhausen die nahen westlichen Berghänge. Granatsplitter sind heute noch zu finden. In Schleching selbst schlug mitten im Dorf eine Granate ein. In Ettenhausen traf es einen Bulldog, hinter dem der Sohn des Bauern Schutz gesucht hatte. Noch viele Jahre war das Fahrzeug mit den Einschlaglöchern in Benutzung.(29) Die Amerikaner vermuteten nämlich, dass sich in Schleching (als »Braunes Dorf« bekannt) noch Widerstandsnester gehalten haben könnten. Von Mettenham her gelangten die Amerikaner zur Aigner- Säge. Dortkamenvon Schleching her Menschen um den Bürgermeister Georg Bauer, der schon zwei Tage später am 7. 5.1945 sein Amt niederlegte, den Amerikanern mit der weißen Fahne entgegen. Auch im nahegelegenen Mühlau an der Mühlner Säge empfing man die Amerikaner in ihren Spähwagen mit der weißen Fahne.(30) Am Sonntag, 6. 5.1945, das Wetter war wieder schön und warm, schreibt Josef Loferer in sein Tagebuch: »Der Amerikaner in Ettenhausen eingefahren. Habe ihnen die erste Zeche bezahlt. Wievielwerden wir ihnen noch bezahlen müssen?« Die Amerikaner verhängten im Dorf eine Ausgangssperre, ab 17 Uhr durfte niemand das Haus verlassen. Am Abend versammelten sich die Hausbewohner in den Stuben und erwarteten angespannt den Feind. Die amerikanischen Soldaten gingen von Haus zu Haus, sie waren korrekt. Im Rachlhof verlangten sie nur Seife und Wasser zum Händewaschen.(31)

Monate später trafen sich amerikanische Soldaten bei dem Ettenhausener Revierjäger Cyrillus Wild zur Jagd. Die um die Jeeps herumstehenden Buben bekamen von den Amis jeder eine Tafel Schokolade. Das waren die Momente des allmählichen Sinneswandels. Der Feind wurde zum Freund.

Das Kriegsende in Reit im Winkl beschreibt Franz Höflinger: Während am Chiemsee und im unteren Achental der gefallene Aprilneuschnee bereits weggetaut war, ergaben sich in den höheren Lagen für amerikanischen Transport- und Kampffahrzeuge schwierige Fahrverhältnisse, die eine Weiterfahrt ins Reit im Winkler Tal erschwerten. Hinzu kam, dass am 5. Mai sowohl die B 305 zwischen Oberwössen und Reit im Winkl in der letzten Kurve beim sogenannten Wasserfall als auch die Achenbrücke bei Wagrain in der Gemeinde Schleching gesprengt wurden.

Also Ruhpolding! Es war schon am 4. Mai besetzt worden. Tags darauf sollte Reit im Winkl angefahren werden, doch im Bereich zwischen Weitsee und Seegatterl stellten sich ihnen kurzfristig in Reit im Winkl stationierte SS-Soldaten in denWeg. Es kam an mehreren Plätzen zu Gefechten, die für die deutschen Soldaten äußerst verlustreich waren. Von ihnen kehrte keiner mehr nach Reit im Winkl zurück. Über amerikanische Verluste ist nichts bekannt, im Gegenteil, die Truppen fuhren noch bis zum Aubauer am östlichen Ortseingang, kehrten dann aber zurück nach Ruhpolding.

Bei diesen Kämpfen sind sowohl die forstlicheDürrnbachleitstube am Weitsee, als auch der Knappenkaser westlich von Seegatterl abgebrannt.

Die erst zwei Jahre später exhumierten 12 Leichen wurden im gemeindlichen Friedhof mit drei weiteren gefallenen Soldaten bestattet.

1956 wurden sie auf den Soldatenfriedhof Berchtesgaden-Schönau überführt.

Der nächste Tag, 6. Mai, war ein Sonntag, an dem Ruhe herrschte. Aus Tirol kommen Kolonnen deutsche Soldaten nach Reit im Winkl.

Tags darauf fuhren gegen 14 Uhr amerikanische Panzer am Rathaus vor um die Kommandogewalt zu übernehmen. Sie wurden aufgeklärt, dass sie sich in Reit im Winkl und nicht in Reith zwischen Lofer und Unken in Tirol befinden. Sofort zogen sie sich zurück.

Schließlich, am 8. Mai 1945, erfolgte um 12 Uhr mittags die offizielle Übergabe Reit im Winkls sowie der deutschen Truppen, einschließlich des gesamten Fuhrparks, an den amerikanischen Beauftragten.

Nachmittags rückten unzählige amerikanische Panzer und Fahrzeuge im Ort ein. Die Wiesen oberhalb des Strasseranwesens wurden beiderseits der Weitseestraße mit Panzern, Lkws, Jeeps und Geschützen vollbeparkt. Innerhalb weniger Stunden mussten 17 Häuser geräumt und übergeben werden. Bis 20. Mai wurden es schließlich 40 Anwesen, die der US-Army für ihre Soldaten zur Verfügung gestellt werden mussten.

Am 12. Mai wurde verlangt, dass alle deutschen Militärfahrzeuge in Entfelden auf den Grundstücken des Blaserwirts und Unterkramers südlich der Chiemseestraße aufgestellt werden. Sie wurden bald danach, soweit sie dazu brauchbar waren, u. a. an örtliche Landwirte und Fuhrunternehmen verkauft. Am 15. Mai 1945 bestimmten die amerikanischen Dienststellen den Gastwirt Karl Stumbeck zum 1. Bürgermeister.

Groß war die Zahl deutscher Gefangener. Sie wurden in Sammellagern in den Ortsteilen Entfelden, Groißenbach und Blindau zusammengefasst und am 24. und 25. Mai in Entlassungslager u. a. in Aibling gebracht.

Allmählich konnten auch die etwa 700 Kinder der Kinderlandverschickung wieder heimgeschickt werden.

Am 25. August 1945 erschien erstmals wieder die Traunsteiner Zeitung, je zur Hälfte in Deutsch und Englisch. Ein deutliches Zeichen beginnender Normalisierung!

 

Quellen:

21) Richard Dr. Eugen Aschenbrenner: »Unterwössener Heimatgeschichte«, Neuauflage o.J. S.71 f

22) Döllerer Richard

23) Döllerer Richard

24) Aschenbrenner a.a.O.

25) Döllerer Hans sen.

26) Volksmund

27) Bauhofer Josef

28) Tagebuch Josef Loferer und Erinnerungen Zeitzeuge Helmut Birner

29) Erinnerungen der Zeitzeugen Alfred Daxer und Hartmut Rihl

30) Erinnerungen des Zeitzeugen Alfred Daxer; Facharbeit Barbara Loidl mit Erinnerungen der Zeitzeuginnen Cäcilia Wehweck, geb. Wimmer und Maria Pfeiffer, geb. Wimmer

31) Erinnerungen Zeitzeuge Hartmut Rihl

 

Teil I in den chiemgau-Blättern Nr. 19/2020 vom 9. 5. 2020

20/2020