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Jahrgang 2020 Nummer 19

Im Mai 1945 endete auch im Achental der II. Weltkrieg

Berichte aus verschiedenen Gemeinden zum Kriegsende – Teil I

Einmarsch der Amerikaner in Grassau am Kirchplatz. (Bild: Fotosammlung Olaf Gruß)
Mathilde Maurer, Evakuierte aus München, trat während des Beschusses von Marquartstein auf den Balkon am Westhang des Achentales zwischen Grassau und Marquartstein und beobachtete diesen mit einem Fernglas. Sie kam durch eine amerikanische Granate am 4. Mai 1945 abends 20.30 Uhr ums Leben. (Bild: Fotosammlung Olaf Gruß)
Fronleichnam 1945 in Marquartstein. Der Einschuss neben der Rosette ist deutlich erkennbar. (Bild: Hans Daxer)

Der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower schickte im März 1945 nach der Rheinüberquerung seine VII. US-Armee nicht weiter Richtung Berlin, sondern nach Süden. Er hielt die seit Jahren in den Köpfen spukende »Alpenfestung« für durchaus realistisch. In dieser Zeit berichteten nämlich auch alliierte Zeitungen regelmäßig über eine »Festung in den Alpen«, über ein »nationales Rückzugsgebiet« des NS-Regimes zwischen Bodensee und Steiermark. Eisenhower nahm die Berichte ernst: »Wenn den Deutschen gestattet würde, diese Festung zu etablieren, könnten sie uns womöglich zu einem langandauernden Guerillakrieg zwingen.«

Tatsächlich liegt der Gedanke nahe, eine letzte Verteidigungsstellung gerade im Hochgebirge einzurichten: Keine Landschaft ist für den Einsatz schwerer Waffen wie Panzer weniger geeignet. Enge Bergstraßen und schmale Brücken erschweren ihren Einsatz vielfach. Nirgendwo spielt die materielle oder zahlenmäßige Überlegenheit einer Seite eine geringere Rolle. Genau diese Situation ergab sich beim Vorstoß der Alliierten nach Süden in Richtung der »Alpenfestung« von Marquartstein bis Reit im Winkl. Mehrere Autoren schildern nachfolgend die Ereignisse rund um den Einmarsch der Amerikaner im Achental.

Die Heimatpflegerin Annemarie Kneissl-Metz berichtet über den Einmarsch der Amerikaner in Übersee folgendes: Nach einem Wintereinbruch mit schwerem Schneesturm um den 1. Mai, der nicht nur den Einheimischen sondern auch den Amerikanern in der Folgewoche große Probleme bereitete, erreichten in den frühen Morgenstunden des 3. Mai 1945 Einheiten der 42. »Rainbow« Infanterie-Division der amerikanischen Streitkräfte mit Panzern, Lastwagen und Jeeps, begleitet von Flugzeugen, das Gemeindegebiet von Übersee. Gegen 4 Uhr morgens wurde das Dorf durch großen Lärm geweckt.

Weil die Autobahnbrücke über die Tiroler Ache am 2. Mai gegen 18.00 Uhr von deutschen Pionieren gesprengt worden war, mussten die Amerikaner bei Feldwies die Autobahn verlassen, um über Übersee zur Anschlussstelle Grabenstätt weiterzufahren. Der Einmarsch bzw. Durchzug der Einheiten dauerte den ganzen Tag.

Mit einer weißen Fahne ging Hans Kreuz, Lindlbauer aus Baumgarten, den Amerikanern entgegen(1). Vor seinen Augen beschossen die Amerikaner ein Wehrmachtsauto auf der Autobahnbrücke. Das Auto brannte aus, die Insassen konnten flüchten.

Unmittelbar in der Nacht des Einmarsches gab es ein großes Brandunglück. Am 3. Mai geschah es, dass das an der Feldwieser Straße gelegene Café Keil von amerikanischen Soldaten heimgesucht wurde. Die Frauen der Familie, besonders die heranwachsenden Mädchen, waren durch das Auftreten der Soldaten mit Pistolen in den Händen und möglicherweise nicht mehr nüchtern, in Angst und Schrecken versetzt und konnten durch einen Hintereingang aus dem Haus flüchten. Im Haus war auch eine Gruppe Ungarn einquartiert. Es brach Feuer aus. Wegen der Ausgangssperre konnte die Feuerwehr nicht mehr helfend eingreifen. Die Nachbarschaft nahm die nun obdachlos gewordenen Leute auf.(2)

Von der Bevölkerung her gab es keinen Widerstand. Anders verhielt es sich mit Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörigen im Gemeindegebiet. An der »Sachsenhammerkreuzung« in Moosen (heute in Höhe der HEM Tankstelle) gab es Widerstand. Hier hatten sich einige SS-Soldaten vermutlich im alten Achenbett verschanzt. Es kam zum Schusswechsel in Richtung Almfischer und Frenthaler. Ortspfarrer Johann Becher notierte: »Dieser ganz schwache Widerstand wurde sofort gebrochen. Ein SS-Offizier wurde dabei erschossen. Der Name wurde nicht gemeldet, seine Leiche wurde von den Amerikanern gleich entfernt«. Schäden an Personen und Gebäuden wurden nicht angerichtet, vermerkt der Pfarrer weiter. Aber: »Auch einige deutsche Wehrmachtssoldaten befanden sich noch im Ort, leisteten aber beim amerikanischen Einmarsch zunächst keinen Widerstand. Sie wurden von den Amerikanern entwaffnet und gefangen genommen, darunter Major Hermann Bischoff aus Eisleben. Er trat aus der Gruppe heraus und zog eine versteckte Waffe, sofort wurde er von den Amerikanern getötet. Seine Leiche blieb zunächst auf der Straße liegen. Auf Ersuchen des Bürgermeisters bestattete Pfarrer Becher den Toten am 7. Mai abends um 8 Uhr in der nordwestlichen Ecke des Friedhofs. Da die Konfession des Majors unbekannt war, erfolgte die Beerdigung in einfacher Weise nach katholischem Ritus.«

Die Besatzungssoldaten blieben für 4 Monate in Übersee, insgesamt waren bis zu 90 Soldaten ständig in Übersee.

Wie der Einmarsch der Amerikaner in Rottau und Grassau wahrgenommen wurde berichtet Karl Nedwed: Dünner Schnee lag auf dem frischen Grün. Alle warteten. Auf dem Kirchturm hing eine weiße Fahne. Die Mesnerin, die schlecht im Treppensteigen war, hatte ein Dorfmädchen damit hinaufgeschickt. Am Bach wartete der Zimmerer Josef Huber mit einer weißen Fahne.(3) Die Amerikaner setzten ihn auf ihren ersten Panzer. Vor dem Gasthaus Messerschmied wartete der Bürgermeister, der »Lipp«, Felix Hofmann, um das Dorf zu übergeben.

Auf dieser kurzen Strecke von nur etwa 300 Metern durchschlug eine Gewehrkugel den Ledermantel von Josef Huber. Er selbst blieb unverletzt.

Weiter drängten die Invasoren als Befreier. Jeeps stellten zwei 17-Jährige, die »zur Mama« wollten(4). Sie mussten ihre Uhren abgeben, dann durften sie über Hindling heim. Hätten die GIs im Jeep Zeit gehabt, hätten sie in den Rucksäcken der Burschen Pistolen und Munition gefunden. Damit galten sie als »Werwölfe«(5) und waren in Lebensgefahr.

Dann kam die offizielle Vorhut. Sie sah schon von fern am Ende der Geraden eine Abordnung Grassauer Bürger mit weißer Fahne in der Hand des Pfarrers.(6) H.H. Hausladen übergab englischsprechend den Ort, begleitet von dem Weißbräuwirt Sebastian Blösl, dem Bürgermeister Apotheker Schaaf und dem Schreiner Ullrich Schuböck.(7) Es war 13.40 Uhr.(8) Hochwürden wurde in einen Jeep gebeten und sah wie die erleichterte Bevölkerung, Kinder und Alte, Ausgebombte und Evakuierte, Ostflüchtlinge, Fremdarbeiter und Wehrmachtssoldaten, ohne überschwängliche Begeisterung ihr Kriegsende erlebten. Ihre Erleichterung über die kampflose Übergabe des Ortes blieb unsichtbar. Schulkinder winkten mit weißen Tüchern.(9) Ein Dorfpolizist warf seine Pistole weg und versuchte voller Angst zu fliehen. Er war zur allgemeinen Gaudi rasch eingeholt. Ihm geschah nichts.(10)

Vorbei war endlich die Bedrohung durch die mehreren hundert SS-Soldaten, die unter Führung des Gruppenführers(11) Honold beim »Louch« Ullinger ihr Hauptquartier gehabt hatten. »Bis zum letzten Mann« wollte Honold den Ort verteidigen, doch hatte eine »Nach-uns-die-Sintflut-Feier« ihn in einen Zustand gebracht, in dem ihn seine Offiziere entwaffnen konnten. Sie nahmen noch einen Soldaten, der beim alten Park mit Panzerfäusten die Amerikaner »begrüßen« wollte, mit Gewalt mit(12) und zogen sich am Vormittag nach Süden zurück. Dabei schoss ein Soldat auf den Wieser-Hof, der, wie andere Häuser auch, mit einem weißen Betttuch beflaggt war, und rief: »Wir merken uns die Häuser! Wir kommen wieder.«(13) Sie kamen nicht mehr. Die braune Herrschaft hatte ein Ende.

Inzwischen waren die Sieger am Rathaus in der (heutigen) Volksschule angelangt. Als die Gruppe in das Büro des Bürgermeisters treten wollte, ertönte über ihnen in der Hauptlehrerwohnung ein Schuss, dann noch einer. Alle eilten nach oben. Am Esstisch saßen der Hauptlehrer Limmer und seine Ehefrau vor ihrem Mittagsessen, sie war tot, er lebte nur noch wenige Minuten.(14) Nicht nur seine Schüler waren todtraurig, alle – bis auf die Parteifeinde – liebten den »Spinner«, den Idealisten, der bis zum Schluss an die Wunderwaffen geglaubt hatte. Nie hatte er jemanden geschadet oder sich einen Vorteil erschlichen. Er, ein Oberst der Reserve und Träger der Bayerischen Silbernen Tapferkeitsmedaille und des EK II aus dem I. Weltkrieg(15) wurde ohne Sarg und ohne seine Schistiefel, die ihm noch ausgezogen wurden(16), auf einem Schubkarren auf den Friedhof gefahren.

Weiter drängten die Amerikaner nach Süden. Im Oberdorf bauten sie ihre 12-cm-Geschütze auf(17), bis 40 Panzer fuhren nach Pettendorf. Es begannen die Verhandlungen mit dem widerspenstigen Marquartstein.

Über die Vorgänge in Marquartstein weiß Hans Daxer zu berichten: Die Ortsdurchfahrt mit der belastbaren Brücke über die Ache wurde Anfang Mai von einer Einheit der Waffen-SS zur Verteidigung eingerichtet. Die zuerst vorgesehene Sprengung der Achenbrücke konnte von der Bevölkerung durch Bitten verhindert werden, da eine beschädigte Achemauer Ortsteile vor den Frühjahrsfluten nicht schützen würde und außerdem die Bäckereien, alle rechts der Ache gelegen, nicht mehr erreichbar wären.

Stattdessen wurden Holzblockaden aus Baumstämmen als effektive Panzersperren auf der Brücke errichtet. Auf jeder Seite der Ache wurde zudem noch ein Artillerie- Geschütz in Stellung gebracht. Freiherr von Ribaupierre, selbst Offizier, wies den Kommandierenden SS-Führer auf die Sinnlosigkeit des Einsatzes hin, wurde deshalb mit dessen Pistole bedroht: »Wenn du noch einmal etwas sagst, dann erschieß ich dich.«(18)

Am 3. Mai kam bereits die Vorhut der Amerikaner in Pettendorf an, am Tag danach schloss sich ein Verband mit Panzern an. Je einen Parlamentär schickten die Amerikaner nach Piesenhausen und Marquartstein mit der Zusage, die Orte zu verschonen, falls von deutscher Seite keine Kriegshandlungen erfolgen würden. In Piesenhausen ergab sich daraufhin der Volkssturm. Die Waffen- SS schickte den Parlamentär zurück mit den Worten: »Kommt nur, wir reißen euch die Ä… auf«. Daher flüchteten viele Einwohner nach Pettendorf. Der Marquartsteiner Pfarrer Sedlmeier und Frau Lohmann(19), eine mit einem Einheimischen verheiratete Amerikanerin, suchten getrennt ebenfalls das Lager der Amerikaner auf und baten darum, mit Rücksicht auf die vielen Frauen und Kinder von einer Beschießung abzusehen.

Es wurde ein Ultimatum gestellt: Auf der Burg sollte ab 17.00 Uhr eine weiße Fahne gehisst werden. Diese Aufforderung wurde verweigert und so entspann sich am 4. Mai gegen 21.00 Uhr ein Angriff, zunächst mit Warnschüssen, dann etwa eine Stunde lang ernsthaft.

Pfarrer Sedlmayer tat damals ein Gelübde, dass die Gemeinde, wenn sie von menschlichen Opfern in dieser Nacht verschont bleibe, alle Jahre einen Bittgang nach St. Veit – der Burgkapelle – halten werde.

Durch das eigentlich kurz andauernde Gefecht wurden im Ort nur wenige Gebäude beschädigt, so unter anderem die Pfarrkirche. Einziges Opfer war eine evakuierte Frau in Niedernfels, die aus Neugier die Balkontüre öffnete. Dieser Lichtfleck war für die amerikanischen Kanoniere ein lohnendes Ziel.

Die völlig unterlegene Waffen-SS zog sich darauf nach Unterwössen zurück, nachdem sie Teile der »Altweger Wand«, einer Engstelle zwischen Berg und Ache gesprengt hatten.

Einen entsetzlichen Fund machte der 13-jährige Sepp Osterhammer, als er am 6. Mai zum Ministrieren ging(20). Freiherr von Ribaupierre lag tot auf der Straße. Ihm waren 8 Kugeln in den Rücken geschossen worden. Sein Tod ist bis heute ungeklärt.

 

Quellen:

1) Interview mit Hans Kreuz, »Lindlbauer«

2) Pfarrchronik und Sterbebuch von Ortspfarrer Johann Becher

3) Huber Jakob, Interview 15.4.2020, Huber Josef ca. 2010

4) Häns Alexander 12.4.2014

5) Von Reichsführer SS Himmler gegründete Partisanenformation, wurde von den Amerikanern gefürchtet

6) Wahl Marianne geb. Blösl / Zech Johanna 30.10.2002

7) Ullinger, Hans »Louch« am 2.2.2004

8) H.H. Pfarrer Johannes Hausladen, Pfarrarchiv 005/5

9) Ullinger a.a.O.

10) Koch Josef, am 13.4.2004

11) SS-Gruppenführer entspricht bei der Wehrmacht dem Generalleutnant

12) Ullinger a.a.O.

13) Noichl Matthias, Gärtnereibesitzer, 30.7.2003, Zech Johanna am 30.10.2002; Laut Befehl vom 3. 4. 1945 waren alle männlichen Bewohner eines Hauses zu erschießen, das eine weiße Flagge zeigte

14) Koch Josef a.a.O.

15) Kriegsarchiv München, OP 15 584, Bayerns Goldenes Ehrenbuch/ Weltkrieg 1914/1918 Seite 372

16) Wimmer Hilde, geb. Klapf am 19.11.2013

17) Ullinger Hans, 7.12.2004

18) Anterberger Johanna, Interview am 11.4.2003

19) Lohmann, Dr. Michael, Bericht vom 20.1.2004

20) Osterhammer Josef, Interview am 29.12.2003

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 20/2020 vom 16. 5. 2020

19/2020