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Jahrgang 2015 Nummer 43

Im Machtzentrum des deutschen Rom

Die Salzburger Residenz, der Mittelpunkt des Domquartiers

Blick von der Orgelempore in den Salzburger Dom. (Alle Fotos: DomQuartier Salzburg)
Die Kunst- und Wunderkammer lädt zum Verweilen und Staunen ein.
Die Schöne Galerie bildete den Grundstock zur heutigen Residenzgalerie.
Die Lange Galerie verbindet die Residenz mit St. Peter.

Getreidegasse und Café Tomaselli, Schloss Mirabell, Peterskeller, Mozarts Geburtshaus und die Wasserspiele Hellbrunn – das sind für jeden Salzburgbesucher feste Begriffe. Darüber kann leicht das historische Salzburg zu kurz kommen – die Stadt, die jahrhundertelang das politische und kirchliche Zentrum eines geistlichen Fürstentums war, zu dem bis zum Jahre 1805 auch der Rupertiwinkel, das Chiemseebistum und – zumindest kirchlich – weitere große Teile Bayerns gehörten. Salzburg war auf Betreiben Karls des Großen vom heiligen Bonifatius im Jahre 798 zum Erzbistum und zum Metropolitansitz der bayerischen Kirchenprovinz erhoben worden, die aus den Suffraganbistümern Regensburg, Passau, Freising und Brixen bestand, zu denen später noch die vier Salzburger Eigenbistümer Gurk, Chiemsee, Seckau und Lavant kamen. Mittelpunkt dieser geistlich-weltlichen Herrschaft bildeten der Dom als die Kathedrale des Erzbistums und die Residenz, die Verwaltungszentrale des Erzstifts, wie der weltliche Herrschaftsbereich der Erzbischöfe genannt wurde.

Einen hervorragenden Überblick über das Innenleben des historischen Salzburg ermöglicht seit vergangenem Jahr ein Rundgang durch das barocke Salzburg unter dem Titel »DomQuartier «, auf dem die wichtigsten Stationen der damaligen Machtzentrale der Salzburger Landesherren besichtigt werden können. Das Projekt geht zurück auf den Salzburger Museumsleitplan. Residenzgalerie, Dommuseum, Salzburg Museum, Erzabtei St. Peter und die Burgen- und Schlösserverwaltung hatten sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Die nach achtjähriger Bauzeit entstandene Symbiose aus Architektur, Kunst und Geschichte verbindet die barocken Prunk- und Wohnräume der Residenz mit Gemälde- und Raritätensammlungen aus dem Besitz des Erzbistums, der Erzabtei St. Peter und des Landes Salzburg. Bisher ungekannte Ausblicke auf die Stadt wechseln mit Einblicken in den Dom und in den gotischen Chor der Franziskanerkirche.

Die Prunkräume der Residenz

Die Residenz liegt zwischen dem Dom, dem Stift St. Peter, der Franziskanerkirche und dem Alten Markt. Für einen gewöhnlichen Sterblichen war sie unzugänglich, der Eintritt in das Machtzentrum blieb dem Hochadel und hohen geistlichen Würdenträgern vorbehalten. Am prunkvollen Außenportal, das vom Residenzplatz in den Haupthof führt, hielten Soldaten der Trabantengarde Wache in weißen Uniformen mit roten Schärpen, am Kopf spanische Federhüte, bewaffnet mit Hellebarden. Ein respekteinflößender Anblick, der in jedem Unbefugten den Gedanken an ein Nähertreten im Keim ersterben ließ.

Über das zu Anfang des 17. Jahrhunderts von Erzbischof Wolf Dietrich errichtete Treppenhaus gelangt man in die fürstlichen Repräsentationsräume, zunächst in den großen für Feste und Theateraufführungen dienenden Carabinieri-Saal. Die Deckenfresken stammen von dem in Laufen gebürtigen Maler Johann Michael Rottmayr und stellen die vier Elemente sowie die Götter des Windes dar. Der anschließende Rittersaal wurde gemeinsam von Rottmayr und Martino Altomonte ausgemalt. Ihr Thema: Tugenden und Erfolge Alexanders des Großen. Offenbar sollte Alexander den Fürsterzbischöfen als Vorbild und Rechtfertigung für ihren absolutistischen Machtanspruch dienen. Man mag sich wundern über die Bilder aus der antiken Geschichte und Mythologie in einer Bischofsresidenz, für deren Bildprogramm man sich eher Darstellungen aus der Bibel oder der Heiligenlegende erwartet. Aber die klassische Antike gehörte im Barock zum verbindlichen Bildungsgut und wurde wie selbstverständlich der Bibel gleichgesetzt.

Das folgende Konferenzzimmer diente nicht nur den hochfürstlichen Räten als Besprechungsraum, sondern auch als Konzertsaal für außergewöhnliche Anlässe. So gab hier der sechsjährige Mozart sein erstes Hofkonzert vor seinem großen Gönner, dem Erzbischof Siegmund Schrattenbach, 1775 wurde an gleicher Stelle sein Violinkonzert in A-Dur KV 219 uraufgeführt. Damals ahnte kein Mensch, dass aus dem kleinen Tausendsassa, der mit seiner Virtuosität und seinem Temperament die Zuhörer verblüffte, einmal das größte Musikgenie der Menschheit werden würde.

Am prunkvollsten ausgestattet ist der Audienzsaal mit vergoldetem Stuck, Brüsseler Tapisserien aus der Zeit um 1600 und einer wertvollen französischen Sitzgruppe. In der vorgeschalteten Antecamera (Vorzimmer) mussten Bittsteller, wie es die Etikette vorschrieb, stehend ausharren, bis sie auf einen Wink hin, eintreten durften. An der Decke des Audienzsaales prangt das Rottmayr-Fresko »Die Römer huldigen Alexander«, auf den Trabantenbildern wird der Großmut Alexanders verherrlicht. Den Abschluss des Rundgangs durch die Residenz bildet der private Bereich des Fürsterzbischofs mit Arbeitszimmer, Schreibkabinett, Schlafzimmer und Privatkapelle.

Die Galerieräume

In den folgenden Räumen ist seit dem Jahre 1923 die Residenzgalerie untergebracht, nachdem schon Salzburgs letzter Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo hier eine kleine Bildergalerie eingerichtet hatte.

Sammlungsschwerpunkt ist die europäische Malerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, mit ausgezeichneten Arbeiten niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts. Von der Residenzgalerie führt die nun wieder öffentlich zugängliche Dombogenterrasse mit ihrem herrlichen Blick auf den Residenzplatz, auf das Glockenspiel und im Hintergrund auf den Kapuzinerberg und auf den Gaisberg direkt in den Dom, und zwar auf die Orgelempore und auf die zwei Domoratorien. In der anschließenden Kunst- und Wunderkammer kann man Objekte aus Bergkristall und Edelsteinen, Schnitzereien aus Elfenbein und eine Reihe typisch barocker Kuriositäten bewundern. Den Abschluss des Dom-Quartiers bildet das völlig neu gestaltete Museum St. Peter mit Kunstschätzen aus den Sammlungen der Benediktinerabtei. Ältestes Stück ist das Rupertuspastorale, ein Abtstab aus dem 11./12. Jahrhundert, der vom heiligen Rupert stammen soll. Für die unwahrscheinliche Fülle weiterer wertvoller, historischer Exponate sei dem Besucher empfohlen, sich genügend Zeit zu nehmen, um den Reichtum der ausgestellten Exponate gebührend würdigen und genießen zu können.


Julius Bittmann

 

43/2015