Jahrgang 2010 Nummer 17

Im Frühling begannen wieder die harten Arbeiten

Eine Geschichte aus dem Buch »Eine Kindheit auf dem Land«

Im Frühjahr war es endgültig mit dem »Stubenhocken« vorbei, und zwar nicht nur, weil es einen hinauszog in die neu erwachte Natur, sondern vor allem, weil die Arbeiten auf den Wiesen und Feldern, im Gegensatz zu heute, um vieles umfangreicher und vielfältiger gewesen sind. Mistfahren – Mistbreiten – Misteinreiben – Korn – Weizen – Hafer – Gerste – Säen – Eggen – Zäune fürs »Austreiben« ausbessern – und noch vieles mehr.
Doch trotz der vielen Arbeiten im Hof und auf dem Feld sind die Feiertage nicht zu kurz gekommen. So war unter anderem auch der »Josefitag«, der 19. März, noch lange ein »gesetzlich geschützter Feiertag«, zuletzt aber nur noch ein Bauernfeiertag. Nun ist er auch das nicht mehr – so heißt der Ausspruch eines Austragsbauern nicht zu Unrecht: »Seit’d’ Maschinen an’ Bauern d’ Arbeit abnehma, hat er koa Zeit nimma für die alt’n Bauernfeiertag.« Vieles – fast zu vieles – hat sich in der langen Zeit verändert, jedoch der wunderliche, unnachahmliche Duft des Frühlings ist immer noch der gleiche geblieben.

Frühlingserwachen und harte Arbeit

Wenn die Sonne im Frühjahr die letzten Schneehaufen geschmolzen hatte und der Boden durch den langen Frühlingswind schnell abgetrocknet war, fing bei uns in Pittersdorf die Arbeit auf den Wiesen und Feldern an. Die Pferde, nach der langen Winterrast im Stall unruhig und übermütig geworden, brauchten eine feste Hand, damit man sie im Zaum halten konnte. Männerarbeit wäre es eigentlich gewesen, doch meine Onkel waren alle drei an der Front. Mein Großvater, die Mutter und Tanten mussten die schwere Arbeit allein bewältigen. Sie mussten ackern und die langen Felder eggen, denn es war Zeit Hafer und Gerste auszusäen.

Beim alten Blass, meinem Lieblingsross, brauchte ich nicht zu befürchten, dass er ausschlagen würde. Er zog ruhig und gelassen zusammen mit dem jungen Blass den schweren Pflug und folgte genau den Anweisungen. Freudig sprang ich auf den Wiesen und den noch »batzigen« Feldern herum. Für die Mama und meine Großmutter habe ich einen winzigen Strauß von den eben aufgeblühten Gänseblümchen und Schlüsselblumen »abgebrockt« (gepflückt). Die Kühe und Kälber im Stall rochen schon lange das frische Gras, das mit jedem Tag höher wurde. Sie wollten es aber nicht nur riechen, sondern auch fressen. Weil das Heu langsam zu Ende ging, ist es höchste Zeit geworden, die Stacheldrahtzäune, die unter den meterhohen Schneewehen eingedrückt waren, auszubessern.

Beim ersten »Austreiben« (Kühe auf die Weide bringen) musste jeder dabei sein, der laufen konnte. Jemand drückte mir einen Stecken in die Hand, der größer war als ich, und der Großvater hat mir ein ums andere Mal zugerufen: »Lisbeth, pass’ ja auf, lass koane durch.«

Als zwei Erwachsene den Kühen endlich die Ketten vom Barren lösten, sind sie wie wild aus dem Stall ins Freie gerannt. Ich schwenkte meinen Stecken, aber es hat nicht viel geholfen, obwohl er groß war, ich selber aber zu klein. Ausgerechnet meine geliebte »Braunelle« war es, die mich nicht ernst genommen hat und mit einem Sprung an mir vorbeiflitzte. »Bleibst net glei stehen, Mistluder elendiges,« hat Mama laut geschrien. Als hätte es die Kuh verstanden, machte sie einen großen Sprung über den Stacheldrahtzaun, ist die kleine »Leitn« (Berghang) hinunter und hat unten friedlich das Grasen angefangen. »So a’ raffiniert’s Viech«, hat da mein Großvater gemeint, »Viecha san net so blöd, wie mir allerweil moanand.«

‘s Mistfahren

Den Misthaufen hinter dem Haus türmten meine Tanten den Winter durch immer höher. Eines Tages im Frühling, nach dem morgendlichen Stallgehen, hat der Großvater die Mistwagen hergerichtet und die Arbeit eingeteilt: »Zwoa ladn auf und zwoa broatn an Mist aus.« Damit war alles gesagt. Der Großvater ist mit der ersten Fuhre auf das Feld gefahren und hat den Mist mit den extra dafür bestimmten Misthacken in kleinen Häufchen heruntergehackt: »Nachat fang’ ma halt o’, hat Marie, die zu den Ausbreiterinnen eingeteilt worden ist, gemeint. Sie schwangen die Gabeln, um den Mist möglichst weit nach allen Richtungen auszustreuen. Das waren Tage, an denen es nie langweilig wurde. Bei den ersten Fuhren setzte ich mich beim Mistwagen hinten auf die »Langwied«, um mit aufs Feld zu fahren. Wenn ich nicht mehr mochte, blieb ich eine Zeit lang bei Marie und Sophie beim Mistbreiten. Allerdings bekam ich oft kleine Bröcklein vom ausgestreuten Mist ins Gesicht. Ich habe dann lieber ein paar Blumen »gebrockt«, meiner Großmutter in die Küche gebracht und zu ihr gesagt: »Da, Großmutter, die wären bald unterm Mist.«

Wunderlich hat es geduftet in diesen Tagen – nach Frühling. Die Knospen an den Bäumen begannen aufzuspringen und es dauerte nicht mehr lange, dann stand der ganze Obstanger in voller Blüte. Das Summen der Bienen konnte man vernehmen und auf dem Lindenbaum nahe beim Haus ruhten sich die Stare jedes Jahr nach dem langen Flug aus und ihr aufgeregtes Pfeifen war weithin zu hören. Endlich, eines Tages, sind auch unsere Schwalben zurückgekehrt und weil es heißt: »Maria Verkündigung (25. März) kehren die Schwalben wieder um«, beobachtete ich jeden Tag die vielen Nester an der Hauswand und im Stall. Als die ersten »Schwaiberl« in die Nester geflogen sind, lief ich aufgeregt zu meinem Großvater, um ihm davon zu berichten. Dabei habe ich ein Liedlein gesungen, das mir meine Tante Thea beigebracht hat.

’s Garterl

Den ganzen Winter über war »’s Garterl« tief vom Schnee zugedeckt, aber schon kurz nach den ersten warmen Tagen schoss der Schnittlauch mit seinen sattgrünen Spitzen in die Höhe, die meine Großmutter sorgfältig abschnitt. Wir alle freuten und auf das erste Grün in der Suppe. Alles, was wir an Gemüse brauchten, wuchs in unserem großen Garten. Ich durfte helfen, die Samen auf die Beete zu streuen und mit Erde zuzudecken. Die Gurken und Radieschen konnte ich schon stecken. Als ich noch kleiner war, trampelte ich allerdings mehr zusammen und Sophie schimpfte: »Lisbeth, pass doch auf, du trettst ja auf den frisch g’setzt’n Salat.« Am oberen Ende des Gartens hatte die Großmutter die verschiedensten Beerensträucher gepflanzt, rote und schwarze Johannisbeeren, saftige Brombeeren und Stachelbeeren. Im Spätsommer, wenn sie langsam reif geworden sind, dauerte es mehrere Tage, bis alle gepflückt waren. Mit einer Schnur band mir Sophie eine Kanne um den Bauch. Trotzdem sind die meisten Beeren in meinen Mund gewandert. Mama hat dann nach einer Weile gemeint: »Du muaßt scho in die Kann’a was eine doan, net bloß oiß in den Mund.«

Meistens musste ich jedoch meine Esslust büßen, denn schon nach kurzer Zeit begann es in meinem Bauch gewaltig zu rumoren. Immer öfter lief ich aufs Häusl und wenn ich dann kleinlaut wieder zurückkam, konnte ich mir das schadenfrohe Gelächter von Marie und Sophie anhören.

Das kleinere Gärtchen war ganz in der Nähe des Zuhäusls. Von dort ging es einen kleinen Abhang hinunter. Rund um das Gärtchen hatte Marie Blumen gepflanzt, die vom Frühling bis in den Herbst hinein in leuchtenden Farben geblüht haben, und ringsherum schwirrten die Bienen und Schmetterlinge. Diesen Garten habe ich besonders geliebt. Ein kleines Eckchen davon gehörte mir und auf das Beet säte ich alle möglichen Samen, vom Radieschen bis zum Vergissmeinnicht. Kein Wunder, dass ich bei dem Durcheinander nicht mehr wusste, was ich ausrupfen oder was stehen bleiben sollte. Natürlich wurde ich wieder ausgelacht, doch meine Großmutter sagte zu mir: »Lisbeth, des werd bestimmt amal ganz sche’, wenn dann de ganzen Bleamal blühen.« Und so war es dann auch, mein Beet ist das schönste geworden, jedenfalls ist es mir so vorgekommen.

Elisabeth Mader



17/2010