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Jahrgang 2016 Nummer 51

»Ihr seid künftig nicht nur dazu berufen, im Hause Ordnung zu halten ...«

Die Einführung des Frauenwahlrechts – Aus der Reihe »Wöchentlicher Anschlag«

Frauen an der Wahlurne. (»Das Illustrierte Blatt« 3/1919 v. 14.1.1919)
»Frauen und Mädchen Traunsteins!«, 1918 (Plakat Nr. 1600); beige mit schwarzer Schrift, Druck: A. Miller & Sohn, Traunstein; 22 x 24 cm, leicht beschädigt (Stockflecken).
Kurt Eisner (1867 - 1919). (Stadtarchiv Traunstein, NLB 120)
Dr. Rosa Kempf sprach am 6. Mai 1919 in Traunstein über »Die allgemeine politische Lage Bayerns« nach dem gewaltsamen Ende der Räterepublik. »Dieser Aufgabe unterzog sich die Rednerin mit soviel Geschick und Klugheit [...], daß gewiß niemand den Saal verließ, der den Ausführungen nicht voll und mit Überzeugung beistimmte.« (Stadtarchiv Traunstein, Plakat Nr. 590)
Anna Lackenbauer (1854 - 1927). (Stadtarchiv Traunstein, NLB 233)
Aloisia Progino (1883 - 1965), hier im Alter von ca. 65 Jahren. (Stadtarchiv Traunstein, Fotosammlung)
Erich Mühsam (1878 - 1934). (Foto: Privatbesitz)
Hugo Graf von Lerchenfeld (1871 - 1944), Bayer. Ministerpräsident 1921 bis 1922. (Foto: Stadtarchiv München)

Die linke Revolution in Bayern, die mit dem Sturz der Monarchie Anfang November 1918 begann und mit der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik Ende April / Anfang Mai 1919 endete, ist knapp 100 Jahre später im Geschichtsbild eines großen Teils der Bevölkerung kaum mehr verankert. Zu Unrecht, brachte sie doch einige Errungenschaften mit sich, die bis in die heutige Zeit nachwirken, etwa den Acht-Stunden-Tag, den Sozialstaatsgedanken, der mit einem »Ministerium für soziale Fürsorge« erstmals im Verwaltungsaufbau verankert wurde, sowie die Beseitigung der politischen Vorrechte des Adels. Keinesfalls vergessen aber sollte man bei dieser Aufzählung einen Begriff, der, im Gegensatz zu den revolutionären Umstürzen, fast jedermann geläufig ist – den »Freistaat Bayern«. Seit 1946 ist er (auf Betreiben des SPD-Politikers Wilhelm Hoegner) in der Verfassung festgeschrieben(1), und nur allzu gerne würde ihn die staatstragende CSU unserer Tage für sich reklamieren. Ganz oben führt ihn die offizielle Webseite der Bayerischen Staatsregierung in ihren Menüpunkten auf.(2) Von wem er tatsächlich stammt, das allerdings sucht man dort vergeblich.

Warum? Nun, es war halt kein Konservativer, sondern ein Linker, ein Intellektueller und Schwarmgeist, der in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 den Freistaat ausgerufen hat: Kurt Eisner, der erste Bayerische Ministerpräsident, Mitbegründer der »Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands« (USPD), einer radikalpazifistischen Abspaltung der SPD.(3) Eisner verstand unter einem Freistaat eine Parlamentarische Demokratie, deren Vertreter in einer allgemeinen, gleichen, unmittelbaren und geheimen (Verhältnis-)Wahl bestimmt werden sollten.(4) Und dies bedeutete nicht zuletzt, dass erstmals Frauen das Wahlrecht, aktiv wie passiv, zugestanden wurde!

Am 12. (Wahl zum Bayerischen Landtag) und 19. Januar 1919 (Wahl zur Deutschen Nationalversammlung)(5) war es soweit. Die Frauen schritten an die Urnen und standen, wenn auch in noch geringer Zahl, selbst zur Wahl. Acht Kandidatinnen gelang der Einzug in den Landtag (bei 180 Abgeordneten), vier für die Bayerische Volkspartei (BVP), zwei für die SPD und zwei für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP), unter ihnen die aus dem niederbayerischen Birnbach stammende Lehrerin Dr. Rosa Kempf (1878-1948). Eindrucksvoll schilderte sie die Beweggründe für ihr politisches Engagement: »Uns Frauen liegt der Kampf gegen die Brutalität zuallererst am Herzen. Wir kämpfen für das Frauenstimmrecht, weil wir überall die Brutalität bekämpfen. Es gibt keine größere Brutalität als die Unterjochung des Geistes durch die Faust, die Unterjochung des Gemüts durch physische Gewalt. Diese Brutalisierung hat die Frau jahrhundertelang nicht nur im öffentlichen, auch im privaten Leben sehr oft schmerzlich erleben müssen, und wenn sie jetzt von der Revolution etwas erhofft, so ist es der Sieg des Geistes über die Brutalität, dann sind wir frei.«(6)

Natürlich warfen diese Ereignisse auch in Traunstein, in den Wirren des gerade zu Ende gegangenen Ersten Weltkriegs, ihre Schatten voraus: »Aufruf an die Frauen und Mädchen Traunsteins und Umgebung! [...] In knapp 4 Wochen finden die Nationalratswahlen für Bayern statt. Das neue Staatswesen hat Euch berufen, künftig an der Regierung des Landes mitzuarbeiten. Am nächsten Sonntag, den 15. Dezember [...], findet [...] eine Versammlung für Frauen und Mädchen aller Stände statt, in der ihr über Wahlrecht und Wahlpflicht der Frau aufgeklärt werden sollt. Wer die Not der Zeit steuern und sich Klarheit über seine künftigen Pflichten dem Staat gegenüber verschaffen will, der komme! Es gilt den Zusammenschluß [sic] aller ordnungsliebenden, gutgesinnten Frauen und Mädchen! Zahlreiches Erscheinen unbedingt erforderlich. Von Eurer Stimmabgabe hängt die Zukunft des Vaterlandes, Eure und Eurer Kinder Zukunft ab. Besuch von Männern willkommen.«(7) Sieben Damen zeichneten für diese Ankündigung in der lokalen Presse und das damit einhergehende Plakat verantwortlich:

Emma Burckhardt (* 16. Juli 1869), Ehefrau des Rentamtmanns [Leiter des Finanzamtes] Hans Burckhardt, 1908 von Speyer nach Traunstein zugezogen, 1933 nach München abgemeldet; Anna Lackenbauer (* 23. Juli 1854), verheiratet mit dem 1849 in Traunstein geborenen Josef Lackenbauer, Lederermeister im Haus Traunerstraße 2, beide kurz nacheinander 1927 bzw. (Ehemann) 1928 verstorben; Helene Merck (* 10. April 1860), Tochter eines Bezirksarztes in Kitzingen, 1906 Eheschließung mit dem Justizdirektor Paul Hermann Geheeb, nach ihrer Scheidung in Berlin (wobei dem Gatten die alleinige Schuld zugesprochen wurde) seit 1909 in Traunstein unter ihrem Mädchennamen wohnhaft, 1948 verstorben; Elise Pfeiffer (* 7. März 1866), Witwe des kurz zuvor von einem Münchner Lazarett für tot erklärten Landgerichtsarztes Dr. Albert Pfeiffer, 1939 in Traunstein verstorben; Katharina (Käthe) Prandtner (* 29. Dezember 1860), Ehefrau des Kaufmanns Franz-Xaver Prandtner (1857 - 1941, langjähriger 2. Bürgermeister, vier Jahrzehnte in verschiedensten kommunalen Ämtern tätig, 1927 Ehrenbürger der Stadt), 1922 verstorben; Aloisia (Luise) Progino (* 6. Februar 1883), Buchhändlerin, später Sprachenlehrerin, Tochter der Kaminkehrerswitwe Walburga Progino, 1965 in Traunstein verstorben; Hedwig Rohmer (* 16. Januar 1889), Lehrerin, Tochter des (ab 1912) Landgerichtspräsidenten Dr. Eugen Rohmer, 1919 nach München verzogen.

Vier dieser in aller Kürze nachgezeichneten Biographien lassen durchaus auf Frauen schließen, denen aus persönlichen Gründen an einem politischen Erstarken des weiblichen Geschlechts gelegen war. Die Witwe eines Arztes, deren Mann allem Anschein nach dem unsäglichen, von verantwortungslosen Männern an der Spitze der europäischen Staaten provozierten Krieg zum Opfer gefallen war, eine Geschiedene, die dem (wie auch immer gearteten) Treiben ihres Gatten nicht tatenlos zugesehen hatte, beide im Leben erfahren, dazu zwei vergleichsweise junge Töchter aus gutem Hause, die sich entschlossen hatten, beruflich auf eigenen Füßen zu stehen. Die drei anderen hingegen waren die für die damalige Zeit typischen Ehefrauen der besseren Gesellschaft, eines hohen Beamten, eines selbstständigen Handwerksmeisters und eines angesehenen Kaufmanns. Über ihre Motivation sagt dies allein noch nichts aus. Ersparen wir uns daher weitere Mutmaßungen und werfen wir stattdessen einen ausführlichen Blick auf die beworbene Veranstaltung.

»(Die erste Versammlung der Frauen!) Der Rokokosaal war übervoll, was Frl. Progino bei [deren] Eröffnung mit Befriedigung feststellte. Frl. Hedwig Rohmer sprach klar und eindringlich für die bürgerlichen Parteien unter gelegentlicher Betonung der konservativen Note. Die Ausführungen gipfelten in dem Wunsche, es möchte die Teilnahme der Frauen am politischen Leben ausgleichend und versöhnend wirken und bolschewistische Zustände in unserem lieben Vaterlande verhüten. Der Beifall war wohlverdient. Bemerkenswerter Widerspruch erhob sich, als die Rednerin bei Charakterisierung der verschiedenen Regierungsformen in den Verdacht kam, der militärischen Monarchie das Wort zu reden. Graf Lerchenfeld erläuterte unter Verwertung seiner Erfahrungen in der Etappe (Polen) das Wesen und den Vorgang der Verhältniswahl, wobei er nicht umhin konnte, dieses Wahlsystem als einen Fortschritt zu bezeichnen. In der Aussprache hob Herr Kattan die Verdienste der Sozialdemokraten um das Frauenstimmrecht hervor, während es das Zentrum bekämpft habe. Die Dunkelmänner des Aufrufes zur heutigen Versammlung, als welche aus der Versammlung heraus die bekannten Münchner Kommunisten Sontheimer und Mühsam genannt wurden, schüttelte er ab. Er gab die Versicherung, daß seine Partei niemandem die Religion aus dem Herzen reißen wolle, daß sie aber die Trennung von Kirche und Staat (wie z. B. in dem triumphierenden Frankreich geschehen) als das einzig Richtige halte. Beim Punkte Politik in der Schule spitzte sich der Redewettstreit bedauerlicherweise persönlich zu zwischen diesem und dem folgendem Redner, Herrn Stadtpfarrkooperator Pfleger, was ein vorzeitiges Ende der bis dahin glatt verlaufenden Versammlung zur Folge hatte, sodaß Herr Prof. Baumgartner(8) in seinem Schlußwort mit der – wie man sieht wohlberechtigten – Mahnung zur Einigkeit nur mehr einen Rest der Versammlungsteilnehmer erreichte.«(9)

»Eines Massenandrangs erfreute sich die gestrige Frauenversammlung dahier. Scharen mußten wieder wegziehen. In kurzen, klaren Ausführungen schilderte die Rednerin, Fräulein Rohmer, die gegenwärtige Lage und auch die Ansichten einzelner Gruppen über die künftige Gestaltung unserer Regierung. Auch die Ziele der verschiedenen Parteien wurden dargelegt. Insbesondere wurde auf die Ordnungsparteien hingewiesen, vor allem auf die Bayerische Volkspartei. Auch die sozialdemokratische Partei, an deren Spitze Auer steht, muß noch zu den Ordnungsparteien gerechnet werden, dagegen konnte sie als Volkspartei nicht anerkannt werden, weil sie nur Klassenpartei ist. Zum Schluß wurden die anwesenden Frauen aufgefordert, durch ihren Stimmzettel für die Ordnung einzutreten. Herr Graf Lerchenfeld gab dann eine kurze Erklärung des Wahlgesetzes. Als Gegenredner trat sodann Herr Kattan auf [...]. Zuerst erklärte er, daß er gegen die Religion nichts habe, um im nächsten Atemzuge eine ganze Reihe unbegründeter Vorwürfe gegen die Geistlichen zu erheben. Seine übrigen Ausführungen zeichneten sich durch Oberflächlichkeit der Auffassungen aus, und wir behalten uns vor, darauf gelegentlich noch zurückzukommen. Im übrigen haben wir den Eindruck, daß die Versammlungsleitung ihrer Aufgabe nicht gewachsen war; zum mindesten hätte sie, falls sie überhaupt die Debatte eröffnen wollte, klugerweise dafür sorgen müssen, daß auch ihrerseits ein gewandter und erfahrener Diskussionsredner zur Verfügung gestanden hätte.«(10)

Der Zuspruch war groß und die Kundgebung durchaus von kontroversen Beiträgen geprägt; ja, man könnte sagen, sie war am Ende eher hitzig denn gemäßigt-sachlich. Klar und deutlich aber erkennt man: Es ging eigentlich gar nicht um die künftige Rolle der Frau im politischen Leben. Es ging in erster Linie darum, dass die Frauen »richtig« wählen sollten. Und richtig bedeutete, sich auf alle Fälle für eine der bürgerlichen Parteien zu entscheiden, am besten für die BVP, und, falls man nicht konservativ verortet war, wenigstens »nur« die SPD (wenn es denn unbedingt sein musste) zu unterstützen, der man aber sicherheitshalber den Makel der »Klassenpartei « anheftete. Keinesfalls aber durfte man den »Bolschewisten« seine Stimme geben, womit die USPD Eisners wenig schmeichelhaft umschrieben wurde. Mit der Hauptrednerin Hedwig Rohmer vertrat interessanterweise ausgerechnet die Jüngste im Bunde vehement diese Meinung, ja, sie ging sogar noch einen Schritt weiter und offenbarte den Wunsch nach einer Rückkehr zur Monarchie. Ihr Auftritt war damit sicher nicht der einer Frau, die sich politisch emanzipieren wollte. Aus ihr sprach die Tochter des Landgerichtspräsidenten.

Und auch ein zweites Phänomen lässt sich nicht von der Hand weisen. Die Frauen hatten die Versammlung eröffnet, die lediglich »als Besucher willkommenen Männer« aber bald schon das Ruder übernommen. Und hier überließ namentlich die BVP nichts dem Zufall. Mit Hugo Graf von Lerchenfeld, der seine beachtliche Karriere von 1909 bis 1914 im benachbarten Berchtesgaden als Bezirksamtmann (Landrat) begonnen hatte, entsandte sie einen ihrer besten Vertreter nach Traunstein, um den dortigen Frauen den rechten Weg zu weisen.(11) Geistlichen Beistand erhielt er von Stadtkooperator Franz Xaver Pfleger.(12) Franz Kattan, der aufrechte Sozialdemokrat, Kreisvorsitzender seiner Partei, der sich stets loyal in den Dienst von Recht und Gesetz gestellt hatte und zusammen mit Bürgermeister Georg Vonficht einer der Garanten dafür war, dass Traunstein gewalttätige Ausschreitungen, wie sie etwa Rosenheim zu erleiden hatte, erspart blieben, hatte dakeinen leichten Stand.(13)

Allen dreien kamen die auf dem Plakat gebrandmarkten »Dunkelmänner« mehr als gelegen. Es handelte sich um den Freidenker Josef Sontheimer (1867 - 1919), von Beruf Kaufmann, und den anarchistischen Schriftsteller und Publizisten Erich Mühsam (1878 - 1934). Ihnen war ab April 1918 Traunstein als Aufenthaltsort zugewiesen worden, nachdem ihr Verbleib in München aufgrund ihrer politischen Tätigkeit nicht mehr erwünscht war. Groß in Erscheinung getreten waren beide nicht, und im Dezember waren sie längst schon wieder in die Landeshauptstadt zu ihren Gesinnungsgenossen zurückgekehrt.(14) Ohne Zweifel aber hatte allein ihr Hiersein für ausreichend Gesprächsstoff gesorgt. Auf sie konnte man jetzt verweisen: Seht her, solch obskure Gestalten werden in Bayern und im Reich an der Macht sein, wenn ihr am Wahltag die falsche Entscheidung trefft! Wollt ihr wirklich diesen politischen Hasardeuren eure Heimat anvertrauen?

Warnende Beispiele, die den Frauen von Männern vorgehalten wurden – aber auch zwei Männer, die Frauen selbst als solche dazu auserkoren hatten. Bleibt die Frage, warum die Frauen stattdessen nicht mit positiven Vorbildern aus ihren eigenen Reihen warben? Es hätte sie gegeben, nicht viele, aber doch einige, deren Pioniergeist man hätte würdigen können. Der Text des Plakats gibt die ernüchternde Antwort. »Ihr seid künftig nicht nur dazu berufen, im Hause Ordnung zu halten, sondern durch das Wahlrecht der Frauen sollt Ihr im Staate mithelfen, geordnete Zustände herbeizuführen.« Frei (und zugegeben provokant) übersetzt: Bleibt zuhause wie bisher, haltet euren Männern den Rücken frei und sorgt mit eurem neuen Recht dafür, dass im Staat weiterhin alles seinen geregelten (männlichen) Gang geht. Die Aufforderung, selbst aktiv in die Politik einzugreifen, lässt sich daraus kaum herauslesen. Ob alle sieben Traunsteiner Damen, die sich für die Kampagne zum Frauenwahlrecht eingesetzt hatten (oder sich vielleicht nur einsetzen hatten lassen?), damit zufrieden waren, ist nicht dokumentiert. Befragen kann man sie leider nicht mehr.

Das Ergebnis der Landtagswahl jedenfalls zeigt, dass die Vorgehensweise des männlichen Establishments von durchschlagendem Erfolg gekrönt war. Im Wahlkreis des Bezirksamtes Traunstein erhielt die BVP 7802 Stimmen, dicht gefolgt vom Bauernbund (7318) und mit schon deutlichem Abstand der SPD (4805). Abgeschlagen auf Rang vier lag die Deutsche Volkspartei (783); die Nationalliberalen (53) und die USPD (34 Stimmen) kamen nicht über den Rang einer Splitterpartei hinaus. Auch im Bezirk Traunstein-Stadt dominierte die BVP (37,9 Prozent), hier jedoch nur knapp vor der SPD (36,3 Prozent); Bauernbund (12,7 Prozent) und DVP (12,2 Prozent) waren etwa gleich stark. Die USPD, immerhin die Partei des Bayerischen Ministerpräsidenten, hatte nicht einmal einen eigenen Kandidaten aufstellen können.(15) Landesweit erhielt die BVP 66 Mandate, die SPD 61, die DVP 25, der Bauernbund 16, die Nationalliberalen neun und die USPD drei. Eisners Ende war damit eingeläutet. Traunsteins und Bayerns Frauen hatten es der Partei, die ihnen das Recht zu wählen überhaupt erst beschert hatte, nicht gedankt.

Bis zur aktiven Teilnahme an der Politik sollte bei uns noch viel Wasser die Traun hinabfließen. Erst 1952 findet sich mit Katharina Rappel (CSU) die erste – und für lange Zeit einzige – Frau im Traunsteiner Stadtrat. Und in den vier Eingemeindungen sah es noch düsterer aus. In Hochberg, Kammer und Wolkersdorf gelang keiner einzigen Frau jemals der Einzug in den Gemeinderat, lediglich in Haslach schaffte dies Gertraud Greilinger, allerdings auch erst als Nachrückerin ab 1975 für den verstorbenen Bürgermeister Franz Xaver Steger.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:
(1) Johannes Merz, Freistaat Bayern, in: Historisches Lexikon Bayerns, URI: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Freistaat Bayern> (5.09.2016).
(2) URI: <http://www.bayern.de/> (05.09.2016).
(3) Zu Kurt Eisner vgl. Beitrag Nr. 9 v. 27.2.2016.
(4) Bernhard Grau, Revolution, 1918/1919, in: Historisches Lexikon Bayerns, URI: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Revolution, 1918/1919> (02.09.2016).
(5) Julia Paulus, 19. Januar 1919 - Erstmaliges aktives und passives Wahlrecht für Frauen in Deutschland, in: Westfälische Geschichte, URi: <http://www.westfaelische-geschichte.de/web600> (02.09.2016).
(6) Wikipedia: Rosa Kempf, URI: <https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Kempf> (02.09.2016). Siehe auch Elke Reining, Aspekte einer Biographie: Zur Erinnerung an Rosa Kempf (1878-1948), URI: <http://www.z-sozialreform.de/ccm/cms-service/download/asset/44_01_02%20Reining.pdf?asset_id=1091005> (03.09.2016).
(7) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 199 v. 14.12.1918, S. 1.
(8) Wahrscheinlich Franz Baumgartner (* 23.7.1881), Gymnasiallehrer, 1913 von Ingolstadt zugezogen, 1924 nach Freising abgemeldet.
(9) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 200 v. 16.12.1918, S. 1.
(10) Oberbayerische Landeszeitung Nr. 293 v. 17.12.1918, S. 3.
(11) Hugo Graf von und zu Lerchenfeld auf Köfering und Schönberg (1871-1944), 1914 Regierungsrat im Kultusministerium, ab 1915 in verschiedenen Ämtern der Verwaltung für Russisch-Polen, zum Zeitpunkt der Versammlung Geheimer Legationsrat im Auswärtigen Amt, vom 21.9.1921 bis zum 2.11.1922 Bayerischer Ministerpräsident. Der konservative Demokrat nahm entschieden gegen den Links- und besonders den Rechtsradikalismus in Bayern Stellung. Vgl. Wolfgang Zorn, Franz Menges: Lerchenfeld-Köfering Hugo Graf von und zu, in: Neue Deutsche Biographie (NDB) 14, Berlin 1985, S. 314-315; Digitalisat siehe URI: <http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016332/images/index.html?seite=328> (31.08.2016).
(12) Franz Xaver Pfleger (* 26.11.1880), Kooperator, später Pfarrer, 1915 von Bad Tölz nach Traunstein gekommen, 1922 nach Hausham (Lkr. Miesbach) versetzt.
(13) Franz Kattan (1865-1929), Maurermeister, Mitbegründer der Traunsteiner SPD, Vorsitzender des Arbeiterrats.
(14) Vgl. Franz Haselbeck, Das Gefangenenlager Traunstein-Au, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein 7/1995, S. 241-290, hier bes. »Ein Anarchist in Traunstein« (S. 271-276).
(15) Gerd Evers, Traunstein 1918 - 1945, Grabenstätt 1991.

 

51/2016