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Jahrgang 2016 Nummer 13

»Hie gut allweg – alten Brauches pfleg ...«

Am Ostermontag findet alljährlich der Georgiritt nach Ettendorf statt

Am Ostermontag findet alljährlich der Georgiritt statt. Für den Erhalt und die würdige Ausgestaltung des von alters her nach Ettendorf gebräuchlichen Wallfahrtsritts sorgt seit 1891 der St. Georgs-Verein Traunstein, denn um 1890 bildeten nur noch einige Bauern und Bürger sowie der heilige Georg, begleitet von vier Engeln, allesamt zu Pferd, den Ritt. Die Ursache dafür war wohl auch, dass in Bayern derlei Umzüge und Ritte 1783 als »kulturstörend und unzeitgemäß« verboten und erst 1833 wieder durch Königliches Reskript erneuert wurden. Dadurch war der Eifer, Umritte durchzuführen, erloschen. Der erste Georgiritt in der Verantwortung des St. Georgs-Vereins wurde 1892 durchgeführt.

Die Ursprünge der Umritte

Wie alt der Georgiritt wirklich ist, ist nicht bekannt. Der erste bekannte Nachweis, der das Bestehen des Umritts beurkundet, ist eine Ettendorfer Kirchenrechnung aus dem Jahr 1762. Dort heißt es: »Am Ostermontage als man die Pferdt zu gesegnen hiehero gebracht, 5fl.« Von 1785 liegt ebenfalls eine weitere Beurkundung vor. Der Ursprung liegt jedoch viel weiter zurück und so darf man annehmen, dass der Traunsteiner Osterritt ein Überbleibsel aus altheidnischer Zeit ist.

Unsere Vorfahren mögen einst um einen Baum geritten sein. Später war es an seiner Stelle eine Kapelle. Die Lage des Ettendorfer Kircherls, das auf einem weithin sichtbaren Hügel steht, sein hohes Alter und das Patronat von St. Veit, der seit dem 8. Jahrhundert als Viehpatron verehrt wird, bestärkt diese Vermutung. Es spricht vieles dafür, dass so mancher Umritt tatsächlich seine Wurzeln in vorchristlicher Zeit hat. Dieser Volksglaube wurde irgendwann von der Kirche übernommen und hat bis in unsere Tage weitergelebt.

Der Traunsteiner Georgiritt, der zur Osterzeit wie die altgermanischen Flurumritte stattfindet, wäre demnach ein gutes Beispiel dafür, wie uralte Gebräuche im Laufe der Jahrhunderte den Veränderungen des religiösen Bedürfnisses unterworfen sind. Einst waren die Osterritte einer heidnischen Gottheit gewidmet, nach Einzug des Christentums traten die Heiligen St. Veith, St. Stefan, St. Leonhard und St. Georg an deren Stelle. Der Höhepunkt des Georgiritts ist auch heute noch die kirchliche Benediktion am Ettendorfer Kircherl und auf dem Traunsteiner Stadtplatz, in der für Ross und Reiter der Segen erbeten wird.

Geschichte des Georgiritts ab 1892

Im Oktober 1899 wurde vom Georgiverein das St. Georgs-Kostüm für 80 Mark erworben. Die Weihe der neuen Fahne mit einer St. Georgs-Fahne erfolgte 1899. Von 1915 bis 1918 fand wegen des Ersten Weltkriegs kein Georgiritt statt. In diesen Jahren wurden nur Kriegswallfahrten ohne jede Festlichkeit abgehalten. 1919 war es wegen der Kriegsfolgen nur ein schmuckloser Ritt. Zwischen 1933 und 1939 fanden die Ritte regelmäßig statt. In den Presseberichten des »Völkischen Beobachters wurden die Zuschauer als Volksgenossen bezeichnet, Fahnen mit NS-Emblemen schmückten den Stadtplatz und viele Häuser. Auch waren die Armbinden nicht mehr weiß-blau. Die Wehrmacht, ebenfalls Rittteilnehmer, bestimmte in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums das Bild des Georgiritts. Von 1940 bis 1945 gab es wegen des Zweiten Weltkriegs keine Pferdewallfahrten. Dennoch kam in jedem Jahr am Ostermontag eine große Schar Unentwegter zum Ettendorfer Kircherl, um beim Gottesdienst der Gefallenen, Verstorbenen und Vermissten zu gedenken.

Nach fast siebenjähriger Unterbrechung begannen 1946 die ersten Besprechungen über die Durchführung des Ritts. Obwohl die Zeiten äußerst schwierig waren, machten die Bauern und Trachtenvereine gerne wieder mit. Am Ostermontag 1946 erhielten 291 Pferde in Ettendorf den Segen. Allerdings bedurfte dies zuvor einer Einwilligung der amerikanischen Militärregierung. 1955 fiel der Ritt aus, da der Weg um das Ettendorfer Kircherl nicht begehbar war. Wegen der Maul- und Klauenseuche fanden 1952, 1966 und 2001 ebenfalls keine Umritte statt.

Der Traunsteiner Georgiritt heute

Der Traunsteiner Georgiritt zählt heute zu den schönsten Umritten Altbayerns und ist der größte Festtag des Chiemgaus. Er ist ein farbenfrohes Historienspiel und lebendiges Brauchtum, aber auch ein sichtbares Bekenntnis zum christlichen Glauben. Bei jeder Witterung lässt Traunstein am Ostermontag die Farbenpracht einer weit zurückliegenden Vergangenheit in ihrer ganzen Schönheit neu erstehen. In den bunten Kostümen des ausklingenden Mittelalters treffen sich Landsknechte mit Bauern und Stadtvolk zum prunkvollen Georgiritt.

Der Reiterzug wird von einem Herold angeführt. Um Punkt 10 Uhr erhebt er seinen Stab und ruft mit erhobener Stimme über den Stadtplatz: »Hie gut allweg – alten Brauches pfleg – nach Ettendorf wir reiten – wie zu Väters Zeiten«. Dann beginnen die Glocken in der Stadt zu läuten. Feierliche Fanfarenklänge betonen den festlichen, ernsten Charakter des Wallfahrtsritts, während Trommler und Pfeifer das Volkstümliche und Fröhliche herausstellen.

Ihnen folgt die historische Gruppe mit dem Ritter »Lindl«, der seit 1526 auf dem Stadtbrunnen Wache hält. Der von seinen Landsknechten in Frundsberger Uniformen umgebene »Eisenritter«, erinnert an den einstigen Stadthauptmann. Mit goldener Kette, Federbarett und schwarzem Samtmantel folgt der Edelmann »Hans von Schaumburg«, der um 1526 Pfleger von Traunstein war. Er wird von zwei Ritterfräulein hoch zu Ross begleitet.

Den Kern des Zugs bilden die Trachtengruppen mit den Bauernreitern der umliegenden Landgemeinden. Voraus der Vorreiter mit dem Bild des Kirchenpatrons auf der Standarte, danach folgt die lange Reihe von schönen und kräftigen Pferden. Die Besitzer haben Mähne und Schweif in liebevoller Arbeit mit bunten Bändern in den Farben des Dorfes geschmückt und kunstvoll durchflochten. Vierspännige Festwagen, mit Tannengrün geschmückt, runden das prächtige Bild ab. Auf den Wagen sitzen Trachtengruppen, Gebirgsschützen und Musikkapellen.

Die geistliche Gruppe mit dem Stadtpfarrer im prunkvollen Rauchmantel zu Pferd und der übrigen Geistlichkeit gibt dem Zug die kirchliche Sanktion der Weihe. Ihnen folgen auf dem Schimmel St. Georg, umgeben von römischen Reitern und die Bruderschaft. Die letzte Gruppe besteht aus den Abordnungen verschiedener Reitvereine.

Kein Ritt ohne Rittbitten

Seit jeher bemüht sich der St. Georgiverein in der Fastenzeit, mit den Rittbitten in den Landgemeinden für die Teilnahme am Ritt zu werben. Im ersten Programm für den Osterritt 1899 sind die Landgemeinden zwar aufgefordert, sich gemeindeweise nach den Reitern der Stadt mit ihren Standarten einzureihen. Leider sind die Namen der teilnehmenden Gemeinden nicht bekannt. Erstmals sind 1901 die Orte Ettendorf, Haslach, Kammer, Surberg, Erlstätt und Nußdorf im Rittprogramm des Georgivereins aufgeführt. Ab 1910 wird von verschiedenen Besuchsfahrten des Georgivereins zu den erwähnten Gemeinden berichtet, um sich für das rege Interesse zu bedanken. Weitere Erwähnung finden die Besuchsfahrten in vielen Zeitungsartikeln und in der Vereinschronik. Aber nicht immer fanden diese vor dem Ritt statt. Auch im Sommer wurde die Gelegenheit wahrgenommen, um Freundschaftsbande zwischen der Stadt und dem Land zu knüpfen. Daran nahmen in der Regel der Erste Bürgermeister der Stadt, Stadträte, der Stadtpfarrer und Abordnungen verschiedener Vereine teil. Meistens waren es stets dieselben Gemeinden, die sich am Ritt beteiligten. Es blieben aber immer wieder einige aus, sei es wegen schlechter Witterung oder weil man die Pferde einfach nicht zusammenbrachte. Um 1960 und danach wird von einem Pferderückgang in ganz Bayern berichtet, obwohl es in Traunstein und Umgebung nicht ganz so schlimm war. Mit durchschnittlich 290 bis 300 Pferden konnte der Ritt noch durchgeführt werden. Sie wurden allerdings mühsam zusammengeholt. Letztlich gab es für den Traunsteiner Ritt immer Zeiten des Glanzes und des Niedergangs.

Schwerttanz des Turnvereins

Ein weiterer Höhepunkt des alljährlichen Georgiritts ist der historische Schwerttanz auf dem Stadtplatz. Der Tanz wird seit 1926 aufgeführt. In diesem Jahr stand der Georgiritt nämlich ganz im Zeichen des 400. Jubiläums des Lindlbrunnens auf dem Stadtplatz und des 800-jährigen Stadtjubiläums von Traunstein. Dabei kam auch der Schwerttanz des TV Traunstein in der Turnhalle zur Aufführung. Alle Vereine und Verbände waren damals dazu aufgerufen, unter der Federführung des Georgivereins ihren Teil zum Gelingen der Feierlichkeiten beizutragen. Der historisch interessierte Apotheker Dr. Georg Schierghofer machte den Vorschlag, einen Schwerttanz zu rekonstruieren. Als historische Grundlage zitierte er einen Vermerk in der Stadtkammerrechnung von 1530, in der es auf der Ausgabenseite heißt: »Item denen jungen Gesellen, so sie den Schwerttanz gehabt geben 1fl.«

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Schwerttanz in unregelmäßigen Abständen immer wieder als Ergänzung des Georgiritts aufgeführt. Kriegsbedingt kam es erst 1948 wieder zu einem Auftritt. Seither ist der Schwerttanz Jahr für Jahr Auftakt und Schlusspunkt des Georgiritts.

Der Schwerttanz beginnt mit dem Aufmarsch der Tänzer auf die Bühne. Sie begrüßen die Zuschauer mit einem lauten »Vivat«. Kleine Blumensträuße werden als Frühlingsgruß in die Menge geworfen. Ein in Landsknechttracht gekleideter Sprecher stimmt mit einem Prolog die Zuschauer auf das Kommende ein. Der eigentliche Schwerttanz besteht aus 20 Tanzfiguren. Höhepunkt und Schlussfigur ist das Emporheben des Vortänzers. Er hält sein Schwert mit beiden Händen am Griff und an der Spitze fest. Dies symbolisiert den Triumph des Frühlings über den Winter. Nach der Verlesung des Epilogs verlassen die Tänzer die Bühne.


Günter Buthke


Quelle: St. Georgs-Verein

 


13/2016