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Jahrgang 2012 Nummer 14

»Hie gut allweg – alten Brauches pfleg ...«

Der St. Georgs-Verein Traunstein ist 120 Jahre alt



Der Georgiverein Traunstein feiert sein 120-jähriges Bestehen. Am 17. Dezember 1891 gründeten der damalige Stadtpfarrmesner Oswald Fürst sowie einige Männer aus Traunstein und der näheren Umgebung den St. Georgs-Verein Traunstein, wie er offiziell heißt, zur Erhaltung und würdigen Ausgestaltung des von Alters her nach Ettendorf gebräuchlichen Wallfahrtsritts. Der Verein machte in der Folge bis heute den Ostermontag zu einem großen Festtag des ganzen Chiemgaus.

Die Gründung des St. Georgs-Vereins

Der Grund für die Vereinsgründung war, dass der Ritt nach 1870 so vernachlässigt wurde, dass sogar dessen Aufhören zu befürchten war. Etwa fünf Jahre lang bemühte sich ein Komitee, das sich in loser Vereinigung zusammen fand, darum, dem Ritt wieder »Zug« zu verschaffen. Nur Bauern, einige Bürger und der heilige Georg, begleitet von vier Engeln, allesamt zu Pferd, bildeten um 1890 den Ritt. Die Ursache dafür war wohl auch, dass in Bayern derlei Umzüge und Ritte 1783 als »kulturstörend und unzeitgemäß« verboten und erst 1833 wieder durch Königliches Reskript erneuert wurden und dadurch der Eifer, Umritte durchzuführen, erloschen war.

Die erste Generalversammlung fand am 27. Dezember 1891 statt. Darin wurde Oswald Fürst zum 1. Vorsitzenden gewählt. Er blieb es bis 1909. Da Ettendorf zur Gemeinde Surberg gehört, war zu einem festlichen Aufzug die Erlaubnis von Surberg notwendig. Auf Gesuch des St. Georgs- Vereins genehmigte die Gemeinde Surberg durch Beschluss vom 10. März 1892 bereitwillig für immer die Abhaltung des Georgiritts. In der Versammlung vom 13. März 1892 zählte der junge Verein bereits 27 Mitglieder. Für Oswald Fürst wurde 1909 der Apotheker Dr. Georg Schierghofer zum 1. Vorstand gewählt, der das Amt jedoch schon zwei Jahre später aus beruflichen Gründen niederlegt. Sein Nachfolger wurde 1911 Magistratsrat und Zweiter Bürgermeister Franz-Xaver Prandtner, der bis 1936 an der Spitze des Georgivereins stand.

Von 1915 bis 1918 fand wegen des Ersten Weltkriegs kein Georgiritt statt. In diesen Jahren wurden nur Kriegswallfahrten ohne jede Festlichkeit abgehalten. 1919 war es wegen der Kriegsfolgen nur ein schmuckloser Ritt. Im Jahr 1926 stand der Georgiritt ganz im Zeichen des 400. Jubiläums des Lindlbrunnens und des 800-jährigen Stadtjubiläums von Traunstein. Dabei kam auch der Schwertertanz des TV Traunstein zur Aufführung. Alle Vereine und Verbände waren damals dazu aufgerufen, unter der Federführung des Georgivereins ihren Teil zum Gelingen der Feierlichkeiten beizutragen. Dr. Georg Schierghofer machte den Vorschlag, einen Schwerttanz zu rekonstruieren. Als historische Grundlage zitierte er einen Vermerk in der Stadtkammerrechnung von 1530, in der es auf der Ausgabenseite heißt: »Item denen jungen Gesellen, so sie den Schwerttanz gehabt geben 1 fl.«

Zwischen 1933 und 1939 fanden die Ritte regelmäßig statt. Den Verein leitete seit 1936 der Schlossermeister Albert Schmied. Von 1940 bis 1945 gab es wegen des Zweiten Weltkriegs keine Pferdewallfahrten. Dennoch kam in jedem Jahr am Ostermontag eine große Schar Unentwegter zum Ettendorfer Kircherl, um beim Gottesdienst der Gefallenen, Verstorbenen und Vermissten zu gedenken.

Nach fast siebenjähriger Unterbrechung begannen 1946 die ersten Besprechungen. Obwohl die Zeiten äußerst schwierig waren, machten die Bauern und Trachtenvereine gerne wieder mit. Am Ostermontag 1946 erhielten 291 Pferde in Ettendorf den Segen. Allerdings bedurfte dies zuvor einer Einwilligung der amerikanischen Militärregierung. Am 26. Januar 1959 starb der »Umritt-Doktor« Dr. Georg Schierghofer. Als Vorstand (1909 bis 1911) und in den Jahren danach hatte er den Georgiritt und den Georgiverein entscheidend mitgeprägt. Den Verein traf in diesem Jahr ein weiterer schwerer Schlag: am 25. April 1959 verstarb Albert Schmied, der 23 Jahre lang 1. Vorstand des Vereins war und durch seine Begeisterung die anderen mitreißen und motivieren konnte. Sein Nachfolger wurde Paul Teufl. Bereits 1963 übernahm Albert Schmied, Sohn des verstorbenen 1. Vorstands, den Vorstandsposten. Mit 35 Jahren Amtszeit war er der bisher am längsten amtierende 1. Vorsitzende. Im Jahr 1998 übernahm Sigi Strohhammer den Vorsitz des St. Georgs-Vereins. Die Vereinsführung fiel jedoch wieder in den »Familienbesitz « der Schmieds zurück, als Albert Schmied junior 2004 die Amtsgeschäfte von Sigi Strohhammer übernahm. Albert Schmied steht dem Verein bis heute vor. Bemerkenswert ist, dass der Verein in seiner 120-jährigen Geschichte lediglich acht Vorsitzende hatte.

Die Ursprünge der Umritte

Wie alt der Georgiritt wirklich ist, ist nicht bekannt. Der erste bekannte Nachweis, der das Bestehen des Umritts beurkundet, ist eine Ettendorfer Kirchenrechnung aus dem Jahr 1762. Dort heißt es: »Am Ostermontage als man die Pferdt zu gesegnen hiehero gebracht, 5 fl.« Von 1785 liegt ebenfalls eine weitere Beurkundung vor. Der Ursprung liegt jedoch viel weiter zurück und so darf man annehmen, dass der Traunsteiner Osterritt ein Überbleibsel aus altheidnischer Zeit ist.

Unsere Vorfahren mögen einst um einen Baum geritten sein. Später war es an seiner Stelle eine Kapelle. Die Lage des Ettendorfer Kircherls, das auf einem weithin sichtbaren Hügel steht, sein hohes Alter und das Patronat von St. Veit, der seit dem 8. Jahrhundert als Viehpatron verehrt wird, bestärkt diese Vermutung. Es spricht vieles dafür, dass so mancher Umritt tatsächlich seine Wurzeln in vorchristlicher Zeit hat. Dieser Volksglaube wurde irgendwann von der Kirche übernommen und hat bis in unsere Tage weitergelebt.

Der Traunsteiner Georgiritt, der zur Osterzeit wie die altgermanischen Flurumritte stattfindet, wäre demnach ein gutes Beispiel dafür, wie uralte Gebräuche im Laufe der Jahrhunderte den Veränderungen des religiösen Bedürfnisses unterworfen sind. Einst waren die Osterritte einer heidnischen Gottheit gewidmet, nach Einzug des Christentums traten die Heiligen St. Veith, St. Stefan, St. Leonhard und St. Georg an deren Stelle. Der Höhepunkt des Georgiritts ist auch heute noch die kirchliche Benediktion am Ettendorfer Kircherl und auf dem Traunsteiner Stadtplatz, in der für Ross und Reiter der Segen erbeten wird.

Der Traunsteiner Georgiritt

Mit der Erhaltung und Pflege des am Ostermontag stattfindenden Georgiritts nach Ettendorf kommt der St. Georgs-Verein in jedem Jahr seinem einzigen Vereinszweck nach. Der Traunsteiner Georgiritt zählt zu den schönsten Umritten Altbayerns und ist der größte Festtag des Chiemgaus. Er ist ein farbenfrohes Historienspiel und lebendiges Brauchtum, aber auch ein sichtbares Bekenntnis zum christlichen Glauben. Bei jeder Witterung lässt Traunstein am Ostermontag die Farbenpracht einer weit zurückliegenden Vergangenheit in ihrer ganzen Schönheit neu erstehen.

In den bunten Kostümen des ausklingenden Mittelalters treffen sich Landsknechte mit Bauern und Stadtvolk zum prunkvollen Georgiritt. Der Reiterzug wird von einem Herold angeführt. Um Punkt 10 Uhr erhebt er seinen Stab und ruft mit erhobener Stimme über den Stadtplatz: »Hie gut allweg - alten Brauches pfleg - nach Ettendorf wir reiten - wie zu Väters Zeiten«. Dann beginnen die Glocken zu läuten. Feierliche Fanfarenklänge betonen den festlichen, ernsten Charakter des Wallfahrtsritts, während Trommler und Pfeifer das Volkstümliche und Fröhliche herausstellen.

Ihnen folgt die historische Gruppe mit dem Ritter »Lindl«, der seit 1526 auf dem Stadtbrunnen Wache hält. Der von seinen Landsknechten in Frundsberger Uniformen umgebene »Eisenritter«, erinnert an den einstigen Stadthauptmann. Mit goldener Kette, Federbarett und schwarzem Samtmantel folgt der Edelmann »Hans von Schaumburg«, der um 1526 Pfleger von Traunstein war. Er wird von zwei Ritterfräulein hoch zu Ross begleitet.

Den Kern des Zugs bilden die Trachtengruppen mit den Bauernreitern der umliegenden Landgemeinden. Voraus der Vorreiter mit dem Bild des Kirchenpatrons auf der Standarte, danach folgt die lange Reihe von schönen und kräftigen Pferden. Die Besitzer haben Mähne und Schweif in liebevoller Arbeit mit bunten Bändern in den Farben des Dorfes geschmückt und kunstvoll durchflochten. Vierspännige Festwagen, mit Tannengrün geschmückt, runden das prächtige Bild ab. Auf den Wagen sitzen Trachtengruppen, Gebirgsschützen und Musikkapellen. Die geistliche Gruppe mit dem Stadtpfarrer im prunkvollen Rauchmantel zu Pferd und der übrigen Geistlichkeit gibt dem Zug die kirchliche Sanktion der Weihe. Ihnen folgen auf dem Schimmel St. Georg, umgeben von römischen Reitern und die Bruderschaft. Die letzte Gruppe besteht aus den Abordnungen verschiedener Reitvereine.

Abschluss und Höhepunkt des alljährlichen Georgiritts ist der bereits erwähnte historische Schwerttanz auf dem Stadtplatz. Der Tanz, eingerahmt von Vorspruch, Schwertlied und Epilog, stellt die Austreibung des Winters durch den Frühling dar und wird seit 1926 regelmäßig aufgeführt.

Kein Ritt ohne Rittbitten

Seit jeher bemüht sich der St. Georgiverein in der Fastenzeit vor Ostern, mit den Rittbitten in den Landgemeinden für die Teilnahme am Ritt zu werben. In unserer Zeit werden dabei die Gemeinden Erlstätt, Bergen, Inzell, Vachendorf, Piding, Aufham, Surberg, Neukirchen, Siegsdorf, St. Leonhard, Ruhpolding, Chieming und Kammer besucht. Im ersten Programm für den Osterritt 1899 sind die Landgemeinden zwar aufgefordert, sich gemeindeweise nach den Reitern der Stadt mit ihren Standarten einzureihen. Leider sind die Namen der teilnehmenden Gemeinden nicht bekannt. Erstmals sind 1901 die Orte Ettendorf, Haslach, Kammer, Surberg, Erlstätt und Nußdorf im Rittprogramm des Georgivereins aufgeführt. Ab 1910 wird von verschiedenen Besuchsfahrten des Georgivereins zu den erwähnten Gemeinden berichtet, um sich für das rege Interesse zu bedanken. Weitere Erwähnung finden die Besuchsfahrten in vielen Zeitungsartikeln und in der Vereinschronik. Aber nicht immer fanden diese vor dem Ritt statt. Auch im Sommer wurde die Gelegenheit wahrgenommen, um Freundschaftsbande zwischen der Stadt und dem Land zu knüpfen. Daran nahmen in der Regel der Erste Bürgermeister der Stadt, Stadträte, der Stadtpfarrer und Abordnungen verschiedener Vereine teil.

Meistens waren es stets dieselben Gemeinden, die sich am Ritt beteiligten. Es bleiben aber immer wieder einige aus, sei es wegen schlechter Witterung oder weil man die Pferde einfach nicht zusammenbrachte. Um 1960 und danach wird von einem Pferderückgang in ganz Bayern berichtet, obwohl es in Traunstein und Umgebung nicht ganz so schlimm war. Mit durchschnittlich 290 bis 300 Pferden konnte der Ritt noch durchgeführt werden. Sie wurden allerdings mühsam zusammengeholt. Letztlich gab es für den Traunsteiner Ritt immer Zeiten des Glanzes und des Niedergangs. Neben den bereits erwähnten Ausfällen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs musste der Ritt 1952, 1966 und 2001 wegen der Maul- und Klauenscheuche ausfallen. Nicht geritten werden konnte 1955, weil der Weg um das Ettendorfer Kircherl herum defekt war.


Günter Buthke


Quelle: St. Georgs-Verein



14/2012