Jahrgang 2001 Nummer 25

Heuer ist wieder »Landshuter Hochzeit«

Alle vier Jahre ist Landshut der touristische Mittelpunkt Bayerns

Von Lagerleben noch keine Spur, doch bald wird es hier von Knappen, Rittern, Burgfräuleins und Schaustellern wimmeln.

Von Lagerleben noch keine Spur, doch bald wird es hier von Knappen, Rittern, Burgfräuleins und Schaustellern wimmeln.
Gerade noch rechtzeitig zur Trauung von Herzog Georg dem Reichen und seiner Gemahlin Hedwig wurde die mächtige Martinskirche fer

Gerade noch rechtzeitig zur Trauung von Herzog Georg dem Reichen und seiner Gemahlin Hedwig wurde die mächtige Martinskirche fertig gestellt.
Am kommenden Wochenende (30. Juni 2001) beginnen wieder die Feierlichkeiten zur Landshuter Fürstenhochzeit, die auch gleichzeitig das größte historische Schauspiel in Deutschland darstellt. Nicht weniger als 500 000 Gäste werden erwartet und von den Ausgaben, die mittlerweile die Schallmauer von vier Millionen Mark längst überschritten haben, glaubt kaum ein Landshuter, sie könnten schlecht angelegt sein.

Eine Tochter der Stadt darf für einige Wochen eine echte Prinzessin sein: Die 18jährige Michaela Bauer spielt die polnische Braut Hedwig und der ebenfalls 18jährige Sebastian Timmer schlüpft in die Identität eines Herzoges. Beide sind von Kindheitsbeinen an bei der Landshuter Hochzeit aktiv mit dabei.

Im Jahre 1475 ging dieses rauschende Fest in Landshut mit Pauken und Trompeten, mit Saufen und Fressen und allen anderen menschlichen Schwächen über die Bühne. Von den heute rund 70 000 Einwohnern der Stadt sind rund 2000 aktiv daran beteiligt. Und für wenige Wochen können Seidengewänder, Spitzen und Rüschen, die inzwischen schon legendär gewordenen Jeans und Lederjacken verdrängen.

Mit Recht fragt man sich, wie eine solche prunkvolle Hochzeit ausgerechnet in eine Stadt wie Landshut kam? Die Antwort darauf ist denkbar einfach. Zuerst einmal war der Bräutigam, Herzog Georg der Reiche, hier zu Hause. Zum Zweiten war Landshut zu dieser Zeit fürstliche Haupt- und Residenzstadt. Die alten Giebelfassaden der Bürgerhäuser, das Rathaus, Burg und vor allem die mächtige Martinskirche, beweisen dies noch immer eindrucksvoll.

Das Land, das hier von der Burg Trausnitz aus regiert wurde, war das Herzogtum Niederbayern. Entstanden war es, als sich zwei Brüder aus dem bayerischen Herzogshaus Wittelsbach das Erbe teilen mußten. Das andere Herzogtum mit der Hauptstadt München, wo nun die Vettern der Landshuter regierten, war Oberbayern.

Die Landshuter hatten ihr Land stets gut verwaltet und das brachte ihnen Reichtum und Ansehen. Einen großen Teil dazu steuerten die ebenfalls zu Landshut zählenden tirolischen Bergwerke am Inn und die vollen Schatzgewölbe zu Burghausen bei. Und so brauchte der Niederbayern-Herzog Ludwig der Reiche auch keine Bedenken und Skrupel zeigen, als er für seinen Sohn Georg beim Polenkönig Kasimir IV., der in Krakau residierte, um die Hand seiner Tochter anhielt. Hedwig, von der es heißt, daß sie liebenswürdig und klug gewesen sein soll, wurde hier keineswegs unter ihrem Stand verheiratet, zumal die polnische Königsfamilie und die Wittelsbacher längst miteinander verwandt waren.

Was allerdings die junge Prinzessin von dem Land wußte, von dem sie nun Herzogin werden sollte, war sicherlich nicht viel. Hier mußte sie sich wohl auf die Berichte ihrer Botschafter stützen. Diese haben ihr wohl berichtet, daß Landshut eine Stadt, ungefähr so groß wie Krakau war. Darüber hinaus noch weitere vierzig Städte und Märkte im Herzogtum vorhanden waren, die alle dem Herzog Steuern zu entrichten hatten. Daß ihr künftiger Gemahl gerne auf die Jagd ging und allem Anschein nach ein guter Christ war. Weiter, daß es im Land viele Klöster gab, die so alt wie das Herzogtum selbst und zum Teil noch älter waren. Auch, daß die Klöster mehr Grundbesitz aufweisen konnten als der Herzog selbst, aber doch alle unter seiner Vogtei, das heißt, unter seiner Gerichtsbarkeit standen. Und schließlich, daß der Adel nicht so zahlreich wie in Polen war, dafür aber die höchsten Ämter im Land bekleidete.

Die Hochzeit sollte also in Landshut stattfinden. In der eben erst fertiggestellten Martinskirche sollte der Erzbischof von Salzburg die Trauung vollziehen. Anfang November, bald nach Allerheiligen, wurde der Termin festgesetzt.

Sobald das Datum feststand, traf man Anstalten, alle Verwandten und hohen Würdenträger des Landes einzuladen. Ab Mitte August ritten Boten aus hohem Adel, zu je zweien mit Ladungsbriefen durch’s Land, in denen die hochgeborenen Fürsten und lieben Vettern gebeten wurden in eigener Person; natürlich mit Gefolge; auf der Hochzeit zu erscheinen. »....damit wir uns mit Euch in Freude und Fröhlichkeit ergötzen...« hieß es in dem Schreiben wörtlich.

Wieviele Personen dann tatsächlich an der Hochzeit teilnahmen, zeigt uns ein Blick in alte Aufzeichnungen. Markgraf Albrecht Achilles, Kurfürst von Brandenburg, kam mit der Markgräfin und 1500 Personen und Pferden. Pfalzgraf Phillip mit 600 Personen und Pferden. Herzog Siegmund von Österreich mit 250 Personen und Pferden. Herzog Albrecht von Bayern-München mit 450 Personen und Pferden. Der Kaiser, der mit einem Gefolge von 600 Personen und Pferden kam, war also bei weitem nicht der teuerste Gast. Insgesamt sollen die rund 8000 Einwohner der Herzogstadt laut der Kostenrechnung 6560 Personen und 6260 Pferde beherbergt haben.

Dabei war die Unterbringung dieser vielen Gäste beileibe nicht das vordringlichste und größte Problem. Sie erhielten ihre Unterkünfte in den vielen Bürgerhäusern der Stadt. Das eigentliche Problem waren die Pferde. Mit den herzoglichen waren es damals über 9000 die versorgt werden mußten.

Die Unterstellplätze wurden durch den Rat der Stadt Landshut verteilt. Wieder auf die einzelnen Bürgerhäuser. Der herzogliche Getreidekasten war bis obenhin mit Hafer gefüllt und die Rationen wurden auf Futterzettel hin ausgegeben.

Um die Hochzeit ausrichten zu können waren sie damals nicht weniger erfinderisch als heutige Regierungen. Eine separate Steuer wurde eingeführt und obendrein war eine ungeheure Menge an frischen Lebensmitteln nach Landshut zu schaffen. Wieder ritten Boten durch’s Land in die Pflegeämter und Klöster, die dem Herzog von Landshut unterstellt waren und überbrachten die Forderungen ihres Herrn. Für die damalige Zeit eine ungeheure logistische Aufgabe. Der Pfleger von Erding z. B., ein Amt das in etwa mit dem des heutigen Landrates zu vergleichen ist, wurde aufgefordert, von jedem Hof, der der Landshuter Grundherrschaft abgabenpflichtig war, drei Hennen einzufordern. Weiter wurde er aufgefordert, 500 Gänse zum günstigsten Preis einzukaufen sowie auch alle Spanferkel, die es um diese Zeit gab.

Allen umliegenden Pflegeämtern erging es ähnlich. Aus dem Landgericht Pfarrkirchen kamen z. B. 36 Spanferkel, 300 Gänse, 210 Lämmer, 1245 Hennen und 10 000 Eier. Aus Eggenfelden 700 Gänse, 2000 Hennen, 2000 Eier, 60 Kälber, 300 Lämmer und 200 Spanferkel.

Von den Jägern wurde erwartet, daß sie Wildenten, Rebhühner, Fasane, Rehe, Hirsche, Hasen und Wildschweine nach Landshut schafften. Ebenso mußten die Fischer Unmengen von Fischen liefern, von denen die meisten aus dem Chiemsee stammten, der damals auch zu Niederbayern zählte.

Insgesamt sollen bei den sechstägigen Vermählungsfeierlichkeiten 323 Ochsen, 285 Brühschweine, 1 758 Schafe, 1 537 Lämmer, 490 Kälber, 684 Spansauen, 11 500 Gänse, 40 000 Hühner 194 345 Eier, 220 Zentner Schmalz und tonnenweise Fisch verzehrt worden sein.

Daß wir nun noch nach mehr als fünfhundert Jahren genau nachvollziehen können und genau Bescheid wissen über Ausgaben und Einnahmen bei dieser Hochzeit, das ist ein Verdienst der vorzüglichen Stadt- und Steuerverwaltung der Landshuter Herzöge. Alle Einnahmen aus allen Ämtern wurden damals schon auf Heller und Pfennig aufgeschrieben.

Für die Landshuter Goldschmiede bedeutete diese Hochzeit einen großen Aufschwung. Prunkrüstungen für das große Turnier wurden in Auftrag gegeben. Kleinodien und große Mengen an Silbergeschenken. Noch lange Jahre nach der Hochzeit erhielten die Gold- und Silberschmiede Aufträge von weit her.

Am Hochzeitsmorgen standen nicht weniger als 146 Köche bereit, die herbeigeholt worden waren aus den umliegenden Klöstern, die große Zahl an Hochzeitsgästen zu verköstigen. 5616 Eimer »Bayer-Wein« waren zum Ausschank an die Bevölkerung bereitgestellt. Mit großem Gefolge zog der Herzog hinaus vor die Stadt, um seine Braut, die für die Reise nach Landshut vierunddreißig Tage benötigt hatte, zu empfangen. Für beide war dies ihre erste Begegnung. Zwar war der Termin für die Hochzeit schon seit Monaten vereinbart und die Vorbereitungen dazu auf Hochtouren gelaufen, aber für Herzog Georg den Reichen und seine zukünftige Gemahlin Hedwig, war dies ein Augenblick von höchster Spannung. Sicherlich für heutige Verhältnisse nicht vorstellbar, aber eben für damalige Zeit üblich.

Ein Fest auszurichten in dieser Größenordnung war schon schwierig. Vertreter aller großen Herrscher- und Fürstenhäuser an einer solch festlich geschmückten Tafel zu versammeln noch weitaus schwieriger. Zwar waren beinahe alle untereinander irgendwie verwandt und verschwägert, oftmals aber auch auf den Schlachtfeldern erbitterte Feinde. Sie gerieten aneinander wegen territorialer Rechte, oder gerade wegen ihrer engen verwandtschaftlichen Verhältnisse zueinander, aus Gründen einer nicht geregelten oder unklaren Erblage.

Nur wenige Jahre vor der Landshuter Hochzeit waren sich der Gastgeber Herzog Ludwig und Markgraf Albrecht Achilles, der nun mit dem zahlenmäßig größten Gefolge angereist war, auf dem Schlachtfeld gegenüber gestanden. Aber zum Zeitalter der Fürstengeschichte gehörte eben auch dies. Mit demselben Aufwand, mit dem sie sich bekriegten und bekämpften, verstanden sie es auch, sich zu versöhnen und rauschende Feste zu feiern.

Die Braut von heute muß natürlich immer fröhlich sein und lächeln. Damals war das anders. Hedwig weinte nach der Trauung. Wer weiß, vielleicht erahnte sie ihr Schicksal. Denn auch Herzog Georg der Reiche hatte die typischen Züge der Landshuter Wittelsbacher in sich. Er hielt auf’s Turnieren und Jagen, auf’s Essen und Trinken und wie schon sein Vater und Großvater vor ihm, verbannte er seine Gemahlin ins entlegene Burghausen, nur um es in Landshut um so toller treiben zu können.

Georg fehlte der Zug ins Große, der Eifer für die Geschäfte. Und selber ohne männlichen Erben, ließ er sich mehr und mehr vom Neid auf den Münchner Vetter bestimmen. Hedwig versuchte unterdessen aus der strengen Hofordnung, die die Landshuter Herzöge ihren Frauen auferlegten, das Beste zu machen. Und trotz ihrer Einsamkeit und der nur gelegentlichen Besuche ihres Mannes schenkte sie Georg drei Söhne und zwei Töchter. Wobei allerdings die Söhne allesamt starben. Je länger nun das Herzogtum Niederbayern ohne männlichen Erben blieb, desto lauter und deutlicher meldeten die oberbayerischen Vettern ihre Ansprüche an. Und nach Georgs und Hedwigs Tod trudelte das Land in einen blutigen »Bruderkrieg« den »Landshuter Erbfolgekrieg«. Als dann wieder Friede war, gab es nur noch ein Herzogtum in Bayern. Und das wurde von München aus regiert.

Landshut blieb bis heute Hauptstadt des niederbayerischen Landesteiles. Und dadurch, daß es sich langsamer entwickeln hat können, hat es sich sein schönes, von der Herzogszeit geprägtes Stadtbild erhalten können. Und alle vier Jahre wird dieses mittelalterliche Stadtbild zu einer einzigen großen Bühne...

Franz Strähuber



25/2001