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Jahrgang 2009 Nummer 11

Hermann der Cherusker – ein deutscher Mythos

Das Bild vom »Helden« und seinem Volk – Teil III

»Hermannsschlacht« – Kolorierter Druck nach dem Gemälde von Friedrich Gunkel (1819 - 1876)

»Hermannsschlacht« – Kolorierter Druck nach dem Gemälde von Friedrich Gunkel (1819 - 1876)
Germanicus bestattet die unter Varus gefallenen Legionäre (Darstellung des 19. Jahrhunderts).

Germanicus bestattet die unter Varus gefallenen Legionäre (Darstellung des 19. Jahrhunderts).
»Trauernde Germania« – römische Statue in Florenz. Sie stellt möglicherweise Thusnelda dar.

»Trauernde Germania« – römische Statue in Florenz. Sie stellt möglicherweise Thusnelda dar.
Die Hermann-/Varusschlacht

Im September des Jahres 9 nach Christus war es soweit. Die mächtige Streitmacht Roms der 17., 18. und 19. Legion verweilte noch im Lager nahe dem heutigen Minden an der Weser. Den Sommer über gab es keine beunruhigenden Vorfälle, nun sollten die Zelte abgebrochen werden um vor den Wetter-Launen des Herbstes rechtzeitig das schützende Rheinlager bei Castra Vetera (dem späteren Xanten, der sagenhaften Heimat Siegfrieds im Nibelungenlied) erreichen zu können. Da machten Gerüchte von einem kleinen Aufstand in der Nähe die Runde. Armin wusste, dass das römische Heer seine Schlagkraft verliert, wenn es übersichtliches Gelände verlässt. Er schlug Varus wohl vor, einen kleinen Umweg zu machen, dabei die Rebellion niederzuschlagen und den Rückmarsch dann fortzusetzen. Alles kam darauf an, dass dieser anbeißen würde, sollte der gut vorbereitete Plan gelingen. Für den Kommandanten hatte diese überraschende Wende sogar einen gewissen Reiz. Er könnte damit im neuen Einsatzgebiet seine Feuertaufe bestehen und sich erste militärische Erfolgssporen verdienen. So ging er arglos auf die Finte ein, als ihm Armin noch versicherte, dass er die schon abgezogenen cheruskischen Reiter ohne Mühe wieder sammeln könne um vor Erreichen des Unruhegebietes sich wieder mit dem Heer zu vereinen. Paterculus meinte dazu: »Es war kein dummer Gedanke von ihm (Armin), dass niemand leichter zu fassen ist als ein Nichtsahnender und dass das Unheil meist dann beginnt, wenn man sich ganz sicher fühlt«.(13) Varus war offenbar fest von Armins Treue überzeugt, sonst hätte er zumindest misstrauisch werden können, als Segestes, dem der Verrat zu Ohren gekommen war, dessen Entwaffnung und Gefangensetzung empfahl und dann nochmals warnte. Freilich wusste der Statthalter um die Rivalität der beiden Familien, so dass er Segestes’ Verhalten als Auswüchse einer Familienfeindschaft interpretierte.

Der schon über 10 km lange Zug von etwa 20 000 Soldaten mit großem Tross, zu dem auch Frauen, Kinder, Marketender, Köche, Ärzte und Sklaven gehörten, marschierte schon eine Weile Richtung Westen. Germanische Truppenteile hatten den Zug bereits verlassen mit dem Versprechen, Verstärkung zu holen. Alles scheint abzulaufen, wie von Armin versprochen: Die cheruskischen Truppen sind in Wurfweite zu erkennen. Doch plötzlich schwirren Hunderte von Speeren den ahnungslosen Römern entgegen: Geschrei, Hektik, Verwundete, Tote, scheuende Pferde, umgestürzte Wagen. Die Legionäre stehen diesmal nicht Stammeskriegern mit nackter Brust, oft ohne Helm und mit uneinheitlicher Bewaffnung gegenüber, sondern zum Teil römischen Hilfstruppen, also Berufssoldaten, die gleichwertig ausgerüstet, diszipliniert und ebenso kampferfahren sind. Die gewaltige Ausdehnung des Zuges erschwert die Verteidigung, einzelne Gruppen kämpfen ohne Verbindung zueinander. Aber so schnell sind die Truppen einer Weltmacht nicht zu entmutigen. Die Abwehr wird organisiert. Nach dem ersten Schrecken weiß jeder, was zu tun ist. Sie gruppieren sich, bilden mit ihren Schilden eine Mauer der Abwehr, die erst einmal hält. Auch die Germanen gehen einem Nahkampf mit den Römern lieber aus dem Weg. Die Dämmerung beendet alle Kampfhandlungen. Die Römer ziehen sich in ein hastig errichtetes Lager zurück, etwa 20 km westlich der Weser. Im Kriegsrat prallen unterschiedliche Taktiken aufeinander. Die Autorität des Oberbefehlshabers ist beschädigt. Er hatte sein Vertrauen einem Verräter geschenkt. Am nächsten Morgen ist von vielfach nächtlichem Grauen und Schlaflosigkeit zunächst wenig zu spüren. Viel Ballast, auch Wägen werden verbrannt, man will beweglicher sein. Bei offenem Gelände kommen die Legionäre besser voran. Aber dann spielt das Wetter ihren Feinden in die Hände. »Erneut überfielen sie heftiger Regen und starker Wind, die sie weder weitergehen, noch festen Stand finden, ja nicht einmal mehr die Waffen gebrauchen ließen. Sie konnten sich nämlich nicht mehr mit Erfolg ihrer Bögen und Speere oder der ganz und gar durchnässten Schilde bedienen.«(14) Die Germanen versuchen die Römer aus der Deckung zu locken und in der ungeschützten Flanke anzugreifen. Dann aber ziehen sie sich – nach Guerilla-Taktik – wieder zurück. Einen Gegner zu bekämpfen, der sich nicht fassen lässt, zermürbt. Während die Zahl frischer, ausgeruhter germanischer Krieger zunimmt, da der bislang erfolgreiche Verlauf des Aufstandes andere, bisher eher abwartende Stämme mit Aussicht auf Beute anlockt (zum Beispiel Brukterer, Marser, Chatten), spüren die in den Hinterhalt Geratenen, wie ihre Kräfte langsam schwinden und die schwer gewordenen und zu bewegenden Schilde die Anzahl der Toten und Verletzten weiter ansteigen lässt. Am dritten Tag scheint ein sich weitendes Gelände der römischen Kampftaktik noch einmal entgegenzukommen. Aber es ist ein Moor – unpassierbar für einen Heereszug – das auch heute noch diesen Namen führt (»Großes Moor«). Eingezwängt davon und von den Ausläufern des Wiehengebirges (nordöstlich von Osnabrück), beginnt der letzte Akt des Dramas. Hier muss das Heer eine besonders enge Stelle passieren. Arminius, der den vermutlichen Weg voraussah, ließ dort einen Erdwall mit Palisaden errichten, mit vorspringenden Bastionen, 400 m lang, 2 m hoch, zum Teil mit einer Brustwehr versehen.(15) Die meisten Wissenschaftler gehen nach Entdeckung eines Schlachtfeldes 1987 durch den britischen Major und Hobbyarchäologen Tony Clunn (von der Queen mit dem Orden »Member of the Order of the British Empire« ausgezeichnet) davon aus, dass die entscheidenden Kampfhandlungen an dieser Stelle, nördlich des Kalkrieser Berges (in der Nähe des heutigen Mittellandkanals) stattgefunden haben. Aber schon 1885, als das etwa 70 km entfernte Hermann-Denkmal bei Detmold längst aufragte, vermutete der große deutsche Historiker und Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen, dass es sich bei der Fundregion um Osnabrück um den Ort der Hermann-Schlacht handelte (Er konnte sich damals allerdings nur auf Münzfunde aus augusteischer Zeit stützen). Das von den Archäologen freigelegte Drainage-System, das von den Cheruskern angelegt wurde, sollte von den Bergen herabströmendes Wasser ableiten und die Erdarbeiten nicht gefährden. Dieser überraschenden Sorgfalt germanischer Schlachtplanung konnten die mitgenommenen Römer nichts mehr Gleichwertiges entgegensetzen. Von der Höhe der Spitzpfähle aus, die den Angreifern zusätzlichen Schutz boten, und durch die Enge des Kampfraumes bedingt, geraten die Vertreter des Imperiums in eine ausweglose Situation. Manche Einheiten konnten wohl noch die Wälle stürmen, manche Abschnitte brachen ein, dann zogen sich die Germanen in den Wald zurück. Immer mehr lösten sich die Legionen auf. Dennoch erreichten manche der Todgeweihten das Ende des Engpasses und versuchten – aufgeteilt in zwei Flügel – zu entkommen. Doch die meisten wurden schon erwartet, umzingelt und niedergemacht. Bei der inzwischen nicht mehr für möglich gehaltenen Wildheit der bisher von den Römern Beherrschten und jetzigen Todfeinde stellte sich für manchen die Frage: besser im Kampf sterben als lebend in ihre Hände fallen? Der Hauptverantwortliche hatte einen anderen Weg gewählt: »Varus und die übrigen hohen Offiziere erfasste darüber Angst, sie möchten entweder lebendig in Gefangenschaft geraten oder von ihren grimmigen Feinden getötet werden und das ließ sie eine zwar schreckliche, aber notwendige Tat wagen: Sie begingen Selbstmord«.(16)

Nach der Schlacht

Das düsterste Kapitel beginnt erst nach der »Schlacht«. Die grausame Rache war einerseits eine Reaktion auf römische Arroganz bzw. Gewalttaten, andererseits eine Folge religiös-magischer Vorstellungen: Bestrafung der Feinde, von denen manche zum Dank den Göttern auf schnell errichteten Altären geopfert wurden. Dabei gab es je nach Gottheit unterschiedliche Todesarten, wie Tacitus berichtet: Erhängen an Bäumen oder dort befestigte Köpfe, abgeschlagene Gliedmaßen und andere Martern. Auch Pferde wurden geopfert, Waffen zerbrochen oder verbogen und im Moor versenkt. Dennoch blieb genug Beute übrig, die auch den Verbündeten der Cherusker zugute kam. Besonders begehrt waren neben Waffen und Rüstungen auch Eisennägel, Schildbuckel, Gürtelbeschläge, Pferdegeschirre. Den Höhepunkt bildeten Feldzeichen und Legionsadler sowie eine größere Zahl anderer Wertgegenstände und die Heereskasse. Auch zahlreiche Sklaven wurden verteilt.

Um die Leiche des Feldherren nicht schänden zu können, hatten sie die Römer ins Feuer geworfen. Sie wurde aber bald entdeckt und halb verkohlt zu Arminius gebracht, der mit deren Kopf ein politisches Signal auslösen wollte. Er ließ ihn durch einen Boten zu König Marbod bringen, um ihn zu überzeugen, welche Möglichkeiten ihnen beiden und anderen Stämmen jetzt offenstünden. Es hätte die weltgeschichtliche Stunde der Germanen und die »Geburtsstunde« Deutschlands 900 Jahre vor ihrem eigentlichen Beginn (Selbstständigkeit des Ostfrankenreiches mit eigenem König 911) werden können, ein bisher nicht gekanntes Wir-Gefühl, der Glaube, mit der Vereinigung zahlreicher weiterer germanischer Stämme ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufzuschlagen. Damit wäre ein ganz anderer historischer Verlauf möglich gewesen – welcher bleibt eine Frage von Spekulation und Hypothese. Armin hatte offenbar Visionen, Marbod genügte der Status quo. Das Bündnis kam nicht zustande, es entstand sogar neue Feindschaft.

Nachruhm und Bedeutung der Schlacht werden und wurden – heute wie damals – Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen. Nach dem römischen Geschichtsschreiber Sueton zerriss Kaiser Augustus seine Kleider, stieß den Kopf gegen den Türpfosten und rief jene Worte, die zu »geflügelten« im internationalen Zitatenschatz wurden: »Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!« Selbst wenn Sueton übertreibt, ist verständlich, wie schwer dieser Rückschlag Augustus getroffen haben muss, der mit der radikalen Reduzierung der römischen Legionen eine Friedenspolitik einleiten wollte. Da konnte der Verlust von drei Elite-Legionen die bisherige scheinbare Stabilität seiner politischen Konstruktion ins Wanken bringen. Wer aber glaubt, das Römische Weltreich ließe sich durch derartige Rückschläge gleich aus dem Konzept bringen, irrt. Die häufig geäußerte These, dass mit dem Debakel nahe dem Teutoburger Wald die römische Germanenpolitik resigniert habe und für immer beendet gewesen sei, ist zu korrigieren. Augustus reagiert prompt. Er ersetzt die drei vernichteten Legionen sofort, wenn auch schweren Herzens, da dies auf eine Schwächung anderer, fernerer Frontabschnitte hinausläuft, und erhöht die Gesamtzahl der Rheinlegionen von sechs auf acht. Ebenso wartet die römische Flotte auf neue Einsätze. So ist sein Ausspruch verständlich: »Die gallischen und spanischen Provinzen und ebenso Germanien, soweit der Ozean sie einschließt von Gades (Cadiz in Südspanien) bis zur Mündung der Elbe habe ich befriedet.«(17) Das würden auch jüngste Entdeckungen aus dem Vorjahr (2008) belegen, von denen vor kurzem auch in den ARD-Tagesthemen berichtet wurde: Spuren von einer Schlacht aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert zwischen Römern und Germanen, die beweisen, dass auch 200 Jahre n a c h Varus die Römer im Norden Germaniens marschierten und siegten, was nach landläufiger Lehrmeinung bisher als unwahrscheinlich galt.

Andererseits verbreitete sich der Ruhm des Arminius binnen kurzem in ganz Germanien. Dass er ihn durch Verrat und Hinterhalt errungen hatte, schien seinem Ansehen nicht zu schaden. War es ihm doch als einzigem gelungen, römische Arglosigkeit in einen viel beachteten Sieg zu verwandeln. Das Land zwischen Rhein und Weser ging den Römern fürs Erste verloren. Alle Lager und Kastelle wurden zerstört. Den Nimbus der Unbezwingbarkeit römischer Weltmacht hatte Armin bezwungen. Aber schon ein Jahr später war der neue (und alte) Oberkommandierende Tiberius wieder am Rhein, beschränkte sich allerdings auf vorsichtige Vorstöße östlich des Stroms und verwüstete dortige Gebiete. Eine planvolle Strategie war nicht zu erkennen. Bald darauf überließ er seinem Neffen »Germanicus« den Oberbefehl. Der hatte wohl den Auftrag, die Schmach vom Teutoburger Wald zu rächen. 15 nach Christus drang er ins zentrale Widerstandsgebiet vor. Es zieht ihn offenbar an den Ort des Grauens, wo Varus und so viele andere Tod und Marter gefunden hatten. Bei Tacitus lesen wir: »Und nun betraten sie die Unglücksstätte, grässlich anzusehen und voll schrecklicher Erinnerungen«. Mitten auf dem Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, je nachdem ob die Leute geflohen waren oder Widerstand geleistet hatten. Dabei lagen Bruchstücke von Waffen und Pferdegerippe, zugleich fanden sich an Baumstämme angenagelte Köpfe.«(18) Die Soldaten hoben Gruben aus um die Knochen, Skelette oder Reste der zum Teil von Tieren angenagten Leichen zu beerdigen. Es sollte ein pietätvoller Schussstrich unter den römischen Alptraum gezogen werden. Germanicus erreichte mit seinen Legionen, wie schon Drusus, wieder die Elbe.

Dennoch blieb zunächst der eigentliche Gewinner Armin. Nach der römischen Demütigung durch die Varusniederlage ihnen jetzt wieder weichen zu müssen, auch von Germanicus besiegt zu werden, schien sein Ansehen im Lande nicht zu schmälern. Denn dieser Gegenspieler wurde von Tiberius, Nachfolger von Augustus und seit 14 nach Christus römischer Kaiser, bald zurückberufen. Damit endete der vorläufige Druck auf Germanien, das nach kaiserlicher Meinung weder durch den Reichtum des Landes noch die Eigenschaften seiner Bewohner die hohen römischen Opfer rechtfertige. Die Probleme mit diesem Land lösten sich von alleine, wenn man die Germanen ihren inneren Zwistigkeiten überließe. Die weitere Entwicklung sollte Tiberius Recht geben. Nur kurze Zeit konnte Armin sein neues Glück genießen. Es war ihm gelungen, Thusnelda, seine große Liebe, aber Tochter seines Familienfeindes und Onkels Segestes, mit ihrer Einwilligung zu entführen und zur Gemahlin zu nehmen. Ein sich anbahnendes trautes Familienglück mit Kindern war ihm jedoch nicht vergönnt und endete in einer Familientragödie. Als Armin Segestes belagerte und Germanicus diesem zu Hilfe eilte, geriet die schwangere Thusnelda in die Hände ihres Vaters. Nach Aufrufen an seine Stammesgenossen, mit den Römern Frieden zu schließen und sich zu unterwerfen, überquerte er mit Thusnelda und seinen Gefolgsleuten den Rhein, um sich mit ihnen westlich davon niederzulassen. Armins Gemahlin wurde den Römern übergeben, bei denen sie in Vetera/Xanten ihren Sohn Thumelicus zur Welt bringen musste. Als 17 nach Christus Germanicus, dessen Name ja »Bezwinger Germaniens« bedeutet, zum Dank für seine Erfolge von Tiberius mit einem großen Triumphzug in Rom geehrt wird, begaffen die Zuschauer Frau und Sohn des Römerbezwingers Armin – in Ketten vorausgehend. Vater bzw. Großvater Segestes verfolgt das beschämende Schauspiel als Ehrengast von der Tribüne aus. Hier standen beide zum letzten Mal im Blickpunkt einer Weltöffentlichkeit. Thusnelda hat später ihrem Leben in Ravenna ein Ende gemacht, ihr Sohn, so heißt es, soll Gladiator geworden sein.

Armin gehört damit zu jenen tragischen Figuren der Weltgeschichte, die ihren Ruhm, – ähnlich wie mancher Künstler – mit Verzicht auf privates Glück bezahlen mussten. Obwohl das Bild vom »Befreier Germaniens« nur bedingt taugt, da ein diesbezügliches Einheitsgefühl nicht existierte und es ihm in erster Linie um die Spitzenstellung, wohl ein Königtum bei seinen Cheruskern ging, lag seiner Bündnispolitik (mit immerhin 11 Stämmen) doch die Idee eines Zusammenschlusses im mittel- und norddeutschen Raume zugrunde (Der Süden war überwiegend Teil des Imperiums). Erst dem Frankenherrscher Karl dem Großen gelang rund 800 Jahre später die (durch Druck erzeugte) Verbindung germanischer Stämme mit romanischen bzw. romanisierten Ländern (z. B. Italien, Frankreich) in Gestalt der Reichsidee des christlichen Abendlandes. Armin hätte – mit den Möglichkeiten seiner Zeit – »Vorarbeit« leisten können, da es ihm gelungen war, im Bündnis mit Langobarden und Sueben, die Markomannen zu besiegen. Sein früheres Vorbild Marbod, statisch verwurzelt und nicht bereit, sich Armins Visionen anzuschließen, musste daraufhin nach Rom fliehen, wo er noch 18 Jahre lebte. Ebenso fehlte Armins adeligen Zeitgenossen die Bereitschaft die Freiheit individueller Kriegführung der Anerkennung und Herrschaft eines bestimmenden Einzelnen unterzuordnen, was ein germanisches Reich als dauerhaftes Stammeskönigtum n e b e n dem Imperium Romanum hätte bedeuten können (Damit taten sich viel später selbst noch die deutschen Herzöge schwer, wie wir aus der mittelalterlichen Geschichte wissen).

Die Macht des Schicksals vergisst nicht. Die drei Nornen (germanische Schicksalsgöttinnen) bereiteten Armin ein ähnliches Ende, wie er es seinem Vorgesetzten und Gegner Varus zugedacht hatte: durch Hinterhalt. Im Jahre 21 nach Christus wurde er hinterrücks von seinen eigenen Verwandten ermordet – wohl aus Angst, sich einem Größeren unterwerfen zu müssen. Der Neid wollte oft, dass strahlende Sterne stürzen. Viele Sagen berichten davon. Wenn sie auch, wie es heißt, nur einen wahren Kern besitzen und Orte, Personen oder Zeiten aus dem historischen Zusammenhang reißen, so sind Ähnlichkeiten oder gar Parallelen gerade zwischen der Nibelungensage bzw. dem (mittelhochdeutschen) Nibelungenlied und dem Wirken Armins zumindest auffällig. Der Held Siegfried stirbt wie jener durch Verrat. Beide haben mit Xanten am Rhein zu tun, in dessen Legionslager sich der junge Arminius wohl den ersten Waffenruhm erwerben konnte. Der Anlaut von Siegfrieds Namen stimmt – nach germanischer Sitte – mit dem naher Verwandter überein – wie bei Armin: Vater Sieg(mund), Mutter Sieg(lind) – bzw. beim Cherusker: Vater Seg(=Sieg)imer, Bruder Segimund. Es ist durchaus denkbar, dass ein früherer Name des Römerbezwingers, der nicht überliefert ist, ebenfalls mit Seg- (Sieg-) begonnen hat. Siegfried tötet den scheinbar unbezwingbaren Drachen – von manchen als Symbol der Römerherrschaft gedeutet – wie Armin; tatsächlich sind römische Feldzeichen später mit Drachenköpfen statt Adlern versehen. Das römische Heer wird im Hinterhalt vernichtet, die Burgunden (=Nibelungen) werden zur Hochzeit Kriemhilds mit Etzel (Attila) eingeladen und niedergemacht – auch eine Art Hinterhalt. Die Armin in die Hände gefallene römische Heereskasse bzw. zahlreiche andere Wertgegenstände werden in der Phantasie der Damaligen zum Nibelungenschatz – Siegfried wie Armin zum Verhängnis geworden. Thusnelda beendet ihr Leben bei den Feinden, Kriemhild (wenn auch freiwillig und aus Rache) bei den Hunnen, die für viele Germanen auch Feinde waren. Die Liebe Armins zu Thusnelda endet tragisch, die Siegfrieds zu Kriemhild ebenfalls usw. Alles nur Zufall? Manche glauben, dass hinter dem sagenhaften Siegfried der wirkliche Armin steht. Wenn diese Ereignisse in Liedern an den abendlichen Feuern von Sängern in Variationen vom Süden bis Skandinavien getragen wurden, so ist eine dichterische Vermengung oder sogar Übertragung auf die Heldenlieder des Nibelungenkreises, wenn auch erst später und unter anderen Namen, nicht auszuschließen.

Obwohl das Wort »Geschichte« den tragischen Kern in sich trägt, dass ein »Geschehen« unwiderruflich Vergangenheit ist, so fielen doch die Taten mancher »Großer« nicht immer der Vergessenheit anheim. Es bleibt dem Betrachter überlassen, welche Schlüsse er bei der Bewertung jener »Helden der Vergangenheit« zieht. Um uns ein Urteil bilden zu können, brauchen wir die Aussagen der damaligen Geschichtsschreiber, die durch ihre Arbeit, ihr Wirken die historische Tat für die Nachwelt gerettet haben. Wer mit kritischem, aber vorurteilsfreiem Blick bei ihnen evtl. die Zeitgebundenheit oder persönliche Färbung abzieht und das Gleiche mit den Erkenntnissen der heutigen Geschichtsschreibung tut, der kommt zu einem Bild von der Vergangenheit, das ihn jedenfalls zu einem Urteil befähigen sollte. Ob es mit dem von Tacitus übereinstimmt, muss jeder für sich entscheiden:
»Zweifellos war er der Befreier Germaniens und ein Mann, der Rom nicht wie andere Könige und Heerführer in seinen Anfängen, sondern auf der Höhe seiner Macht herausgefordert hat. Er lebte 37 Jahre, herrschte 12 und wird noch immer bei den Barbarenvölkern besungen.«(19)

Werner Segerer

Quellennachweis:
13 Velleius Paterculus, nach Arens, S. 85
14 Cassius Dio, nach Arens, S. 87
15 Nach GeoEpoche, Nr. 34, S. 38
16 Cassius Dio, nach Arens, S. 87
17 Nach Wikipedia
18 J. Weiß, Weltgeschichte, Bd. 3, Die Völkerwanderung, Graz/Leipzig, 1891, S. 96
19 Ebenda, S. 97

Teil 1 und 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 9 und 10/2009



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