Jahrgang 2009 Nummer 9

Hermann der Cherusker – ein deutscher Mythos

Das Bild vom »Helden« und seinem Volk – Teil I

Das Hermannsdenkmal bei Detmold – erbaut und gegossen von Ernst von Bandel. (1800 - 1876).

Das Hermannsdenkmal bei Detmold – erbaut und gegossen von Ernst von Bandel. (1800 - 1876).
Einweihung des Hermannsdenkmals 1875 im Beisein von Kaiser Wilhelm I., linke Tribüne. (Figur des Hermann seitenverkehrt gezeichn

Einweihung des Hermannsdenkmals 1875 im Beisein von Kaiser Wilhelm I., linke Tribüne. (Figur des Hermann seitenverkehrt gezeichnet).
»Sonnenwagen von Trundholm« – ein 57 cm langer Bronzewagen für kultische Zwecke dessen Sonnenscheibe mit Goldblech überzogen ist

»Sonnenwagen von Trundholm« – ein 57 cm langer Bronzewagen für kultische Zwecke dessen Sonnenscheibe mit Goldblech überzogen ist, 1400 - 1200 vor Christus.
»Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, mit seinen blonden Horden, so gäb es deutsche Freiheit nicht mehr, wir wären römisch geworden.« (1)

So dichtete Heinrich Heine im 19. Jahrhundert mit ironischem Zungenschlag, denn von »deutschter Freiheit« war zu seiner Zeit wenig zu spüren im Zeitalter der Restauration. Der Dichter sah sich genötigt, seiner Heimat den Rücken zu kehren und nach Paris ins Exil zu gehen. Die Gespaltenheit seiner Seele fand nicht nur in der Hassliebe zu seinem Heimatland, seinem Spott über die politisch-gesellschaftlichen Zustände ihren Ausdruck, sondern auch in der Tatsache, dass er sich an den Spenden zum Bau des Hermann-Denkmals beteiligte. Dieses Monument wurde zur nämlichen Zeit errichtet und sollte die Leistung des »Befreiers Germaniens« und die Bedeutung des »Begründers der deutschen Geschichte« würdigen. Die Entdeckung des Schlachtfeldes vor gut zwei Jahrzehnten, das Hermann seine Rolle in der »deutschen« Geschichte zuwies und das zweitausendjährige Gedenken in diesem Jahr, bieten Anlass, Mensch und Mythos näher zu beleuchten. Damals wuchsen vielerorts hünenhafte Gestalten wie zum Beispiel auch als Niederwalddenkmal die »Germania« bei Rüdesheim/Rhein empor und sahen meist trutzig gen Westen, also nach Frankreich, von wo aus Napoleon vor wenigen Jahrzehnten sich aufgemacht hatte, sozusagen als die »Römer jener Tage«, um Europa, um Deutschland zu beherrschen. Aufwind erfuhr damals die nationale Hochstimmung zusätzlich, als durch den gewonnenen Krieg von 1870/71 und die Gründung des Deutschen Reiches durch den preußischen Ministerpräsidenten und ersten Reichskanzler Otto von Bismarck ein einiges Deutschland, ein deutscher Nationalstaat geschaffen wurde, der, wenn auch als »kleindeutsche Lösung«, das heißt unter Ausschluss Österreichs, die Sehnsüchte und Enttäuschungen vieler Patrioten nach der Bezwingung Napoleons vergessen machen konnte.

Vielleicht waren die Deutschen auch schon damals das »glücklichste Volk der Welt«, wie es ein Berliner Bürgermeister viel später, im November 1989, unter dem Eindruck des Mauerfalls und der historischen Wende, formuliert hatte. Viele Deutsche glaubten zu jener Zeit, am Beginn »ihres Zeitalters, ihres Jahrhunderts« zu stehen. Armin, wie er abgekürzt nach den römischen Quellen heißt, wurde gleichsam zum Gründungshelden der deutschen Nation. In der markigen Inschrift auf dem Denkmal heißt es: »Deutsche Einigkeit, meine Stärke, Deutschlands Macht«. Schon mit dem Bau der Walhalla, in den 1830er-Jahren erbaut, hatte der bayerische König Ludwig I. großer Deutscher der Vergangenheit bis hin zu den Germanen gedenken wollen, um damit das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Zeitgenossen zu stärken, was damals nur auf geistig-kulturellem, noch nicht aber politischem Feld möglich war. Auch Hermann dem Cherusker ist eine Gedenktafel darin gewidmet. Deutschland war nicht das einzige Land, das damals seinen Heroen, die häufig als Freiheitskämpfer gefeiert wurden, Denkmäler errichtete – auch und gerade gegen die Bestrebungen eines römischen Weltreiches; ebenso in Frankreich mit Vercingetorix, in England mit Boudicca, in Belgien, in Rumänien. Auf Grund seiner politischen Situation im 19. Jahrhundert war dieser Wunsch in Deutschland sicher am ausgeprägtesten.

Die Germania des Tacitus

Dabei begann die Suche nach historischer Identifikation bereits im 16. Jahrhundert durch die damaligen Gelehrten, die Humanisten. Zu Beginn der Neuzeit war die Bedeutung des Römisch-Deutschen Reiches, das damals bereits ein Gebilde politischer Zersplitterung war, erkennbar gesunken. Den damaligen Staaten in seinem Umkreis wie Frankreich, England, Spanien gelang es mit ihren zentralistisch herrschenden Königen ihre Länder immer stärker zu einigen und zu weitgehend in sich geschlossenen Nationalstaaten zu machen, die auch das Heft des Handelns leichter übernehmen konnten. Deutschland, das heißt das Römisch-Deutsche Reich, trat seit dem Untergang der Hohenstaufen (Mitte des 13. Jahrhunderts) politisch in den Hintergrund. Zudem machte den gelehrten Denkern von damals zu schaffen, dass sie die Geschichte ihres Landes, im Gegensatz zum Beispiel zu Italien, Frankreich usw. wohl nicht wie diese auf die angesehene Antike zurückführen konnten (Renaissance bedeutet deren »Wiedergeburt«), die nach dem wenig geschätzten, vorausgehenden »finsteren Mittelalter« als lichter Ursprung der eigenen Identität gesucht wurde. Das änderte sich auf erfreuliche Weise, als mit dem Jahre 1455 ein antikes Werk wieder entdeckt wurde, das gleichsam als Balsam für das damalige Selbstwertgefühl gesehen wurde: die »Germania« des römischen Geschichtsschreibers Cornelius Tacitus. Die bedeutendste ethnografische Abhandlung der Antike über ein barbarisches Volk wurde weitgehend als Loblied auf unsere Vorfahren aufgefasst. Tatsächlich beschreibt Tacitus hierin die Germanen, die doch seinen Landsleuten oft genug gewaltigste Anstrengungen aufnötigten, um mit ihnen fertig zu werden, in einem oft von Respekt, wenn nicht gar Bewunderung zeugenden Licht. Nun blieb den deutschen Humanisten, die ihren Namen wie bei den europäischen Kollegen vom hohen Gut des menschlichen Geistes herleiteten (»humanum« = das Menschliche), nicht mehr die Ruhmeshalle der (griechisch)-römischen Antike versperrt. Sie glaubten nun, mit ihren großen Kulturen gleichziehen zu können. Der Sieg des jungen Arminius über die erfolgverwöhnten Römer spielte dabei eine herausragende Rolle.

Freilich konnten jene Gelehrten die Absichten des Tacitus noch nicht durchschauen, der als Anhänger altrömischer Tugenden wie Disziplin, Einhaltung von Regeln, Unterordnung unter das Staatsinteresse seinen Landsleuten einen Spiegel vorhalten wollte. Er glaubte im Wesen der Germanen, ihrer Einfachheit, Ehrlichkeit, Unverdorbenheit jene Eigenschaften zu erkennen, die Rom einst groß gemacht hatten, inzwischen aber – besonders seit den blutigen Bürgerkriegen des ersten vorchristlichen Jahrhunderts – moralischer Entartung und Verfall gewichen waren. So werden die Germanen bisweilen als wahre Übermenschen geschildert: von hoher Gestalt, treu, unbestechlich, kampfestüchtig und sittlich einwandfrei. Trotzdem entging dem einstigen römischen Beamten nicht die Kehrseite jener Vorzüge: die mangelnde Unterordnung des Einzelnen, die fehlende Festigkeit aller staatlichen Verhältnisse, es als Schmach zu empfinden, Steuern zu zahlen, die unentwegte Zwietracht unter den Sippen, die Krieg gleichsam zum Dauerzustand untereinander machte. Aber war das nicht wiederum, grübelte Tacitus, Roms größter Vorteil, womöglich einmal seine Rettung? Das Land selbst jedoch, das er nie besucht hatte, malte er in dunkelsten Farben: »Schaurige Wälder, grässliche Sümpfe, raue Gebirge, die Rinder unansehnlich, die Pferde weder schnell noch schön, keine Bodenschätze«. Es sei in jeder Beziehung hässlich.(2)

Hermann/Arminius im Spiegel der Literatur

Als erster der Humanisten nahm sich Ulrich von Hutten in seinem »Arminius-Dialog« um 1520 (posthum erschienen) des Helden an und hob ihn auf den Ehrenplatz als »ersten Vaterlandsverteidiger«. Die großen Feldherren der Antike wurden ihm zur Seite gestellt: Alexander der Große, der jugendliche Welteroberer, Hannibal, der Alpen- und Römerbezwinger, der sich ihnen doch zuletzt geschlagen geben musste und dessen Überwinder Scipio der Ältere (»Africanus«). Auch Luther kam die neue Lichtgestalt sehr gelegen. Sie diente seinen Bestrebungen im Kampf gegen die römische Kirche. Die protestantischen Zeitgenossen sahen demnach in ihm den »neuen Arminius«, der nicht mehr gegen die Feldherren oder Kaiser, wohl aber den Papst kämpft und im Verlauf der erfolgreichen Reformation zum »teutschen Helden wider Rom« wurde. Luther über Arminius in einer Tischrede: »Ich hab in von hertzen lib. Hat Herman geheißen.«(3) Er deutschte dessen Namen, nach philologischer Vorarbeit des bayerischen Historikers Aventinus/Thurmayr zu »Hermann« ein – abgeleitet von »Heer – Mann« = Heerführer. In der Barockzeit erschien von Lohenstein 1689/90 ein 3000-Seiten-Roman mit dem Titel: »Großmütiger Feldherr Arminius« und sollte während der Gräuel des 30-jährigen Krieges auf deutschem Boden wohl an einen Erretter aus jener Not gemahnen. Das 18. Jahrhundert breitete mit der französischen Vorherrschaft unter dem »Sonnenkönig« (Ludwig XIV.) auch dessen Kultur über den Kontinent, besonders Deutschland. Dennoch fiel das Andenken an den Cheruskerfürsten nicht der Vergessenheit anheim – zum Beispiel durch Opern und Theaterstücke, die auch sein tragisches Schicksal und das seiner Gemahlin Thusnelda thematisierten. Am stärksten allerdings trat er im 19. Jahrhundert in den öffentlichen Blickwinkel – bedingt durch die Befreiungskriege gegen Napoleon und die emotionale Hinwendung zur deutschen Geschichte in der Zeit der Romantik. Nun wurde er zu einer Art Nationalheld. Heinrich von Kleist, der anfangs durchaus frankophil empfand, widmete ihm mit seiner »Hermannsschlacht« – 1808 verfasst, aber erst nach seinem Freitod 1811 herausgebracht und noch viel später uraufgeführt – ein literarisches Denkmal, das auf der damaligen Frankreich-feindlichen Stimmung fußte. Die Germanen stehen bei ihm für die Preußen, von denen er die Befreiung des Landes erwartet und sich der Hoffnung auf eine neue Stärkung hingibt. Über die Leistung von Arminius meint er: »Diesem Siege verdankt unser Vaterland, nach der Römer eigenem Geständnisse, die Freyheit; und wir, die Enkel, dass noch ungemischtes Deutsches Blut in unseren Adern strömt und das reine deutsche Wort auf unserer Zunge ist.«(4)

Fiktives Szenario

Es ist verständlich, dass Heinrich von Kleist damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts so gedacht hat. Heute, 200 Jahre später, dürfen auch andere Fragen gestellt werden. Wie ist vor dem Hintergrund eines – gerade auch in Deutschland traditionell stark gehegten – Wunsches nach einer – sinnvollen – europäischen Einigung die Tat des Arminius, eines Davids gegen den Goliath des römischen Imperiums zu sehen? Es ist nicht verboten, wenn auch nicht immer zwingend, sich folgendes Szenario auszumalen, denn der Sieg des Arminius hatte seinen Preis und zeitigte auch Folgen bis zum heutigen Tag. Ohne die römische Niederlage nahe dem Teutoburger Wald ist denkbar:

– Germanien wäre wie Gallien erobert und romanisiert worden; ganz Europa hätte damals westlich von Russland, vielleicht sogar weiter Richtung Osten, eine einheitliche Organisation, eine einzige Regierung gehabt.

– Überall Gleiches an Verwaltung, Geld, Rechtsgrundlagen

– Mitteleuropa hätte stärker und schneller vom Genuss der römischen Zivilisation profitiert durch: urbanes Leben mit Bibliotheken, Theatern, Thermen, gepflasterten Straßen – freilich auch beschattet von Steuereintreibern, Korruption, Prostitution usw.

– Germanien/Europa wäre in den Genuss, wenn nicht einer einheitlichen, so doch einer romanischen, vielleicht sogar europäischen »Weltsprache« gekommen.

– Die Vereinheitlichung Europas wäre – evtl. entfernt vergleichbar mit der Entwicklung Amerikas im 18./19. Jahrhundert – schneller vorangeschritten.

– Europa hätte in zwei Jahrtausenden seine Energie nicht so sehr unter sich vergeudet, zum Beispiel durch weniger Kriege, die gravierendsten zwischen Deutschland und Frankreich.

– Es wäre nicht zu einer Reformation und damit zu einer weiteren Spaltung Europas gekommen, die ja auch wieder eine Reihe von Kriegen nach sich gezogen hat.

– Eine anders geartete deutsche Geschichte wäre geringer oder gar nicht von ihren Dualismen geprägt worden, wie zum Beispiel dem Kampf Kaiser-Papst, Föderalismus-Zentralismus, Katholizismus-Protestantismus, Österreich-Preußen.

– Germanien und das spätere Deutschland mussten kulturell-zivilisatorisch »nacharbeiten«. Einige Historiker stehen deshalb auf dem Standpunkt, dass sich unser Land von diesem »Sieg« – im Gegensatz zu den traditionellen Jubelarien – nicht erholt habe, er also ein Pyrrhussieg (Scheinsieg) war. Wie dem auch sei, Germanien/Deutschland musste seinen eigenen Weg gehen, der, wie wir wissen, nicht immer der leichteste war.

Die Germanen

Unsere Vorfahren waren damals überwiegend nicht bereit sich der imperialen Macht des Römischen Reiches zu unterwerfen, in der romanischen Kultur aufzugehen oder sich ihr wenigstens anzupassen. Andererseits waren sie – erkennbar an der jahrhundertelangen Südbewegung – von ihr auch magisch angezogen, vom Reichtum und Luxus ihrer Nachbarn im Süden und Westen, von den Annehmlichkeiten des Klimas, von dem scheinbaren »dolce vita« dort, von den Fähigkeiten, das Leben zum Beispiel durch technische und kulinarische Fähigkeiten zu erleichtern. Davon zeugen heute noch zahlreiche »Lehnwörter« in unserer Sprache, denen der römische Ursprung kaum mehr anzusehen ist: Fenster (von fenestra), Mauer (von murus), Wein (von vinum) usw. Geblendet von einem angenehmeren Leben kam es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zu Einfällen, Raub- und Beutezügen, Überfällen, welche die Römer lange Zeit meist erfolgreich abzuwehren wussten.

Wer aber und wie waren die Germanen? Bisweilen verwundert, erfreut stellen wir seit geraumer Zeit fest, dass das Bild von ihnen in den Medien heute wieder unverkrampfter gezeichnet wird. Das zeigte auch die letztes Jahr in der ARD ausgestrahlte vierteilige Sendereihe über sie. Die unwissenschaftliche und rassisch bedingte Glorifizierung alles Nordischen und Germanischen in der NS-Zeit hatte lange Schatten in die Jahrzehnte der jungen Bundesrepublik geworfen. Die Beschäftigung mit unseren Vorfahren galt als suspekt. Ideologisch und bildungspolitisch waren fremde Kulturen angesagt. Ausstellungen, Abhandlungen und Bücher gab es unter anderem über Azteken, Mayas, Thraker, Hethiter, Ägypter, China oder historische Dynastien wie Staufer oder Persönlichkeiten wie den bayerischen »Blauen Kurfürsten«. Auch die Kelten erfreuten sich auffallender öffentlicher Wahrnehmung; dagegen kaum aber ihre nördlichen Nachbarn, die unserem Land immerhin den englischen Namen, die Sprache und zum größten Teil wohl auch die Gene hinterlassen haben. Während für Generationen zum Beispiel französischer Schüler die Ehrfurcht vor ihrer historischen Abstammung mit dem Satz eingeleitet wurde: »Unsere Vorfahren, die Gallier«, konnte sich in Deutschland nichts Vergleichbares entwickeln. Namentliche Ahnen schienen gar nicht zu existieren, höchstens in Form eines »Konstrukts« oder einer multikulturellen Mischung. Noch in den 90er-Jahren formulierte der damalige niedersächsische Ministerpräsident und spätere Bundeskanzler bei einer Tagung über den Ort der vor wenigen Jahren entdeckten »Varusschlacht« (bezeichnenderweise nicht nach dem Sieger Hermann/Armin, sondern dem Verlierer Varus benannt!), »dass das ruhmreiche römische Heer von einer Horde ungebildeter Mitteleuropäer« besiegt worden sei.(5) »Der Spiegel« bezeichnete etwa zur gleichen Zeit in seiner Titelgeschichte unsere Vorfahren spöttisch als »Störenfriede im Nebelland« und im »Stern« konnten wir noch 2006 in der Serie »Die Geschichte der Deutschen« über die Germanen lesen, dass Hermann ihnen zwar die angestammte Freiheit bewahrte, sie aber zur »Dauerbedrohung der zivilisierten Welt« machte.(6)

So haben wir auch die Zwiespältigkeit, mit der wir Deutschen uns heute selbst sehen oder gesehen werden, mit unseren Vorfahren gemein. Inzwischen scheint etwas mehr Licht ins Dunkel ihrer Herkunft zu fallen. Als Nachkommen einer indoeuropäischen (indogermanischen) Völkergruppe um 2000 vor Christus, die entsprechend der Verzierung ihrer Gefäße als »Schnurkeramiker« bzw. ihrer Bewaffnung als »Streitaxt-Kultur« bezeichnet wird, traten sie um die Mitte des ersten Jahrtausends vor der Zeitenwende aus dem Dunkel der Geschichte. Während lange Zeit Skandinavien als ihre Urheimat angesehen wurde, tritt heute Deutschland selbst mit seiner »Jarstorf-Kultur« (nach Funden des 6. Jahrhunderts vor Christus) nahe der Lüneburger Heide ins archäologische Blickfeld. Nach jüngsten sprachgeschichtlichen Erkenntnissen und Auswertung der Ortsnamenforschung liegt die Keimzelle ihrer späteren Ausbreitung etwa 500 vor Christus noch südlicher, zwischen Harz, Rhön und Erzgebirge.(7) Von dort rückten sie in verschiedene Himmelsrichtungen vor, ihre Sprache war zu hören vom Rhein bis an die Donau, von der Weichsel bis Skandinavien. Sie wurde geprägt von der ersten (oder germanischen) Lautverschiebung unter anderem durch Verhärtung von Verschlusslauten wie b,d,g > p,t,k und p>f (zum Beispiel lat. pater>gotisch fadar/Vater).

Technologisch blieben die Germanen gegenüber den Kelten zurück. Viele der etwas schwieriger zu produzierenden Güter mussten sie von ihnen importieren, zum Beispiel Waffen aus Stahl oder Glas. Im Austausch gegen diese wertvollen Waren hatten sie außer Vieh, anderen Naturalien und evtl. Bernstein wenig anzubieten. Ihr Leben war karg und dauerte meist nicht lange. Es war oft von Hungersnöten bedroht, zu denen auch Klimaschwankungen beitrugen. Überwiegend darauf beruhte ihr Wandertrieb nach Süden und ihre diesbezüglichen Raubzüge nach militärischen Erfolgserlebnissen. Deshalb konnte Tacitus von ihnen berichten, dass sie es als Feig- oder Faulheit ansahen, sich mit »Schweiß«, also Arbeit zu verdienen, was man durch »Blut«, das heißt Kampf, erwerben könne. Es galt als ehrenvoll im Kampf zu sterben, vor dem Feind zu fliehen zog oft lebenslange Verachtung, manchmal Selbstmord nach sich. In diesem auf Krieg als Normalzustand aufgebauten Lebensrhythmus und der damit verbundenen Ruhelosigkeit sehen manche Forscher eine kulturelle Bremswirkung. Ihre kurze Lebensdauer belegen anatomische Untersuchungen, die Wachstumsstillstände, Skorbut (Vitamin-C-Mangel), Parodontose (Zahnbetterkrankung) und Arthrose, auch Knochentumoren an manchen Skeletten an den Tag brachten. Es gibt Gräberfelder, deren Bestattete eine durchschnittliche Lebenserwartung von 23 Jahren aufwiesen.(8) Diese existenzielle Bedrohung führte neben ihrer Aggressivität gegenüber Rom im Lauf der Jahrhunderte auch zu gegenteiligen Auswirkungen, nämlich auf römischer Seite ihr Glück zu versuchen und in deren Heer einzutreten. Ihre Kindersterblichkeit war oft sehr hoch. In guten Jahren allerdings ging sie zurück, die Ernteerträge stiegen, die Bevölkerung nahm zu. Die Böden wurden ohne sinnvolle Düngung schnell ausgelaugt und der Teufelskreis begann von neuem, der Stamm machte sich wieder auf den Weg. Sie rodeten, wenn sie nicht durch Krieg daran gehindert wurden, an anderer Stelle den Wald, errichteten dort ihre Gehöfte, oft Langhäuser, deren Holzkonstruktion durch lehmverschmiertes Flechtwerk abgedichtet und deren Dächer mit Stroh, Schilf oder Grassoden gedeckt waren. Um die Feuerstelle in der Mitte spielte sich das häusliche Leben ab, hier wurde zum Teil gearbeitet und gegessen, vor allem geschlafen. Das Vieh hauste in Verschlägen unter dem gleichen Dach. Der germanische Bauer hatte zwar letztendlich die Macht über seine Familie, war aber bei Entscheidungen über Leben und Tod von Frau und Kindern auf die Zustimmung der Volksversammlung (Thing/Ding) angewiesen. Die Frau war im Allgemeinen hoch angesehen, sie hatte notfalls ein Recht auf Ehescheidung, sogar Abtreibung, schenkte aber oft zahlreichen Kindern das Leben. Ehebruch war selten; den Delinquentinnen wurden dann meist die Haare geschoren und sie nackt unter Peitschenhieben durch die Siedlung gejagt. Da es keine mächtige Priesterschaft entsprechend den keltischen Druiden gab, übernahm auch auf diesem Feld die Frau kultische Dienste. Sänger, Barden besangen bisweilen in wuchtigen Stabreimversen (»Die Sonne von Süden sah aufs Gestein«) Sagen bzw. die Geschichte ihres Stammes. An dessen Spitze stand meist ein Herzog (von »Heer« und »ziehen«), seltener ein König, was bedeutete, dass er als oberster Priester, Richter und Heerführer zugleich entscheiden konnte. Ihre Götter waren stark mit den Vorgängen in der Natur und mit jahreszeitlichen Abläufen verbunden, besonders mit Erscheinungen, wie bei anderen frühen Kulturen auch, die sie sich nicht erklären konnten (zum Beispiel Regenbogen). Ihr oberster Gott (auch für den Krieg zuständig, obwohl sie noch einen eigenen Kriegsgott verehrten) war Wodan (nordisch: Odin), nach dem der englische »Wednesday« benannt ist. Nach seiner Gemahlin Freya (nordisch: Frigga) ist unser Freitag bezeichnet. Der bei den Bauern beliebteste der Asen (Göttergeschlecht) war Donar (»Donnerstag« - nordisch: Thor), vor dessen immer wieder in die Hand zurückkehrendem Schleuderhammer selbst die gewaltigen Riesen Angst hatten. Der strahlendste unter allen war der Lichtgott Baldur, der aber durch listige Machenschaften des Bösewichts Loki ums Leben kam und damit die spätere »Götterdämmerung« auslöste: den Kampf der Riesen und Unholde (zum Beispiel Fenriswolf und Midgardschlange), gegen die selbst die Asen zum Teil unterlagen – vielleicht symbolisch das Ende der heidnischen Welt und die mythologische Andeutung einer neuen, christlichen. (Der englische Schriftsteller Tolkien hat in seinem »Herr der Ringe« in wuchtigen Visionen und endzeitlichen Bildern starke Anleihen bei der germanischen Mythologie genommen).

Für diese »Barbaren«, wie sie von den Römern genannt wurden, gibt es zahlreiche Gliederungsversuche. Häufig findet sich die Aufteilung in Ostgermanen, wie zum Beispiel Goten, Vandalen, Burgunder, die aber in der Zeit der Völkerwanderung (vom Hunneneinfall 375 nach Christus bis gegen Ende des 6. Jahrhunderts) im Kampf ums Überleben den Kürzeren zogen. Auch ihr teilweise heldenhaftes Aufbäumen gegen dieses Schicksal (zum Beispiel im Nibelungenlied literarisch gestaltet) konnte nichts daran ändern, dass sie geschichtlich untergegangen sind. Dies wird auch zum Teil darauf zurückgeführt, dass sie von allen Germanen die weitesten Wanderungen zurückgelegt hatten – die Vandalen bis nach Nordafrika – und im Notfall von Hilfe aus der alten Heimat abgeschnitten waren. Die Nordgermanen dagegen, die zu den Skandinaviern wurden, haben ihre Wohnsitze kaum verlassen, allenfalls zum Teil erst später zur Zeit des Frankenreiches (vor allem nach dem Tod Karls des Großen). Als heidnische Wikinger/Normannen, die Odin anriefen, versetzten sie mit ihren schnellen Drachenschiffen das junge christliche Abendland in Angst und Schrecken (Aufnahme in das damalige Vaterunser: »Und bewahre uns vor dem Zorn der Nordmänner. Amen«). Die Nordseegermanen (Friesen, Angeln, Sachsen) machten um die Mitte des 5. Jahrhunderts von sich reden, als sie teilweise den norddeutschen Raum verließen, um ihr Glück auf der britischen Insel zu suchen (»angelsächsisch«). Ihre erfolgreichen Kämpfe gegen die keltischen Einwohner haben diese zur Sage von König Artus mit seinen Rittern der Tafelrunde umgeformt. Zu den Westgermanen (auch als Elb-, Rhein- und Donaugermanen bezeichnet, werden Stämme gezählt, die erst ab dem 3. Jahrhundert durch Aufnahme von bisherigen kleineren Verbänden entstanden sind und zusammen mit den Nordseegermanen die hauptsächliche ethnische Grundlage für das spätere deutsche Volk bildeten. Dazu gehören die Franken, (in die sich zum Beispiel wohl auch die Reste der Cherusker einfügten), die Thüringer und Alamannen, die von jenen besiegt wurden. Den Bajuwaren gelang als letzten der späteren Deutschen eine Stammesbildung, die zwischen die Zeit der ostgotischen Herrschaft in Italien und der fränkischen Machtentfaltung über weite Teile West- und Mitteleuropas fällt. Zu ihr trugen auch Gruppen von Langobarden bei, denen es (568) als einzigen gelang, dauerhaft in Italien Fuß zu fassen und mit der dortigen Bevölkerung zu verschmelzen.

Werner Segerer

Teil 2 und 3 in den Chiemgau-Blättern Nr. 10 und 11/2009

Quellennachweis:
1 H. Heine, Deutschland-Ein Wintermärchen, Caput 11, Zit. nach Heines Werken, Gesamtausgabe, Deutsche Buchgesellschaft, 1965, S. 631
2 Zit. nach E. Nack, Germanien, Wien, 1958, S. 104
3 Nach wikipedia
4 Nach P. Arens, Die Völkerwanderung der Germanen, Berlin, 2002, S. 95
5 Nach »Der Spiegel«, Nr. 44, 1996, S. 203
6 »Stern« von 2.11.06, S. 76
7 J. Udolph, Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin, Nww York, 1994, Zit. nach »Der Spiegel«, Nr. 44, S. 205
8 Nach »Der Spiegel«, Nr. 44, 1996, S. 207



9/2009