Jahrgang 2009 Nummer 37

Hellbrunn, das Wasserschloss der Salzburger Fürstbischöfe

Eine eindrucksvolle Führung durch den Park und das Schloss

Schloss Hellbrunn bei Salzburg

Schloss Hellbrunn bei Salzburg
Römisches Theater

Römisches Theater
Wasserspeiender Fürstentisch

Wasserspeiender Fürstentisch
Heute haben wir uns einen Besuch des Schlosses Hellbrunn bei Salzburg vorgenommen. Vielleicht haben die Leser noch einen Schulausflug in Erinnerung, der mit der Schlossbesichtigung und den Wasserspielen zu einem großen Gaudium geworden ist. In den Grotten des Parks und an der Fürstentafel vor dem römischen Theater sind aus verborgenen Düsen Wasserstrahlen hervorgesprudelt, wobei nicht alle über die nasse Kleidung glücklich waren. Von Traunstein aus ist Hellbrunn über die Salzburger Autobahn bequem zu erreichen. Falls Sie sich für die kurze Strecke in Österreich die Autobahnmaut sparen wollen, fahren Sie nach der BAB-Ausfahrt Bad Reichenhall über Piding auf der wenig befahrenen Landstraße nach Viehausen am Walserfeld, von wo Sie über Ortsstraßen noch vor der Salzach Hellbrunn erreichen.

Nachdem wir am Eingang zum Schloss Hellbrunn die Karte für die Führung erstanden haben, bleibt uns noch ein wenig Zeit, um über die Geschichte von Hellbrunn und seines Bauherrn nachzudenken. Die Fürsterzbischöfe von Salzburg als weltliche und geistliche Herrscher waren ausschließlich dem Kaiser untergeben. Sie herrschten über ein Gebiet, das die Bistümer von Chiemsee, Seccau und Lavant mit einschloss und sich vom Chiemsee bis nach Kärnten und in die Steiermark erstreckte.

Der Bauherr des Schlosses Hellbrunn war Markus Sitticus, der 1574 in eine adelige Familie in Hohenems in Vorarlberg hineingeboren wurde. Von 1612 bis 1619 war er Fürsterzbischof von Salzburg. Sein Onkel und Vorgänger Wolf Dietrich von Raithenau hatte Salzburg mit der baulichen Erweiterung des Domes und dem Bau der Residenz seine bis heute prägende Gestalt gegeben. Für seine Geliebte Salome Alt hatte er das Lustschloss Mirabell bauen lassen. Als er im Salzkrieg gegen den bayerischen Herzog Maximilian unterlag, wurde er abgesetzt und auf der Burg Hochwerfen gefangen genommen, wo er auch seine Erdentage beendete.

Von seinem Onkel hatte Markus Sittikus nicht nur die Schuldenlast des verlorenen Salzkrieges zu übernehmen, er sah sich auch gehalten, die Bauvorhaben seines Vorgängers, vor allem den Salzburger Dom, zu vollenden. So mag er auch das Schloss Mirabell im Auge gehabt und sich mit dem Gedanken getragen haben, ein Lustschloss draußen im wildreichen Forst am Hellbrunner Berg als Sommerresidenz bauen zu lassen. 1613 wurde mit dem Bau begonnen. 1615 war die Anlage im Wesentlichen vollendet. Wenn auch Markus Sittikus der Bauherr des Schlosses war, der seinen Baumeister Santino Solari Ideen und Pläne vorgegeben hatte, so konnte er in seiner siebenjährigen Regierungszeit als Fürsterzbischof nicht alle Pläne verwirklichen und musste vieles seinen Nachfolgern überlassen.

Am Hellbrunner Berg, wo schon 1479 von einem Tiergarten und Quellen berichtet wird, bestand damals ein »Lusthäusl«, das schon von Apian in einer Landschaftkarte eingezeichnet worden war. Wahrscheinlich hat es schon den Vorgängern von Markus Sittikus als Aufenthalt bei der Jagd gedient. Jedenfalls erschien das »Lusthäusl« auch Markus Sittikus als günstiger Standort für den Bau seiner Sommerresidenz. Der Baumeister brach den alten Bau nicht ab, sondern übernahm das Mauerwerk für den Neubau des Schlosses.

Eigentlich steht in Hellbrunn kein Schloss, sondern eine »villa suburbana« nach italienischem Vorbild. Der italienische Adel pflegte außerhalb der Städte in seinen Landvillen das Leben zu genießen. Und Markus Sittikus hatte nicht nur seiner Reisen wegen eine enge Verbindung zu Italien. Weitläufig mit den kunstsinnigen Medicis verwandt und den später heilig gesprochenen Carlo Borromeo als Großonkel, sonnte sich Markus Sittikus im Licht der von Italien beeinflussten Welle einer, die Leichtigkeit und Schönheit des Lebens betonenden, Kunst. Der damals zu Beginn des 17. Jahrhunderts moderne Stil, der Manierismus, kannte noch nicht die schwere Form des Barocks und äußerte sich eher in einer spielerischen, beschwingten Eleganz.

Der die Renaissance ablösende Stil war dieser noch verbunden und suchte in der Sagenwelt der Antike Motive für Kunstobjekte, die wir im Park von Hellbrunn finden werden. Stilistisch nimmt der Manierismus auch dem Barock einiges vorweg, wobei die Vorliebe zum Theater in Hellbrunn besonders hervorzuheben ist. Die Chronik überliefert, dass Markus Sittikus »in Salzburg Faschingsumzüge einführte, bei denen auf Schlitten theatralische Aufbauten mit maskierten Personen als lebende Bilder durch die Stadt gezogen wurden« (Schlossführer Seite 12). So ist auch Hellbrunn als Bühne für ein Schauspiel zu sehen. »Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist und diese Welt die große Bühne und wir darin als Spieler handeln«, lesen wir im Gedicht des Spaniers Gomes Quevedo, eines Zeitgenossen von Markus Sittikus.

So ist auch Hellbrunn die Bühne für ein Theater, das sich uns im legendären Fürstentisch ebenso öffnet wie in den Szenen am Fürstenweg, die in die antike Sagenwelt ebenso Einblick geben wie in den Alltag der Bürger: Der Drache in der Vogelsanggrotte, die »Narren« über dem ovalen Weiher, nicht nur lustige sondern auch angsteinflößende Gestalten, und der Forstteufel mit bärtigem Mannskopf, Hahnenkamm, löwenartigen Vorderfüßen und Hinterfüßen mit Vogelkrallen. Mag sein, dass es sich beim Forstteufel um ein ausgesetztes, verwildertes Kind handelt. Bedeutsam ist der Eindruck, der dieses Wesen zwischen Mensch und Tier hinterlassen und zum Kunstobjekt hochstilisiert hat.

Der Manierismus war eben eine auf das Außergewöhnliche ausgerichtete Kunst. Dass der Fürsterzbischof an außergewöhnlichen Bildern Gefallen gefunden hat, beweist das Bild des Rappens mit acht Beinen im Vestibül des Schlosses. Das Bild seltener Vögel im Vogelzimmer und von Fischen, die ihrer Größe und ihres Aussehens wegen Beachtung fanden, sind im Fischzimmer Ausdruck der besonderen Leidenschaft des Fürstbischofs. Wurden in seinem Bereich besonders absonderliche Tiere gefangen, mussten sie möglichst lebend am Hofe des Fürsterzbischofs abgeliefert werden. (Seite 78). Um 1661 lebte ein weißer Kakadu im Schlosspark.

Wenn das Absonderliche und Skurrile Motivation für die ständig erweiterte und dem Zeitgeschmack angepasste Ausstattung des Schlosses war, so war besonders das Wasser Grundlage des schöpferischen Einfallsreichtums in Hellbrunn. Aus der sich dem Untersberg anschließenden Moorlandschaft ragt wie eine Insel der Hellbrunner Berg hervor. Der Berg war schon in der Steinzeit besiedelt. Gesteinsschichten begünstigten den häufigen Quellausstritt auf der dem Hellbrunner Berg anschließenden Ebene. So lag der Plan nahe, das ungezähmte Quellwasser als lebensspendendes Element in die Architektur von Schloss und Park mit einzubeziehen.

Der Hellbrunner Bach führte dem als »Wasserparterre« bezeichneten Becken das Wasser zu. Der Wechsel von Wasserflächen und mit Bosketten verzierten Inseln ist eine Inszenierung des Barocks und entsprach der Vorstellung von Fürstbischof Anton von Firmian, der bis 1744 das Bistum Salzburg regierte. Das Wasser als gestaltendes Element einer Parklandschaft ist hier bewusst eingesetzt worden. Hellbrunn ist durchaus nicht nur ein Schloss mit einem Park, in dessen Teichen sich die Parklandschaft spiegelt; Hellbrunn lebt vom lebendigen Wasser, das aus tausend, oft verborgenen Düsen hervorsprudelt, überall Figuren zum Leben erweckt und die Gäste am Fürstentisch oder auf ihrem Weg aus den Grotten überrascht.

Springbrunnen und Wasserspiele entsprachen dem Stilempfinden dieser Zeit und waren in vielen italienischen Villen zu finden. So erfahren wir aus dem Führer, dass sich in der Villa Lante in Bagnaia bei Viterbo ein Marmortisch mit einem Kühlbecken in der Mitte befand, der wahrscheinlich als Vorbild für den Fürstentisch in Hellbrunn diente. Ob ihn der Fürsterzbischof selbst gesehen hat oder ob Zeichnungen für den Baumeister Solari als Vorlage dienten, ist dabei unerheblich. Solari war übrigens der Baumeister, dem Markus Sittikus auch die Erweiterung des Domes übertragen hatte.

So haben wir uns zu Beginn der Führung im respektablen Abstand vom Wasser speienden Fürstentisch postiert, um zunächst dem Schlossführer zuzuhören, der uns von der Geschichte des Schlosses und seines Bauherrn erzählt. Danach lässt er Freiwillige auf den Stühlen um den Fürstentisch Platz nehmen. Das Spektakel der rund um den Tisch und aus den Stühlen hervorsprudelnden Fontänen wird von den Betroffenen mit lautem Johlen begleitet. Sie sind nass geworden. Sie lachen und schütteln sich. Die Sonne wird sie bald wieder trocknen.

Was mag sich der Fürsterzbischof gedacht haben, als er die heitere Runde seiner Gäste, die dem Wein schon reichlich zugesprochen hatten, mit einem unerwarteten Wasserguss überraschte? Um Mutmaßungen über die Absichten des Fürsterzbischofs näher zu kommen, wollen wir versuchen, das Wasserspektakel aus dem Geist des beginnenden 17. Jahrhunderts heraus zu verstehen. Da hatte sich der Fürsterzbischof eine höfische Gesellschaft eingeladen, die dies als hohe Ehre betrachtete und dem Schloss des Fürsterzbischofs die gebührende Anerkennung zollte.

Man war bewegt und erstaunt über die Pracht des Schlosses und seines Parks. Im fernen Italien standen Schlösser mit Wasserspielen, von denen man in Erzählungen gehört hatte. Es war ein wahres Wunder, dass in der tristen Waldlandschaft südlich von Salzburg derartige Pracht entstanden war. So begleitete das Wasserspiel am Fürstentisch das vom Erstaunen getragene Gelächter der Gäste. Und der auf seinem trockenen Stuhl sitzende Hausherr genoss den Beifall. Selbst die Gattin des Hofmarschalls, die sich anfänglich über ihr nasses Kleid geärgert hatte, wurde von der allgemein verbreiteten Heiterkeit mitgenommen und verdrängte den Unmut über ihr nasses Kleid.

So waren die Gäste darauf eingestimmt, dass sie auf dem Fürstenweg vom Gastgeber noch mit weiteren Wasserspielen überrascht werden würden. Vielleicht hat der Fürsterzbischof seine Gäste auf dem gleichen Weg begleitet, wie dies der Schlossführer noch heute tut. Natürlich wollen wir den Fürsterzbischof mit seinen Gästen nicht mit dem mit Mikrofon und Lautsprecher ausgestatteten Führer von heute vergleichen. Dem Fürsterzbischof ging es darum, sein Werk zu präsentieren, wofür er auch die Bewunderung seiner Gäste erwarten konnte. Der Fürsterzbischof ist vielleicht am ehesten mit der Rolle eines Schauspieldirektors zu vergleichen, der mit seinen Gästen in den Nischen und Grotten die Figuren betrachtete und dabei an die Metamorphosen des Dichters Ovid erinnerte. Die Sagen von Orpheus und Euridike, vom Flussgott Neptun und von Actäon, der von Diana in einem Hirsch verwandelt hatte, werden da wieder lebendig.

»Vergiss nicht, dass das Leben Schauspiel ist und diese Welt die große Bühne.« Auch wenn Markus Sittikus das Gedicht des zu seiner Zeit lebenden spanischen Dichters nicht kannte; der dem Manierismus unterlegte Hang zum Spielerischen war ihm ein Anliegen. So sind in fünf kleinen Grotten am Fürstenweg neben zwei mythologischen Szenen auch drei Handwerker bei ihrer Arbeit zu betrachten. Im mechanischen Theater werden Figuren von einer mit Wasserkraft betriebenen Mechanik bewegt. Die Szenen und Figuren sind in Grotten hineingestellt, die sich mit künstlichen Gewölben abwechseln. In der Vogelsanggrotte sind die von einer mit Wasser betriebenen Orgel erzeugten Vogelstimmen zu hören. In der Neptungrotte grinst uns das Germaul an. Ein absonderlicher Kopf mit langen Ohren rollt die Augen und steckt uns die Zunge entgegen. Im Schloss ist ein Modell der Wassermechanik des Germauls zu bewundern.

Grotten und Höhlen waren die Lieblingsobjekte des Manierismus. Aus der Strenge der der Antike zugewandten Renaissance und noch nicht an die Schwere des frühen Barocks gebunden, war das spielerisch Leichte und die dem Märchen und der Sage verwandte Form bezeichnend für diesen Stil. In der mit Spiegeln und Muscheln verzierten Grotte konnte man sich verstecken und ungesehen von der Welt allerlei Schabernack treiben, der in der Spiegelgrotte vielfach erheiterte. Hier in der Grotte war man aber auch den Mächten der Unterwelt nahe, für die das Germaul und der Drache in der Vogelsanggrotte stehen.

Vielleicht begegnen wir hier im Dunkel der mystischen Welt auch der Quellgöttin Hel, von der Hellbrunn seinen Namen gehabt haben könnte, wenn auch die Ableitung des Ortes vom »hellen Brunnen« wahrscheinlicher ist. Die Grotte ist auch Symbol für den pränatalen Raum, in dem der Mensch die ursprüngliche Geborgenheit gefunden hat, ehe er den Fährnissen dieser Welt ausgeliefert wurde. Vielleicht mag der Gast, der nach dem Besuch der Dianagrotte von beiderseitigen Wasserstrahlen überrascht wurde, dies so empfunden haben.

Am Ende des Fürstenweges verabschiedet uns der bärtige Flussgott Neptun mit dem Dreizack in der Hand von einer Galerie eindrucksvoller Bilder und Figuren, denen jeweils eine Geschichte zuzuordnen ist. Wir nehmen uns Zeit, die in Stein modellierte Figur etwas näher zu betrachten. Conrad Asper war der Bildhauer, den Markus Sittikus seines hohen künstlerischen Rufes wegen eigens aus Konstanz geholt hat (Seite 101). Danach schließt der Schlossführer das Eisentor auf und entlässt uns in den Schlosspark.

Mit der Eintrittskarte ist auch noch das Schloss zu besichtigen, von dessen Ausstattung einige Besonderheiten bereits erwähnt wurden. Ölbilder von Sonnenblumen und Früchten erinnern daran, dass alltägliche Dinge, die uns heute kaum beachtenswert erscheinen, seinerzeit als künstlerische Besonderheit galten. So hat fast jedes Bild im Schloss seine Geschichte, wie etwa das Bild eines Rentiers, das der schwedische König Karl 1662 dem Erzbischof Thun geschenkt hat. Der Festsaal in der Mitte des Schlosses sah rauschende Feste, denen besonders im Barock des mittleren 17. Jahrhunderts nichts an Glanz und Pracht fehlte. Die farbige Ölmalerei der Scheinarchitektur an Decke und Wänden war der festliche Rahmen. Die gemalten Statuen der römischen Kaiser werden ergänzt durch Allegorien der dem Herrscher eigenen Tugenden. Dass sich der Hausherr immer der Mode der Zeit angepasst hatte, zeigt das chinesische Zimmer, das Erzbischof Colloredo mit Tapeten der chinesischen Mode des 18. Jahrhunderts hat ausstatten lassen.

Nachdenklich steigen wir die breite Treppe zum Park hinunter, wo wir am großen Wasserparterre noch ein wenig verweilen. Aus dem Laubwald am Berghang grüßt das »Monatsschlössl« herunter. Der Legende nach soll es 1615 als Überraschung für den österreichischen Erzherzog Maximilian in nur einem Monat erbaut worden sein. Am Parkplatz hat uns die Neuzeit wieder eingeholt, die wir nun in Staus auf der Autobahn und in der Geschäftigkeit des Alltags erleben. Auch der Fürsterzbischof musste nach glanzvollen Festlichkeiten in Hellbrunn sich wieder seinen weltlichen Geschäften in Salzburg zuwenden. Ebenso wie er, beeindruckt von der Märchenwelt seines Schlosses, den Weg nach Salzburg genommen haben mag, bleibt auch uns die Erinnerung an eine vom Spiel und Träumerei geprägten Welt, die wir nicht so schnell vergessen werden.


Dieter Dörfler

Verwendete Literatur: Wilfried Schaber »Hellbrunn«



37/2009