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Jahrgang 2013 Nummer 6

Helene Sedlmayr wurde vor 200 Jahren geboren

Ludwig I. ließ Trostbergerin für Schönheitsgalerie malen

Helene Sedlmayr auf dem Porträt Stielers, das 1831 entstanden ist.
Ludwigs Hofmaler Karl Josef Stieler auf einer Fotografie aus dem Atelier Hanfstaengl.
Er selbst war keine Schönheit: König Ludwig um 1840, ebenfalls von Stieler porträtiert.
König Ludwig (sitzend) »überwacht« die Sitzungen Helenes im Atelier. Zeichnung von Joseph Flüggen.
Das Grab der »schönen Münchnerin« Helene Sedlmayr auf dem Südfriedhof.

Heute würde sie wahrscheinlich als Covergirl bunter Hochglanzmagazine Karriere machen oder in Hollywood landen. Als Helene Sedlmayr um 1828 nach München kam, lagen moderne Medien noch in ferner Zukunft; wer damals Schönheit festhalten wollte, war auf die Künste eines begabten Malers angewiesen. König Ludwig I. von Bayern (1786 - 1856) hatte in Karl Josef Stieler seinen Meister gefunden und ließ sich von ihm eine Reihe attraktiver Frauen für eine »Schönheitsgalerie« malen, die heute noch in Schloss Nymphenburg zu besichtigen ist. Eines der bekanntesten der 37 Bilder ist dabei das Porträt eines feschen Bürgermädchens: Die dunkelhaarige Schönheit mit den rehbraunen Augen hieß Helene Sedlmayr und kam am 12. Februar 1813 in Trostberg zur Welt. Bis heute gilt sie als Urmutter der »Schönen Münchnerin«, deren Konterfei längst nicht mehr nur in Nymphenburg zu bewundern ist. Egal, ob auf Postkarten, Pralinen oder als Postermotiv: Das Porträt der unschuldig-verträumt blickenden Schustertochter ziert zahllose Devotionalien, die Bayern- Touristen aus nah und fern gerne mit nach Hause nehmen.

König Ludwig war mit seiner Idee der Schönheitsgalerie keineswegs der erste: Die größte Sammlung weiblicher Porträts war fast 100 Jahre zuvor im Auftrag der Zarin Elisabeth I. von Russland entstanden. Sie hatte den Veronesen Rotari beauftragt, für Schloss Peterhof ein Kabinett der »Moden und Grazien« zu schaffen: Der Hofmaler sollte junge Frauen aus allen Teilen des russischen Reichs porträtieren. Rotari malte für die Kaiserin 360 Bilder und noch einmal 50, die Elisabeth der russischen Kunstakademie schenkte. Am bayerischen Hof war es ebenfalls eine Frau, die lange vor Ludwig den Auftrag zu einer Schönheitsgalerie gegeben hatte: Kurfürstin Henriette Adelheid von Savoyen ließ von 1650 bis 1675 durch ihren Münchner Hofmaler Corlando eine Sammlung von 40 Gemälden anfertigen, die vermutlich im alten Schleißheimer Schloss hingen und von der sich heute Teile im Cuvilliés-Theater befinden. Die Bilder zeigen allegorische Szenen, in denen wahrscheinlich Hofdamen der Kurfürstin als Modelle dienten. König Ludwig I. soll durch die Bilder Henriette Adelaides inspiriert worden sein, selbst eine ähnliche Sammlung anzulegen. Allerdings mit einem großen Unterschied: Er hatte nicht die Absicht, die Damen bloß als Bild an der Wand zu bewundern. Ludwig hatte mit Ludwig XVI. nicht nur einen französischen Taufpaten, er lebte auch ganz in der Tradition der französischen Monarchen, die sich öffentlich mit ihren zahlreichen Maitressen brüsteten. Rücksicht auf seine Frau hat er dabei keine genommen. Schon zu Anfang seiner Ehe hatte er Therese klargemacht, dass er nicht gewillt war, viel Zeit mit ihr zu verbringen. Lief ihm eine schöne Frau über den Weg, fand er dann auch schnell eine Gelegenheit zur näheren Bekanntschaft. Ein Projekt wie die Schönheitsgalerie war für intime Treffen ein überaus praktischer Deckmantel: Nach außen hin konnte schließlich niemand daran Anstoß nehmen, wenn der König seinen Hofmaler aufsuchte. Was sich dann im Atelier Stielers wirklich abspielte, blieb der Öffentlichkeit selbstverständlich verborgen. Dass der König Sitzungen von Helene Sedlmayr im Künstleratelier beiwohnte, belegt eine Zeichnung von Joseph Flüggen, die allerdings erst Jahrzehnte nach dem tatsächlichen Ereignis entstanden ist, allerdings ist Ludwigs Anwesenheit während der Sitzungen Helenes tatsächlich belegt. Wie vielen seiner Auserwählten der alternde König seine Gunst aufgedrängt hat, erregt bis heute die Phantasie von Schriftstellern und Historikern.

Zwar muss zu Ludwigs Verteidigung erwähnt werden, dass etliche seiner »Opfer« keine unbescholtenen Blätter waren und es durchaus wohl auch von ihrer Seite auf eine intime Affäre mit dem König auslegten. Doch in den Erläuterungen zu Ludwigs Eroberungen bleibt meist völlig unberücksichtigt, dass einige der Frauen, mit denen ihm ein Techtelmechtel nachgesagt wird, vielleicht liebend gern auf die königliche Leidenschaft verzichtet hätten. Nur von einer Dame ist bekannt, dass sie sich gegen Ludwigs Avancen zur Wehr setzte: Maximiliane Borzaga traute sich, den König einfach aus dem Atelier zu werfen, wobei sie ihm sogar eine Watschen gegeben haben soll. Wenn über Abfuhren durch andere Damen nichts bekannt ist, sollte dies jedoch nicht automatisch mit Einverständnis zu intimeren Begegnungen gleichgesetzt werden. Man braucht sich das nur im Fall von Helene vor Augen zu führen: Ein 17-Jähriges Mädchen vom Land ist in München als Dienstbotin in einem Spielwarenladen beschäftigt. Zu den Kunden ihrer Herrschaft, dem Ehepaar Auracher, zählt auch ihre Majestät, Königin Therese. Wenn die Gattin Ludwigs I. im Geschäft in der Brienner Straße Spielsachen einkauft, trägt sie die natürlich nicht selbst nach Hause. Die erworbenen Waren werden erst fein eingepackt und dann per Bote in die nur einen Steinwurf entfernte Residenz gebracht. Das ist eine der Aufgaben von Helene als »Ausgehmädel«, die bei einem dieser Botengänge schließlich dem König über den Weg läuft. Schon im Vergleich zu ihrer Herrschaft besteht damals ein großer Klassenunterschied: Sie, die Schustertochter aus Trostberg und auf der anderen Seite der bürgerliche Geschäftsmann mit Laden in Münchens bester Lage. Wie viel größer ist da der Standesunterschied zum Herrscher höchstpersönlich? Wir wissen nicht, wie Helene bei ihrem Zusammentreffen mit Ludwig reagiert hat. Hat sie den König gleich erkannt? War sie starr vor Schreck oder versank sie automatisch in den üblichen tiefen Knicks, den man Herrschaften gegenüber zu erweisen hat? Vielleicht war auch der König im ersten Moment sprachlos über das reizende Wesen, das ihm der Zufall präsentierte. Gefackelt hat er sicher nicht lange. Seit drei Jahren lässt Ludwig beim Zeitpunkt der Begegnung schon schöne Frauen malen. Die Jagd nach amourösen Abenteuern betreibt er zwar schon wesentlich länger, aber auch davon hat er noch lange nicht genug. Als ihm Helene Sedlmayr begegnet, ist der König u.a. seit zehn Jahren mit der italienischen Marchesa Florenzi verbandelt, die einen Sohn von ihm hat und ebenfalls von Stieler porträtiert wurde. Zwar behauptet Ludwigs Nachfahre Prinz Adalbert, dass es sich bei den Modell sitzenden Frauen nicht um »intime Beziehungen« des Königs gehandelt habe, – mit Ausnahme von Lola Montez –, wie der Prinz immerhin einschränkt, aber das erscheint wenig glaubhaft bei der Biographie so mancher der Damen, da nicht nur Lola Montez den Ruf einer männermordenden Hyäne hatte. Im Fall von Helene Sedlmayr wird die Geschichte kolportiert, dass der König ihre Bekanntschaft sehr wohl zu einer intimen Beziehung ausbaute, da er die junge Frau nach einiger Zeit mit einem seiner Kammerdiener verheiratete. Dass Helene damals vom König schwanger und der Lakai dazu verdonnert worden war, eine »anständige« Frau aus ihr zu machen, wird als Hintergrund für die Verbindung vermutet, tatsächliche Beweise gibt es dafür aber nicht. Ludwig rühmt sich zwar, Unschuld als höchstes Gut zu erachten und über Helene schreibt er, er verspreche ihr 1000 Gulden, wenn sie »unschuldig wie jetzt« vor den Traualter trete. Aber es gehört auch zum literarischen Stil der damaligen Zeit, sich offiziell der Schwärmerei für Ideale und Tugenden hinzugeben, um dann im Alltag weit weniger moralisch zu leben. Und für einen König gelten die üblichen Grenzen sowieso nicht. Gut möglich, dass der König überzeugt war, dass eine Frau, die sich ihm erstmals hingibt, anschließend weit weniger »beschmutzt« ist, als dies bei einem »gewöhnlichen« Mann der Fall wäre. Für die Aufnahme in die Schönheitsgalerie sind Ludwigs moralische Maßstäbe auf jeden Fall nicht besonders hoch angesiedelt: Im gleichen Jahr, in dem Helenes Porträt entsteht, lässt der König eine der skandalträchtigsten Frauen der damaligen Zeit malen und stürzt sich außerdem in eine Affäre mit ihr: Lady Jane Ellenborough, die mit 15 Jahren den 71-Jährigen Earl of Ellenborough geheiratet hatte, um mit 21 Jahren ihren Mann und England zu verlassen. In Paris hat sie eine Affäre mit dem österreichischen Gesandten Fürst Felix Schwarzenberg, bekommt zwei Kinder, verlässt ihn, nachdem er sie nicht heiraten will, und zieht weiter nach München. Hier heiratet sie einen Adeligen und bekommt wiederum zwei Kinder, bei denen der König als möglicher Erzeuger gehandelt wird. Als Jane Jahre später, inzwischen mit einem Griechen verheiratet, mit diesem in sein Heimatland geht, hat sie dort auch noch eine Affäre mit Ludwigs Sohn Otto, dem König von Griechenland. So viel zu Ludwigs moralischen Prinzipien in Theorie und Praxis und zurück zur »schönen Münchnerin«.

Ihr Porträt ist Ende 1830 bzw. Anfang 1831 entstanden, da als Datum der Bezahlung Stielers der Februar 1831 genannt ist. Die Kleidung, die Helene auf dem Bild trägt, hat der König selbst ausgesucht: »… der ich eine schöne, silberne Riegelhaube, silberne Ketten für das Mieder, ein Halstuch, Kleid gegeben…«, vermerkt er am 13. Dezember 1830. Über das Porträt schwärmt der König: »Bist nicht gemalt! Du bist es selbst, Du lebst! Die Augen, liebeschwimmend sehen mich an!« Wann sich des Königs Schwärmerei für das junge Mädchen wieder abkühlt, ist nicht bekannt. Als Heiratsdatum Helenes mit dem Kammerdiener Hermes Miller werden sowohl 1832 als auch 1834 genannt, wahrscheinlicher ist das spätere Datum. Helene bekommt neun Söhne und eine Tochter, bei einigen der Kinder sind entweder der König oder die Königin Taufpaten, außerdem noch Herzog Max, der Vater der späteren Kaiserin Sissi.

In einigen Aufsätzen neueren Datums wird behauptet, Miller sei als »Dank«, dass er Helene heiratet, vom Hoflakai zum »Hofmarschall« befördert worden, aber das entbehrt jeglicher Logik. Weder ist in zeitgenössischen Auflistungen der Hofbediensteten ein Hofmarschall Miller zu finden, noch gibt es für diesen Aufstieg nachvollziehbare Gründe. Der Hofmarschall war so etwas wie ein Geschäftsführer bei Hof, dem die Wirtschaftseinrichtungen und damit auch deren Finanzangelegenheiten unterstanden. Besetzt waren diese Stellen in der Regel von Mitgliedern alter Adelsfamilien.

Ein Lakai, und selbst wenn er dem König höchstpersönlich aufwartete, war dagegen ein einfacher Bediensteter, der es nach etlichen Jahren vielleicht zum Oberlakai bringen konnte, niemals hätte er aber ein Amt erhalten, das Standespersonen vorbehalten war. Dass er auch nach der Heirat mit Helene weiter Lakai war, beweist der Eintrag im Münchner Adressbuch von 1850. Dort ist ein Hermes Müller – nicht Miller – aufgeführt, von Beruf Hoflakai, wohnhaft Löwenstraße 23. Über Helenes Zeit als Ehefrau ist nichts weiter bekannt. Ihr Mann stirbt 1871 mit 67 Jahren. Helene erreicht ein stolzes Alter von 85 Jahren, sie stirbt 1898 und wird auf dem Münchner Südfriedhof beerdigt, wo ihr Grab noch heute zu besichtigen ist. Auf ihrem Grabstein steht: »Das Jugendbildnis der Helene Sedlmayr gab König Ludwig I. bei seinem Hofmaler Karl Stieler für die Schönheitengalerie in Auftrag.«


Susanne Mittermaier

 

6/2013