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Jahrgang 2016 Nummer 41

Heilige Thais, Büßerin

Aus dem Buch: »Illustrierte Heiligen-Legende für Schule und Haus«, erschienen im Jahre 1890

Thais wurde um 350 in Ägypten geboren. Die Eltern waren Christen. Der Vater starb zu früh. Die Mutter war eitel, arbeitsscheu und leichtsinnig. Thais hatte geistige und leibliche Vorzüge. Sie gab sich dem Lasterleben hin und verführte viele. Der heilige Einsiedlerabt Paphnutius fühlte sich von Gott angetrieben, die Sünderin zu bekehren. Nach vielem Gebete suchte er sie in ihrem Hause auf und redete so eindringlich in ihr Gewissen, dass sie voll Schmerz und Beschämung sich zu dessen Füßen niederwarf und unter einem Strome von Tränen rief: »Ich will Buße tun; lege mir auf, was du willst. Nur gestatte mir drei Stunden Zeit, um meine Sachen zu ordnen; dann will ich gehen, wohin du willst, und tun, was du willst«. Während dieser Zeit ließ die allbekannte Sünderin zum Beweise für ihre aufrichtige Reue und Bekehrung alles, was sie durch ihr schändliches Leben an Geld, Schmucksachen, Kleidern und Einrichtung erworben hatte, auf einen öffentlichen Platz bringen und zündete den großen Haufen an, wobei sie ihre ehemaligen Sündengenossen aufforderte, ihr in der Buße nachzufolgen. Dann führte sie der heilige Paphnutius in ein Frauenkloster, wo er sie in eine kleine Zelle einschloss und die Türe versiegelte mit dem Befehle, die Türe nicht zu öffnen, bis er wieder kommen würde. Brot und Wasser würde sie täglich von einer Jungfrau durch das Fenster erhalten. Gar oft betete nun die fromme Büßerin: »Der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner!« Nach drei Jahren strengster Buße wurde dem heiligen Paphnutius geoffenbart, dass Gott ihr volle Verzeihung gewährt hätte. Sohin eilte er nach dem Kloster, öffnete die Zelle und führte die heilige Büßerin zu den Klosterfrauen. Thais lebte aber nur mehr 14 Tage und starb selig im Herrn. Ihr Verehrungstag ist der 8. Oktober.

Lehre. Niemand darf verzweifeln, mögen die Sünden auch noch so groß und zahlreich sein. Aber die Bekehrung muss gründlich vor sich gehen. Denn nach dem Ausspruche des heiligen Gregor von Nagianz ist die Buße die Besserung und Erneuerung der Seele.

Gebet. O Gott der Erbarmungen: verleihe durch die Fürbitte deiner heiligen Büßerin Thais allen Sündern und Sünderinnen Einsicht und Gnade, dass sie ihr schlimmes Leben erkennen und durch wahre Reue und Buße ihre Seelen retten. Amen.


Die Texte unserer »Heiligen-Legende« stammen alle (wie im Titel angegeben) aus dem Jahr 1890 und geben die Ansichten der damaligen Zeit wieder. Oftmals wurden damals Beschuldigungen gegen Juden oder andere Glaubensgruppen erhoben, die nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis nicht haltbar sind. Wir möchten daher klar stellen, dass die Texte unter diesen Gegebenheiten zu sehen sind und weisen darauf hin, dass mit der Veröffentlichung dieser Originaltexte keineswegs volksverhetzende Propaganda unsererseits betrieben werden soll.

 

41/2016