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Jahrgang 2016 Nummer 28

Heilige Anatolia, Jungfrau und Martyrin

Aus dem Buch: »Illustrierte Heiligen-Legende für Schule und Haus«, erschienen im Jahre 1890

Anatolia war eine Jungfrau zu Thora in Italien, machte viele wunderbar gesund und bekehrte hiedurch nicht wenige zum heiligen Glauben. Sie wurde deshalb vom heidnischen Oberpriester beim Kaiser Decius angeklagt. Dieser befahl, sie dem Richter Faustinian vorzuführen. Da sie sich weigerte, den Göttern zu opfern, so wurde sie gefoltert und an den Seiten mit brennenden Fackeln gepeinigt; aber sie lobte Gott und sang heilige Lieder mitten in den Qualen. Die Heilige wurde dann ins Gefängnis gebracht. Der Zauberer und Schlangenbeschwörer Audax musste während der Nacht eine wütende Schlange dorthin bringen, durch welche die »widerspenstige « Christin das Leben verlieren sollte. Als er am Morgen im Kerker nachsah, wand sich das Ungetüm um seinen Leib und hätte ihn erwürgt, wenn nicht Anatolia, die unversehrt geblieben war, der Schlange befohlen hätte, sich in einen Winkel des Gefängnisses zurückzuziehen. Dieses Wunder öffnete dem Zauberer die Augen; er bekannte sich zu dem Einen, wahren, allmächtigen Gott und bat die Heldenjungfrau um die heilige Taufe. Der gefühllose Richter ließ auf die Kunde hievon den Audax enthaupten und durchbohrte die heilige Martyrin, welche gerade mit ausgespannten Armen betete, mit seinem eigenen Schwerte den 9. Juli 250.

Lehre. Alle Leiden sind Folgen der Sünde und Strafen für dieselbe; jedoch auch Mittel, um den Himmel sich zu erwerben. Die heilige Anatolia pries Gott in ihren Peinen. O Christ! murre in Leiden nicht gegen Gott, noch weniger mache ihm Vorwürfe darüber. Nimm alles an aus seiner Vaterhand – es ist zu deinem Heile.

Gebet. O Gott, der du deine heilige Jungfrau und Martyrin Anatolia vor den Bissen der wütenden Schlange gnädig beschützt hast: verleihe durch deren Fürbitte, dass wir uns vor der Einwilligung in die Versuchungen der höllischen Schlange sorgfältig hüten und auch im letzten Kampfe den Sieg über dieselbe erringen mögen. Amen.


Die Texte unserer »Heiligen-Legende« stammen alle (wie im Titel angegeben) aus dem Jahr 1890 und geben die Ansichten der damaligen Zeit wieder. Oftmals wurden damals Beschuldigungen gegen Juden oder andere Glaubensgruppen erhoben, die nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis nicht haltbar sind. Wir möchten daher klar stellen, dass die Texte unter diesen Gegebenheiten zu sehen sind und weisen darauf hin, dass mit der Veröffentlichung dieser Originaltexte keineswegs volksverhetzende Propaganda unsererseits betrieben werden soll.

 

28/2016