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Jahrgang 2010 Nummer 26

Heilig-Blut-Wallfahrten in Bayern

Das Wallfahren gehört schon seit Jahrhunderten zur bayerischen Lebensart

Das Fresko am Chorbogen, in der Wallfahrtskirche Bettbrunn, zeigt die Aufhebung der geweihten Hostie durch den herbeigerufenen R

Das Fresko am Chorbogen, in der Wallfahrtskirche Bettbrunn, zeigt die Aufhebung der geweihten Hostie durch den herbeigerufenen Regensburger Bischof. (Aus: »Wallfahrten in Bayern« )
In seiner berühmten Beschreibung des bayerischen Volkes und seiner Lebensart machte der bekannte Historiker und Humanist Johannes Thurmair, der sich nach seiner Vaterstadt Abensberg »Aventinus« nannte, auch die Feststellung: »Das bairische Volk ist geistlich, schlecht und gerecht, läuft gern Kirchfahrten, hat auch viele Kirchfahrten.« Diese Charakterisierung aus dem Jahre 1533 ist ein historischer Beleg dafür, dass das Wallfahren schon seit Jahrhunderten zur bayerischen Lebensart gehört und Ausdruck einer tief im Volk verwurzelten Frömmigkeit ist.

Ein Blick auf die bayerische Wallfahrtslandschaft zeigt uns, dass in den meisten Gnadenstätten (über 400) Maria, die Muttergottes, verehrt wird. Diese haben ihren Ursprung meist in der Zeit der Gegenreformation und des 18. Jahrhunderts. Den zweiten Rang im Reigen der Wallfahrten nehmen Christuswallfahrten ein, gefolgt von Wallfahrten zu Heiligen wie St. Georg, Leonhard oder Vierzehn Nothelfer.

Die Verehrung des Heiligen Blutes

Die Wallfahrtsfrömmigkeit ist eine Sonderform des religiösen Kultes und wie dieser beeinflusst von liturgischen Strömungen der Kirchengeschichte. Ein markantes Beispiel hierfür sind die Kreuzzüge. So kam es im 11. Jahrhundert, zu einer enormen Zunahme der Verehrung des hl. Kreuzes, waren doch die Kreuzritter in der Absicht ins Heilige Land aufgebrochen, das Kreuz Christi den Händen der Moslems zu entreißen. Von Bernhard von Clairvaux sind uns leidenschaftliche Predigten zur Verehrung des hl. Kreuzes überliefert.

In ihrer Begeisterung wollten die Kreuzfahrer einen, wenn auch kleinen Anteil am Kreuz Christi haben. Und so brachten sie neben anderen Reliquien auch vermeintliche Kreuzpartikel aus dem Heiligen Land mit, die den Grundstein für Kreuzwallfahrten legten, z. B. in Scheyern oder Bergen (bei Neuburg a. d. Donau).

Aus der gläubigen Hinwendung zum Kreuzestod Christi kam es auch zur Verehrung des Hl. Blutes, die wiederum zum Entstehen eines eindrucksvollen Kultes in ganz Europa führte. Im mittelalterlichen Verständnis bedeutete das Hl. Blut die Verehrung des »Fronleichnams«, des Leibes von Christus. Dies dokumentierte 1264 auch die Aufnahme dieses Festes in den liturgischen Kalender, das an das Geheimnis der Erlösung der Menschheit durch das Blut Christi erinnern sollte.

Zu einem Zentrum der Heilig-Blut-Verehrung wurden in Belgien Brügge sowie in Deutschland Walldürn und Weingarten, wo noch heute alljährlich der bekannte Heilig-Blut-Ritt stattfindet. Die Begeisterung für das Blut Christi führte an vielen Orten zu überregionalen Wallfahrten, die in der Mehrzahl in der Reformationszeit und Säkularisation abgeschafft wurden. Trotzdem haben einige Heilig-Blut-Wallfahrten die Stürme der Zeit überstanden und erfreuen sich heute zunehmender Beliebtheit.

Auf sehr fruchtbaren Boden fiel die Heilig-Blut-Verehrung auch in Bayern, was im folgenden exemplarisch an einzelnen Gnadenorten aufgezeigt werden soll.

Die blutenden Hostien von Andechs

Eine der größten Wallfahrtsstätten in Bayern ist der Heilige Berg von Andechs. 760 m über dem Meer und 177 über dem Ostufer des Ammersees gelegen, grüßt die Wallfahrtsbasilika weit ins Alpenvorland und in den Pfaffenwinkel hinein. Wenn heute auch die Marienverehrung im Vordergrund steht und der Doppelaltar mit dem spätgotischen Marienbild der thronenden Muttergottes und darüber der Figur einer Maria Immaculata das Zentrum der Kloster- und Wallfahrtskirche bildet, so steht am Anfang der langen religiösen Tradition auf dem Wallfahrtsberg doch die Verehrung von Drei Heiligen Hostien, die bis heute in der kostbaren Dreihostienmonstranz in der Heiligen Kapelle aufbewahrt werden. Das Deckengemälde über dem Chor erzählt von der Verehrung der drei Hostien durch den »Andechser Heiligenhimmel«, ein Fresko von Johann Baptist Zimmermann. Die Verehrer sind die Heiligen und Seligen aus dem Andechser Grafengeschlecht. Am bekanntesten sind die hl. Elisabeth von Thüringen und ihre Tante, die hl. Hedwig von Schlesien.

Die Verehrung der drei Hostien auf dem »Heiligen Berg von Andechs« geht zurück auf den hl. Papst Gregor, der eine der drei Hostien bei seiner berühmten Messe konsekriert haben soll. Eine zweite Hostie soll auch von Gregor sein. Diese beiden Hostien sollen nach der Legende ein blutiges Kreuz gezeigt haben. Die dritte Hostie hat ein Christusmonogramm.

Die Erinnerung an die hl. Hostien blieb auch nach der Zerstörung der Burg Andechs im 13. Jahrhundert lebendig. Als man sie 1388 wiederentdeckte, brachte man sie zunächst in die herzogliche Hofkapelle nach München und schließlich in die nicht zerstörte Burgkapelle von Andechs, wo um 1420 eine gotische Hallenkirche entstand, die im Kern in der heutigen Wallfahrtskirche weiter besteht.

In der Heiligen Kapelle befinden sich bis heute die drei Hostien zusammen mit einer vierten Hostie, die immer wieder durch eine neue ersetzt wird.

In Andechs wird alljährlich vier Wochen nach Pfingsten das »Dreihostienfest« gefeiert. Bei großen Wallfahrtsfesten wird die Dreihostienmonstranz aus der Heiligen Kapelle zum oberen Hochaltar getragen. Die Verehrung der Dreihostienmonstranz ist auch in einem Deckenfresko der Wallfahrtskirche festgehalten. Der traditionelle Kult um die hl. drei Hostien ist trotz der im 15. Jahrhundert aufkommenden, populären Marienverehrung bis heute in Andechs lebendig.

Hostienfrevel in Erding und Bettbrunn

Aus der gläubigen Verehrung des hl. Blutes und Altarsakramentes, verkörpert in der geweihten Hostie, errichtete man im Mittelalter und in der Barockzeit überall dort, wo Hostien gefunden und erhoben wurden, Kapellen und Kirchen. Als größte Schuld wurde die Missachtung der Hostien oder gar ein Frevel angesehen. Einen Weg, um Verfehlungen zu sühnen, sah man nach dem 13. Jahrhundert in Heilig-Blut-Wallfahrten, die an vielen Orten entstanden, im alten Bistum Freising z. B. in Landshut-Berg, Elbach bei Fischbachau, Einsbach bei Odelzhausen und auch in Erding.

Nach der Legende liegt der Ursprung der Erdinger Wallfahrt im Jahr 1417. Damals gingen zwei Bauern aus Klettham am Gründonnerstag in die Altenerdinger Peterspfarrkirche zur Kommunion. Auf dem gemeinsamen Heimweg vertraute der eine dem anderen an, dass er früher eine Hostie mit nach Hause genommen und sie in einer Truhe aufbewahrt habe. Dadurch ließ sich auch der andere der beiden Kirchgänger verleiten, ebenfalls nach der Kommunion eine Hostie nach Hause zu tragen.

Doch mitten auf dem Weg »ist ihme die Hostia aus seinen Mundt entwichen und sichtiglich ob disen orth in der Höhe geschwebt, sich bald nider zur Erden gelassen und unsichtbar worden, da nun solches Mirakel ruchbar und ainem Ersamen Rath zu Erting referiert worden, ist man zur Stundt dan mit der gantzen Clerisei Procession und Lobgesängen aus der Statt alhero kommen.«

Da es weder den Geistlichen noch dem Freisinger Bischof mit seinem Domkapitel gelang, die Hostie zu »erheben«, und sie im Erdreich verschwand, musste die Verfehlung gesühnt werden durch die Aufstellung eines Bildes des gemarterten Heilands. Von der Erde, wo die Hostie verschwand, nahmen die Gläubigen in großer Ehrfurcht etwas zur Heilung von Mensch und Tier mit nach Hause. Die Bedeutung des hl. Ortes wurde noch durch eine Quelle unterstrichen, die neben der bald darauf errichteten Kapelle sprudelte und aus der sie schöpfen konnten, auch zum Mitnehmen.

Für die junge Wallfahrt, die nach dem Hostienfrevel entstand, bürgerte sich schon bald (wie in Bettbrunn) der Name Salvator ein. Im Zeitalter der Gegenreformation erlebte die Erdinger Wallfahrt einen großen Aufschwung, gefördert auch durch eine »Bruderschaft zur Todesangst Christi am Kreuze«. 1677 konnte an der Stelle der alten gotischen Kirche eine neue Wallfahrtskirche eingeweiht werden, die durch ihren barocken Glanz besticht. Die Deckenfresken zeigen einen Lobpreis auf das Allerheiligste Altarssakrament. Das heutige Gnadenbild ist eine Holzplastik des Schmerzensmannes, aus dessen fünf Wunden das Blut in eine Schale fließt.

Durch Aufklärung und Säkularisation kam das rege Wallfahrtsleben zum Erliegen. Seit 1885 betreute wieder ein Priester die Wallfahrer. Heute ist Heilig-Blut wieder eine beliebte Wallfahrt im Erdinger Land.

Nicht unähnlich der Entstehungsge-schichte von Heilig-Blut in Erding ist der Ursprung der Wallfahrt von Bettbrunn im Köschinger Forst. Sie ist die älteste bayerische Hostienwallfahrt. Nach einer Legende brachte im Jahre 1125 ein Viehhirte nach der Osterkommunion in der Pfarrkirche Oberdolling eine hl. Hostie in seinen Heimatort Bettbrunn. Er tat dies in dem damals verbreiteten Glauben, dass man nicht blind werde, wenn man die Hostie jeden Tag anschaue.

Um den Leib des Herrn auch auf der Weide verehren zu können, höhlte er seinen Hirtenstab in der Mitte etwas aus und legte in die Mulde die Hostie hinein. Als ihm einmal das Vieh nicht folgen wollte, warf er ihm im Zorn den Stecken mit der Hostie nach. Da war er bestürzt über seine Tat und wollte das hl. Brot wieder aufheben, doch der Wind hatte die Hostie auf ein Felsstück geweht, wo sie liegen blieb. Da es weder dem Hirten noch dem herbei gerufenen Ortspfarrer gelang, die Hostie zu fassen, wurde der Hostienfrevel dem Bischof von Regensburg gemeldet. Er konnte die Hostie erst nach dem Gelübde erheben, eine Sühnekapelle zu errichten. Diese Kapelle, die der Ursprung der heutigen Wallfahrtskirche war, verbrannte 1329 und mit ihr auch die Hostie von 1125. Einzig das hölzerne Christusbild, der hl. Salvator (Erlöser), blieb erhalten und wurde fortan zum Ziel einer Wallfahrt.

Nach dem Brand von 1329 wurde sogleich eine neue Wallfahrtskirche gebaut. Seit 1378 ist »Betbrunn«, wie man den Ort früher nannte, als Gnadenstätte urkundlich bezeugt. Augustinereremiten von Ingolstadt wurden mit der Wallfahrtsseelsorge beauftragt. Sie hielten auch die zahllosen Guttaten in sechs Mirakelbüchern fest. Nahezu 13000 Gebetserhörungen notierten sie, darunter auch viele Eintragungen, nach denen Menschen vom »Unglauben« (d. h. vom Protestantismus) befreit wurden.

Durch die vielen Opfergaben wurde auch der Bau einer neuen Kirche möglich, das Werk des Münchner Hofbaumeisters Leonhard Matthäus Grießl aus dem Jahre 1774. Das große Deckenfresko des bayerischen Hofmalers Christian Winck aus Augsburg zeigt Szenen aus der Wallfahrtsgeschichte. Im gotischen Chor erhebt sich der Hochaltar mit dem Gnaden-bild. Wie groß die Anziehungskraft von Bettbrunn im 18. Jahrhundert gewesen ist, zeigen uns noch heute viele prächtige Votivkerzen, die zu beiden Seiten des Chors aneinander gereiht sind.

Obwohl das heutige Wallfahrtsleben bei Weitem nicht mit dem der Barockzeit vergleichbar ist, konnte sich Bettbrunn bis in unsere Tage eine beachtliche Anziehungskraft erhalten.

Der blutende Heiland in der Wies

Standen im Mittelalter das Mysterium des Altarssakramentes und die hl. Hostie im Mittelpunkt, so kehrte man im Barock wieder zur reinen Heiligblut-Verehrung zurück, eine Entwicklung, die schon im 16. Jahrhundert begann und z.B. Dürer zu seiner bekannten Schmerzensmann-Darstellung anregte. Die Gläubigen vertieften sich nun besonders in den aus vielen Wunden blutenden Heiland, was im gegeißelten Heiland in der Wies zu einer bedeutenden überregionalen Wallfahrt führte.

Die Anfänge der Wies-Wallfahrt sind historisch genau zu fixieren. Man schrieb das Jahr 1730, als der Abt des Prämonstratenserklosters Steingaden Hyazinth Gassner, wie auch an vielen anderen Orten üblich, in seiner Hofmark eine Karfreitagsprozession durchführte. Dabei wurde von 1732 bis 1734 auch eine Figur des gegeißelten Heilands mitgeführt, die man unter altem Gerümpel beim Klosterwirt entdeckte und neu anstrich. Da sie recht erbärmlich aussah, trug man sie nur zweimal in der Prozession mit und gab sie dann der frommen Wiesbäuerin Maria Lori zur persönlichen Verehrung. Da geschah es: Am 14. Juni 1738 bemerkte sie »einige Tropfen in dem Angesicht der Bildnuß, welche sie vor Zäher (Tränen) haltete.«

Als diese Erscheinung bekannt wurde, kam es bald zu Gebetserhörungen, die dem Steingadener Abt gemeldet wurden. Nur zögernd genehmigte daraufhin der Abt den Bau einer kleinen Feldkapelle, die bald von vielen Betern aufgesucht wurde. In kürzester Zeit sprach sich die Kunde von der wundertätigen Figur des Wiesheilands herum, sogar in Ungarn, Böhmen, Polen und Frankreich.

Da man dem Wallfahrerstrom nicht mehr gewachsen war, entschloss sich der Steingadener Abt, wenn auch zögerlich, zum Bau einer großen Kirche. Als Baumeister verpflichtete man den Wessobrunner Dominikus Zimmermann. Nach nur siebenjähriger Bauzeit konnte bereits 1753 die erste hl. Messe gefeiert werden. Der Mittelpunkt des herrlichen Gotteshauses wurde die erbärmliche, künstlerisch bedeutungslose Figur des gegeißelten Heilands, die in der Steingadener Karfreitagsprozession mitgetragen wurde.

Nach der Fertigstellung der Kirche kam es zu einem enormen Zulauf von Pilgern aus ganz Europa. Die kleine, unbekannte Wies vor den Trauchbergen war zu einem der größten Wallfahrtsorte geworden. In der Folge entstanden an vielen Orten über hundert Kirchen, Kapellen und Altäre als Sekundärwallfahrten zum gegeißelten Wiesheiland. Vom Original des Gnadenbildes wurden über 1500 Kopien angefertigt.

In der Säkularisation von 1803 war das Verständnis für die einstige Wallfahrtsfreudigkeit verloren gegangen. Es war die erklärte Absicht der staatlichen Behörden, das Meisterwerk von Dominikus Zimmermann abzureißen, das beherzte Bauern aus der Umgebung gerade noch verhindern konnten.
Trotz aller Widrigkeiten kam in den folgenden Jahrzehnten die Wallfahrt zum gegeißelten Heiland in der Wies nie ganz zum Erliegen und erlebte schon bald eine neue Blüte. Und auch in unseren Tagen besuchen nicht nur Kunstinteressierte und oberflächliche Touristen das Weltkunstwerk der Wallfahrtskirche, sondern auch viele Beter und Pilgergruppen, die wie ihre Vorfahren zum Wiesheiland ihre Sorgen und Bitten tragen. Die Wallfahrt zum Wiesheiland lebt auch in unserer Zeit.

Dr. Albert Bichler



26/2010