Jahrgang 2010 Nummer 1

Heilig Dreikönig

Das »Ausräuchern« der Frau Percht und anderer böser Geister

Das Haus von Elisabeth Maders Großeltern

Das Haus von Elisabeth Maders Großeltern
Das Bauernjahr verlief früher in Einklang mit dem Kirchenjahr, der Dreikönigstag war der erste Tag im Kirchenjahr und zugleich auch ein Lostag. Der Abend vor dem Dreikönigstag war besonders wichtig, denn es war der letzte der zwölf Rauhnächte. Die bösen Geister hatten zum letzten Mal im Jahr Gewalt über Haus und Hof.

Deshalb hatte das Ausräuchern an diesem Abend von den drei Abenden, an denen geräuchert wurde, die größte Bedeutung, denn es galt, den ganzen bösen Geistern für das neue Jahr die Macht über Mensch und Vieh zu nehmen. An diesem Abend ging niemand fort, außer zur Kirche, und jeder war darauf bedacht, schnell wieder daheim zu sein.

Am Dreikönigstag wurde und wird auch noch in unserer Zeit das »Dreikiniwasser« in der Kirche geweiht. Diesem sagte man eine große Kraft nach und es wurde das ganze Jahr über wohl gehütet, damit es bis zur nächsten Weihe ausgereicht hat.

Auf Neujahr um an Hahnaschritt
Auf Dreikini um an Mannaschritt
Auf Sebastiani um an Hirschnsprung
Auf Liachtmess um a ganze Stund.

Diesen Spruch hat meine Großmutter in den Tagen zwischen Dreikönig und Lichtmess immer wieder sagen müssen, dazu hat sie jedes Mal gemeint: »Is guat, dass’s Licht scho wieder a’ bissl zuanimmt, es ist zwar net vui, aber ma’ spürt’n doch scho’ den Tag, in da Fruah bei der Stallarbat und auf d’ Nacht.« Dabei hat sie meistens ein paar Scheitl in den großen Küchenofen geschoben. Ich habe ihr immer genau zugeschaut und erzählte ihr, dass ich auf d’Nacht mit den Tanten im Stall draußen recht gerne ganz hinten bei den kleinen Kälbchen bin, wo es so schön finster war. Es ist halt so heimelig gewesen, drinnen im warmen Stall.

Wenn dann am Abend vor dem Dreikönigstag endlich mein Großvater sagte, dass es nun Zeit zum »Ausräuchern« sei und die Großmutter mit dem großen, gusseiseren Bügeleisen in die Kuchl gekommen ist, da war meine Aufregung jedes Jahr groß und ich wich nicht mehr von Großvaters Seite. Die Großmutter schüttete von der großen Schür vorsichtig einige Klumpen Glut in das Bügeleisen und legte darauf ein paar Weihrauchkörndl. Der Großvater hat das Bügeleisen mit dem breiten Holzgriff ein bissl hin- und her geschwungen, damit’s auch gut zum Rauchen angefangen hat. Indessen hatte meine Tante Thea schon die Stalllaterne angezündet, denn es war ja schon stockfinster. Die Großmutter drückte mir das Haferl mit dem Weihwasser in die Hand, mit einem Büscherl dazu, zum Spritzen. Ich war ganz aufgeregt und andächtig, weil ich so eine wichtige Aufgabe bekommen hatte. So sind wir zusammen hinaus zum Ausräuchern, vom Hausgang hinein in den Rossstall, voran Thea mit der Laterne, dahinter der Großvater mit dem Bügeleisen, aus dem es so gut gerochen hat, dann Tante Sofie mit einer langen Kreide und schließlich ich selbst mit dem Weihwasser. Der Großvater schwenkte bei jedem der Rösser das Bügeleisen mit dem Weihrauch und ich spritzte dem alten »Blass«, meinem Lieblingsross, extra viel Weihwasser auf seinen Kopf. Auch im Kuhstall ließ der Großvater den blauen Rauch über die Köpfe der Kühe und Kälber ziehen und ich selbst habe ganz andächtig das Weihwasser verspritzt. Ganz hinten bei den Kälbern blieb ich eine Weile länger stehen, um den im großen Heuhaufen friedlich schlafenden Kätzchen beim Vorbeigehen auch ein bisserl Weihwasser draufzuspritzen, damit sie nicht krank werden. Derweil hatte meine Großmutter für jede Kuh ein Stückchen Brot mit geweihtem Salz bestreut und genau aufgepasst, dass jedes Tier es ganz aufgefressen hat. Der Großvater achtete darauf, dass wir keinen Winkel vergaßen. Als wir vier über den großen, stockfinsteren Hof auf die hintere, schwere Haustür gleich neben dem Rossstall zugegangen sind, habe ich mich ganz nahe an meinen Großvater gedrängt und seinen Joppenärmel festgehalten. Als er mich daraufhin gefragt hat, ob ich mich denn fürchte, da sagte ich zu ihm: »Stimmt es, dass heut auf d’ Nacht auch die Frau Percht unterwegs ist und umananda schleicht.« Die Frau Percht, das wusste ich noch vom vorigen Jahr, weil es die Erwachsenen immer erzählt haben, hat zweierlei Gesichter – a’ guat’s, für die guten Kinder und Leut’ und a’ böses für die bösen Leut’. Ein ganz zerrissenes Gwand und eine himmellange Nase hat sie in ihrem »grausigen« Gesicht. Ansprechen darf man sie ja nicht, sonst hätte die böse, grausige Frau Percht jeden, der in in ihre Nähe kam, fürchterlich geschlagen. Meine Befürchtungen wurden jedoch von meinem Großvater umgehend beseitigt: »Brauchst di’ net zu fürchten. Lisbeth, mia ham ja an’ Weihrauch und s’ Weihwasser dabei, vor dem fürcht si’ d’ Frau Percht genauaso wia die Geister, de mia alle vertrieben haben.« Da war ich beruhigt, habe aber trotzdem aufgeschnauft, als Thea die Haustür hinter mir fest zugemacht hat. Während der starke, unnachahmliche Geruch des Weihrauchs durch das ganze Haus zog, knieten sich meine Mutter, die Tanten und ich selbst neben meinem Großvater auf den harten Stubenboden und beteten laut einen Rosenkranz.

Am nächsten Tag, an Heilig Dreikönig, durfte ich wie jedes Jahr mit meiner Großmutter nach dem feierlichen Amt zu dem großen Becken in unserer kleinen Pfarrkirche nach vorne gehen, wo der Herr Pfarrer das Dreikönigswasser geweiht hatte. Wir hatten eine große Kanne dabei, die wir bis zum Rand mit dem kostbaren Weihwasser gefüllt haben.

Nach Heilig Dreikönig war’s mit den vielen Feiertagen wieder für eine Weile vorbei. Der Großvater meinte, dass es auch Zeit ist, damit sich die Leut’ wieder richtig ausarbeiten können. Die Rösser im Stall wurden schon übermütig, deshalb hat mein Großvater gleich in der Früh »angeschafft«, dass mit der Holzarbeit angefangen wird. Dies war sowohl für die Mannerleut’ als auch für die Rösser eine schwere Arbeit. Waren die großen Bäume mit den langen Wiegesägen mühsam umgeschnitten, so begann die Arbeit mit den Rössern. Die gut abgerichteten Pferde mussten die schweren Stämme durch dichtes Holz zu einem Lagerplatz ziehen und auf jeden Zuruf gehorchen. Auch für die Weiberleut’ gab es bei der Holzarbeit viel zu tun. Die vielen »Daxen« mussten zu großen Haufen zusammengezogen werden, um später auf den schweren Ziehschlitten »aufgelegt« (geladen) und mit den Rössern heimwärts gezogen zu werden. Hinter dem Haus ist die Reihe mit den aufgeschichteten Daxen immer länger geworden und auch das »Daxenhacken« mit dem »Schnoada«, einem eigens dafür angefertigten scharfen Messer, war die Arbeit der Weiberleut’. Die Daxen dienten verschiedenen Zwecken: die größeren Stücke, »Kniedel«, kamen in die Holzhütte, die dünnen Stückerl wurden zum Anheizen als »Wied« fest zusammengebunden und ebenfalls in der Hütte getrocknet und die übrig gebliebenen, klein gehackten Daxen haben wir den Kühen eingestreut.


Elisabeth Mader

Aus dem Buch von Elisabeth Mader: »Eine Kindheit auf dem Land«.



01/2010