weather-image
11°
Jahrgang 2020 Nummer 47

Harter Alltag jenseits vom Klischee ländlicher Idylle

Rosa Kempf veröffentlicht 1917 eine Studie über Frauen in der bayerischen Landwirtschaft – Teil I

Die Sozialwissenschaftlerin Rosa Kempf veröffentlichte 1917 eine Studie über Frauen in der bayerischen Landwirtschaft.
Tanzabende waren seltene Vergnügen für Dienstboten vergangener Tage. (Gemälde von Franz von Defregger, 1921)
Auf kleinen Höfen wie diesem Anwesen in der Oberpfalz um 1900 mussten junge Mädchen oft früh schwere Arbeiten verrichten. (Repros: Mittermaier)

Mehr als 1,1 Millionen Mädchen und Frauen verdienten sich ihr Brot in Bayern um 1900 in der Landwirtschaft. Obwohl die Bäuerinnen, Mägde und Tagelöhnerinnen damit die zahlenmäßig größte Berufsgruppe im Land stellten, beschäftigte sich lange niemand mit ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Auf der öffentlichen Agenda standen damals vor allem Probleme, die als Folge der Industrialisierung entstanden waren, wie das Wohnungselend in den Städten oder die mangelnde Versorgung im Fall von Arbeitsunfällen oder längeren Krankheiten. Dabei war auch das Leben vor allem der weiblichen Tagelöhnerinnen, Mägde und zuweilen auch der Bauerntöchter und Bäuerinnen oft weit mühseliger, als es die bäuerlichen Szenen eines Franz Defregger oder Hugo Kauffmann erscheinen lassen, deren Bilder im 19. Jahrhundert vorzugsweise die Wohnzimmer gutbetuchter Bürger zierten.

Die Sozialwissenschaftlerin Rosa Kempf hat 1917 in ihrer Studie über die »Arbeits- und Lebensverhältnisse der Frauen in Bayern« eine der ersten wissenschaftlich fundierten Arbeiten veröffentlicht. Die im niederbayerischen Birnbach geborene Arzttochter, die als eine der ersten Frauen in Bayern nicht nur studierte, sondern auch promovierte – 1919 zog sie darüber hinaus auch als eine der ersten weiblichen Abgeordneten in den bayerischen Landtag ein – wertete für ihre Arbeit knapp 100 Fragebögen und rund 20 Berichte von Bäuerinnen, Mägden und Tagelöhnerinnen aus. Ergänzend dazu zog Kempf auch Berichte von örtlichem Lehrpersonal, Geistlichen und landwirtschaftlichen Funktionsträgern hinzu, wobei hier allerdings zu berücksichtigen war, dass diese Schilderungen nicht von den Betroffenen selbst stammten, sondern von Außenstehenden, die noch dazu zum überwiegenden Teil männlich waren und deshalb naturgemäß eine andere Sichtweise hatten.

Ein Pfarrer zum Beispiel kam bei der Einschätzung, ob die Dienstmädchen in seiner Gemeinde mehr Freizeit haben sollten, sicher zu einem anderen Ergebnis als die Betroffenen selbst, denn dem konservativen Klerus war gemeinhin jegliche Art von Vergnügungen ein Dorn im Auge, und auch die Forderungen nach mehr Selbstbestimmung insgesamt dürfte bei der Geistlichkeit kaum auf große Zustimmung getroffen sein.

Die befragten Frauen indes bekundeten trotz der wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die im Bayern des beginnenden 20. Jahrhunderts stattfanden, ihre Arbeitsund Lebenssituation insgesamt erstaunlich positiv. Entsprechend gering war auch im Allgemeinen der Wunsch, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen und sich stattdessen ihr Brot etwa als Fabrikarbeiterin oder Dienstmädchen in der Stadt zu verdienen. Als Gründe, warum sie kaum Abwanderungsgedanken hegten, nannten die Befragten: »Weil ich hier meine Heimat habe«, »weil ich meine Heimat liebe«, »weil ich hier aufgewachsen bin« und weil »ihr Bursch«, sprich ihr Freund auch hier lebe. Das Leben in der Stadt lehnten sie dagegen ab, weil es »zu unruhig« sei und sie »vom letzten Besuch bei Verwandten noch genug davon hätten«, oder weil es dort »so notig« zugehe und man »so viel Armut und Elend« sehe.

So gut wie alle Frauen, die um 1900 als Mägde und Tagelöhnerinnen in der Landwirtschaft arbeiteten, gaben als Lebensziel Heirat und die Gründung eines eigenen Haushalts als Häusler oder Kleinbauern an – und das galt für Dienstboten genauso wie auch für diejenigen Bauerntöchter, die auf dem elterlichen Hof arbeiteten, aber keine Aussicht auf die Übernahme des Anwesens hatten. Die befragten Mägde bewiesen dabei einen ausgesprochenen Realitätssinn, denn die meisten stammten aus Kleingütler- oder Häuslerfamilien – und in diesen Kreisen pflegten Dienstboten auch zu heiraten. Nur ganz selten kam es damals zu Verbindungen, bei denen die Partner aus der eigenen gesellschaftlichen Schicht »hinauf« oder »hinunter« heirateten.

Der Grund dafür waren nicht allein Standesdünkel, sondern zum Großteil finanzielle Überlegungen: Meist hatte ein angehender Hofbesitzer etliche Geschwister, die er bei seiner Heirat auszahlen musste und mit einer Zukünftigen, die entsprechend Heiratsgut von ihren Eltern mit in die Ehe brachte, waren diese Verpflichtungen weit leichter zu tragen als mit einer Dienstmagd, die höchstens ihr eigenes Erspartes beisteuern konnte.

Während der soziale Aufstieg für Mädchen aus Häusler- und Kleinbauernfamilien demnach kaum eine Rolle spielte – zumindest keine offen ausgesprochene – belastete sie ihre Herkunft in einem anderen Punkt dagegen durchaus: Oft mussten sie unmittelbar nach Ende der Schulpflicht, die damals bei 13 Jahren lag, bei fremden Arbeitgebern in Dienst treten, was besonders belastend war, wenn der Arbeitsplatz nicht in der eigenen Gemeinde lag: »Kommt das Mädchen als halbes Kind in einen entfernten Hof, auf dem es sich wirklich 'fremd' fühlt, so wird ihr, wenn nicht gleichaltrige Kinder der Herrschaft ein Band der Kameradschaft um sie schlingen, bei der Wortkargheit und Verschlossenheit des Bauernstandes das Eingewöhnen oft herzlich sauer«, beurteilt Rosa Kempf. Lange Arbeitszeiten und Tätigkeiten, die für Heranwachsende eigentlich noch zu schwer waren, verstärkten dann das Gefühl der Einsamkeit und Verzweiflung noch zusätzlich. Allerdings war der frühe Beginn der Berufstätigkeit ein Phänomen, das beileibe nicht nur in der Landwirtschaft auftrat; auch in der städtischen Gesellschaft mussten Kinder aus der Unterschicht sogar oft schon im Kindesalter Geld verdienen, zum Beispiel in Familien, die Heimarbeit betrieben, und auch Fabrikarbeiterinnen waren bei ihrem Einstieg in die Berufstätigkeit nach heutigem Verständnis oft noch blutjung.

Rosa Kempf sprach sich im Fall der weiblichen Arbeitskräfte für eine Übergangszeit im eigenen Heim aus: Es sei für die gesunde Entwicklung junger Mägde und Bauerntöchter wünschenswert, wenn sie nach der Schule zunächst noch im elterlichen Haushalt blieben und dort leichtere Arbeit verrichteten, etwa indem sie der Mutter bei der Erziehung der jüngeren Geschwister und im Haushalt zur Hand gingen, bis sie mindestens 15 oder 16 Jahre alt seien und erst dann in fremde Dienste träten. Kempf gibt allerdings zu bedenken, dass es sich dabei um eine Wunschvorstellung handle, die mit der Realität oft nicht vereinbar sei, und das betreffe selbst Bauerntöchter auf dem eigenen Hof: Wenn die Landwirtschaft nicht genug abwarf – oder die Eltern zu sparsam waren, um genügend Dienstboten einzustellen, mussten auch junge Mädchen oft genug schon übermäßig hart schuften.

Ein weiterer Grund, der zur Mehrbelastung von Mägden führte, waren, besonders in der Zeit um die Jahrhundertwende in Bayern auch die Folgen der Landflucht. Vor allem junge Burschen zog es damals in die Städte, weshalb es ab etwa 1895 bis zum Ersten Weltkrieg zu einem Arbeitskräftemangel bei den männlichen Dienstboten kam. Auffangen mussten dies auf den betreffenden Höfen vor allem die Mägde, wobei in den seltensten Fällen zusätzliche Frauen eingestellt wurden, sondern die schon vorhandenen – Bauerntöchter inklusive – die Arbeit übernehmen mussten.

Die übermäßige Plackerei besonders in jungen Jahren sorgte wiederum dafür, dass auch so manche Mägde ihrer Arbeit überdrüssig wurden und dann ebenfalls in die Stadt zogen, in der Hoffnung, dort vielleicht ein wenig mehr an Freizeit zu haben. In Fabriken und als Dienstmädchen in urbanen Haushalten mussten Frauen zwar auch hart arbeiten, doch die Arbeitszeiten in der Stadt waren trotzdem etwas geregelter als auf dem Land. Frauen hatten als Küchenhilfen, Hausmädchen oder Kindermädchen in der Regel zwar auch nur jeden Sonntagnachmittag frei, aber diese Zeiten waren fix – anders als auf dem Land, wo man den Bauersleuten jede Stunde abtrotzen musste. Das Bewusstsein, zumindest hin und wieder sein eigener Herr respektive die eigene Frau sein zu können, war den Frauen dabei wichtiger als weniger Arbeit; ein Punkt, der für Rosa Kempf entscheidend war, um der Landflucht aktiv entgegen zu steuern: Wenn die Dienstboten festvereinbarte Freizeiten bekämen, die lange genug sind, um Familie und Freunde zu sehen oder auch die eine oder andere Veranstaltung zu besuchen, wäre so manche Magd mit den anderen Arbeitsbedingungen zufrieden. Allerdings müssten dazu auch gleichzeitig die Unterhaltungsund Weiterbildungsmöglichkeiten auf dem Land verbessert werden.

Zwar gab es damals erste Ansätze vor allem zur Bildungsarbeit der weiblichen Bevölkerung auf dem Land in Form von Haushaltungs- und Handarbeitskursen, doch es fehlte vor allem an geeigneten Lehrerinnen, die mit dem Alltag von Mägden und Tagelöhnerinnen so vertraut waren, dass sie den entsprechenden Zugang zu den Schülerinnen bekämen. Eine Bürgerfrau, die mit ihren eigenen Vorstellungen vom Leben Kurse für einfache Landmädchen abhalte, werde nicht viel dabei bewirken, so die Sozialwissenschaftlerin. Dabei habe sie aus den Antworten in den Fragebögen immer wieder herausgelesen, »wie sehr das Land geistig hungert und wie dadurch die Anziehungskraft der Stadt gewinnt.« Allerdings helfe auch das beste Fortbildungsprogramm nichts, wenn nicht eine Grundvoraussetzung erfüllt sei: Ohne eine Beschränkung der Arbeitszeit und der damit einhergehenden körperlichen und psychischen Belastung könnten Dienstmädchen und junge Bauerntöchter von weiterbildenden Kursen kaum profitieren: man müsse sich nur im sonntäglichen Gottesdienst umschauen, wie viele der weiblichen Besucherinnen so erledigt seien, dass sie Mühe hätten, nicht einzuschlafen.

Fast jeder zweite Bayer verdiente sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen Lebensunterhalt noch in der Land- und Forstwirtschaft: 45 Prozent der Gesamtbevölkerung waren von Beruf Bauern, Mägde, Knechte oder Tagelöhner – ein Prozentsatz, der damals so hoch war wie in keiner anderen Region im Deutschen Reich – zum Vergleich: Der Prozentsatz der land- und forstwirtschaftlichen Arbeitskräfte im gesamten Reich lag bei 38 Prozent. Von den zwei Millionen in Bayern in der Landwirtschaft tätigen Personen waren 1,1 Millionen Frauen – gegenüber 994 000 Männern. Der Großteil der Arbeitskräfte auf dem jeweiligen Hof kam dabei aus der Familie des Besitzers, der Anteil der fremden Dienstboten betrug im Schnitt 20 Prozent. Allerdings differierte dieser Wert je nach Region erheblich: Während in Unterfranken nur 14 Prozent des Gesindes nicht aus der eigenen Familie stammte, betrug der Anteil in Niederbayern 27 und in Oberbayern 28 Prozent. Erklärbar ist dies vor allem mit der unterschiedlichen Größe der Höfe: In Franken waren die landwirtschaftlichen Betriebe im Durchschnitt kleiner als in Altbayern, weshalb dort weniger Arbeitskräfte pro Hof nötig waren, die dann vornehmlich aus der eigenen Familie rekrutiert wurden. Über die Hälfte der bayerischen Höfe hatte eine mittlere landwirtschaftliche Größe zwischen fünf und 20 Hektar, unter die Kategorie großbäuerliche Betriebe mit mehr als 20 Hektar fielen nur sechs Prozent. Der Anteil der landwirtschaftlichen Tagelöhner belief sich in Bayern auf rund acht Prozent.

 

Susanne Mittermaier

 

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 48 vom 28. November 2020

47/2020