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Jahrgang 2016 Nummer 5

Hans Hefelmann - ein NS-Schreibtischtäter und seine Opfer

Der Organisator der Euthanasie-Morde suchte nach dem Krieg Zuflucht in Waging

Dr. Hans Hefelmann.
Waging am See – Ansicht aus den 1950er Jahren.
Den Nationalsozialisten »nicht übermäßig loyal gesinnt«: Anstaltsdirektor von Gabersee, Dr. Friedrich Utz.
Patienten in Gabersee bei der Kartoffelernte.
Gedenktafel in Gabersee (heute Inn-Salzach-Klinikum). (Foto: HM)
Gedenkort Tiergartenstraße 4 (T4) an der Philharmonie, Berlin. (Foto: HM)

Eiskalter Winter herrschte damals, Anfang Februar 1956, als Dr. Hans Hefelmann nach Waging kam, um zukünftig hier als Geschäftsführer der Susi-Moden H. & P. Kellmann GmbH zu wirken. In dem Betrieb, der 1951 von Peter Kellmann in Waging gegründet worden war, stellten Frauen Blusen und Kleider her, mit zeitweise über 60 Beschäftigten war er ein wichtiger Arbeitgeber im Ort. Doch wenige Jahre später verkaufte Kellmann an den Münstertaler Unternehmer Hans Denk, dessen »Wäschetruhe« damals zu den deutschlandweit bedeutendsten Unternehmen der Textilbranche zählte. Die Produktionsstätte in Waging blieb zunächst erhalten.

Was hier in Waging wohl niemand wusste oder auch nur ahnte: Der 50-jährige, gebürtige Dresdener Hefelmann, promovierter Agrarwissenschaftler, kam damals zusammen mit seiner Frau direkt aus Argentinien, wohin er sich acht Jahre zuvor abgesetzt hatte. Er ist nicht bloß eine versierte Führungskraft, sondern ein maßgeblicher NS-Schreibtischtäter: Im Auftrag Hitlers hat er von Berlin aus die massenhaften »Euthanasie«-Morde und speziell auch die Kinder-»Euthanasie« in verantwortlicher Stellung organisiert.

Durch die Ausreise über Österreich nach Argentinien im Oktober 1948 – unterstützt durch die Fluchthilfe, die die katholische Caritas Internationalis für NS-Verbrecher leistete – hatte Hefelmann sich der Verantwortung für sein Tun entzogen. Im Dezember 1955 – nach dem Sturz des argentinischen Präsidenten Perón – kehrt Hefelmann nach Deutschland zurück. Die nächsten vier Jahre kommt er in Waging unter. Wieso ausgerechnet hier? Die Frau von Hans Denk und Hefelmanns Frau waren befreundet, der Unternehmer aus dem Schwarzwald leistete einen Freundschaftsdienst, indem er Hefelmann im Rahmen eines Briefwechsels die Stelle als Geschäftsführer in Waging zusagte. Der scheint sich zu diesem Zeitpunkt vor strafrechtlicher Verfolgung sicher zu fühlen: Anders als andere namhafte NS-Täter legte Hefelmann sich zu keiner Zeit eine falsche Identität zu, sondern trat stets unter seinem richtigen Namen auf und meldete seinen Zuzug auch stets vorschriftsmäßig bei den Einwohnermeldebehörden an.

Eine Weile scheint alles gut zu gehen. Dann erfährt Hefelmann 1958 von staatsanwaltlichen Ermittlungen, die gegen den Berliner Professor für Neurologie und Psychiatrie, Hans Heinze(1), laufen. Er fürchtet, dadurch ebenfalls ins Visier der Ermittler zu geraten. So unternimmt er ein Täuschungsmanöver und schreibt mit Datum vom 22. Juni 1958 – scheinbar von Argentinien, tatsächlich aber von Waging aus – an Heinze einen Brief, um auf diese Weise den Eindruck zu erwecken, er würde sich im Ausland befinden. Wie er später zu Protokoll gibt, hatte er den Brief zunächst an einen Bekannten in Argentinien gesandt, der ihn mit einer fingierten Absenderadresse versah und von dort aus weiter nach Deutschland zu Professor Heinze weiterleitete.(2) In dem Brief echauffiert sich Hefelmann darüber, dass man gegen Heinze ein Ermittlungsverfahren durchführe »wegen der um 18-20 Jahre zurückliegenden Dinge«. Offensichtlich appelliert Hefelmann, indem er Heinze anspricht, an die mutmaßlich mitlesenden Staatsanwälte, wenn er brieflich argumentiert: »Sie, verehrter Herr Professor, […] wissen, wie groß der Kreis von Wissenschaftlern, Ärzten, Verwaltungsbeamten ist, der szt. [seinerzeit] beim RA [Reichsausschuss] mitarbeitete […] Aus der Kenntnis des fraglichen Personenkreises werden Sie sich auch darüber im klaren sein, daß eine Reihe früherer Mitarbeiter heute höchste Auszeichnungen durch unseren Herrn Bundespräsidenten und höchste Stellungen bis in die Umgebung des Herrn Bundeskanzler besitzt, sodaß man sich auch in dieser Richtung fragen muß: Wäre unserem Lande mit einem neuerlichen Verfahren wirklich gedient [...]«(3)

Weitere eineinhalb Jahre vergehen, Hefelmann bleibt in Waging, ist aber wohl in ständiger Alarmbereitschaft. Die Stelle als Geschäftsführer behält er bis Januar 1960 inne, dann setzt er sich schließlich wieder ins Ausland ab: »Mein Ausscheiden aus der Firma erfolgte deshalb«, wird er später zur Begründung anführen, »weil die beiden zugehörigen Versandhäuser im Schwarzwald in ein Konkursverfahren gerieten, d. h. ich erfuhr von einem Wirtschaftsprüfer frühzeitig von diesem Konkurs und kündigte deshalb. Ich war nur formell bis zum 15. Januar 1960 noch in der Waginger Firma beschäftigt, weil ich noch Urlaub einzubringen hatte...«(4)

Tatsache aber ist auch, dass soeben ein weiterer Mittäter – Professor Dr. Werner Heyde, der medizinische Leiter der »Euthanasie«-Morde – verhaftet worden war, nachdem er sich am 12. November 1959 der Frankfurter Justiz gestellt hatte. Hefelmann kündigt am selben Tag seine Stelle(5) und ergreift Anfang Januar 1960 erneut die Flucht – diesmal nach Spanien. Seine Frau folgt ihm Ende Januar. Acht Monate später, am 18. August 1960 kehrt er – aus gesundheitlichen Gründen, wie er angibt – nach Deutschland zurück. Das Paar kommt bei den Schwiegereltern in München in der Damenstiftstraße unter. Wieder meldet sich Hefelmann ordnungsgemäß bei den Behörden.

Zwölf Tage später, am 30. August 1960, stellt er sich in München der Staatsanwaltschaft I. Er wird festgenommen, denn es liegt ein Haftbefehl gegen ihn vor »wegen Verdacht des Mordes«. Am Tag darauf erfolgt eine Vernehmung beim Bayerischen Landeskriminalamt durch den Ersten Staatsanwalt Karl-Heinz Zinnall. Das Protokoll hält die Aussagen Hefelmanns als fortlaufenden Text fest; nicht ersichtlich sind die Fragen des Vernehmenden, diese lassen sich nur an einigen wenigen Stellen erschließen.

Hefelmann macht eingangs Angaben zu seiner Herkunft, seinem beruflichen Werdegang und zu seinen Aufenthaltsorten der letzten Jahre. Anschließend beschreibt er seine Aufgabe als Amtsleiter in der Kanzlei des Führers, Abteilung II b. Ab 1937 war er Leiter dieser Abteilung und offiziell verantwortlich für »Gnadengesuche«: zum einen für Gesuche von Betroffenen, die die bei ihnen gerichtlich angeordnete Unfruchtbarmachung abwenden wollten und zum anderen für »Gesuche von Angehörigen oder Schwerstkranken um Genehmigung des Gnadentodes durch Hitler. Auf diese Weise ist meine spätere Zuständigkeit bzw. spätere Aufgabenstellung für die Euthanasie im Rahmen der Kanzlei des Führers erwachsen«, so Hefelmann.(6)

Gemeinsam mit fünf Ärzten und Ministerialdirigent Dr. Herbert Linden gehörte Hefelmann einem Gremium an, das mit »Euthanasiefragen« befasst war und das 1939 einen entscheidenden Runderlass formulierte, der vom Reichsinnenministerium herausgegeben wurde. Der Erlass schrieb eine Meldepflicht von schwerstkranken Neugeborenen vor. Ärzte mussten im gegebenen Fall einen Befund erstellen und beim »Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden« einreichen.

Hierbei handelte es sich um eine Tarnorganisation, die zum Zweck der Ermordung geistig oder körperlich behinderter Kinder geschaffen wurde. »Der genannte Reichsausschuss wurde deshalb gebildet, weil Hitler nicht wünschte, daß seine Dienststelle, die Kanzlei des Führers, im Zusammenhang mit Euthanasiefällen genannt wurde«, gibt Hefelmann zu Protokoll und beteuert, als Geschäftsführer habe er selbst dabei eine »rein verwaltungsmäßige Aufgabe« versehen; »ich hatte keinen Einfluß auf irgendwelche Entscheidungen.«(7)

Die ärztlichen Gutachter saßen am Schreibtisch und machten auf dem Blatt mit dem jeweiligen medizinischen Befund ein Plus- oder ein Minuszeichen und entschieden damit über Leben und Tod eines Menschen.

Im Zuge des Runderlasses wurden an etwa 40 Krankenhäusern im Reich sogenannte »Kinderfachabteilungen« errichtet, die dazu dienten, behinderte Kinder und Jugendliche zu ermorden. »Sie [die Abteilungen] entstanden dadurch, daß ich im Auftrage von Bouhler und Brandt im ganzen Reichsgebiet herumreiste«, gibt Hefelmann an. »Das Ob, Wann und Wie [der Tötung] wurde auf jeden Fall in das Ermessen des einzelnen Arztes gelegt.«(8) In keinem Fall hätte er, Hefelmann, Aufträge dazu gegeben oder über eine Tötung entschieden.

Zusammen mit Linden arbeitete Hefelmann 1940/41 ein Euthanasiegesetz aus, das zwar offiziell nie in Kraft trat. Indes: »Hitler lehnte ab, das Gesetz im Reichsgesetzblatt veröffentlichen zu lassen, jedoch wurde uns gesagt, daß es praktisch Gesetzeskraft habe und in der Schublade liege für eine Zeit, wo von der Feindpropaganda) nichts mehr zu befürchten sei.«(9 Dies hält Hefelmann bei der Vernehmung fest und gibt an, den Gesetzentwurf auch der Katholischen und der Evangelischen Kirche zugeleitet zu haben. Das Vernehmungsprotokoll gibt dem Festgenommenen breiten Raum zur Erläuterung, Erklärung und Rechtfertigung seines Handelns.

Am 22. Mai 1962 legt der Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer in Frankfurt eine 833 Seiten starke Anklageschrift gegen den Mediziner Professor Dr. Werner Heyde, Dr. Gerhard Bohne und Dr. Hans Hefelmann vor. Die drei werden angeklagt, »heimtückisch, grausam und mit Überlegung« Menschen getötet zu haben. Das Verfahren gegen einen vierten Angeklagten, Friedrich Tillmann, wird angeschlossen. Doch sollte es fast weitere zwei Jahre dauern, bis ihnen der Prozess gemacht wird. Bauer spricht 1964 offen von »Hintermännern«, die am Werke waren, »mit der stillschweigenden Übereinkunft, diesen Prozeß nicht stattfinden zu lassen«.(10)

Am 18. Februar 1964 beginnt endlich die Hauptverhandlung am Landgericht Limburg. Die Situation zum Zeitpunkt der Eröffnung hält die Wochenzeitung »Die Zeit« damals mit folgenden Worten fest: »Der erste floh, der zweite fiel aus dem Fenster, der dritte hängte sich an einem Heizungsrohr auf: Der »Euthanasie«-Prozeß hatte – bis auf eine Ausnahme – keine Angeklagten mehr, als er am Dienstag vor dem Schwurgericht in Limburg eröffnet wurde. Von den Angeschuldigten Dr. Werner Heyde, Dr. Gerhard Bohne, Dr. Hans Hefelmann und Friedrich Tillmann, denen zur Last gelegt wird, sich an der »Gnadentötung« von insgesamt hunderttausend Heilanstalts- und KZInsassen beteiligt zu haben, ist nur noch Hefelmann übriggeblieben. Noch bevor Tillmann in Köln aus dem Fenster stürzte und Heyde sich im Zuchthaus Butzbach das Leben nahm, hatte er sich für die Dauer des Prozesses ein Zimmer in Limburg bestellt.«

Als einziger Angeklagter bleibt Hefelmann. Die Anklage geht von seiner Mittäterschaft beim Mord an 70 000 Erwachsenen und mindestens 3000 Kindern aus. Der weitaus größte Teil der für die »Euthanasie«-Morde Verantwortlichen oder daran Beteiligten wurde nach dem Krieg nicht angeklagt, geschweige denn verurteilt. Auch das Verfahren gegen Hefelmann wurde schon nach sechs Monaten, im September 1964, wegen angeblicher Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten vorläufig eingestellt. Ein Gutachter prognostizierte eine Lebenserwartung Hefelmanns von nicht mehr als zwei Jahren.

Nach der endgültigen Einstellung des Verfahrens im Oktober 1972 lebte Hefelmann unbehelligt und als freier Mann in München, wo er 1986 im Alter von fast 80 Jahren starb.

Die Heil- und Pflegeanstalt Gabersee

Am 18. Januar 1940 fand der erste Patiententransport statt, der von der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in eine Tötungsanstalt ging. Es war der Auftakt für die Euthanasie-Mordaktion der Nationalsozialisten. Die Gesamtzahl der zwischen 1940 bis 1945 aufgrund von psychischen Erkrankungen sowie körperlichen oder geistigen Behinderungen Ermordeten wird heute auf 200 000 bis 300 000 Menschen geschätzt, darunter bis zu 10 000 Kinder und Jugendliche. Die Situation, die Zustände und Abläufe in der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee, wohin Patienten aus der Region Traunstein eingewiesen wurden, mag beispielhaft verdeutlichen, welchem Schicksal die Opfer ausgeliefert waren.(11)

Die Quellenlage ist sehr dürftig, da Zeugenaussagen zufolge am Ende des Krieges auch hier sämtliche Unterlagen aus der Nationalsozialistischen Zeit verbrannt wurden. Die wichtigste Quelle, die Jahresberichte der Anstalt, sind verschollen – einige davon konnten jedoch im Nervenkrankenhaus Bayreuth aufgefunden werden. Der von Direktor Dr. Friedrich Utz geführten Anstaltschronik von Gabersee lässt sich zum einen ein starker Anstieg der Patienten 1934 entnehmen und zum anderen ein massives Absinken des Patientenstandes 1940. Dies ist auf den Abtransport von dreimal 120 Patienten in Tötungsanstalten zurückzuführen. Die Heilanstalt Gabersee wurde 1941 geschlossen.

1934 hält Dr. Utz fest: »Zwei tief in das Anstaltsleben einschneidende Gesetze traten zum 1. Januar in Kraft: das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses und das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher. Beide Gesetze sind noch zu kurz in Kraft, als daß sich über die Auswirkung auf die Anstalt Sicheres schon sagen ließe. Die Einführung des Unfruchtbarkeitsgesetzes traf Kranke und Angehörige zwar hart, und die Szenen, die sich anfänglich abspielten, waren kaum zu ertragen; im Laufe der Zeit fanden sich jedoch beide mit dem Unvermeidlichen im großen und ganzen ab. Sterilisierungsanträge wurden bis zum Jahresschluß von uns 116, von anderer Seite 22 gestellt. Sterilisiert wurden aber nur 42 (30%), weil das Verfahren sich äußerst schleppend gestaltet und immer noch umständlicher wird [.. .].«(12) Die Sterilisation der Gaberseer Patienten fand zum Teil in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar und zum Teil im Krankenhaus Wasserburg statt.

Erste Andeutungen über eine bevorstehende Verlegung in eine der Reichsanstalten (und damit der Abtransport in den Tod) erhielt der Gaberseer Anstaltsdirektor laut Tagebucheintrag am 13. 3. 1940. Am 28. Oktober 1940 teilte die (von Hefelmann eingerichtete) »gemeinnützige Krankentransport- GmbH« in Berlin mit, sie sei damit beauftragt, 120 Kranke vermittelst eines Bahntransportes in eine andere Anstalt zu verlegen. Utz schreibt: »In der Anlage wurde eine Liste mit 86 Männernamen und 89 Frauennamen überreicht. Mit diesem 1. Transport könnten jedoch nur je 60 Frauen und Männer befördert werden. Die auf den Listen mehr enthaltenen Namen seien aufgeführt worden, um die Bereitstellung von je 60 Kranken zu ermöglichen, falls der eine oder andere Kranke aus triftigen Gründen nicht verlegt werden könne (z. B. nicht transportfähig, entlassen, verstorben usw.). Die Kranken würden, wie vom Innenministerium (ob bayer. oder Reichs- wurde nicht angegeben!) mitgeteilt worden sei, von Gabersee zur Bahnstation befördert. Es sei Verpflegung für ca. 10 Stunden mitzugeben. […]

Am nächsten Tag (29. X.) liefen zwei
Entschließungen vom Bayer. Staatsministerium
des Innern ein, wonach zweimal
je 120 Kranke abtransportiert werden
müßten. Die gegenwärtige Lage
mache die Verlegung einer großen
Anzahl von in Heil- und Pflegeanstalten
untergebrachten Kranken notwendig.
Im Auftrag des Reichsverteidigungskommissars
werde die Verlegung angeordnet.
[…]

Am 30. X. kündigte die Transportgesellschaft den 2. Transport von 120 Kranken an, am 20. XI. einen 3. Transport von 120 Kranken, der vorher vom bayer. Innenministerium angekündigt worden war. Die Transporte wurden am 7., 11. und 29. XI. durchgeführt. »Die Eisenbahnwagen wurden morgens ½ 7 Uhr an den Straßenübergang nach Gern gebracht, als es noch völlig dunkel war. Die Kranken betrugen sich musterhaft. Die meisten waren gleichgültig, viele freuten sich, weil sie glaubten, es winke ihnen die Freiheit. Nur einige wenige ahnten nichts Gutes, fügten sich aber unter Zuspruch in das Unvermeidliche.«(13)

Im Zuge der Tötungsaktion wurden zwischen dem 7. November 1940 und dem 17. Januar 1941 insgesamt 509 Patienten aus Gabersee abtransportiert. Direktor Dr. Utz notiert in seinem Tagebuch am 31. 10. 1940:

»Gleichgültig, wie man zu der Frage steht, ob es sittlich gerechtfertigt ist, gegen unschuldige Kranke in dieser Weise vorzugehen (was mit ihnen geschieht, ist nicht schwer zu erraten, da es keine Anstalt gibt, die diese Massen von Kranken aufnehmen könnte. Niedernhardt, wohin sie angeblich zunächst kommen sollen, kann sie gewiß nicht alle behalten), ist es jedenfalls empörend, die Unglücklichen nicht einmal von Fachmännern, sondern von unfertigen Medizinstudenten auswählen zu lassen und sie sich nicht einmal anzusehen!!! Charakteristisch ist auch, daß niemand den Mut hat, für diese Sache offen einzutreten. Alles geschieht geheim, man wispert und tuschelt wie Verbrecher. Da der Fuhrunternehmer die Kranken ja nicht auswählen konnte, wird es wohl ein Arzt gewesen sein. Aber auch er hat nicht den Schneid, für sein trauriges Werk einzutreten, sondern bleibt feige im Hintergrund. Vielleicht, weil er sich vor sich und vor seinen Kollegen schämt oder weil er Racheakte der empörten Angehörigen fürchtet.«(14)

Opfer von Zwangssterilisation und Euthanasiemord

Das 1934 in Kraft getretene »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« ordnete an, dass unter anderem Menschen, die an Epilepsie, Depressionen oder Schizophrenie litten, unfruchtbar zu machen seien. Ärzte hatten den Behörden die Namen von Patienten zu melden, dann begannen die Mühlen der Bürokratie unerbittlich zu mahlen. Das sogenannte Erbgesundheitsgericht in Rosenheim verfügte die Unfruchtbarmachung, ausdrücklich auch gegen den Willen der Betroffenen, ohne dass diese in Augenschein genommen oder angehört wurden. Legte jemand Beschwerde ein, wurde sie vom sogenannten Erbgesundheits-Obergericht in München regelmäßig als »unbegründet« zurückgewiesen.

Die Betroffenen erhielten eine amtsärztliche Aufforderung, sich ins Krankenhaus zu begeben und den Eingriff vornehmen zu lassen. Nicht selten versuchten die Betroffenen oder ihre Angehörigen, sich dagegen zu wehren oder den Eingriff zu verhindern – vergeblich.

Mit Beginn des Krieges geht das NSRegime einen Schritt weiter und setzt die Tötungsmaschinerie in Gang. 1940/1941 wurden 70 000 Insassen von Heil- und Pflegeanstalten in eine der sechs zentralen Tötungsanstalten transportiert und dort vergast. Eine dieser sogenannten Reichsanstalten befand sich im oberösterreichischen Hartheim (bei Linz). Dorthin kamen die Patienten aus Gabersee. Es handelt sich um die sogenannte Aktion T 4 –
benannt nach der Adresse der Villa in
der Tiergartenstraße 4 in Berlin, von
wo aus Hans Hefelmann und andere
die Ermordung reichsweit organisierten.

Die gesammelten Patientenakten
von Euthanasie-Mordopfern befinden
sich heute im Bundesarchiv in Berlin.
Aus ihnen lässt sich das Schicksal der
Betroffenen mehr oder weniger detailliert
rekonstruieren. In Hartheim wurden
zwischen 1940 und 1944 rund
30 000 Menschen ermordet. Heute ist
es ein Lern- und Gedenkort mit
Gedenkstätte, Ausstellung und pädagogischen
Angeboten. In der ebenfalls
hier angesiedelten Dokumentationsstelle
des oberösterreichischen Landesarchivs
zur Geschichte der NS-Anstalt
finden sich auch die Namen von
56 Opfern aus der Region Traunstein.


Dr. Heike Mayer


Anmerkungen und Quellen:
(1) Heinze war an den Planungen der Euthanasie-Zentrale in Berlin beteiligt, hatte als Obergutachter unter anderem bei der Kinder-Euthanasie gewirkt. Nach dem Krieg konnte er sich eine neue Existenz in verantwortlicher Position aufbauen: Ab April 1954 war er Leiter der jugendpsychiatrischen Klinik am niedersächischen Landeskrankenhaus Wunstorf. Das Verfahren gegen Heinze wurde 1966 eingestellt, nachdem ärztliche Gutachten über mehrere Jahre wiederholt bescheinigten, dass Heinze nicht verhandlungsfähig wäre. Er starb 1983 im Alter von 87 Jahren. Vgl. Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. Frankfurt 1986. Seite 40.
(2) Ernst Klee, ebd. Seite 41.
(3) Ebd.
(4) Aussage Hefelmanns aus dem Vernehmungsprotokoll vor dem Ermittlungsrichter am Amtsgericht München vom 31.8.1960 bzw. 1.9.1960. IIIa/SK, K5526. Eine Kopie befindet sich im Bundesarchiv in Berlin.
(5) So Klee, Was sie taten, ebd. Seite 29.
(6) Ebd.
(7) Ebd.
(8) Ebd.
(9) Ebd.
(10) Vgl. »Der merkwürdige Fall Heyde«, Die Zeit vom 21.2.1964.
(11) Die Darstellung stützt sich auf Hans Ludwig Bischof: Heil- und Pflegeanstalt Gabersee, in: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Herausgegeben von Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen, München 2012 (2. Auflage), Seite 363-378.
(12) Ebd.
(13) Ebd.
(14) Ebd.
Dieser Beitrag erscheint in erweiterter Form in Band 2 des Waginger Heimatbuches. Die Autorin dankt Wolfgang Schmid vom kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn für die Bereitstellung von Bildmaterial. Das Foto auf Seite 1 ist entnommen aus: Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord, (c) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1986. Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

 

5/2016