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Jahrgang 2015 Nummer 49

Große Liebe zur Krippe in Bayern

Die ersten Weihnachtskrippen entstanden vor über 1700 Jahren

Ganz im Gegensatz zu anderen Festen des Jahres ist Weihnachten weniger eine Sache des Kopfes, als vielmehr des Herzens: Die vergebliche Herbergssuche, die Geburt des Kindes in einem Stall, die Hirten auf dem Feld, der Engel, der ihnen das Wunder verkündet – all das lässt uns nicht unberührt.

Zahllose Bilder beflügeln unsere Vorstellung. Seit über 1700 Jahren bemühen sich Künstler, uns die Geburt des göttlichen Kindes in ihren Bildern zu vergegenwärtigen. Eine andere Form, das Ereignis von Bethlehem zu veranschaulichen, sind die Weihnachtskrippen, die in vielen Kirchen und Familien alljährlich aufgebaut werden. Sie helfen uns, uns mit allen Sinnen dem Geheimnis der Heiligen Nacht zu nähern.

Die Anfänge unserer Weihnachtskrippe mit beweglichen Figuren, so wie wir sie heute kennen, reichen zurück bis in die Frühzeit des Christentums, bis ins 4. Jahrhundert. Der erste Nachbau der Geburtsgrotte im Abendland entstand im 7. Jahrhundert in der römischen Kirche Santa Maria ad Praesepe – heute Santa Maria Maggiore – , wo ein Stein aus der Geburtsgrotte in Bethlehem verehrt wurde.

Eine schon sehr ausgeprägte Form der Veranschaulichung waren im Mittelalter Weihnachtsspiele, die Kleriker in Kirchen aufgeführt haben. In lateinischer, später in der Volkssprache, wurde das Weihnachtsevangelium in Dialogen den Gläubigen szenisch dargeboten.

Die erste Krippe von Franz von Assisi

Nicht in einem Sakralraum, sondern im Freien, im Wald von Greccio feierte 1223 Franz von Assisi die Geburt des himmlischen Kindes mit hölzernem Futtertrog und Tieren. Er hat einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der Weihnachtskrippe geleistet, ist aber nicht ihr Erfinder, wie immer wieder behauptet wird.

Von den einfachen weihnachtlichen Spielszenen war es kein großer Schritt zum »Kindleinwiegen«, einem Brauch, der seit dem 14. Jahrhundert mit großer Innigkeit in einigen Frauenklöstern gepflegt wurde. Dabei wurden von den Nonnen gewickelte, gefatschte Christkindlfiguren, meist aus Wachs, verehrt. Die Fatschenkindl wurden in den Klöstern mit viel Liebe und Können angefertigt und mit mancherlei Zierrat herausgeputzt. Aus dem Brauch des Kindleinwiegens entwickelten sich schon bald Weihnachtsspiele mit Wiegenliedern, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu unserer heutigen Krippe waren die spätmittelalterlichen Flügelaltäre mit Szenen zur Geburt des Jesuskindes, die wir in gotischen Kirchen finden. Themen waren die Verkündigung der Mutterschaft durch den Engel an Maria, die Geburt im Stall und die Verehrung der Hirten. Aus der Hand großer, oft unbekannter Meister des späten Mittelalters entstanden großflächige Schnitzaltäre, z. B. in Blaubeuren, in Lana und Gries in Südtirol, in Maria Lach in der Wachau.

Das Vorbild der Wittelsbacher in Bayern

Im 15. Jahrhundert wurden aus den Bildern auf den Flügelaltären kleinformatige, vollplastische Figurengruppen, die oft Lebensgröße erreichten und in Seitenschiffen oder Kapellen der Kirchen aufgestellt. So wurde die Weihnachtsbotschaft auf sehr anschauliche Weise für die Menschen, die nicht lesen konnten, sinnenhaft erfahrbar: Sie konnten sich ein Bild machen von der Geburt des göttlichen Kindes im Stall von Bethlehem.

Krippen mit beweglichen Figuren, wie sie uns vertraut sind, entstanden erst im 16. Jahrhundert, im Reformationszeitalter. Eine erste anschauliche Schilderung einer Krippendarstellung hinterließ uns 1571 die Wittelsbacher- Herzogin Maria, eine Tochter von Herzog Albrecht V. von Bayern, die nach Graz geheiratet hatte. Sie führte mit ihrem Bruder Herzog Wilhelm V., dem Frommen, einen lebhaften Briefwechsel wegen Krippenfiguren. So schrieb sie:

»Ich hab dein schreiben samt den 8 enngeln und den oxen esl wol empfangen und bin im herzen zornig auf dich, das du mir geschriben hast, die enngln sein nit schön; mich gedunckt, es were nit miglich, das si schenner sein kindten; ich schick dirs gewis nimer, sie gefalen mir wol.«

In einem anderen Schreiben im darauffolgenden Jahr erklärt die bayerische Herzogin ihrem Bruder, dass bekleidete Figuren ihr am besten gefallen. Damit passt sie sich ganz dem damaligen Zeitgeschmack an. Die geschnitzten Figuren wurden mit Vorliebe mit Kleidern aus kostbaren Stoffen ausgestattet, ganz im Stil der Barockzeit. Die bekleideten Krippenfiguren in der herzoglichen Residenz fanden schon bald Nachahmung, nicht nur in den Kirchen und Klöstern, sondern auch beim Adel.

Die Krippe im Dienst der Gegenreformation

Als erste Förderer des Krippenbrauches trat im süddeutschen Raum der herzogliche Hof in München in Erscheinung. Angeregt dazu wurde er durch die Jesuiten, die im Zuge der Gegenreformation 1549 von Rom nach München gerufen wurden. Sie brachten den in Bayern noch unbekannten Brauch aus Süditalien, vor allem aus Neapel, über die Alpen. Die Krippe war für sie eine Form des »Theatrum mundi«. In der Krippe mit ihren Figuren, Formen, Farben und Kulissen sahen sie ein kleines Welttheater, vor allem aber eine große Hilfe, um den alten katholischen Glauben zu fördern und zu vertiefen. Die Krippe wurde zu einem religiösen Schauspiel und zugleich zu einem wichtigen pädagogischen Instrument.

Eine der ersten großen Krippen stellten die Jesuiten 1553 in einer Prager Kirche auf. Gut fünfzig Jahre später, im Jahre 1607, wird erstmal von einer Krippe in der neu erbauten Münchner Michaelskirche berichtet, die Herzog Wilhelm V. gestiftet hatte. Im Jahre 1618 entstand im schwäbischen Mindelheim eine Jesuitenkrippe.

Neben den Jesuiten begeisterte sich auch der Franziskanerorden für die Krippe, besonders die Nonnenklöster. Bald gab es kein Damenstift mehr in Bayern und Tirol, das keine Krippe hatte. Ein herausragendes Beispiel ist die bekannte Krippe im Franziskanerinnenkloster Reutberg in Oberbayern mit dem prachtvoll gekleideten Christkindl.

Kostbare Barockkrippe in Frauenchiemsee

Eine der ältesten und bis heute bedeutendsten Barockkrippen entstand im 17. Jahrhundert im Benediktinerinnenkloster Frauenchiemsee. Ihre Anfänge reichen bis in das Jahr 1627 zurück. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, eine Zeit großer Not mit Pest, Hungersnot und Teuerung. Zudem vergrößerten Unwetter und Naturkatastrophen das allgemeine Elend bei der Bevölkerung.

In diesen bitteren Jahren war es die damalige Äbtissin Magdalena Haidenbucher des Inselklosters, die mit einer Krippendarstellung den Menschen neuen Mut, Trost und Hoffnung zusprechen und sie in all ihrer Trostlosigkeit zur Krippe bringen wollte, zum Ort der Geburt des Gottessohnes.

So entschloss sie sich, trotz vieler Bedenken, sehr kostspielige, wertvolle Schnitzfiguren bei heute unbekannten Meistern in Auftrag zu geben. Wie sie das alles finanzieren konnte, ist bis heute ungeklärt. Wahrscheinlich war das Kloster zu dieser Zeit finanziell gut fundiert, weil viele Töchter aus adeligen Kreisen in das angesehene »königliche Stift und adelige Kloster« eintraten und eine reiche Mitgift mitbrachten.

Die Krippe fand bei den einfachen Menschen großen Anklang. Deshalb konnte die Äbtissin in ihrem Tagebuch vermerken: »Das gemain Volk« habe dort täglich große Andacht gezeigt.

Bei der großen Barockkrippe von Frauenwörth handelt es sich um eine liturgische Krippe. Sie beschränkte sich auf Darstellungen aus der Heiligen Schrift und vermied alles überflüssige Beiwerk, wie wir es von den süditalienischen und sizilianischen Krippen her kennen. Es wurden nur Szenen auf der Grundlage von Erzählungen aus dem Alten und Neuen Testament gezeigt, die den Gläubigen vertraut waren. Die Zahl der Figuren wurde immer wieder vermehrt. Nur ein Teil davon blieb erhalten. Mit den noch vorhandenen Figuren werden in der Weihnachtszeit in einer geräumigen Seitenkapelle des Münsters von Frauenchiemsee drei große Szenen aufgebaut:

- die Geburt Christi und die Verkündigung der Hirten

- die Huldigung der Sterndeuter aus dem Morgenland

- und alle drei Jahre zusätzlich: die Hochzeit zu Kanaa

Die Frauenwörther Krippe mit ihren kunstvoll gefassten, ausdrucksstarken Figuren hat trotz mancher Verluste den Klostersturm vor zweihundert Jahren gut überstanden und blieb, wenn auch auf viele Stellen verstreut, im Kloster.

Lange Zeit verkannte man den großen Wert dieser Krippe mit ihren kunstvollen Figuren, die von den damaligen Klosterfrauen in wertvollen Brokatkleidern ausgestattet wurden. In der Zeit von Aufklärung und Säkularisation sah man in der Krippe nur »barockes Glump«. So wird erzählt, dass einige Krippenfiguren nach der Aufhebung des Klosters als Spielzeugpuppen zweckentfremdet wurden. Umso erfreulicher ist es, dass es die Klosterfrauen verstanden, sie vor der Zerstörungswut zu retten.

Nach einer gründlichen, zeitaufwändigen und auch kostspieligen Renovierung in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts kann die kostbare Barockkrippe von Frauenwörth seit zwei Jahren wieder bewundert werden, die sicherlich zu den Höhepunkten bayerischer Krippenkunst zu zählen ist.

Verbot der Kirchenkrippen

In der Zeit der Gegenreformation wurden nicht nur die Kirchen überschwänglich mit barockem Dekor ausgestattet, in die Prachtentfaltung wurden auch die Krippen einbezogen. In barocker Lebensfreude wurde aber in die Krippen auch weltliches Beiwerk einbezogen, das mit der Armut im Stall von Bethlehem nicht das Geringste zu tun hatte. Man wollte den knappen biblischen Bericht ausschmücken und verwässerte dabei gar oft den Bericht der Heiligen Schrift.

Wegen dieser und anderer Auswüchse kam es im Jahre 1670 zu einem ersten Verbot, Krippen in Kirchen aufzustellen. Man wollte damit auch den Besucherandrang etwas einschränken. Gut hundert Jahre später erließ der aufgeklärte österreichische Kaiser Joseph II. schließlich ein totales Aufstellungsverbot. Diesem Edikt schloss sich 1802 auch die kirchenkritische kurfürstliche Regierung in Bayern an.

Diese Verbote bewirkten aber kein Aussterben der Krippentradition, sondern führten dazu, dass die Krippen fortan in Bürgerhäusern und später in Bauernhäusern aufgestellt wurden. Zahlreiche barocke Kirchenkrippen erhielten in Privathäusern ein vorübergehendes Asyl, was bald einen gesteigerten Bedarf an guten Figuren erforderlich machte. Die Folge war allenthalben ein großer Aufschwung der Krippenkunst. Unbekannte Künstler schufen Meisterwerke, die noch in Kirchen und Museen zu bewundern sind. Auch auf dem Land entwickelten sich Zentren der Krippenherstellung, so in Berchtesgaden und Oberammergau, wo bis heute in den Schnitzstuben Figuren und Krippenställe von bester handwerklicher Qualität entstehen.

Aufblühen der Heimatkrippe

Im 19. Jahrhundert kam es in Altbayern und Tirol, aber auch in Franken zu einer ungeahnten Krippenbegeisterung in Stadt und Land. Die Geburt des göttlichen Kindes wurde nunmehr in die heimatliche Situation transponiert und mit volkstümlichen Szenen bereichert. Es entstanden Heimatkrippen mit Bergen, Flüssen, lokalen Hofund Hausformen und – was besonders beliebt war – mit Figuren in heimatlicher Tracht. Die Krippenlandschaft war zu einem Abbild der Heimat geworden.

Viele dieser heimatlichen Krippen erreichten riesige Ausmaße und füllten ganze Zimmer. Im Tiroler Krippendorf Thaur bei Hall kann man solche Großkrippen noch heute erleben. Ein Krippenweg führt dort in der Weihnachtszeit Besucher zu sehenswerten Krippen, die in Privathäusern besichtigt werden können.

Neben der Heimatkrippe entstand aber auch ein neuer Typ der Krippe: die orientalische Krippe. Man versuchte damit, die Geburtsszene in der landschaftlichen Umgebung des Heiligen Landes zu veranschaulichen. Beide Stile haben bis heute ihre Anhänger. Daneben gibt es auch moderne Formen, für die sich Krippenfreunde begeistern. Die Geschmäcker sind auch hier verschieden.

Max Schmederer – der große Sammler von Krippen

Wenn wir heute so gut über die Krippenkunst der vergangenen Jahrhunderte Bescheid wissen, so verdanken wir das ganz besonders dem Münchner Kommerzienrat Max Schmederer, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine leidenschaftliche Sammlertätigkeit entfaltete. Er steckte in den Kauf kostbarer Krippen aus Neapel, Sizilien und Tirol sein ganzes Erbe: Sein Vater war Mitinhaber der Münchner Paulaner-Brauerei und vermachte seinem Sohn ein großes Vermögen. So konnte er auf Märkten und Auktionen wahre Meisterwerke der Krippenkunst erwerben, die er zunächst in seinem Münchner Haus aufbewahrte. Bis zum Jahre 1901 übergab er seine einmalige Sammlung mit sechstausend Figuren als Schenkung an das Bayerische Nationalmuseum.

Die weltweit einmalige Sammlung des Münchner Krippenfreundes hat heute im Nationalmuseum einen festen Platz. Sie ist das ganze Jahr über ein Treffpunkt für alle Krippenfreunde, besonders natürlich in der Advents- und Weihnachtszeit. Die Krippenschau demonstriert eindrucksvoll die große Krippentradition in unserer Heimat, die keineswegs museal ist. Sie hat in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung erlebt: Für immer mehr Menschen gehört zu Weihnachten das Kripperl, die Veranschaulichung der Geburtsszene von Bethlehem. Die Krippe erhöht ihre weihnachtliche Freude.


Albert Bichler

 

49/2015