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Jahrgang 2004 Nummer 26

»Glücklich, Einblick in das Drechslerhandwerk zu haben«

Max Schmid legt großen Wert auf die Bezeichnung »Amateurdrechsler«

Die größte Schüssel erreicht einen Durchmesser von 80 Zentimetern

Die größte Schüssel erreicht einen Durchmesser von 80 Zentimetern
Er hat sich all sein Können an der Drechselbank selbst beigebracht – durch viel und jahrelanges Ausprobieren und auch durch allerhand »schlechte Erfahrungen«, wie er selbst sagt, aber gerade sie, davon ist er überzeugt, haben ihn in seinem Handwerk weitergebracht. Vor 30 Jahren kaufte er sich interessehalber eine alte, reparaturbedürftige Drechselbank und machte sie mit der Hilfe von Freunden wieder flott. Seither entsteht in seiner Werkstatt vom Kerzenleuchter über Schüsseln jeglicher Größe bis zum Notenständer fast alles. Einzige Bedingung: Es muss aus Holz sein, und zwar aus heimschem.

»Ich weiß, dass es viele schöne exotische Holzarten gibt, aber das kommt für mich nicht in Frage. Ich möchte nicht dazu beitragen, dass anderswo alte Wälder unwiederbringlich zerstört werden.« So lautet einer der Grundsätze des Siegsdorfers, und ein weiterer entwickelte sich aus einigen eben jener Erfahrungen, die ihn mit der Zeit zu einem (das Wort wird er nicht mögen) Experten in Sachen Holzbeschaffung, Trocknung und Bearbeitung werden ließen. »Im Holzhandel bekomme ich das nicht, was ich suche. Dazu muss ich in den Wald und das Holz direkt beim Förster oder beim Waldbauern kaufen, es selbst teilen, nach meiner Methode trocknen und lagern. Ich achte auch sehr genau darauf, wann und bei welchem Mond das Holz geschlagen wurde. Für meine Zwecke ist das am Besten.« Davon, dass seine Schüsseln, selbst wenn sie Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern erreichen, auf Dauer formstabil bleiben, nicht reißen und sich nicht verziehen, obwohl sie aus einem Stück gearbeitet sind, fühlt er sich bestätigt.

Im Wald war er schon als Bub gerne, erzählt er, aber damals konzentrierte er sich mehr auf die Suche nach Steinen entlang der Traunufer, später bastelte er dann mit Freunden an Mopeds, aber mit Schreinern oder Drechseln befasste er sich nicht. Dabei stammt er aus einem »sehr künstlerischen Elternhaus«: So weit er sich zurückerinnern kann, bastelte die Mutter mit verschiedensten Materialien, während der Vater sich das Teppichweben, Korbflechten und Schnitzen selbst beibrachte. Erst mit gut 20 Jahren – da war er schon einige Jahre im Postdienst – entstand plötzlich das Interesse für den Werkstoff Holz. Eines seiner ersten Stücke ist eine kleine Kiste, deren Deckel mit einer aufwändigen Kerbschnitzarbeit verziert ist. Er verehrte sie seiner jetzigen Frau – sie steht noch heute zwischen den vielen anderen Objekten des 53-Jährigen, den Bäumchen, Kugeln, Dosen, Schüsseln, die an allen Stellen des Siegsdorfer Hauses arrangiert sind.

»Kugeln zu drechseln, das ist Bestandteil der Meisterprüfung bei den Drechslern,« sagt Max Schmid, während er die handschmeichelnden Kugeln in seinen Händen dreht. Vier verschiedene Holzsorten hat er in manche eingearbeitet, in Form von Vierkantstäben: Ahorn, Esche, Apfel- und Zwetschgenbaum, die äußere Haut ist aus Kirschbaum. Weil er selbst, wie auch seine beiden erwachsenen Kinder und seine Frau, gerne musiziert, fiel sein Blick irgendwann auf No-tenständer, Klavierhocker und Harfensäulen, und er begann sich auch damit zu beschäftigen. Dabei entsteht alles, was er fertigt, »aus dem bloßen Auge«, ohne Skizze und ohne Schablone. Ein und das selbe Stück mehrfach herzustellen, liegt ihm nicht.

Führte er früher in seinem Wissensdurst viele Gespräche mit Schreinern und Werkzeugmachern, so ist heute er derjenige, der »nicht selten Fragen beantworten muss«. Beispielsweise, wenn er auf Märkten oder anlässlich der künstlerischen Ausstellung in Siegsdorf, an der er sich im März erstmals beteiligt hat, die größte seiner Eschenholz-Schüsseln zeigt. »Das Stück Holz dafür war so groß und schwer, dass ich mir einen Flaschenzug dafür bauen musste. Ich hätte es sonst nicht auf die Drehbank schaffen können,« sagt der Drechsler. Er kann allen Holzarten etwas abgewinnen, häufig jedoch arbeitet er mit Ahorn, und neuerdings verwendet er auch farbige Lasuren, um an den breiten Fahnen der Holzteller Akzente zu setzen. Sein liebster Werkstoff ist im Augenblick »angemodertes« Buchenholz, in das Wasser eindrang und bizarre, schwarze Spuren darin hinterließ. »Wenig später wäre es zerfallen. Oft liegt es nur am richtigen Zeitpunkt, ob etwas gelingt oder nicht.«

»Künstler« mag Max Schmid sich nicht nennen. »Ich bin glücklich, Einblick in das Drechslerhandwerk gewonnen zu haben,« sagt er. »Und ich möchte noch so viel ausprobieren. Das Wunderbare ist, dass man schon mit wenigen Elementen eine große Vielfalt erreicht. Von Goethe stammt der Spruch: In der Beschränkung zeigt sich der Meister.« Bei Max Schmid könnte man auch sagen: In der Bescheidenheit.

CK



26/2004