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Jahrgang 2013 Nummer 37

»Glasenbach hat mein Leben verändert …«

Salzburger Lager für belastete Personen aus der NS-Zeit

Blick über das Lager Glasenbach, im Hintergrund die Festung Hohensalzburg.
Warten auf die Entlassung, Farbzeichnung.
Beim Essenfassen, Karikatur eines Internierten.
Kochstelle im Freien, Zeichnung mit Wasserfarben.
Stockbett in einer Baracke, Federzeichnung.

»Mir haben die zwei Jahre des Nachdenkens in Glasenbach sehr gut getan« – mit diesem Satz fasste der Zeichner und Maler Ernst von Dombrowski aus Siegsdorf seine Zeit im Internierungslager Salzburg-Glasenbach zusammen. Er sei im Dritten Reich das Opfer einer Täuschung geworden, an der er Zeit seines Lebens schwer zu tragen habe, bekannte er. Die Jahre im Lager hätten ihn zum Nachdenken gezwungen und seinem Leben eine neue Richtung gegeben.

Im Lager Glasenbach (in der heutigen Salzburger Alpenstraße) waren von 1945 bis 1947 in einer ehemaligen Behelfskaserne der deutschen Gebirgsjäger an die zehntausend Personen interniert, die von den US-Behörden verdächtigt wurden, das Dritte Reich aktiv unterstützt zu haben. Rechtliche Grundlage für die Verhaftung waren die vom Hauptquartier der US-Streitkräfte erlassenen »Automatischen Arrest-Bestimmungen«, in denen eine lange Reihe von Tätigkeiten während der NS-Zeit aufgeführt war, deren Inhaber ohne Rücksicht auf ihre persönliche Schuld festzunehmen seien. Das waren Funktionäre der Gau, - Kreis- und Ortsleitungen der NSDAP, Regierungsbeamte ab Oberregierungsrat, Landräte, Bürgermeister, Klinikärzte, Richter und Staatsanwälte, höhere SS- und Polizeiführer, höhere Dienstgrade von SS und SA, Funktionäre des Dozenten- und Studentenbundes, der Frauenschaft, der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädchen sowie alle Angehörigen des KZ-Personals. Der Grund für die Internierung von Ernst von Dombrowski dürfte seine Mitarbeit als Illustrator von NSPropagandabüchern und seine Tätigkeit an der Münchner Akademie für Angewandte Kunst gewesen sein.

Offiziell hieß Glasenbach nach einem amerikanischen Offizier Camp Marcus W. Orr. In der nahen Ortschaft Glasenbach jenseits der Salzach befand sich die nächste Post- und Bahnstation. Das Camp bestand aus 30 Baracken und war in sieben Abteilungen gegliedert: Abteilung I für Kriegsverbrecher, II und III für allgemeine Internierte, IV das Straflager, V das Prominentenlager, VI das Frauenlager und VII das SS-Lager. Jede Abteilung war wieder in Blöcke und diese nach Stuben unterteilt, und für jede Einheit gab es seitens der Internierten einen Verantwortlichen gegenüber der Lagerleitung. Ein mehrfacher Stacheldrahtzaun umgab jede Abteilung, gegenseitige Besuche waren nur in Ausnahmefällen mit einem Passierschein möglich.

Die meisten Internierten waren Österreicher, dazu kamen Kroaten, Slowaken und Deutsche aus dem bayerischen Grenzgebiet. Das entsprechende Lager in Bayern befand sich in Moosburg mit über zehntausend Personen. Die Internierten, darunter fünfhundert Frauen, wurden durch Vernehmungen und Fragebogen über ihre Tätigkeit im Dritten Reich befragt, um Schwerbelastete herauszufiltern. Kriegsverbrecher wurden an jene Staaten ausgeliefert, in denen sie die Taten begangen hatten. Eine Gruppe KZPersonal kam im Frühjahr 1947 nach Dachau zum dortigen KZ-Prozess. Unschuldige wurden entlassen. Die große Mehrheit blieb bis zur Lagerauflösung interniert und ist später der bürgerlichen Justiz übergeben worden.

Unter den Berufen fällt der hohe Akademikeranteil auf mit 630 Personen (13 Prozent), dazu noch 15 Prozent Maturanten (Abiturienten). Sehr überrepräsentiert im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung waren die Mediziner mit 35 Ärzten, desgleichen die Juristen, Lehrer und Angehörige der Exekutive. »Praktisch war im Lager Glasenbach die ganze geistige Elite der NS-Schicht eingesperrt«, schreibt ein ungenannter Verfasser in einem Aufsatz im Salzburger Landesarchiv.

Für die Lagerordnung und die Kontrolle war die deutsche Lagerpolizei zuständig. Sie setzte sich aus Freiwilligen zusammen, die zur Belohnung besseres Essen erhielten und den Personenverkehr zwischen den Baracken, die Einhaltung der Lagerordnung und die Verbüßung von Strafen kontrollierten. Von den Mitgefangenen wurden die Hilfskräfte mit Verachtung gestraft. »Mich bedrückte es nahezu körperlich, dass sich einer von uns um einen solchen Posten beworben hat … Man sollte meinen, es müsse eher der Himmel einstürzen, bevor sich ein einziger Internierter findet, der sich zu so einem Schandwerk herabwürdigt. Nicht einen Augenblick hätte ich gedacht, das Volk der Dichter und Denker könne eine solch' erbärmliche Kreatur hervorbringen«, schreibt Josef Hiess in seinen Erinnerungen an das Camp Glasenbach.

Ein Ärgernis für die Internierten war die anfänglich von den Amis sehr rigoros gehandhabte Grußpflicht. Jeder Internierte musste beim Zusammentreffen mit einem US-Soldaten seine Kopfbedeckung abnehmen, Haltung annehmen und so lange geradeaus schauen, bis dieser »Weitermachen« befahl oder weiter gegangen war. Manche GIs mit niedrigen Diensträngen nutzen die Anordnung aus und machten die Gefangenen zu Stehaufmännchen, indem sie mit Absicht deren Nähe suchten und hoheitsvoll ihren Gruß entgegennahmen. Später wurde das abgeschafft, es waren nur noch die Offiziere zu grüßen und diese mussten den Gruß auch erwidern.

Die schlechte und knappe Verpflegung führte zu Beschwerden der Inhaftierten sowohl bei der Lagerleitung als auch bei den staatlichen Stellen. Im Oktober 1945 wurde es den Internierten erlaubt, Lebensmittelpakete mit einem Höchstgewicht von 10 Pfund zu empfangen, entweder per Post oder als Sammeltransporte aus den Heimatgemeinden. Das führte sehr schnell zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Lager – auf der einen Seite die Paketempfänger, auf der anderen die armen Schlucker ohne Angehörige, vor allem Volksdeutsche. »Wenn es ums Stückerl Brot geht, da hat man gemerkt, da hört irgendwo die Gemeinschaft auf«, klagte ein ehemaliger Glasenbacher. Prominente Häftlinge waren besonders gut dran, weil es ihre Freunde daheim beim Nachschub an nichts fehlen ließen. In der Öffentlichkeit führte das zu Protesten, die sich in Leserbriefen an die Lokalpresse zeigten. »Die Bevölkerung fragt sich, warum es den internierten Nazis besser gehen soll als den vielen noch nicht heimgekehrten Kriegsgefangenen, die auch keine Zusatzverpflegung erhalten«, empörte sich ein Einsender aus dem Pongau. Und im Leserbrief in einer Linzer Zeitung hieß es: »Empört muss die notleidende Bevölkerung feststellen, dass es den Nazis hinter dem Stacheldraht in Glasenbach an nichts fehlt… Sie erhalten Pakete mit den besten Lebensmitteln in solcher Anzahl, dass sie sich satt- und vollschlagen können.«

Um die Langeweile zu bekämpfen, begannen die Häftlinge schon sehr früh, kulturelle Aktivitäten zu entwickeln. Ärzte, Juristen, Ingenieure, Schriftsteller, Lehrer, tüchtige Handwerker und Landwirte hielten Vorträge aus allen Wissensgebieten. Als Beispiele seien die Themen des Programms in der ersten Oktoberwoche 1946 aufgeführt: Die Völkerwanderung – Das Drama »Die Braut von Messina« – Aus der Praxis der Branntweinerzeugung – Erfolgreiche Kaninchenzucht – »Der Zerrissene« von Nestroy – Musik und Humor – Anton Bruckner als Mensch und Künstler – Aus der Frühzeit der Volkskunst – Grundlagen der Genetik – Moderne Lichttechnik. Außerdem gab es Sprach- und Zeichenkurse. Mit der Einführung eines eigenen Radiosenders versuchten die Amerikaner, eine Art Um-Erziehung zu starten und die demokratische Gesinnung unter den Internierten zu stärken. Mit mäßigem Erfolg, wie sich herausstellen sollte, denn der für das Programm verantwortliche, deutsche Leiter wurde zweimal von unbekannt Gebliebenen überfallen und verprügelt.

Je länger die Haft dauerte, umso mehr wuchsen unter den Internierten Nervosität und Ungeduld. Am Josefitag 1947 entlud sich die aufgeheizte Stimmung in einem spektakulären Ausbruchsversuch, dem sogenannten Josefi-Aufstand. Eine Gruppe Männer stahl einen amerikanischen Lkw und durchbrach damit gegen 21 Uhr im Bereich von Lager VII den doppelten Stacheldrahtzaun. Obwohl die Lagerwache sofort das Feuer eröffnete, konnten sich die Flüchtigen in den angrenzenden Wald retten. Durch die Schüsse aufgeschreckt, rotteten sich einige hundert Männer und Frauen zusammen und protestierten gegen die Wachmannschaften und die Lagerleitung. Als die Aufrührer dem Lagertor zustrebten, fuhren Panzer auf. Dass es zu keinem Blutvergießen kam, ist der besonnenen Reaktion des amerikanischen Lagerkommandanten zu verdanken, der sich zu Verhandlungen bereit erklärte. In den nächsten Tagen übergaben ihm die Internierten einen Katalog mit Forderungen. Verlangt wurden die Freilassung aller Jugendlichen, der Frauen und der über 60-jährigen, Empfang von Besuchen, Abschaffung von Grußpflicht und Kollektivstrafen und Urlaub auf Ehrenwort.

Die Amerikaner zeigten sich kooperationswillig, wenn sie auch nicht alle Wünsche erfüllten. Offensichtlich Unschuldige erhielten die Freiheit, und im August 1947 wurde das Camp offiziell an die österreichischen Behörden übergeben – zur weiteren Verfolgung der Internierten nach dem Kriegsverbrechergesetz oder in die Freiheit.


Julius Bittmann


Literatur: Oskar Dohle und Peter Eigelsberger: »Camp Marcus W. Orr«, Linz 2009.

 

37/2013