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Jahrgang 2007 Nummer 49

Geschichte des Truppenübungsplatzes Kammer

Ein Überblick über die zivile und militärische Nutzung – Teil I

Im Wald zwischen Traunstein und Kammer liegt ein heute immer noch wenig beachtetes Gebiet von gut 100 ha. Von Wehrmacht und Bundeswehr genutzt, durfte es auf Landkarten nicht ausgewiesen werden. Abweisende Hinweisschilder warnen vor Munition und Betretung - kein Wunder also, wenn das Gelände vielen Bürgern aus eigener Anschauung unbekannt ist. Von »weißen Flecken« auf Landkarten geht allerdings immer eine besondere Anziehungskraft aus, sie wollen erforscht sein. Was dabei zutage kam, waren scheinbare Gegensatzpaare wie: Standortübungsplatz ohne Garnison, Segelflugschulung auf dem Flugabwehrgelände und Naturschutz in Panzerspuren. Dazu kamen Panduren, Siedler, Autorennen und NATURA 2000. Eine Vielfalt, die überrascht und neugierig machte. Ich danke Sepp Reischl und Hans-Peter Schnitzer für ihre Unterstützung, die sie mir unterhaltsam zukommen ließen.

Der Truppenübungsplatz Kammer liegt auf einer Höhe von rund 590 m über N. N. am westlichen Rand des Endmoränenbogens des würmeiszeitlichen Salzachgletschers und gehört zum Naturraum Salzach-Hügelland. Dieser Salzachgletscher bedeckte in der letzten Eiszeit große Teile unserer Landschaft und formte u. a. den Waginger und Tachinger See. Auch aus dem Tal der großen Ache schob sich ein Gletscher, der als weiter Vorlandfächer das Becken des heutigen Chiemsees ausfüllte: der Chiemseegletscher. An seiner Westseite verschmolz er mit dem Inngletscher. Östlich kam er zwar dem Salzachgletscher nahe, konnte sich aber nicht mit ihm verbinden. Die Trennlinie bildete das eisfreie untere Trauntal.

Noch heute stellen die steilen Abhänge zur Traun sowohl die Begrenzung des Übungsplatzes, als auch eine naturräumliche Grenze dar. Im Nordosten des wellig geformten Übungsgeländes erhebt sich ein markanter Hügel, ein Endmoränenbuckel des Salzachgletschers, der einen freien Blick über das gesamte Gelände ermöglicht. Dabei fallen als erstes die weiten grünen Offenlandbereiche mit ihrem kurzen Bewuchs auf. Schafe und einige Ziegen, die mehrmals im Jahr das Gelände durchweiden, sind für diese umweltfreundliche Art von Bodenpflege verantwortlich. Einige Baumgruppen und Einzelbäume sind zu finden, wie der große alte Ahorn, neben dem Husarenkreuz. Durchzogen ist das ganze Areal von sandigen Fahrstraßen. Dass einige der Flächen schon vor langer Zeit beweidet wurden, ist an den Huteichen im Nordwesten des Gebietes abzulesen, dem »Eichengrund«. Diese 150-jährigen, weit ausladenden Bäume boten dem Vieh Unterstand und Schutz vor Witterungseinflüssen. Aufkommende Sämlinge wurden gefressen, so dass sich kein Wald entwickeln konnte. Direkt unterhalb des Moränenbuckels in nordwestlicher Richtung befindet sich der kleine »Schäferwald«. Hier hatten die Schafe ihre Pferchflächen, der Schäfer seinen Wagen stehen. Für Viele ist dieser Platz mit der »Wirtschaft zum greislichen Hund« verbunden. Ein Treffpunkt für Jugendliche, dessen Name sich auf das Aussehen des lieben aber eben »greislichen« Schäferhundes bezog. Vor allem im südlichen Teil finden sich Teiche, kleine Wasserflächen und feuchte Spurrinnen von Rad- und Kettenfahrzeugen. Den gesamte Truppenübungsplatz umrahmt ein Waldgürtel, hinter dem sich im Süden die Chiemgauer Alpen zeigen.

Dieser Wald, der »Eschenforst«, erstreckt sich entlang der Traun bis Traunstein. Auch in jüngster Zeit hat er etwas Geheimnisvolles, Gefährliches an sich. Heute noch gefährlich vor allem für die Autofahrer, denen so manche Kurve zum Verhängnis werden kann. Unvergessen sind die schrecklichen Morde, die erst 50 Jahre zurückliegen. An der südlichen Zufahrt zum Übungsplatz und nach Leiderting zeugen 2 Marterl von diesen Verbrechen

Rodung und Nutzung durch Wehrmacht

Mitte der Dreißiger-Jahre nahm die jahrzehntelange Nutzung als Übungsgelände für militärische Einheiten ihren Anfang.
Im Oktober 1934 begann in Traunstein der Kasernenbau und seit dieser Zeit waren im Vereinshaus (an der Scheibenstraße) und in der damaligen Tierzuchthalle (ebenfalls Scheibenstraße) vorübergehend 2 Kompanien Soldaten untergebracht. Übungsplätze standen ihnen auf der Hallerwiese, auf der damals noch vorhandenen Grünfläche des Karl-Theodor-Platzes und im Bereich zwischen Geissing und Wasserburger Straße zur Verfügung. Für Schießübungen konnte kurze Zeit die Anlage der Feuerschützengesellschaft Traunstein benutzt werden.

Ab dem Bezug der Kaserne genügte der Geländeübungsplatz zwischen Geissing und der Wasserburger Straße den Anforderungen nicht mehr. Benötigt wurde nun eine größere Fläche von gut 100 ha. Zwei Alternativen standen zur Verfügung :
– Ein Gelände im Haidforst zwischen Bahnlinie und Straße Kotzing-Wang mit 108 ha.
– Ein Gelände im Eschenforst zwischen Trauntal bei Mühltal, Straße Traunstein-Rettenbach und Straße Rettenbach-Eschenbinder mit 109 ha.
Entschieden wurde zugunsten des Eschenforstes.

Die Heeresverwaltung erwarb den erforderlichen Grund, der zum Großteil in Staatsbesitz war (66 ha), zu einem sehr kleinen Teil der Gemeinde Kammer gehörte und dessen Rest sich auf Privatbesitzer und Erbhofbauern verteilte. Zunächst wurde gerodet und Wege angelegt. Nach und nach entstanden Schützengräben und in die Erde versenkte einfache Unterstände. Eskalierwand und Stolperdrähte sollten die Soldaten im Überwinden von Hindernissen trainieren. Eine Handgranaten-Wurfanlage war ebenfalls vorhanden. Zur Bekämpfung von Panzern gab es eine Schienenbahn auf der eine Panzerattrappe als Zielobjekt bewegt werden konnte. Diese Bahn hatte naturgemäß eine große Anziehungskraft auf die heranwachsenden Buben der Umgebung und gegen Kriegsende wurde sie von diesen auch zu Bruch gefahren.

Siedlungszeit 1949 bis 1956

Nach Kriegsende unterstand der Wehrmachtsübungsplatz zunächst der amerikanischen Militärregierung. Wegen des großen Bedarfs an schnell verfügbaren Siedlungsflächen wurde im Frühjahr 1949 ehemaliges Wehrmachtsgelände freigegeben, landwirtschaftlich brauchbarer Grund, wie der Truppenübungsplatz, war durch die »Bayerische Landessiedlungsgesellschaft« zu vergeben. Mit dieser Bodenreform hoffte die Militärregierung »Tausende von Flüchtlingen mit neuer Hoffnung zu erfüllen«.

Ein Großteil des Übungsplatzes wurde in Plan-Nummern aufgeteilt und zur landwirtschaftlichen Nutzung durch die Siedlungsgesellschaft verpachtet. Da die Zukunft des ehemaligen Wehrmachtsgeländes lange unklar blieb, erfolgte die Verpachtung jeweils nur mit einjähriger Laufzeit. Ab 1. 1. 1949 - also noch vor der offiziellen Freigabe durch die Militärregierung - erhielten folgende Siedler Land: 7 Nebenerwerbssiedler, 4 landwirtschaftliche Siedler und 18 Anliegersiedler aus Kammer und Rettenbach. Alljährlich wurden die Grundstücke neu vergeben, dabei die Bedürftigkeit der Pächter überprüft, so dass sich die Zahl der Nutzer immer wieder änderte. Im letzten Jahr waren es 14 Pächter der Gemeinde und 22 der Bayerischen Landessiedlungsgesellschaft.

Zur Weitergabe an die ortsansässigen Flüchtlinge hatte auch die Gemeinde Kammer von der Gesellschaft ein 2,5 ha großes Grundstück mit Äckern und Wiesen gepachtet. Im Lauf der Jahre erhöhte sich die Fläche des gemeindlichen Grundes auf 6,4 ha im Jahr 1950 und zuletzt sogar auf 12 ha.

In teils mühevoller Arbeit hatten die Siedler ihre Grundstücke gerodet und mit einfachen Mitteln bewirtschaftet, dies bereits im ersten Jahr sehr erfolgreich. So lagen 1949 die aus den kultivierten Flächen des Exerzierplatzes erzielten Erträge über den Durchschnittserträgen des Bundesgebietes.

Die Heimatvertriebenen lebten unter auch für damalige Verhältnisse sehr einfachen Bedingungen. Der Siedler M. beispielsweise hatte auf dem ihm zugewiesenen Land eine primitive Baracke errichtet, in der er mit 8 zum Teil schulpflichtigen Kindern lebte. Die einzige Kuh gab Milch für die Kinder. Weiteren Besitz hatte er nicht. Einkommen bezog er aus dem Handel mit Nutz- und Schlachtvieh.

Herr S. hatte auf eigenes Risiko und ohne Genehmigung eine Behelfsunterkunft errichtet. Sein Trinkwasser besorgte er aus der Traun. Wegen evt. Gesundheitsschädigung wurde ihm auferlegt, eine andere Trinkwasserversorgung zu organisieren, am besten mit Hilfe der nördlich gelegenen Bauernhöfe. S. war bis zuletzt Pächter des Gemeindegrundstückes. Aufgrund seiner besonderen Verdienste war er für den Aufbau einer Kleinbauernstelle mit Gemüseanbau auf dem ehemaligen Wehrmachtsgelände vorgesehen, was sich dann durch die Rückgabe an die Bundeswehr erledigte.

Heimatvertrieben aus Estland kam die Großfamilie F. (das Ehepaar mit 5 Kindern zwischen 2 und 13 Jahren, dazu 2 weitere Erwachsene) am 24. 12. 1949 in Kammer an. Auch sie errichtete ohne Genehmigung eine behelfsmäßige Unterkunft. Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse waren schlecht: F. »lebt unter den unwürdigsten Verhältnissen. Er hat sich selbst eine Holzhütte aus einfachen Brettern, zum Teil ohne Fußbodenbelag aufgestellt. Die Hütte ist weder im Sommer geschweige im Winter bewohnbar. Die Kinder schlafen in einem Raum ohne jeglichen Belag, in dem auch Heu lagert. Die Zustände sind untragbar. Der Kochherd befindet sich im Freien und ist durch ein Holzgestell mit Dach vor Regen geschützt. Diese Kochstelle befindet sich in nächster Nähe des Waldbestandes, sodass durch ev. Funkenflug Waldbrandgefahr gegeben ist.« Als sich die Gemeinde Kammer um eine geeignete Wohnung für den Winter bemühte, weigerte sich F. aus seiner Wohnbaracke auszuziehen. Der Gemeinderat beschloss dann am 29.10.1950 eine Bretter- und Holzsammlung zu Gunsten der Familie, um das Haus winterfest zu bekommen. Noch im Sommer 1951 entnahm er sein Trinkwasser aus der Traun. Anfang 1953 zog die Familie in eine benachbarte Gemeinde. Sie waren die einzigen Siedler, die mit Wohnsitz »Exerzierplatz« melderechtlich erfasst waren.

Für den Fall, dass das Gelände für militärische Zwecke zukünftig nicht mehr benötigt werden sollte, sah ein Konzept folgende Besiedlungsmöglichkeit vor:
- 2 Vollbauernstellen mit je 12 ha
- 1 Hühnerfarm bzw. Kleinbauernstelle mit 4 – 5 ha
- 3 Nebenerwerbsstellen mit 1,5 ha
- 1 Kleinbauernstelle mit Arznei- Gewürzkräuter- und Gemüseanbau

Im Herbst 1956 stand jedoch definitiv fest, dass das ehemalige Wehrmachtsgelände im kommenden Frühjahr wieder für deutsches Militär zur Verfügung stehen wird. Die landwirtschaftliche Nutzung des Übungsplatzes fand damit ihr Ende.

Nutzung durch Bundeswehr

Anfang Mai 1957 bezogen Soldaten der neu geschaffenen Bundeswehr die Traunsteiner Badenweiler-Kaserne. Lange Zeit war es ein gewohntes Bild, dass sich eine Panzerkolonne über Wasserburger Straße, Ludwigstraße, Klosterberg und Kammerer Straße lautstark zum Truppenübungsplatz bewegte. Erst mit Errichtung der Panzerstraße im Jahre 1962 fand dieser Zustand ein Ende. Dank der Verbindung von der B 304 durch die Traunfurt und über Leiderting konnte seither die Innenstadt entlastet werden. Um der Panzerfahrschule ein geeignetes Gelände zu bieten, legte der Landwirtschaftstrupp der Standortverwaltung eine 5 km lange Panzerfahrbahn an. Sie befand sich im südlichen Teil des Übungsplatzes und wird in Teilen heute noch durch Reichenhaller Truppen genutzt.

Am Eingang des Übungsplatzes (aus Richtung TS) standen auf umzäuntem Areal zwei Baracken. In der einen hatte das Wachpersonal seine Unterkunft, in der anderen befand sich Treibstoff, Munition usw. Lager und Wachpersonal wurden später nicht mehr benötigt. In der angrenzenden großen Wiese fand sich der geeignete Platz für Versammlungen und die stimmungsvollen Feldgottesdienste. Ebenfalls gleich im Eingangsbereich diente seit den 70er Jahren eine engl. Selbstfahrlafette, die als Zielobjekt für Gewehrgranaten diente, ebenso stand ein weiterer Panzer auf dem Gelände. Ausgebrannt und nach Phosphor stinkend musste er lange Zeit diverse Angriffe über sich ergehen lassen. Die Soldaten legten vorwiegend an den Waldrändern ihre Schützengräben und Unterstände an. Bevorzugt auf den höheren Flächen hatten die Flugabwehrpanzer ihre Stellungsräume. Im Eichengrund war die Übungsbahn mit Eskalierwand, Röhren zum Durchrobben, Kletterseilen und Drahtverhau, die soldatische Geschicklichkeit trainierten. Raum für infanteristische Gefechtsübungen gab es genügend.

1995 wurde die politische Entscheidung zur Schließung der Kaserne getroffen. Doch auch nach dem Weggang des Traunsteiner Regiments nach Pocking 1997 sind immer wieder Soldaten am Übungsplatz anzutreffen, vorwiegend der Gebirgsjägerbrigade 23 aus Bad Reichenhall.

Walter Staller

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 50/2007



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