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Jahrgang 2016 Nummer 4

Georg Lohmeier – Ein bayerischer Patriot

Ein Porträt zum ersten Todestag des Künstlers

Georg Lohmeier (von Walter Anger d. J.)
Der Dichter Georg Lohmeier und der Maler Angerer der Jüngere. (Repros: M. Heel)

»Georg Lohmeier hat ein bedeutendes Werk hinterlassen. Ob mit seinen Büchern, Theaterstücken, Serien, Filmen oder Hörspielen – eines war bei ihm immer Thema: seine tiefe Verbundenheit mit Bayern. Er hat das Programm des Bayerischen Rundfunks reicher gemacht.« So Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks, zum Tod von Georg Lohmeier, der vor einem Jahr, am 19. Januar 2015, nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren in München verstarb.

Fällt der Name Georg Lohmeier, denkt man allerdings sofort an die 53-teilige ZDF-Vorabend-Serie »Königlich Bayerisches Amtsgericht«, die zwischen 1968 und 1972 ausgestrahlt wurde. Eine Serie, die uns in die gute alte Zeit vor anno 1914 zurückführte, als »das Bier noch dunkel war und die Menschen typisch waren, die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger«, wie uns die Stimme Gustl Bayrhammers im Vorspann erklärte.

Ob der Maximilian Haberl der charmanten Frau Sopherl mutwillig auf die Schweinshax’n geniest hat, obwohl er ein frommer Betbruder »von Beruf« ist; ob die unberührte, jungfräuliche Pfarrersköchin geglaubt hat, auch ihren sieben Hennen diese Unberührtheit bewahren zu müssen, indem sie den Nachbarsgockel vom Leben zum Tod befördert hat, oder ob der Nachtwächter Veitl mit oder ohne Auftrag die Parkbank nächtlicherweise an einen anderen Ort versetzt hat – diese und viele andere »Vorkommnisse« wurden vor das Königlich Bayerische Amtsgericht im fiktiven niederbayerischen Geisbach gebracht, wo der geduldige Herr Rat, gespielt von Hans Baur, Recht sprechen musste. Zuweilen mit anderen Methoden, als es sich das Ministerium in München vorstellte, und doch richtig und gerecht und zum Schluss zur Zufriedenheit aller.

Am 9. Juli 1926 in Loh als neuntes Kind eines Großbauern geboren, sollte Georg Lohmeier auf Wunsch seiner Mutter eigentlich Geistlicher werden. Nach dem Dom-Gymnasium besuchte er daher das Priesterseminar in Freising, wo er sich mit Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. anfreundete. Nach zwei Semestern brach er das Theologie-Studium allerdings ab – angeblich einer Frau zuliebe – und wechselte an die Universität in München. Der Kirche war er dennoch Zeit seines Lebens eng verbunden, und auch mit Josef Ratzinger blieb er verbunden – auch als der Papst wurde.

In München studierte Lohmeier Philologie, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte und schrieb eine Dissertation über Ludwig Thoma, ohne jemals den Doktor-Titel zu erhalten. Schon immer tief verwurzelt in seiner bayerischen Heimat, schrieb er anschließend Bücher über bayerische Geschichte, bayerische Persönlichkeiten und bald auch eigene Theaterstücke und Hörspiele, mit denen er rasch zu einem wichtigen Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks wurde, der »oft augenzwinkernd bayerische Kultur und Tradition ausleuchtete«. Dabei grenzte er sich, wie es in einem anderen Nachruf hieß, aber von jeder »Bayerndeppengaudi« ab.

Auf diese Weise entstand über die Jahrzehnte hinweg ein so umfangreiches wie vielfältiges Werk, das seinesgleichen sucht. Denn Lohmeier schrieb neben dem »Königlich Bayerischen Amtsgericht« noch die blechmusikalische TV-Serie »Und die Tuba bläst der Huber« (mit Josef Meinrad als Kapellmeister), verfasste rund ein Dutzend Stücke des »Komödienstadels« und drehte Filme, zum Beispiel über Wolfgang Amadeus Mozart. Zu seinen vielen Veröffentlichungen zählen die Bücher »Den Bayern aufs Maul g’schaut: aus den Wörter- und Tagebüchern Johann Andreas Schmellers«, »Auf den Spuren der Väter: Gschichtn aus der bayerischen Geschichte« und »Bayerisches für Christenmenschen«. Bekannt wurde Lohmeier aber auch als Gründer des Bundes bayerischer Patrioten bzw. mit seiner etwas widersprüchlichen Forderung, Bayern wieder einen König zu geben: »Mia brauch ma koan Kini, aber scheener waar’s scho.« In der Folge gründeten sich in Bayern viele König-Ludwig- Vereine, und er trat regelmäßig als Redner beim Patriotentreffen in Gammelsdorf auf. Lohmeier war auch Mitglied der Münchner Turmschreiber und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, unter anderem den Bayerischen Poetentaler. Nach Jahrzehnten in Söllhuben bei Rosenheim lebte er zuletzt in München, sein Grab befindet sich auf dem Münchener Nordfriedhof.

Ein Künstler, der mit Georg Lohmeier nicht nur befreundet war, sondern auch erfolgreich mit ihm zusammengearbeitet hat, ist der in Bad Reichenhall geborene und seit Langem in Siegsdorf wohnhafte Maler, Bildhauer und Komponist Walter Angerer der Jüngere. Die beiden lernten sich 1972 in München kennen, als Angerer dort eine Gemäldeausstellung zu dem Thema »Olympische Disziplinen« machte. Der Kontakt blieb bestehen und als Mitte der neunziger Jahre ein Bad Reichenhaller Bankhaus an sie herantrat, um sie für ein Buchprojekt über die Stadt zu gewinnen, sagten sie zu. Lohmeier lieferte die Texte und Angerer illustrierte sie.

Das Resultat war das Buch »Bad Reichenhall: künstlerisch und historisch«, erschien 1997 und war bei seiner Präsentation ein solcher Erfolg, dass Lohmeier rund 450 Exemplare signieren musste. Zum Teil auf recht ungewöhnliche Weise, wie mir Angerer erzählte. Denn als Lohmeier nach rund 200 Unterschriften keine Lust mehr dazu hatte, holte er einen Stempel mit seinem Namen heraus (mitsamt Stempelkissen, versteht sich), und machte mit diesem weiter.

Für ein weiteres Projekt dieser Art fuhren Lohmeier und Angerer kreuz und quer durch den Chiemgau. Das Ergebnis war eines der schönsten und interessantesten Bücher über diese Region: »Chiemgau: Geschichten und Bilder« (1998), bei dem sich Lohmeier erneut als exzellenter Kenner der regionalen Historie erwies und Angerer die Lektüre wieder einmal zu einem künstlerischen Erlebnis werden ließ. Angerer, der Lohmeier als »wandelndes Geschichtslexikon« beschreibt, war gelegentlich auch dabei, wenn Lohmeier am Faschingsdienstag in seinem »Dichterhäusl« in Riedering seinen eigenen Faschingsball veranstaltete. »Da kamen so 25 bis 30 Leute aus dem Münchner Kulturleben zusammen, alle perfekt verkleidet, die von Lohmeier, der als Pfarrer auftrat, unterhalten und bewirtet wurden. Seine Frau ging dabei als Pfarrersköchin.«

Wie kenntnisreich und unterhaltsam und mit welch persönlicher Note Lohmeier zu schreiben verstand, belegen die nachfolgenden Auszüge aus dem Chiemgau-Buch: »Vor Traunsteins Pfarrkirche St. Oswald kann man nur den Hut ziehen. Schon der Hofkammerrat Franz Kohlbrenner, ein gebürtiger Traunsteiner, schreibt über sie, nach dem 1704 wieder erlittenen Brand: Sie sei der St. Michaelhofkirche zu München nachgebaut und 1734 vom Pfarrer zu Haslach und Traunstein, dem nachmaligen Probsten zu Straubing, einem Grafen von Lamberg, mit einem Hochaltar ausgestattet worden, der mit dem von St. Peter in München um den Rang streitet. Auch hätte der Maler Desmares im Altarblatt den Heiligen König Oswald von England gemalt.«

Zu dem Schriftsteller und Politiker Erich Mühsam (1878 bis 1934), der im Ersten Weltkrieg in Traunstein interniert war, schrieb er: »1912 wurde die Salzsiederei in Traunstein aufgelassen. Die Wohnungen blieben. Während des Krieges wurden die Sudanlagen königlich bayerische Internierungslager. In München und Nürnberg und Augsburg etc. ansässige Handelsherren, aber auch kleinere Existenzen mit russischer, englischer, französischer Staatsangehörigkeit, mussten in den großen Pfannenhäusern und Trockenanlagen notdürftig auf Pritschen schlafen und hausen. Sie lebten nach einem strengen Reglement, führten ein Lagerleben, durften die Stadt nicht verlassen (…) Der bekannte Dramatiker und anarchistische Staatsphilosoph Erich Mühsam wurde als Staatsfeind ebenfalls ins Internierungslager in die ehemalige Traunsteiner Saline verbannt. Mühsam schwärmte für eine »vertragsfreie Gesellschaft«. Jeder Vertrag sei eine Einengung der menschlichen Freiheit. Am meisten der Ehevertrag. Er predigte die Liebe der »Freivermählten«, die auch treuer seien als die paktierten Ehepaare. Und er hat mitten im Krieg für den Frieden agitiert (…) 1933 kam er ins Konzentrationslager Oranienburg, wo er 1934 bereits erschlagen worden ist. Seine »Freivermählte« war die Münchner Kellnerin Zenzi, wahrscheinlich eine gebürtige Chiemgauerin«.

Und natürlich würdigte er auch Traunsteiner Persönlichkeiten und Originale wie den Vater des damaligen Verlegers des heutigen Traunsteiner Tagblatts: »Das Traunsteiner Wochenblatt gehört dem Verleger Anton Miller. Den Vater von Anton Miller hab ich noch persönlich kennenlernen dürfen. Der Mann war nicht nur auf seine eiserne Selbstständigkeit bedacht. Er war von eiserner Natur. 'Meiner Lebtag zieh ich niemals eine andere Hose an als meine kurzen Lederhosen. Im kältesten Winter nicht. Da trag ich dazu halt eine lange Unterhosen über die Knie' (…) Sechsmal haben die Nationalsozialisten den Vater des heutigen Verlegers Anton Miller wegen Pressevergehen, das heißt wegen seiner zu freimütigen Feder, einsperren lassen. Ehe sie ihm sein Wochenblatt 1936 weggenommen haben. 1949 saß er wieder an seinem Schreibtisch. 1968 ist er verstorben. Seine exemplarische Originalität lebt weiter.«


Wolfgang Schweiger

 

4/2016


Quellen: Georg Lohmeier »Königlich Bayerisches Amtsgericht«. Angerer der Jüngere/Georg Lohmeier »Bad Reichenhall: künstlerisch und historisch«. Georg Lohmeier/Angerer der Jüngere »Chiemgau: Geschichten und Bilder«. Diverse Nachrufe (dpa, SZ u. a.). Sämtliche Bilder stammen von Walter Angerer dem Jüngeren, entnommen den beiden angeführten Werken.