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Jahrgang 2020 Nummer 21

Georg Freiherr von Hertling war ein Wahl-Ruhpoldinger

13 Monate regierte er als deutscher Reichskanzler

Georg Graf von Hertling Repro: Giesen
Grabplatte in der Gruftkapelle des Ruhpoldinger Bergfriedhofs. Foto: Giesen

Vor gut 102 Jahren, nämlich am 1. November 1917, ernannte Kaiser Wilhelm II. den Bayerischen Ministerpräsidenten Georg Freiherr von Hertling zum Reichskanzler. Mitten im Ersten Weltkrieg war er damit Nachfolger von Reichskanzler Georg Michaelis geworden, der am Druck des Militärs gescheitertwar und sein Amt nur dreieinhalb Monate ausüben konnte. Der Grund: Mitte Juli forderten Reichtagsabgeordnete der SPD, des Zentrums und der Fortschrittspartei, die sich zum sogenannten »Interfraktionellen Ausschuß« zusammengeschlossen hatten, in einer Resolution den sofortigen Friedensschluss. Dabei sollte auf jeden Gebietsgewinn verzichtet werden, da der Krieg ohnehin nicht mehr zu gewinnen sei. Obwohl diese Friedensresolution von der Mehrheit des Reichstags angenommen wurde, gab Reichskanzler Michaelis dem Druck der Obersten Heeresleitung nach. Wegen fehlender Mehrheiten wurde Michaelis daraufhin am 1. November entlassen.

Aber auch von Hertling war als Reichskanzler nur wenig Glück beschieden. Bei der Amtsübernahme versprach er, die Außenpolitik im Sinne der Friedensresolution zu führen. Der damals bereits 74-Jährige konnte sich jedoch weder gegen die Interessen des Militärs noch gegen den vom neuen Bayerischen Ministerpräsidenten Otto von Dandl vorgetragenen Wunsch nach dem Anschluss Elsass-Lothringens an Bayern durchsetzen. Die Diskussion um einen Friedensschluss vergiftete das innenpolitische Klima. Schon nach etwas über einem Jahr, am 30. September 1918, entließ Kaiser Wilhelm seinen Reichskanzler von Hertling wieder: wegen fehlendem Rückhalts im Reichstag. Damit entsprach der Kaiser dem Wunsch der deutschen Fürsten und dem dringenden Anraten von General Erich Ludendorff. Dieser befürwortete als Vertreter der Obersten Heeresleitung den sofortigen Waffenstillstand und forderte die Bildung einer vom Parlament getragenen und vom Ausland respektierten Regierung.

Ende der politischen Karriere

Im August hatte die Oberste Heeresleitung die Fortführung des Kriegs erstmals für aussichtslos erklärt. Auch der Bayerische König Ludwig III. befürwortete einen möglichen schnellen Friedensschluss. Er beauftragte den Bayerischen Ministerpräsidenten Otto von Dandl zu Verhandlungen mit den deutschen Bundesfürsten über ein gemeinsames Vorgehen bei der Reichsregierung.

Auf einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses im Bundesrat Anfang September drängten die deutschen Fürsten auf die Ablösung von Hertlings und sofortige Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Auch der Bayerische Kronprinz Rupprecht hielt von Hertling für zu alt und »so gut wie willenlos«, so dass er sich gegen ihn aussprach. Schließlich wurde Prinz Max von Baden am 3. Oktober zum Reichskanzler als Nachfolger von Hertlings ernannt. Dieses Ende seiner Karriere aber wirft ein falsches Bild auf diesen zweifellos bedeutenden Mann.

Ordentlicher Professor für Philosophie

Georg von Hertling wurde am 31. August 1843 in Darmstadt als Sohn des Kammerherrn und Hofgerichtsrats Jakob von Hertling geboren. Er studierte in Münster, München und Berlin Philosophie, habilitierte sich in Bonn 1867 als Privatdozent, folgte einem Ruf nach München und wurde hier 1882 ordentlicher Professor. Seit 1875 gehörte er der Zentrumsfraktion des Reichstags an. 1891 zum lebenslänglichen Reichsrat der Krone Bayerns ernannt, wurde er am 10. Februar 1912 schließlich Staatsminister des Königlichen Hauses und des Äußeren, außerdem Vorsitzender des Bayerischen Ministerrats. In dieser Funktion hatte er das neue Ministerium zusammenzustellen. Am 4. Januar 1914 wurde von Hertling in den Grafenstand erhoben.

Im Privatleben war Georg von Hertling mit Anna Freiin von Biegeleben (1845 bis 1919) verheiratet. Beide hatten sie einen Sohn Karl und fünf Töchter, von denen eine früh starb.

Die von Georg von Hertling gegründete Görres-Gesellschaft verehrte in dem Münchner Philosophieprofessor ihren Gründer und Präsidenten, der er bis zu seinem Tod blieb. Die philosophische Wissenschaft verdankt ihm viele gründliche Werke und Schriften. Mit von Hertling beauftragte der Prinzregent einen streng konservativmonarchischen, katholischen Politikermit der Regierungsbildung, der liberale Tendenzen scheute. Das Schwergewicht des politischen Wirkens von Hertlings, der seit 1875 der Zentrumsfraktion des Reichtstags angehörte, hatte in der Reichspolitik gelegen. Seit 1890 vermittelte er aber auch häufig zwischen dem Prinzregenten und dem Ministerium sowie dem bayerischen Zentrum. Obwohl der Gelehrte von Hertling der Mehrheit der bayerischen Zentrumspolitiker distanziert gegenüberstand, war er ein Garant dafür, dass der katholisch-konservative Standpunkt in der Regierungspolitik deutlicher als unter seinem Vorgänger, Ministerpräsident Clemens von Podewils-Dürniz zur Geltung gebracht wurde. Dies dürfte auch der Grund für seine vorher beschriebene Ernennung zum Reichskanzler gewesen sein.

Beisetzung in Gruftkapelle des Bergfriedhofs

Am 4. Januar 1919, nur drei Monate nach seiner Entlassung als Reichskanzler, starb Georg von Hertling in seinem Haus in Ruhpolding. Er wurde in der Gruftkapelle des Bergfriedhofs in Ruhpolding beigesetzt. Heute gibt es sein Haus nicht mehr, nur noch den Straßennamen »von-Hertling-Straße«. Hier hatte er über 35 Jahre lang alle freien Stunden verbracht. Dem letzten Satz über Georg Graf von Hertling im Ruhpoldinger Heimatbuch darf man sich zweifellos anschließen: »Das Leben dieses Mannes in seiner Bedeutung für die Wissenschaft im allgemeinen, für die Ehre der katholischen Kirche im besonderen zu würdigen und die Dienste, die er als Abgeordneter dem Volke und als Ministerpräsident dem Bayernlande geleistet hat, darzulegen, das ist eine Aufgabe, die weit über den Rahmen dieses Buches hinausgeht.«.

 

Christiane Giesen

Quellen:

»Die Chronik Bayerns« Wikipedia Ruhpoldinger Heimatbuch

 

21/2020