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Jahrgang 2020 Nummer 7

Gebärhaus für werdende Mütter ohne Ehemann

Münchner Klinik kämpfte mit Vorurteilen und mit dem damals gefürchteten Kindbettfieber – Teil II

Ignaz Semmelweis (hinten Mitte) forderte von seinen Mitarbeitern, sich vor der Behandlung von Patientinnen die Hände mit Karbollösung zu desinfizieren. (Gemälde von Robert Thom)
Ignaz Semmelweis auf einem Kupferstich fünf Jahre vor seinem mysteriösen Tod 1865.

Jedes dritte Kind in Deutschland kommt mittlerweile zur Welt, ohne dass seine Eltern miteinander verheiratet sind. Im Bayern des 19. Jahrhunderts war zwar auch schon jedes fünfte Baby »illegitim«, wie Sprösslinge lediger Mütter bezeichnet wurden, doch das Leben war für die Betroffenen ungleich schwieriger als heute: Eine Schwangerschaft ohne Trauschein bedeutete für Frauen nicht nur ein schwerwiegendes soziales Stigma, sondern meist auch den Verlust ihrer finanziellen Existenz. Das Gebärhaus in München, das, nach kleineren Vorläufern, 1856 an der Sonnenstraße neugebaut seine Pforten öffnete, war eine der wenigen Einrichtungen der damaligen Zeit, in denen ledige Schwangere eine Zuflucht fanden. Der größte Teil der Frauen stammte dabei aus der Dienstbotenschicht, die als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder in bürgerlichen Haushalten beschäftigt waren. Dazu kam auch eine Reihe »gefallener Mädchen«, die aufgrund von Leichtsinn oder mangels fehlender Arbeit in die Prostitution abgerutscht waren sowie die eine oder andere Frau von Stand, die einen Seitensprung oder eine voreheliche Affäre mit der heimlichen Niederkunft in der Anstalt vor ihrer Umgebung verbergen wollte.

Moralinsauere Zeitgenossen bekrittelten, dass eine derartige Institution sündigem Treiben, sprich vor- oder außerehelichen Verhältnissen Vorschub leiste, doch der Direktor des Gebärhauses, Dr. Anselm Martin begegnete Kritikern mit der Erklärung, dass es bei den meisten der Hilfesuchenden um Frauen, oft noch Mädchen mit »gutgebildetem Geist und völlig unverdorbenem Gemüt« handle, die nur durch unehrliche Heiratsversprechungen in ihre missliche Lage versetzt worden seien. Vom »Verlobten« in andere Umstände gebracht, verlege sich der Schwängerer, sobald er vom Zustand seiner Geliebten erfahre, oft genug darauf, die Vaterschaft abzuleugnen und die werdende Mutter zu verlassen. »Stunden, in heimlichem Kummer durchlebt, folgen dann diesen Verhältnissen, besonders wenn eine gottesfürchtige Dienstfrau den gottlosen Zustand ihrer Magd entdeckt und diese, um ja recht christlich zu handeln, sogleich von dem Dienste entfernt.« Die Verwandtschaft der arbeits- und wohnungslosen Schwangeren reagierte meist nicht besser, wodurch die Frauen gezwungen seien, sich irgendwo, fernab von ihrer Heimat ein Zimmer zu nehmen. »Dabei häufen sich die Sorgen und viel neuer Kummer: Auslagen für den Lebensbedarf, verlangte wucherische Honorare an die Hausleute der gewährten Zufluchtsstätte und die Bestellung der Kindeskleidung begleiten sie.«

Nicht selten müssten die bedauernswerten Frauen ihre letzten Habseligkeiten versetzen, um Geld für ein Bett und Lebensmittel aufzubringen. Landeten sie dagegen auf der Straße, müssten sie neben den dort lauernden Gefahren auch noch die Verfolgung durch die Polizei fürchten. Arbeitslose Personen mussten sich nach ihrer Entlassung nämlich bei der örtlichen Behörde melden, die bis zur Einführung der Freizügigkeit 1868 in Bayern darüber bestimmte, ob der oder die Betroffene sich weiter am Ort aufhalten durfte oder in ihre Heimatgemeinde zurückkehren musste. Arbeitslose schwangere Frauen hatten dabei besonders schlechte Karten, denn eine Mutter ohne Einkommen, die nicht nur ihr eigenes, sondern bald auch ein zweites Mäulchen zu stopfen hatte, wurde besonders gern abgeschoben, damit sich die Armenpflege der Heimatgemeinde mit der Frau und ihrem Balg herumschlagen konnte.

Weil sich viele Frauen in anderen Umständen aber scheuten, gerade an den Ort zu gehen, in dem sie alle kannten und ihres Zustands wegen mit dem Finger auf sie zeigten, war das Gebärhaus tatsächlich oft die letzte Rettung. Zwar wurden Schwangere frühestens einen Monat vor der Geburt aufgenommen, aber dann hatten sie bis nach dem Wochenbett einDach über demKopf, Verpflegung und medizinische Betreuung sicher, und das im Zweifelsfall sogar kostenlos. Ein Beweis für die Akzeptanz ist die stetig steigende Zahl der Geburten in der Münchner Gebäranstalt: In der Zeit nach der Eröffnung des ersten Hauses 1783 kamen im Schnitt rund 80 Babys pro Jahr zur Welt, in den 1820er Jahren waren es im Schnitt schon 400 und im ersten Betriebsjahr der neuen Anstalt 1856 entbanden dort mehr als 1100 Frauen.

Dass die werdenden Mütter zum Teil eine für die damalige Zeit halbe Weltreise in Kauf nahm, um ihr Kind im Münchner Gebärhaus zur Welt zu bringen, zeigt der Fall einer Magd aus Tengling am Waginger See. Die 28-jährige Maria Sternzeder, deren Schicksal heute bekannt ist, weil sie in ein Mordkomplott verwickelt war und dabei am Ende selbst von einem Komplizen umgebracht wird, machte sich im November 1864 auf dem Weg nach München. Am 1. Dezember entband sie im Gebärhaus, das sie eine Woche später mit dem Säugling wieder verließ und nach Tengling zurückkehrte. Dank der damals erst kurz zuvor in Betrieb genommenen Eisenbahnverbindung zwischen München und Salzburg konnte Maria Sternzeder für die Reise schon den Zug benutzen. Für ledige Schwangere aus der Dienstbotenschicht war eine Institution wie die Gebäranstalt in der bayerischen Landeshauptstadt nicht nur eine praktische Lösung der Frage, wo sie ihr Kind in geregelten Umständen zur Welt bringen konnten, sie erhielten hier auch, im Notfall, medizinische Betreuung, nicht nur von Hebammen, sondern auch Ärzten – was vor allem in ländlichen Gebieten sonst kaum der Fall war. Vor allem die einkommensschwachen Schichten sahen oft ihr ganzes Leben lang keinen studierten Mediziner, was nicht nur am Mangel ausgebildeter Landärzte lag, sondern mehr noch an den zu berappenden Honoraren, für die Patienten früherer Jahrhunderte selbst aufkommen mussten. So manche finanziell schwache Schwangere konnte sich noch nicht einmal eine ordentliche Hebamme leisten und begab sich stattdessen in die billigeren Hände von Quacksalbern und Badern.

Im Gebärhaus wurden die Frauen nicht nur von qualifizierten Hebammen, sondern auch geburtskundlich bewanderten Ärzten betreut. Allerdings hatte auch diese an sich fortschrittliche Behandlung eine Kehrseite, die erst im 20. Jahrhundert ihren Schrecken verlieren sollte: Auch wenn sich die Mediziner und Hebammen noch so intensiv um ihre Patientinnen bemühten, kam es immer wieder zu tragischen Todesfällen unter den Müttern, und das nicht nur unmittelbar bei der Geburt, sondern auch Tage oder sogar Wochen nach der Entbindung. Für die damalige Zeit unerklärlich, starben dabei vergleichsweise mehr Frauen, die ihr Kind in einer klinischen Umgebung zur Welt brachten als zu Hause Gebärende. Besonders gefürchtet war dabei eine Erkrankung, die als Puerperal- oder Kindbettfieber bezeichnet wurde, über deren Entstehung sich auch der Leiter des neuen Münchner Gebärhauses, Anselm Martin, den Kopf zerbrach. Er und seine Kollegen hatten immer wieder entsprechende Todesfälle zu beklagen, die erst mit der Entdeckung der Rolle von Erregern und der damit zusammenhängenden Hygiene systematisch bekämpft werden konnte. Die Gebäranstalt in der Münchner Sonnenstraße, deren Gebäude heute noch steht, bestand bis zum Ersten Weltkrieg.

Schrecken Kindbettfieber

Kinder auf die Welt zu bringen war für Mütter bis ins 20. Jahrhundert eine gefährliche Angelegenheit, die nicht selten tödlich endete. Für besonderen Schrecken sorgte eine als Kindbett- oder auch Puerperalfieber bezeichnete Erkrankung, die nach der Geburt auftrat: Klagte eine frischgebackene Mutter über Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen und Herzrasen, erhöhte sich auch bei Ärzten und Hebammen der Puls, denn die betroffenen Frauen befanden sich dann in höchster Lebensgefahr. Die Ursache der Erkrankung – eine bakterielle Infektion, bei der die potenziell tödlichen Erreger in die durch die Geburt offene Gebärmutter bzw. andere Wunden im Genitalbereich eindringen – war bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht bekannt, und auf eine wirksame Behandlung mussten Mediziner und Patientinnen bis zur Verfügbarkeit von Antibiotika Mitte des 20. Jahrhunderts warten. In der Zeit, in der die Münchner Gebäranstalt ihre Blüte erlebte, galt noch die seit der Antike gültige Lehre, wonach Erkrankungen entweder durch »schlechte Lüfte«, sogenannte Miasmen oder ein Ungleichgewicht der »inneren Säfte« des Menschen verursacht würden. Im Fall des Kindbettfiebers vermuteten die Ärzte, dass es sich dabei um eine Bluterkrankung handelt, die von übler Luft ausgelöst würde. Gestützt wurde diese Theorie durch eine auffällige Häufung von Kindbettfieberfällen in Geburtsanstalten, wo weit mehr Frauen daran erkrankten und auch starben als im eigenen Schlafzimmer. In Kliniken, so die Denkweise, beförderten viele Patienten auf engem Raum zwangsweise schlechte Luft, was die Ansteckungsgefahr entsprechend befördere.

Der Ungar Ignaz Semmelweis war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der ersten Mediziner, der erkannte, dass es beim Kampf gegen gefürchtete Krankheiten nicht reichte, die Fenster aufzumachen und weniger Patienten in ein Zimmer zu stopfen. Semmelweis hatte sich darüber den Kopf zerbrochen, warum in seinem Krankenhaus auf den Stationen, in denen die Gebärenden von Hebammen und Ärzten betreut wurden, mehr Fälle von Kindbettfieber auftraten, als auf Stationen, in denen sich nur Hebammen um die Frauen kümmerten. Er schloss daraus, dass die Ursache der Erkrankung bei den Medizinern liegen müsse. Als Quelle machte Semmelweis unter anderem die Sektion von Leichen aus: Ärzte, unter denen sich immer auch eine Reihe Studenten befanden, brächten »Kadaverteile« von den Seziertischen in die Krankenzimmer, wo sie dann, oft ohne sich vorher die Hände zu waschen, ihre Patienten behandelten.Dass dieObduktion von Toten selbst für die Gesundheit der sie ausführenden Mediziner gefährlich war, hatte Semmelweis selbst miterlebt, als sich ein Kollege dabei in den Finger schnitt und wenig später an Blutvergiftung starb.

Als Mittel, um die Übertragung der »Kadaverteile« zu verhindern, empfahl Semmelweis eine Chlorkalklösung, mit der sich alles Personal im Krankenhaus vor dem Kontakt mit den Patienten die Hände waschen müsste. Heute weiß selbst der Laie, wie wichtig Hygiene bei der Vermeidung von Krankheiten ist, doch Ignaz Semmelweis stieß mit seiner Forderung wie auch der Theorie über die Entstehung des Kindbettfiebers selbst bei renommierten Medizinern der damaligen Zeit auf Ablehnung. Er selbst beging damals den Fehler, seine Forschungsergebnisse lange nicht in entsprechend wissenschaftlicher Form zu veröffentlichen. Als er seine Erkenntnisse 1861 – seit der Entdeckung waren da schon fast 15 Jahre vergangen – endlich publizierte, war es für den Ungarn schon zu spät: Mit ungeschickten Äußerungen gegenüber Kollegen hatte sich der als schwieriger Charakter geltende Semmelweis über die Jahre mehr und mehr ins Abseits geschossen. Der erhoffte Aufstieg blieb dadurch genauso verwehrt wie die Anerkennung für seine tatsächlich bahnbrechende Entdeckung.

1865 ist der damals 47-Jährige nervlich so am Ende, dass er in eine Wiener Heilanstalt eingeliefert wird, wo er wenig später unter Umständen stirbt, die bis heute nicht geklärt sind. Von der Leitung der Klinik wurde eine entzündete Wunde, die zu einer Sepsis führte, als Todesursache angegeben, doch das widerspricht Berichten, wonach die Leiche Semmelweis' keine Wundmale aufgewiesen hätte. In den 1960er Jahren wurden seine sterblichen Überreste für eine forensische Untersuchung exhumiert. Dabei fanden sich zahlreiche Knochenbrüche, was zum Schluss führte, dass Semmelweis womöglich misshandelt worden ist. Seine heute als richtungsweisend geltenden Forschungsergebnisse wurden erst Jahrzehnte nach seinem tragischen Tod von der Fachwelt anerkannt.

 

Susanne Mittermaier

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 6/2020 vom 8. 2. 2020

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