Jahrgang 2001 Nummer 1

Früher nannte man ihn Steißfuß

Der Haubentaucher ist der Vogel des Jahres 2001 – Hervorragend an das Wasserleben angepaßt

Die jungen Haubentaucher sind im Gefieder der Eltern gut geborgen.

Die jungen Haubentaucher sind im Gefieder der Eltern gut geborgen.
Frohe Kunde für den Haubentaucher: Der Deutsche Naturschutzbund und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern haben ihn zum »Vogel des Jahres 2001« gekürt. Dem scheuen Wasservogel ist Publicity allerdings ein Graus, Menschen läßt er höchstens bis hundert Meter an sich herankommen.

Zur Zeit unserer Großeltern nannte man den Haubentaucher noch »Steißfuß« nach seinem lateinischen Artnamen »Podiceps«. Der wenig poetische Name bezieht sich auf die Beinstellung des Vogels an Land. Wenn er geht, sieht es aus, als wären seine Füße hinten am Steiß angewachsen. Er richtet dabei den Rumpf fast senkrecht in die Höhe, biegt den Hals in S-Form und spreizt die Füße nach außen. Längere Strecken legt er wie der Seetaucher im Kriechgang zurück – alles anders als ein eleganter Anblick.

Im Wasser fühlt er sich dafür umso wohler und kann es an Wendigkeit mit jedem Fisch aufnehmen. Sein stromlinienförmiger Körper ist fürs Schwimmen und Tauchen wie geschaffen. Die Zehen tragen an der Basis Schwimmhäute, weiter oben sitzen paddelähnliche Lappen, mit denen der Vogel unter Wasser achterförmige Fußbewegungen vollführt. Beim Rückstoß breiten sich die Lappen fächerförmig aus, beim Vorwärtsrudern falten sie sich eng an die Zehen, um dem Wasser wenig Widerstand zu bieten. Dem gleichen Zweck dienen die scharfen Kanten an den Vorderseiten der Schienbeine.

Bei der Unterwasserjagd erbeutet der Haubentaucher im wesentlichen kleine Fische, aber auch Kleinkrebse und Wasserinsekten. Die übliche Tauchtiefe reicht bis zu sechs Metern, es wurden aber schon Haubentaucher in Wassertiefen von 45 Metern angetroffen. Nach maximal zwei Minuten muß der Vogel zum Luftholen wieder auftauchen. Über diese Leistung hat sich schon Aristoteles gewundert. »Wenn sich der Lappentaucher in die Tiefe stürzt, bleibt er so lange unter Wasser, wie ein Mensch braucht, um 35 Meter zurückzulegen«, schreibt er.

Haubentaucher erreichen etwa die Größe einer Stockente. Durch ihre schwarze Kopfhaube, den weißen Vorderhals, den dunkelroten Schnabel und das braune Rückengefieder kann man sie mühelos von anderen Wasservögeln unterscheiden. Dieses Brut- oder Prachtkleid haben sie aber nur von der Balz im Frühjahr bis zum Selbständigwerden der Jungen im Herbst.

Haubentaucher leben in lebenslanger Einehe. Umso erstaunlicher ist es, daß auch ältere Paare Jahr für Jahr aufs neue ihr langwieriges und anstrengendes Balzritual zelebrieren. Mit spielerisch wirkenden Zeremonien bezeugen sich Männchen und Weibchen ihre Zuneigung und erneuern die Paarbindung – menschlichen Paaren jeglichen Alters zur Nachahmung empfohlen.

Starke Einbußen erlitten die Haubentaucher im 19. Jahrhundert, als ihr Brust- und Bauchgefieder für Modezwecke begehrt war. Durch Einführung von Schonzeiten, Ausweisung von Schutzgebieten und die Verbesserung der Wasserqualität hat sich der Bestand erholt. In Deutschland zählt man heute zwischen 25 000 und 32 000 Brutpaare. Bevorzugte Reviere sind die Gewässer entlang Donau, Main, Isar und Lech, die Weihergebiete in Nordbayern, aber auch Stau- und Baggerseen. Starnberger See, Ammersee und Bodensee werden zum Überwintern aufgesucht.

Was den Haubentauchern heute zu schaffen macht, sind die lärmenden Badegäste und Freizeitsportler. Sie stören die Vögel beim Brüten und schädigen ihren Lebensraum, den Schilfgürtel. In Österreich und Luxemburg steht der Haubentaucher bereits auf der roten Liste der gefährdeten Tierarten.

Julius Bittmann


1/2001