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Jahrgang 2004 Nummer 10

Früher hatte Traunstein eine Sprungschanze

Erinnerungen an die Bürgerwaldschanze in Traunstein

Die Traunsteiner Sprungschanze im Bürgerwald. Sie wurde 1972 abgerissen.

Die Traunsteiner Sprungschanze im Bürgerwald. Sie wurde 1972 abgerissen.
Auf diesem Foto kann man die Holzkonstruktion des Anlaufturmes und die Betoneinfassung des Schanzentisches erkennen.

Auf diesem Foto kann man die Holzkonstruktion des Anlaufturmes und die Betoneinfassung des Schanzentisches erkennen.
Blick von der ehemaligen Sprungschanze auf die Stadt Traunstein

Blick von der ehemaligen Sprungschanze auf die Stadt Traunstein
Ältere Mitbürger werden sich sicherlich noch an die »Bürgerwaldschanze«, an der Siegsdorfer Straße (neben dem »Höllbräuweiher« gelegen, erinnern. Vor mehreren Jahrzehnten hatte auch diese Sprungschanze Höhepunkte im Schisprungsport erlebt. Gleich neben dem Aufsprung befand sich der so genannte »Höllbräuweiher«, benannt nach der Brauerei »Höllbräu« in Traunstein. Dieser Weiher diente der besagten Brauerei als Eisreservoir. Im Winter, ab einer bestimmten Eisdicke, schnitten Mitarbeiter der Brauerei, mit Handsägen, große Eisblöcke raus, die dann mit einem Pferdefuhrwerk zur Brauerei gebracht und dort eingelagert wurden. Dieses Eis wurde dann, in der warmen Jahreszeit zur Kühlung verwendet. So brauchte man, zumindest für eine gewisse Zeit, kein (oder weniger) Stangeneis produzieren, was sehr energieaufwendig war. Da die Winter in dieser Zeit recht kalt waren, ist der Weiher immer zugefroren gewesen und er wurde auch gerne zum Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen genutzt. Im Zuge eines Straßenbauvorhabens wurde der Weiher später zugeschüttet.

Pferdefuhrwerke gehörten in den 50er Jahren noch zum alltäglichen Stadtbild, auch der Fuhrpark der Stadt Traunstein nutzte die »natürlichen« Pferdestärken. So erinnere ich mich genau, dass mittels Pferd und hölzernem Schneepflug in der Siegsdorfer Straße der Bürgersteig geräumt wurde und die selben Pferde zogen im Sommer einen Sprengwagen (meine Kinder riefen dann immer: »da Spritzwagn kimmt!, da Spritzwagn kimmt!«) durch die Straßen.

Damals, anfangs der Dreißiger Jahre, fanden im Winter fast jeden Sonntag Schispringen statt, auch mit internationaler Beteiligung. Ich, als damals 8-12 Jährige, die in der Nachbarschaft der Sprungschanze aufwuchs, war bei fast jedem Springen dabei. Wenn eine solche Sportveranstaltung stattfand, wurde auch damals schon ein Eintrittsgeld erhoben und um darüber eine gewisse Kontrolle zu haben, wurde die Siegsdorfer Straße einerseits an der »Haferlbrücke«, andererseits auf Höhe des »Schwimmbadsteges« abgesperrt. An diesen Stellen mussten die Besucher ihren Obolus entrichten. Als Anwohnerin der Siegsdorfer Straße kam ich so in den Genuss des kostenlosen Besuches dieser Schisprungwettbewerbe. Ich saß dann immer, zusammen mit mehreren anderen Kindern unter dem »Schanzentisch«, das war unser »Stammplatz«.

Selbst heute noch, wenn ich mich der Erinnerung hingebe, höre ich die Geräusche der Schi in der Anlaufspur, wenn die Springer den Anlaufturm heruntersausten, dem Schanzentisch immer näher kamen, um dann über unseren Köpfen den Schanzentisch zu verlassen, mit den Armen rudernd (damals war das der aktuelle Sprungstil) und an der Krümmung zum Aufsprunghang aus unserem Blickfeld verschwanden.

Ich habe mich immer gefragt, was die Schispringer dabei empfinden, wenn sie, quasi »in’s Nichts« springen, denn auch sie konnten vom Schanzentisch aus den Aufsprunghang nicht sehen, erst wenn sie über die Krümmung vom Flachen zum Steilhang hin hinaus waren, konnten sie erkennen, wo sie letztendlich landen würden.

»Unsere« Sprungschanze war damals recht bekannt und so wurden auch verschiedene Meisterschaften, bis hin zur »Deutschen«, ausgetragen.

Den Sportlern der damaligen Zeit wurde allerhand abverlangt. Kein bezahlter Trainer, kein Manager, keine medizinische Betreuung, kein Berater, kein Servicemann für das richtige Wachs und natürlich auch kein Sponsor. Und dann die Sprungschi, aus Holz natürlich, Esche wie alle unsere Schi, sehr breit und schwer mit einer Bindung, die man heute als primitiv bezeichnet. Ich kann mich gut erinnern, dass sich bei einem unserer Nachbarn, circa eine Woche vor so einer Meisterschaft, ein damals bekannter norwegischer Schispringer in einem »Dachkammerl« eingemietet hat (auf eigene Rechnung vermutlich), um so täglich, wenn das Wetter es zuließ, trainieren zu können. Alleine, ohne Trainer oder anderweitiger Betreuung. Wenn da der Schispringer bei einem Sturz, was damals noch viel häufiger passierte als heutzutage, zu ernsthaftem Schaden gekommen wäre, dann hätte es schon eine Weile gedauert, bis das überhaupt jemand bemerkt hätte.

Ja, das war schon eine rechte Plackerei und nicht für hochdotierte Sponsorenverträge, sondern nur um des Sportes willen. Kein Lift brachte die Sportler den steilen Aufsprunghang hinauf bis zum Sprungturm und dass der Sprungturm selbst auch keinen Aufzug hatte, erleichterte die Sache natürlich nicht. Aber die Beinmuskulatur der Springer war schön aufgewärmt, wenn sie dann oben waren. Da standen sie dann, in ihrer damals üblichen »Sportbekleidung«, ohne Überdachung und ohne Seitenwänden nur ein hölzernes Geländer umfasste die oberste Plattform und warteten bis sie an der Reihe waren. Ja, sie waren schon ziemlich wagemutig.

Wie weit damals gesprungen wurde weiß ich nicht mehr, meine Söhne meinen dazu, dass die erzielten Sprungweiten so zwischen 40 und 60 Metern lagen.

An eine Springveranstaltung erinnere ich mich, um welche Ehren es dabei ging weiß ich nicht mehr, aber es muss schon etwas »Wichtiges« gewesen sein, denn eine Blaskapelle war am Ort des Geschehens. Ein schöner, sonniger Sonntag, aber saukalt! Die Musiker spielten zu Beginn der Veranstaltung und sollten dies auch zur Siegerehrung tun. Als es dann so weit war, merkten sie beim »Einblasen« der Instrumente, dass diese nicht mitspielten, im wahrsten Sinne des Wortes, sie waren eingefroren. So wurden die Instrumente erst mal in eines der Anliegerhäuser gebracht, zum Auftauen. Anschließend konnte dann die Siegerehrung stattfinden.

Ende der dreißiger Jahre wurde es stiller um die Sprungschanze, es ging auf den 2. Weltkrieg zu und viele junge Männer, auch die Sportler, wurden zum Militär eingezogen.

Ob während des Krieges Schispringen auf »unserer Schanze« stattfanden, entzieht sich meiner Kenntnis, auch ich war ab 1939 bis Kriegsende selten in Traunstein.

Nach 1945 ging es bescheiden weiter. In den 50er und 60er Jahren fanden zwar alljährlich Schispringen statt, die hatten aber wohl nur regionale Bedeutung, so weit ich mich erinnere. Aber etliche Jugendliche aus dieser Zeit, haben da das Schispringen für sich entdeckt. Man konnte ja jederzeit, sommers wie winters, den Anlaufturm besteigen und wenn man genug Mut besaß auch Schispringen. Dass das auch meine Söhne taten, erfuhr ich gottlob erst viele Jahre später. Ich hätte mir nicht wenig Sorgen gemacht deswegen.

Schneemangel herrsche in diesen Jahren selten und so wurde der Aufsprunghang, der ja sehr steil war, auch zum »normalen« Schifahren genutzt.

Ich bin Mitte der 60er Jahre aus Traunstein weggezogen, da stand die Sprungschanze noch. Irgendwann, anlässlich eines Besuches in meiner Gebrutsstadt, musste ich feststellen, dass die Bürgerwaldschanze nicht mehr existierte, abgerissen, wie so vieles, das heute nur noch in der Erinnerung der Menschen besteht.

HS



10/2004